
Nur nicht auffallen
„Äh... also ich find’s gut so. Nur das Kind sieht so seltsam aus.... ist es zurückgeblieben?“
Der Praktikant irrte sich. Denn das Kind war nicht behindert, sondern nur unglücklich fotografiert. Aber es war Gürtners Tochter Jenny. Noch am gleichen Tag bekam der Prakti seine Papiere und den goldenen Handschlag. Denn er hatte die uralte Regel gebrochen, dass man in einem hierarchischen System wie dem Berufsleben immer wissen muss, über was man mit wem spricht. Jedes negative Wort und leider oft auch positive Äußerungen können zur falschen Zeit, beim falschen Adressat überraschend negative Reaktionen auslösen. Es gibt viele solche Regeln. Robert Green nennt in seinem Buch „Power“ 48 Gesetze der Macht, z.B. „Stelle nie den Meister in Frage“, „Vertraue Deinen Freunden nie zu sehr“, „Bediene Dich Deiner Feinde“, „Halte Deine Ansichten stets geheim“, „Sage immer weniger als nötig“, „Schütze Deinen guten Ruf mit allen Mitteln“, „Mache Dir klar, mit wem Du es zu tun hast und kränke nicht die Falschen“, „Vergiss, was Du nicht haben kannst, es zu ignorieren ist die beste Rache“, „Denke was Du willst, aber verhalte Dich wie die anderen“, „Halte anderen Spiegel vor“ usw. Gute Führungskräfte und die Karrieristen dieser Welt befolgen tatsächlich solche Regeln. Um sie anzuwenden, braucht man vor allem eins: Selbstkontrolle. Natürlich muss man auch ein paar andere Eigenschaften mitbringen. Nur nützt es nichts, wenn man schlaue Antworten zur falschen Zeit gibt.
„Wie schätzen Sie diesen Businessplan ein?“, wollte Gürtner von Jens Schulze wissen. Schulze wurde ihm von der Personalabteilung als sein zukünftiger Assistent vorgeschlagen.
„Ich glaube, das Geschäftsmodell basiert auf falschen Annahmen. Klingt mir sehr aus dem Bauch heraus gebastelt. Wir sollten uns einen Research ansehen und anhand der Zahlen entscheiden“. Der Doktor bedankte sich und verabschiedete ihn. Danach diktierte er seiner Sekretärin eine Notiz, in der er den Businessplan als zu wenig fundiert beschrieb und ein Research empfahl. Dann ließ er sich den Personalchef geben: „Hör mal Uwe, alles was ich will, ist jemand, der mir mit Schreibkram zur Hand geht und mich bei Terminen vertritt, auf die ich keinen Bock habe. Einen Klugscheißer aus dem Fachschaftsrat der Harvard Business School kann ich nicht gebrauchen.“
Ein Streber macht vielleicht seinen Lehrer glücklich, aber hat er wirklich Erfolg? Auf dem Schulhof nicht. Und in Unternehmen auch nicht, denn Leute, die ihre Klappe halten und die Erfolge ihrem Chef überlassen, sind praktischer. Das mag hart klingen, aber versetzt man sich in die Situation der Führungskraft, ist es sehr erstrebenswert, Mitarbeiter zu haben, die flach spielen und den Teamleiter hoch gewinnen lassen.
Gerne träumt man als junger Aufsteiger davon, von einer Führungskraft protegiert zu werden, die das junge Talent erkennt und einem den Weg ebnet. Die gute Nachricht ist, das gibt es wirklich. Die Schlechte: Das hat weniger mit uneigennütziger Unterstützung, um der Sache willen zu tun, sondern passt dem Boss gut in den Plan. Bei unliebsamen Meetings kann der Protegierte als Blitzableiter dienen oder umstrittene Analysen erstellen, an denen sich der Chef selbst lieber nicht die Finger schmutzig macht („Ich wundere mich ja selbst über das Ergebnis und finde es empörend, aber wir sollten der Sache nachgehen. Wenn herauskommt, dass es ein Irrtum ist, umso besser.“). Das muss man nicht gut finden. Nur wissen, seine Schlüsse daraus ziehen und entsprechend selbstkontrolliert handeln. Das kann nicht jeder, so wie nicht jeder weiß, wie man die wichtigen Leute glücklich macht. In manchen Unternehmen ist es nicht mal offensichtlich, wer die wichtigen Leute sind und welche Strippen und Hebel sie in der Hand halten. Bis man es weiß, kann einem die gleichsam alte und simple Regel aus Schule und Militär weiterhelfen: Bloß nicht auffallen. Denn erst, wer den Chef oder das komplette Team hinter sich hat, kann es sich leisten, eine andere Meinung als die Gruppe zu vertreten und damit womöglich auch noch Recht zu behalten. Ansonsten lernt man schmerzhaft: Der hervorstehende Nagel bekommt den Hammer zu spüren.
Selbstkontrolle ist nur den wenigsten in die Wiege gelegt. Aber jeder kann sie erlernen. Wer den eigenen Aufstieg plant, tut gut daran, seine sichtbaren Gefühle zu beherrschen und das eigene Auftreten und Handeln dem gewünschten anzugleichen. Darwin beschrieb die natürliche Auslese nicht als Überleben des Stärksten, sondern des Angepasstesten (Survival of the fittest). Statt kurzsichtigem „ich will alles und zwar sofort“ hangelt sich der selbstkontrollierte Aufsteiger von einem Etappenziel zum nächsten und lernt aus jedem Fehlschlag. Jeder muss in einige Fettnäpfe treten und über Fallstricke stolpern, bis er versteht, wie der Hase läuft. Und dann lässt er die anderen laufen und gewinnt dennoch wie der Igel das Rennen.
Gürtner kam vom Mittagessen zurück und fand im Vorzimmer die nächste Kandidatin vor, die ihm Uwe geschickt hatte. Er bat sie in sein Büro.
„Setzen Sie sich. Haben Sie lange gewartet?“
„Nur ein paar Minuten und es war kein Problem, ich hatte ein spannendes Fachbuch dabei“.
„Darf ich fragen, was Sie gerade lesen?“
„Äh... um ehrlich zu sein. Nun ja, es ist von Ihnen.“
„Ach wirklich?!“


alma
am 31. Aug, 18:49
a) Frauen sind klüger, weil sie (schon aus evolutionstechnischen Gründen) kein Problem mit Angepasstheit haben.
b) Ich hatte bislang keinen Erfolg. Bin ich nun keine Frau oder einfach nicht klug genug oder einfach nur zu unangepasst?
am 1. Sep, 00:36
oder
c) Du bist zu gut.
am 1. Sep, 10:55
Pauschalisierungen sind imemr falsch.
Ich kenne durchaus Frauen, die Probleme mit Anpassung haben bzw imstande sind, sich anzupassen, aber sich dementsprechend unwohl damit fühlen.
@Deef: Durchaus guter Text.