Das Einzige, was der Mensch kontrollieren kann, sind seine Gefühle

von Neuro
Manche Geschichten fangen harmlos an. Man geht irgendwohin und tut irgendwas, Dinge geschehen, Dinge werden in Bewegung gesetzt, Gegenstände werden von A nach B bewegt, Worte wechseln über den Luftraum die Empfänger und dann passiert was. Etwas, worauf wir uns entweder einen Reim machen, oder eben nicht. Wir machen uns unsere eigene Reime im Kopf. Damit versuchen wir die Situation, in der wir uns befinden, weitgehendst zu kontrollieren. Manchmal gelingt uns das, manchmal aber nicht. Werkzeuge wie Kritik, Spott oder voreilige Urteile kommen zum Einsatz. Weil es jede Menge Dinge gibt, die wir nicht verstehen. Die uns so kaputt machen, dass man am liebsten vor sich hin stöhnen will. Man kann aber nichts dagegen tun. In solchen Momenten denk ich an Epiktet. Das Einzige, was der Mensch wirklich unter Kontrolle hat, sind die eigene Gefühle, hat er gesagt. Das ist dein Kapital. Bis man das kapiert hat, hat man Kubikmeter von Tränen vergossen und kilometerlange Briefe nach Irgendwo geschrieben, die nie abgeschickt worden sind. Worte, die keiner hören wollte und Tränen, die keiner gesehen hat. Bis die Erkenntnis kommt, alles, was Du im Griff hast, Mensch, sind deine eigene Gefühle, dein Ich und deine Empfindungen. Du kannst die Gefühle der anderen nicht kontrollieren. Du hast keine Kontrolle über deinen Kontostand, du hast keine echte Kontrolle über deine Gesundheit, du hast keine Kontrolle über deine Kinder. Und was du auch nicht kontrollieren kannst, ist der Mensch next you. Du kannst weder seine Liebe erzwingen, noch versuchen, ihn/sie dazu zu bewegen, ihr/sein eigenes Glück in die Hand zu nehmen.

Das Ritual:

zuerst nachdenken, dann bloggen

ist definitiv nicht mein Märchen.

Nach innen schau!
Wenn es dir einmal begegnet, dass du dich
nach außen wendest, in der Absicht, irgendeinem zu
gefallen, so wisse, dass du deine innere Stellung verloren
hast.


Jedem seine eigene Märchenwelt.
In meinem Märchen blogge ich in Echtzeit, statt zuerst darüber nachzudenken. Das gibt mir Macht. Macht, die keine besondere Wirkung nach außen hat, eine Macht über mein eigenes Ich. Ohne nachzudenken, was die Anderen denken würden, über das, was ich zuvor übergedacht und zurechtgeschnitten habe, als ob ich darüber Kontrolle haben könnte, wer was über mich denkt. Hab ich nicht. Interessiert mich nicht. Jeder denkt sich sein eigenes Teil dazu und gut ist. Auf gut Glück. Ob meine Intention, meine Gefühlslage nach außen so kommt, wie ich es mir erwünscht habe, kann ich nicht kontrollieren. Deswegen bringt es mir nichts, darüber nachzudenken, zu erwägen, was ich schreibe und wie das aufgenommen wird. Ich schreibe los. Worte werden eingetippt, das Gehirn wird pro Wort um ein Kilo leichter. So ist das. Menschen lesen Bücher, Menschen lesen The News, Menschen lesen in den Gesichtern. Und Menschen lesen eben Blogs. Mit Betonung auf l-e-s-e-n. Ich teile mich mit, Menschen lesen. Ich zeichne meine Gefühlslage auf und Menschen lesen. Ich sehe was du nicht siehst und Menschen lesen. Wie sie das tun, was sie sich dabei denken, was sie über mich denken, darüber hab ich keine Kontrolle. Auch dann nicht, wenn ich stundenlang darüber nachdenke, wie ich die Menschen dazu bewegen könnte, ein bisschen zu manipulieren. Ein bisschen dazu zu zwingen, meine Einsichten als die wahren anzuerkennen. Blogger wünschen sich tolle Leser, so wie die Zeitschriften sich tolle Leserschaft wünschen, so wie sich die Literaturpäpste intelligente Leser wünschen, Leser, die selbst einem selbst würdig sind. Darauf hast du keinen Einfluss, Blogger. Auch, wenn du dich so sehr drum bemühst.

Der Ausdruck Medienmanipulation bezeichnet die verzerrte Darstellung der Realität, die Journalisten und Nachrichtenproduzenten durch eine bestimmte Vorauswahl bzw. die Art der Berichterstattung in die Massenmedien bringen, sowie die daraus folgende verzerrte Wahrnehmung.

Die vezerrte Darstellung der Realität finden wir auch in unseren Blogs, in denen wir durch unsere subjektive Art der Berichterstattung das zu beschreiben versuchen, was wir denken, tun, was wir beobachten, was wir gut oder nicht gut finden. Grandios, keine Frage. Jeder auf seine Art. Die Gedanken geradeaus los schreiben. Unkontrolliert. Lostippen. Loswerden. Dinge loswerden, die sich vorübergehend im Kopf breit gemacht haben. Die Maschine namens Mensch arbeitet non-stop ohne Pause. Atme ein, atme aus, denke. Gedankenblasen im Kopf, die mit passenden Worten ausgefüllt werden. Worte liegen dort quer und kreuz und warten drauf, in richtiger Reihenfolge eingetippt zu werden. Nichtssagende Gedanken, obligatorisch klingende Sätze, im Kopf bestehende Welten, die Welten aus Millionen von nicht immer zusammenhängenden Silben. Und dann wird losgetippt, weiß der Teufel warum. Weiß der Teufel wieso Millionen von Menschen in ihren Blogs Gedanken schreiben.
Sie tun es eben.

Wer hat den Schaden?
Wenn dich jemand schlimm behandelt, oder
Schlimmes von dir redet, so bedenke, dass er es tut
oder redet in der Meinung, er sei im Recht. Es ist nun
nicht möglich, dass er dem folge, was du für richtig
hältst, sondern dem, was er dafür hält. Wenn nun
seine Meinung falsch ist, so hat er den Schaden, sofern
er sich in einer Täuschung befindet.


Frankreich hat's vielleicht die Weltmeisterschaft gekostet. Gefühle sind Gefühle, das macht uns Menschen aus. Emotionale Ausrutscher. Damit sind wir menschlich gebrandmarkt. Brand it like Mensch. Dem Zidane war sein eigener Stolz und die eigene Ehre viel wichtiger als die Ziele, die er sich als Mensch bzw. Spieler gesetzt hat. Vielleicht, weil Ziele langfristig sind und der Stolz kurzfristig zu befriedigen ist. Das ist sehr einfach und wird rucki zucki erledigt. Und wer hat den Schaden getragen? Ich bin mir sicher, das waren weder Frankreich noch das Volk bzw. die Fans, das war Zidane selbst. In die Falle gelockt, reingefallen. Wem eigene Ehre und Stolz wichtiger sind als das Ziel, der ist reingefallen, in einen Strudel von Eitelkeit und falschem Stolz.

Wie man dem Lästerer das Maul stopft.
Wenn dir jemand hinterbringt, dass der
oder jener Schlimmes von dir rede, so verteidige
dich nicht gegen das Gesagte, sondern antworte: Der
wusste also nichts von meinen übrigen Fehlern, sonst
würde er wohl nicht bloß von diesen gesprochen haben.


Günter Grass. Was ist mit Günter Grass?
Günter Grass gibt zu, menschliche Schwächen zu haben. Er ist bereit, von den Medien, Menschen, der Masse, niedergetreten zu werden, seine Ehre und seinen Stolz zu verlieren.
Vielleicht hat sich Herr Grass die letzte Zeit mit Epiktet auseinandergesetzt oder ist Herr Grass einfach erwachsen geworden. Wo die Ehre, der Stolz keine Macht mehr über einen hat, keine Kontrolle ausübt, sondern das wahre, eigene Ich die Oberhand gewinnt. Das eigene, verletzliche Ich. Ich habe Fehler gemacht, und ich stehe dazu. Ihr könnt ruhig drauf treten und drauf spucken, das ist eure gutes Recht, aber es berührt mich nicht. Dinge sind nun mal geschehen. Die Meinung der Menschen ist, wie bereits erwähnt, sehr leicht manipulierbar. Die Macht der Masse, die den Standard kontrolliert. Den Standard, den die besagte Masse schluckt, wie Nahrung, um weiterleben zu können. Wie die Goldfische im Aquarium, die in eigner Kloake schwimmen. An die eigene Nase anfassen, das vergessen die Leute, es ist einfacher, mit dem Finger irgendwo drauf zu zeigen.

Wer hat den Schaden?
Wenn dich jemand schlimm behandelt, oder
Schlimmes von dir redet, so bedenke, dass er es tut
oder redet in der Meinung, er sei im Recht. Es ist nun
nicht möglich, dass er dem folge, was du für richtig
hältst, sondern dem, was er dafür hält. Wenn nun
seine Meinung falsch ist, so hat er den Schaden, sofern
er sich in einer Täuschung befindet.


P.S.: Anspruchslosigkeit.

Niemals nenne dich selbst einen Philosophen.
Auch sprich unter Laien nicht viel von den
Lehrsätzen der Wissenschaft, sondern handle nach
denselben. So sprich z.B. bei der Mahlzeit nicht
davon, wie man essen soll, sondern iss, wie man essen
soll. Erinnere dich, dass auf diese Weise Sokrates alles
sich zur Schau Stellen von sich abgelegt hat. Es
kamen sogar Leute zu ihm, welche von ihm den Philosophen
vorgestellt sein wollten, und er führte sie hin.
So leicht ertrug er es, übersehen zu werden.


(Epiktet: Handbüchlein der stoischen Moral)
Epiktet ist ein guter Lehrer: Er zeigt, was in unserer Macht steht und was nicht und gibt gute Ratschläge, wenn wir uns nicht sicher sind, wen wir unser Leben diktieren lassen sollen - den Stolz, die Anderen oder das eigene Ich.
Neuro (33) lebt oberflächlich. Ausserdem ist Neuro folgendes: Vollwertiger Ersatz für jede Geselligkeit. Obladii and Obladaa. Inbegriff der Kunst. Arme Sau. And my momma always told me "my baby`s a genius". Nur--für--Verrückte. Nicht für jedermann. Wunder der Menschendressur. Soziale Dysfunktion. Like a monkey in the bank. Gegen die Lüge von ewigem Glück und Zufriedenheit. Runtime Error.
mindestens haltbar 08/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 15
ISSN 1816-8159
Autor: Neuro
Titel: Das Einzige, was der Mensch kontrollieren kann, sind seine Gefühle
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