
Feste Wurzeln und leichtes Gepäck
von Katharina "Lyssa" Borchert
Feste Wurzeln und leichtes Gepäck
Jetzt sitze ich hier schon geraume Zeit und versuche, eine Kurzbiographie zu schreiben. Meine Kurzbiographie. Und weil das gar nicht so einfach ist, widme ich lieber endlich wieder meiner vernachlässigten Kolumne. Das klappt zwar auch nicht immer, aber immer dann, wenn man eigentlich andere, drängendere, komplizierte Dinge tun sollte. Dinge wie der Vermieterin am Telefon mal richtig die Meinung sagen, sich mit seiner nicht vorhandenen Altersvorsorge auseinandersetzen oder eben eine Kurzbiographie schreiben. Bei so einer Biographie fällt nämlich wieder mal auf, daß das eigene Leben erstaunlich wenig hergibt dafür, daß man die 30 überschritten hat.
Zumindest gibt es nichts von dem her, von dem man früher immer diese diffuse Vorstellung hatte, das eigene Leben müßte all diese Dinge mit 30 hergeben. Einen Doktortitel etwa, oder einen Job in New York und Körbchengröße C. Und es hat auch nichts von dem, was das Leben der Altersgenossen so aufweist. Bausparverträge, Ehemänner und Zweitwagen (oder immer noch den alten Wagen, aber dafür den zweiten Ehemann). Auf letzteres hat man bewußt verzichtet, ersteres ist einem so durch die Finger geglitten, weil man zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, während sich andere die Selbstanalyse als nettes Hobby für die Zeit nach der Karriere aufgespart haben.
Was schreibt man also, außer vielleicht noch den allernacktesten Fakten, wenn man die Kurzbiographie nicht zu einem schlichten Lebenslauf verkommen lassen will. Was erwähnt man, wenn die aktuelle Tätigkeit so gar nichts mit dem Studium zu tun hat ("Kind, willst du das alles einfach so wegwerfen, das gute Studium")? Was ist wichtig, wenn man das Gefühl hat, das halbe Leben damit verbracht zu haben, mit sich selbst zu ringen? "Heitere Kindheit auf dem Bauernhof, vom Tag der Einschulung an ging es systematisch bergab. Probandin entwickelt sich aufgrund frühkindlicher Indoktrination schlecht in autoritären Systemen."
Ein Freund empfiehlt, vor allem die Jahre im Ausland hervorzuheben. USA, Afrika, Schweiz. Klingt gut und hat mich definitiv sehr geprägt. Aber dabei entsteht fast immer ein falscher Eindruck. Die Menschen glauben gerne, ich sei unglaublich mutig, so früh schon ganz allein ins Ausland zu gehen. Und dann auch noch nach Afrika. In den Busch. Isjaallerhand. Dabei erschien mir das damals wie heute ganz natürlich. Ich bin einem Instinkt gefolgt, der mich wegtreibt aus meiner angestammten Umgebung. Mit Mut hat das nichts zu tun.
Manche brauchen die Sicherheit eines bekannten Umfelds, ich brauche regelmäßig neue Herausforderungen, die mir schlaflose Nächte und atemlose Momente bereiten, ich brauche einen Überfluß an neuen Eindrücken, ein Leben in Bewegung. Ich finde viel leichter zu mir und zu dem, was mir wirklich wichtig ist, wenn ich mich mit Leidenschaft in eine schwierige Aufgabe stürzen oder mich an einer völlig fremden Kultur reiben kann. (Das wird eine tolle Kurzbiographie: "Reibt sich gern am Fremden. Leidenschaftliche Kulturfrotteuse.") Es scheint, als müsse ich erst möglichst viel ansammeln, um hinterher besser aufräumen zu können. Mutig wäre es vielleicht, zuhause zu bleiben, Verpflichtungen einzugehen und nicht mehr auf das Gefühl angewiesen zu sein, jederzeit seine Zelte abbrechen zu können und weiterzuziehen. Mutig, aber einfach nicht meiner Persönlichkeit entsprechend.
Ich habe ziemlich feste Wurzeln, eine Familie, die zusammenhält, die besten Freunde, die man sich wünschen kann, die immer nah sind, egal wie viele Kilometer zwischen uns liegen, und wahrscheinlich ermöglicht mir gerade das, immer wieder leichtherzig und mit wenig Gepäck zu reisen. Zu viel Sicherheit, zu viel Vorhersehbarkeit macht mir Angst – was mich nicht davon abhält, gelegentlich über den eklatanten Mangel an Sicherheit in meinem Leben zu klagen. (Die Kurzvita wächst und gedeiht: „Verhält sich auch jenseits der 30 extrem widersprüchlich. Frage der Altersvorsorge weiterhin ungeklärt.“) Heute bereits zu wissen, wo ich in zehn Jahren arbeiten und leben werde, für viele ein Wunschtraum, wäre mein persönlicher Albtraum. Ich hätte allerdings so gar nichts dagegen, heute bereits zu wissen, daß es mindestenshaltbar auch in fünf Jahren noch geben wird und ich weiterhin schreibend ein Teil davon sein darf.
Herzlichen Glückwunsch zum ersten Geburtstag, mindestenshaltbar!
Jetzt sitze ich hier schon geraume Zeit und versuche, eine Kurzbiographie zu schreiben. Meine Kurzbiographie. Und weil das gar nicht so einfach ist, widme ich lieber endlich wieder meiner vernachlässigten Kolumne. Das klappt zwar auch nicht immer, aber immer dann, wenn man eigentlich andere, drängendere, komplizierte Dinge tun sollte. Dinge wie der Vermieterin am Telefon mal richtig die Meinung sagen, sich mit seiner nicht vorhandenen Altersvorsorge auseinandersetzen oder eben eine Kurzbiographie schreiben. Bei so einer Biographie fällt nämlich wieder mal auf, daß das eigene Leben erstaunlich wenig hergibt dafür, daß man die 30 überschritten hat.
Zumindest gibt es nichts von dem her, von dem man früher immer diese diffuse Vorstellung hatte, das eigene Leben müßte all diese Dinge mit 30 hergeben. Einen Doktortitel etwa, oder einen Job in New York und Körbchengröße C. Und es hat auch nichts von dem, was das Leben der Altersgenossen so aufweist. Bausparverträge, Ehemänner und Zweitwagen (oder immer noch den alten Wagen, aber dafür den zweiten Ehemann). Auf letzteres hat man bewußt verzichtet, ersteres ist einem so durch die Finger geglitten, weil man zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, während sich andere die Selbstanalyse als nettes Hobby für die Zeit nach der Karriere aufgespart haben.
Was schreibt man also, außer vielleicht noch den allernacktesten Fakten, wenn man die Kurzbiographie nicht zu einem schlichten Lebenslauf verkommen lassen will. Was erwähnt man, wenn die aktuelle Tätigkeit so gar nichts mit dem Studium zu tun hat ("Kind, willst du das alles einfach so wegwerfen, das gute Studium")? Was ist wichtig, wenn man das Gefühl hat, das halbe Leben damit verbracht zu haben, mit sich selbst zu ringen? "Heitere Kindheit auf dem Bauernhof, vom Tag der Einschulung an ging es systematisch bergab. Probandin entwickelt sich aufgrund frühkindlicher Indoktrination schlecht in autoritären Systemen."
Ein Freund empfiehlt, vor allem die Jahre im Ausland hervorzuheben. USA, Afrika, Schweiz. Klingt gut und hat mich definitiv sehr geprägt. Aber dabei entsteht fast immer ein falscher Eindruck. Die Menschen glauben gerne, ich sei unglaublich mutig, so früh schon ganz allein ins Ausland zu gehen. Und dann auch noch nach Afrika. In den Busch. Isjaallerhand. Dabei erschien mir das damals wie heute ganz natürlich. Ich bin einem Instinkt gefolgt, der mich wegtreibt aus meiner angestammten Umgebung. Mit Mut hat das nichts zu tun.
Manche brauchen die Sicherheit eines bekannten Umfelds, ich brauche regelmäßig neue Herausforderungen, die mir schlaflose Nächte und atemlose Momente bereiten, ich brauche einen Überfluß an neuen Eindrücken, ein Leben in Bewegung. Ich finde viel leichter zu mir und zu dem, was mir wirklich wichtig ist, wenn ich mich mit Leidenschaft in eine schwierige Aufgabe stürzen oder mich an einer völlig fremden Kultur reiben kann. (Das wird eine tolle Kurzbiographie: "Reibt sich gern am Fremden. Leidenschaftliche Kulturfrotteuse.") Es scheint, als müsse ich erst möglichst viel ansammeln, um hinterher besser aufräumen zu können. Mutig wäre es vielleicht, zuhause zu bleiben, Verpflichtungen einzugehen und nicht mehr auf das Gefühl angewiesen zu sein, jederzeit seine Zelte abbrechen zu können und weiterzuziehen. Mutig, aber einfach nicht meiner Persönlichkeit entsprechend.
Ich habe ziemlich feste Wurzeln, eine Familie, die zusammenhält, die besten Freunde, die man sich wünschen kann, die immer nah sind, egal wie viele Kilometer zwischen uns liegen, und wahrscheinlich ermöglicht mir gerade das, immer wieder leichtherzig und mit wenig Gepäck zu reisen. Zu viel Sicherheit, zu viel Vorhersehbarkeit macht mir Angst – was mich nicht davon abhält, gelegentlich über den eklatanten Mangel an Sicherheit in meinem Leben zu klagen. (Die Kurzvita wächst und gedeiht: „Verhält sich auch jenseits der 30 extrem widersprüchlich. Frage der Altersvorsorge weiterhin ungeklärt.“) Heute bereits zu wissen, wo ich in zehn Jahren arbeiten und leben werde, für viele ein Wunschtraum, wäre mein persönlicher Albtraum. Ich hätte allerdings so gar nichts dagegen, heute bereits zu wissen, daß es mindestenshaltbar auch in fünf Jahren noch geben wird und ich weiterhin schreibend ein Teil davon sein darf.
Herzlichen Glückwunsch zum ersten Geburtstag, mindestenshaltbar!


Pleitegeiger
am 29. Sep, 10:41