
Müsli und Perestroika
von Aschantinuss
Als die USA und die UdSSR 1969 Gespräche zur nuklearen Rüstungsbegrenzung aufnahmen, schien es wieder Sinn zu machen sich in der persönlichen Lebensplanung auf ein rüstiges Methusalemalter einzustellen und die Vollwerternährungslehre wurde an den Universitäten aus den Archiven geholt und überarbeitet. Meine Kindheit fällt in die Zeit wachsender Müslipopularität. Michail Gorbatschow prägte Glasnost und Perestroika, Kriege waren ein entwickelten Nationen unwürdiger Zustand, und wir wurden mit selbstgepresstem Petersiliensaft und Nervenkeksen nach dem Rezept der Hildegard von Bingen auf ein langes, langes Leben vorbereitet. (Kaum vorstellbar, dass noch wenige Jahre zuvor niemand vorgehabt hatte, die 30 wesentlich zu überschreiten und der persönliche Drogenmix schon im Hinblick auf dieses Ziel zusammengestellt wurde.)
Weil meine Mutter die Sorge, wie viele Vitamine in Rohkost heutzutage tatsächlich noch enthalten sind, nie losließ, lagen neben unseren Frühstückstellern feinsäuberlich abgezählt Hefetabletten (für Haut und Haar), ein Multivitaminpräparat (für fast alles), Knoblauchkapseln (für das Gedächtnis), Betacarotin–Kapseln (für den Teint) – immer jedenfalls viele bunte Gesundheitsbonbons. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, natürlich investierten wir unser Taschengeld in zahnschmelzfeindliche Riesenkaugummis. McDonald’s machte sich im Stadtbild breit und rechtzeitig bevor ich auf vegane Ernährung umstellte, hatte ich die Schlümpfe – Serie aus der Junior Tüte komplett. Aber der Vitaltrend war spürbar hartnäckiger und mächtiger und wir belasteten unseren Organismus mit Chips und Schokolade in dem Bewusstsein, dass wir diese nur dem Vergnügen dienenden, rein ungesunden Dinge essen müssen, bevor sie nur noch mit Ballaststoffen und Vitaminen angereichert erhältlich sein werden.
Auch zum Sport fand man in der Zeit zwischen den Müslianfängen und den Frühstücks-Cerealien, wie wir sie jetzt kennen, einen anderen Zugang: In meiner sehr frühen Kindheit bestand die einzige auch in nicht-alpinen Regionen weit verbreitete Sportart darin, auf gut beschilderten, ebenen Wegen in die freundlich gesinnte Natur hinauszuspazieren, um bei einer sehr nahe gelegenen Hütte Mohnstrudel, Krapfen, Schnitzel oder wofür auch immer die jeweilige Wanderroute bekannt war, zu vertilgen. Mit so wenig Anstrengung lässt es sich natürlich nicht 200 Jahre alt werden und so entstanden für die Bewusster-Leben-Generationen nach und nach Aerobic-Kurse, Fitnesscenter, Schulen für fernöstliche Körperverbiegungskünste und ihre westlichen Variationen und regalweise Bücher über richtiges Laufen und richtiges Gehen.
In den 1980er Jahren stiegen auch Leute, die ihre Kinder nie antiautoritär erzogen oder Wörter wie Kommune und Joint laut ausgesprochen hätten, anlässlich der vertrauenserweckenden 25. Auflage von Joseph Murphys Hauptwerk in die Macht des Unterbewusstseins und das positive Denken quer ein oder hörten beim Autofahren Autosuggestionskassetten. Ich erinnere mich an Mathematik–Schularbeiten, auf die ich mich unter Anleitung meiner Eltern durch 50 Wiederholungen täglich nämlich des Satzes „Ich werde mit jedem Tag und mit jeder Stunde immer besser und besser“ vorbereitet habe. Zimmerpflanzen versuchten wir nicht nur mit Substral, sondern vor allem auch mit gut Zureden zum Blühen zu bringen. Es geisterte sogar die Theorie herum, dass man Kakteen die Stacheln ausreden kann, wenn man sie nur regelmäßig freundlich darauf hinweist, dass man das Stechen als unangenehm empfindet. Alles war mit der richtigen mentalen Einstellung und viel Mühe zu erreichen.
Und das positive Denken hatte einen passenden politischen Rahmen: Schon der Begriff Krieg war bald so unzeitgemäß, dass man lieber von Krisen, Konflikten und bewaffneten Auseinandersetzungen sprach - Termini, die nahe legen, dass es sich um etwas handelt, das durch eine vernünftige Aussprache geschlichtet werden kann. Streitigkeiten zwischen zivilisierten Staaten sollten vorzugsweise vor Gericht, nämlich vor dem internationalen Gerichtshof in den Haag ausgetragen werden. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: die 70er und 80er Jahre waren kaum weniger vom Terrorismus gebeutelt als das neue Jahrtausend. - Wahrscheinlich ziehen gerade Gesellschaften, die Gewaltfreiheit und Rechtsstaatlichkeit hochhalten, den Terror als Mittel der psychologischen Kriegsführung an, weil ein umso größerer Ruck durch das öffentliche Bewusstsein geht, je ferner die Möglichkeit willkürlicher Brutalität in dieser Gesellschaft scheint.
Aber es machte doch den Eindruck, als müsste man nur das richtige Konzept finden und mit einer Eselsgeduld verhandeln, um solche Krisen zu entschärfen: In meinem Maturajahr erhielten Nelson Mandela und de Klerk gemeinsam den Friedensnobelpreis, im Jahr darauf Yasser Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin. Den Eisernen Vorhang gab es nicht mehr. Der UN-Sicherheitsrat richtete Tribunale für Jugoslawien und Ruanda ein, weil es für Makroverbrechen, also Verbrechen von Staaten, eine zuständige Instanz geben sollte. Und ja, mit dem Pathos, das man gegen Ende der Schulzeit gerade noch haben darf, war ich damals der Meinung, in einer Zeit zu leben, in der dauerhafte Lösungen für die großen Krisen der Vergangenheit gefunden werden, für eine nach der anderen.
Ich habe mich umgesehen, ob jemand die Nordic Walking Sticks niederlegt und eine Krapfendiät anfängt, jetzt, wo es nicht mehr unzeitgemäß ist, ein „war president“ zu sein, sondern sogar mit einigem Stolz in einem Land, das auf jeder Weltkarte eingezeichnet ist, gesagt werden kann. Aber es sieht so aus, als wären die Vorsätze schlank, fit und gesund über die 200 Jahres Marke hinauszuwalken ungebrochen. Sicher, man munkelt, die Pension werde nicht so lustig, wie man sich das lange gedacht hat. Es wird nicht funktionieren mit dem Geld-Haben ohne arbeiten zu müssen. Neuere Studien belegen, dass Schokolade gut gegen Herzinfarkt sein soll, Kaffee dem Körper kein Wasser entzieht, Cholesterin nicht so schädlich wie Margarine ist, künstliche Vitamine krebserregend sind und Laufen die Gelenke zu sehr abnutzt. Dahinter könnte natürlich eine Verschwörung stecken, die uns in Zeiten wie diesen von unserem Weg zum jugendlichen Greisentum abbringen will. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass es dem Vitaminkapselzählen ganz regulär so wie vielen anderen unserer Bemühungen ergangen ist, bei denen sich nachträglich herausstellt, dass sie von vornherein zu mindestens 72% verkehrt waren. Aber Scheitern ist immer noch besser als später einmal zu bereuen nie mit seinem Kaktus gesprochen zu haben - hätte man zumindest in meiner Kindheit gesagt.
Weil meine Mutter die Sorge, wie viele Vitamine in Rohkost heutzutage tatsächlich noch enthalten sind, nie losließ, lagen neben unseren Frühstückstellern feinsäuberlich abgezählt Hefetabletten (für Haut und Haar), ein Multivitaminpräparat (für fast alles), Knoblauchkapseln (für das Gedächtnis), Betacarotin–Kapseln (für den Teint) – immer jedenfalls viele bunte Gesundheitsbonbons. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, natürlich investierten wir unser Taschengeld in zahnschmelzfeindliche Riesenkaugummis. McDonald’s machte sich im Stadtbild breit und rechtzeitig bevor ich auf vegane Ernährung umstellte, hatte ich die Schlümpfe – Serie aus der Junior Tüte komplett. Aber der Vitaltrend war spürbar hartnäckiger und mächtiger und wir belasteten unseren Organismus mit Chips und Schokolade in dem Bewusstsein, dass wir diese nur dem Vergnügen dienenden, rein ungesunden Dinge essen müssen, bevor sie nur noch mit Ballaststoffen und Vitaminen angereichert erhältlich sein werden.
Auch zum Sport fand man in der Zeit zwischen den Müslianfängen und den Frühstücks-Cerealien, wie wir sie jetzt kennen, einen anderen Zugang: In meiner sehr frühen Kindheit bestand die einzige auch in nicht-alpinen Regionen weit verbreitete Sportart darin, auf gut beschilderten, ebenen Wegen in die freundlich gesinnte Natur hinauszuspazieren, um bei einer sehr nahe gelegenen Hütte Mohnstrudel, Krapfen, Schnitzel oder wofür auch immer die jeweilige Wanderroute bekannt war, zu vertilgen. Mit so wenig Anstrengung lässt es sich natürlich nicht 200 Jahre alt werden und so entstanden für die Bewusster-Leben-Generationen nach und nach Aerobic-Kurse, Fitnesscenter, Schulen für fernöstliche Körperverbiegungskünste und ihre westlichen Variationen und regalweise Bücher über richtiges Laufen und richtiges Gehen.
In den 1980er Jahren stiegen auch Leute, die ihre Kinder nie antiautoritär erzogen oder Wörter wie Kommune und Joint laut ausgesprochen hätten, anlässlich der vertrauenserweckenden 25. Auflage von Joseph Murphys Hauptwerk in die Macht des Unterbewusstseins und das positive Denken quer ein oder hörten beim Autofahren Autosuggestionskassetten. Ich erinnere mich an Mathematik–Schularbeiten, auf die ich mich unter Anleitung meiner Eltern durch 50 Wiederholungen täglich nämlich des Satzes „Ich werde mit jedem Tag und mit jeder Stunde immer besser und besser“ vorbereitet habe. Zimmerpflanzen versuchten wir nicht nur mit Substral, sondern vor allem auch mit gut Zureden zum Blühen zu bringen. Es geisterte sogar die Theorie herum, dass man Kakteen die Stacheln ausreden kann, wenn man sie nur regelmäßig freundlich darauf hinweist, dass man das Stechen als unangenehm empfindet. Alles war mit der richtigen mentalen Einstellung und viel Mühe zu erreichen.
Und das positive Denken hatte einen passenden politischen Rahmen: Schon der Begriff Krieg war bald so unzeitgemäß, dass man lieber von Krisen, Konflikten und bewaffneten Auseinandersetzungen sprach - Termini, die nahe legen, dass es sich um etwas handelt, das durch eine vernünftige Aussprache geschlichtet werden kann. Streitigkeiten zwischen zivilisierten Staaten sollten vorzugsweise vor Gericht, nämlich vor dem internationalen Gerichtshof in den Haag ausgetragen werden. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: die 70er und 80er Jahre waren kaum weniger vom Terrorismus gebeutelt als das neue Jahrtausend. - Wahrscheinlich ziehen gerade Gesellschaften, die Gewaltfreiheit und Rechtsstaatlichkeit hochhalten, den Terror als Mittel der psychologischen Kriegsführung an, weil ein umso größerer Ruck durch das öffentliche Bewusstsein geht, je ferner die Möglichkeit willkürlicher Brutalität in dieser Gesellschaft scheint.
Aber es machte doch den Eindruck, als müsste man nur das richtige Konzept finden und mit einer Eselsgeduld verhandeln, um solche Krisen zu entschärfen: In meinem Maturajahr erhielten Nelson Mandela und de Klerk gemeinsam den Friedensnobelpreis, im Jahr darauf Yasser Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin. Den Eisernen Vorhang gab es nicht mehr. Der UN-Sicherheitsrat richtete Tribunale für Jugoslawien und Ruanda ein, weil es für Makroverbrechen, also Verbrechen von Staaten, eine zuständige Instanz geben sollte. Und ja, mit dem Pathos, das man gegen Ende der Schulzeit gerade noch haben darf, war ich damals der Meinung, in einer Zeit zu leben, in der dauerhafte Lösungen für die großen Krisen der Vergangenheit gefunden werden, für eine nach der anderen.
Ich habe mich umgesehen, ob jemand die Nordic Walking Sticks niederlegt und eine Krapfendiät anfängt, jetzt, wo es nicht mehr unzeitgemäß ist, ein „war president“ zu sein, sondern sogar mit einigem Stolz in einem Land, das auf jeder Weltkarte eingezeichnet ist, gesagt werden kann. Aber es sieht so aus, als wären die Vorsätze schlank, fit und gesund über die 200 Jahres Marke hinauszuwalken ungebrochen. Sicher, man munkelt, die Pension werde nicht so lustig, wie man sich das lange gedacht hat. Es wird nicht funktionieren mit dem Geld-Haben ohne arbeiten zu müssen. Neuere Studien belegen, dass Schokolade gut gegen Herzinfarkt sein soll, Kaffee dem Körper kein Wasser entzieht, Cholesterin nicht so schädlich wie Margarine ist, künstliche Vitamine krebserregend sind und Laufen die Gelenke zu sehr abnutzt. Dahinter könnte natürlich eine Verschwörung stecken, die uns in Zeiten wie diesen von unserem Weg zum jugendlichen Greisentum abbringen will. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass es dem Vitaminkapselzählen ganz regulär so wie vielen anderen unserer Bemühungen ergangen ist, bei denen sich nachträglich herausstellt, dass sie von vornherein zu mindestens 72% verkehrt waren. Aber Scheitern ist immer noch besser als später einmal zu bereuen nie mit seinem Kaktus gesprochen zu haben - hätte man zumindest in meiner Kindheit gesagt.


agathe
am 4. Sep, 23:40