Haarteil

von malcolm
Eine Stadt gewinnt an Kultur, wenn die Anzahl der Einwohner mit einer Frisur aus der UNISEX-Friseurmanufaktur in umgekehrter proportionaler Anzahl zu den kulturellen Veranstaltungen steht.

Eine Einleitung, die an Komplexität einen einfachen Menschen wie mich gerade überfordert hat, aber immerhin habe ich das Wichtigste in einem Satz untergebracht, ohne den Stift abzusetzen: Braunschweig ist für eine Ex-Kulturhauptstadt-in-spe wider allen Naturgesetzen mit einer unangenehm hohen Einwohnerzahl gestraft, die es noch für cool hält, aus einem Friseurladen zu kommen, das, vom Geschreipegel und durchschnittlichem IQ der Probanten ausgehend, Schwierigkeiten hat mit dem Smallland des hiesigen Ikeas mitzuhalten.

Das Problem an der Zielgruppe der Antichristen-Friseurenkette ist, dass sie sich fälschlicherweise nicht nur für besonders "hip", "funky", "slick" und "crank" halten, sondern ihren permanenten Indenvordergrundstellen mit einer Jugendbewegung verwechseln. Ihr zappeliges, aufdringliches Auftreten, gern in Drogeriemärkten hinter der Kasse, als Platzanweiser im Theater oder als Flyerverteiler in der Innenstadt, ruft instinktiv für einen kurzen Moment das Bedürfnis auf, die Polizei zu rufen oder die Frisur nachzueifern, aus Angst sein Gegenüber würde einem sonst zombielike in den Kopf zu beißen. Das hat nichts (in Worten: N I C H T S) mit herkömmlichen Jugendbewegungen zu tun, wie Punk, Rock 'n Roll und meinetwegen sogar noch Boygroups.

Auffallend ist tatsächlich das übermäßige Vorkommen derjenigen, die den schiefen Pony mit Farbnuancen im zweistelligen Bereich bevorzugen, in Städten der Größenordnung Braunschweig->abwärts. Vielleicht mit einem Komplex behaftet, nicht in einer "richtigen" Großstadt zu leben, versuchen sie uns weiß zu machen, dass sie ja total in der Zeit sind und wissen was abgeht. In Wirklichkeit stellen sie, gerade hier in Niedersachsens zweitgrößten Stadt, die zweitgrößte Gefahr hinsichtlich der Gefährdung meines seelischen Wohls dar. Die größte Gefahr lauert in Form mittelamerikanischer Panflötenspieler in der Fußgängerszone. Das wäre aber jetzt eine andere Geschichte.

Ich kenne jemanden, die in den Laden arbeitet. Wir sind nie richtig miteinander warm geworden, aber ich habe trotzdem mitbekommen, dass das Arbeiten in dieser Institution nicht gerade einfach ist. Es heißt zum Beispiel, man müsse schon morgens sagen, wievielen Menschen man den Kopf versauen will, unabhängig davon, dass man eigentlich nicht weiß, wer in die Vorhölle der Figaros reinspaziert. Außerdem habe ich von mehreren Quellen bestätigt bekommen, dass man zwischendurch die Schere wie ein Colt um den Finger schwingen muss. Für Außenstehende irritierend bis beängstigend, für den gemeinen Frisuer wahrscheinlich eine Art Genugtuung. Oder eben Zeitvertreib, ob der Langeweile, die aufkommt, wenn man doch nur eine beckhamsche Frisur ohne reinrasierte Ecken und Kanten in die Kopfhaut des Probanten meißeln darf.

28 Jahre wartete ich auf dem Moment es sagen zu können. Beinahe sehnsüchtig fieberte ich dem Moment entgegen, in dem ich es ihnen allen zeigen konnte. Diesen klugscheißenden altklugen Klugscheißer, die mich mein Leben lang damit nervten: "Komm du erstmal in mein Alter...". Jetzt bin ich in ihrem Alter und könnte eigentlich den Satz sagen, nach dem ich mich all die Jahre so sehr gesehnt habe: "Das hätte es bei uns nicht gegeben, doo!"

Und was ist? Das hatte es bei uns gegeben! Wir sahen ebenfalls absichtlich scheiße aus, haben uns sonst etwas in die Haare rasiert (ja, auch in die Augenbrauen!) und haben rumgeschrien und gezappelt, in der Hoffnung, dass jemand unser jämmerliches Leben bemerken würde. Nur durften wir das noch eine Jugendbewegung nennen. Wir waren immerhin "Generation X", "Generation Golf", "Generation Wir Geben Unserer Generation Namen".

Wir sahen scheiße aus, aber mit Stil.
Die "bad hair days" Braunschweigs dauern an. So sehr man sich wünscht, durch den passenden Haarschnitt zum Großstädter zu avancieren, so sehr misslingt dieses ambitionierte Ansinnen.
mindestens haltbar 09/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 16
ISSN 1816-8159
Autor: malcolm
Titel: Haarteil
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