
Wein – Genussmittel im Kontrollzustand
von Angelika Deutsch
Ein Gespenst ging um in Europa, zu Jahresbeginn, das Gespenst des Bösen Weines. Das Handelsabkommen mit den Vereinigten Staaten ließ bei den Konsumenten die Angst vor dem totalen Kunstwein entstehen, Bezeichnungen wie „Frankensteinwein“ machten die Runde. Die Eichenchips waren da noch das Begreiflichste unter den beim „Feind“ erlaubten Maßnahmen, während die berüchtigte spinning cone column ganz den düsteren Labors sinistrer Unterwanderer der hehren Lehre des reinen Weines zu entstammen schien. Und so entstieg gleichzeitig ein Mythos den angsterfüllten europäischen Herzen, der Mythos von den ursprünglichen Weinlandschaften, die höchsten Genuss reifen lassen, und die Mär vom ursprünglichen, authentischen, terroirgetränkten und von aufrichtigen Winzerhänden zum Leben gebrachten Wein, der nicht nur Nischenberechtigung haben dürfe, sondern in aller Munde sich entfalten solle, feierte fröhliche Urständ. Grund genug, sich dieses so begehrlich gehüteten Schatzes der Alten Welt etwas anzunehmen. Und siehe da, bei näherer Betrachtung kommt die Einsicht, dass Wein in jedweder Form, aber eben auch in seiner höchsten Qualitätsausformung ein Produkt der totalen Kontrolle ist, wo dem Zufall so wenig Spielraum als möglich zu lassen versucht wird. Das beginnt schon bei der Auswahl der Rebstock-Klone, die maßgeschneidert für den jeweiligen Boden und das dort herrschende Mikroklima zu haben sind; erfolgreiche Winzer selektieren selbst und lassen ihre Erfolgsreben züchten und vervielfältigen. Dann die vermeintliche Naturverbundenheit der Weingartenarbeit, die sich inzwischen als einer der maßgeblichsten Faktoren für konkurrenzfähige Weine mit eigenständigem Profil auch in den Köpfen bislang technikgläubiger Winzer, die diese Erkenntnis nun stolz vor sich her tragen, durchgesetzt hat: für das ideale Verhältnis Qualität : Ertrag bedarf es unzähliger Handgriffe, von maßvollem Pflanzenschutz über Bodenbearbeitung bis hin zum kontrollierten Rebschnitt, und da muss man schon prophetisch veranlagt sein, um zum rechten Zeitpunkt über das Mehr oder Weniger entscheiden zu können. Die Ernte dann: Da kommt neuerdings die Temperaturkontrolle ins Spiel, Kühlwägen sorgen für Schonung der Trauben bis zum Presshaus, die Größe der Lesegefäße spielt ebenso eine Rolle, und Mehrfach-Lesedurchgänge für optimale Ausbeutung der Traubenreife sind mittlerweile Standard im Qualitätsweinbau. Und erst recht im klinisch sauberen Keller: Ohne neue Technologie geht da kaum mehr was, wenn der Zufall nicht überhand gewinnen will. Selbst der bewusste Einsatz von Schwerkraft, um den Wein nicht unnötig vorzeitig zu stressen, fällt unter den Begriff „Kontrolle“. Man möge auch nur einmal all die erlaubten Wege und Mittel zur Weinbehandlung genüsslich studieren – da erscheint das Weinland Europa (um es mal ganz global zu sehen) gleich in weniger strahlendem Licht. Für mich der Inbegriff an Ironie aber ist jenes Labor, das sich explizit um die Authentizität der mit seinen Produkten entstandenen Weine schmückt! Irgendwann fragt man sich jedenfalls, ob ehrliche Eichenchips, die mangels Holzatmung ohnehin nie zu einem eleganten Barrique-Wein verhelfen können, nicht mindestens so akzeptabel sind wie gängige Konzentrationsmethoden, die aus wenig viel zu machen versuchen. Ja und dann ist da noch das mit der Verschlusssache: Korken Sie noch oder schrauben Sie schon? Inmitten eines Wustes an Maßnahmenpaketen zur Kontrolle des Weines als Winzer mit eigenständigem Profil beachtungsgebietendem Wein dennoch zu bestehen, ist zugegeben eine ständige Gratwanderung. Und so scheint es kein Wunder, dass sich ehrenwerte Winzergruppierungen um Abgrenzung bemühen wie die Vinea Wachau mit dem neuen Codex, dass Rufe nach einem „Reinheitsgebot für deutschen Wein“ ertönen oder von Andreas März eine Charta des Reinen Weines initiiert wird. Als mitfühlende Konsumentin genieße ich jedenfalls die sorgsam kontrollierten Weine im Wissen um ihre Möglichkeiten, hoffe auf deren Eigenleben im Laufe ihrer Reifungsjahre und gebe mich mit Freude dem kontinuierlichen Kontrollverlust hin ....


Christian Helfrich
am 2. Sep, 10:37