Was sich gehört

von Bertl Mütter
auch hitler war ein österreicher
nicht nur christus
(Ernst Jandl)

Er stammte ja aus einer Familie, wie es sie zu jener Zeit mehr und mehr gab, in der man nur noch implizit gläubig war: Ja, natürlich musste es ein höheres Wesen geben, zur Sicherheit grüßte man auch mit seinem Namen und schätzte ansonsten vor allem die arbeitsfreien Feiertage.
(Von seinem Vater wusste er, dass in seiner Kindheit die Lieferung von Brennstoffen mit Heil Hitler, d'Kohln san do angekündigt wurde; mittlerweile waren die alten Verhältnisse wieder zurechtgerückt, Grüß Gott. Hitler, das musste ein wiederabgesetzter Gottesputschist gewesen sein, dessen Vorschriften und Verbote man genau befolgen musste, dann konnte einem nichts geschehen, vor allem durfte man keinen Feindsender aufdrehen; die Pauken der BBC aber hatten sie alle gehört, vom Kind zum Greis, und vor allem den Kleinen hatte man eingeschärft, nur ja den Nachbarn nichts zu erzählen, sie könnten einen verraten. Später, als es, Grüß Gott, vorbei war, war das katakombenhafte Radiohören der kollektiv vorgebrachte Beweis einer, wenn auch verborgenen, so doch widerständigen Gesinnung gewesen, ta ta ta tomm.)

Sonntags, zur Kirche (nein, die Eltern gingen nicht; Mama musste ja den Schweinsbraten und die Semmelknödel zubereiten, Punkt Zwölf wurde gegessen, das gehört sich so) und zum mit fortschreitendem Heranwachsen immer unbeliebteren Spaziergang gehört sich eine gescheite Hose angezogen, und auch die Haare waren schon wieder viel zu lang, schaust ja aus wie ein Hippie. Aufs na und? wurden externe Gründe vorgebracht, vor allem Gespräche zwischen Unbekannten: Was da die Leut reden. Was aber sie genau vermutlich ganz sicher miteinander über seine sonntagsspaziergangsinadäquate und also keinesfalls anzuziehende Hose (eine Blutschin etwa) sprachen, wurde nicht näher ausgeführt, abschätziges, soviel war sicher, und das konnte man sich nicht leisten; möglicherweise hatte man auch ehrliche Angst, sie könnten einen verraten.
Aber brav sein ist schwer hatte ein in der Pfarrbibliothek mehrfach vorhandenes und trotzdem ständig ausverliehenes Kinderbuch von der Frau eines Arztes seiner Heimatstadt geheißen (Die Wand, an der du anstehst, war auch keine Stunde entfernt, hatte er viel später herausgefunden.). Waunsd goschad bisd, kriagsd ane in die Bappm. - Lieber also nicht auffallen, schon gar nicht, wenn diese gefährlichen Drohungen von Burschen kommen, die drei Jahre älter sind als du. Nun gut, schlimm sein ist auch kein Vergnügen.

Heranwachsen bedeutet also, mit (tatsächlichen, mehr noch: mit vorgestellten) obrigkeitlichen Normierungen zu ringen, um diese später, als wohlgesitteter Bürger, möglichst unverändert an die nächste Generation weiter geben zu können; vor allem aber, Wege zu finden, Ungehöriges (Trinken unter 14, Rauchen unter 16, Sexheftln lesen, das Moped auffrisieren) im Verborgenen zu begehen.

Was es aber mit unserer Lebenslangen, als, wie wir sehen mussten, durchaus nicht freiwillig zu bezeichnenden Selbstkontrolle auf sich hat, wie man sich selbst auf die Schliche kommen könnte, um tatsächlich, da ist das Wort: FREI! zu werden, das bedarf einer gesonderten Untersuchung.


Postscriptum

Ein Freund aus einem Hochgebirgsdorf hatte als Student in der Hauptstadt seines zweigeteilten Bundeslandes einen Job bei einer international tätigen deutschen Erotikhandelskette gefunden. Anfangs war er überrascht, wie viele Bekannte er in seinem etwas vom Zentrum abgelegenen Lokal persönlich begrüßen durfte; ja, die Liste der Nichtbesucher wäre kürzer gewesen als die der Kunden, die sich halt das Ganze nur einmal anschauen wollten. Der Gedanke, dass sie alle da waren, aber keiner vom andern erfahren durfte, amüsierte ihn; genau besehen aber bedeutete es eine ungeheuerliche Macht, vergleichbar nur dem zugebeichteten Pfarrer daheim.
Aber auch der würde noch kommen.
So geht das: Was sich gehört und was sich nicht gehört, weil sonst würden die Leut ja schön reden. Und: Wenn das die Nachbarn wüssten. (Feindsenderhören etwa). Diese Generation aber hat uns erzogen.
Mit seiner Posaune vermag er Geschichten zu erzählen, denn: Worüber ich nicht sprechen kann, davon muss ich spielen - und umgekehrt. Bertl Mütter lebt als freischaffender Musiker und Komponist in Wien und verfasst täglich eine Glosse im MütterLog; derart hat sich, unmerklich, das verbale Erzählen zu seiner Arbeit gesellt.
Konzerte führen ihn in die ganze Welt (wohin auch sonst?), zuletzt etwa nach Graz, wo er im Rahmen der styriarte drei Soloabende, Mütters Müllerin, Schubert:Winterreise:Mütter und Mütters Dichters Liebe (UA) geben durfte, allerhand.
Mit wem aller Bertl Mütter schon gespielt hat, wollte er uns nicht verraten; er behauptet, er könne sich nicht erinnern. Vielleicht finden Sie ja dazu Hinweise auf seiner Homepage; sie sei hiermit wärmstens empfohlen.
mindestens haltbar 08/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 15
ISSN 1816-8159
Autor: Bertl Mütter
Titel: Was sich gehört
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