
Vom wilden Lachen
von Frau Klugscheisser
Über Robert Gernhardt ist anlässlich seines Todes viel und besser geschrieben worden als ich es könnte. Der Mann hatte Humor und war Deutscher, womit bewiesen wäre, dass sich beide Eigenschaften nicht zwingend gegenseitig ausschließen. Aus europäischer Nachbarschaft trifft uns nämlich oft genug der Vorwurf der Humorlosigkeit, ein Totschlagargument aus Entstehungszeiten des German Bashings. Vielleicht verstehen man ihn im Ausland nur nicht, den deutschen Humor. Immerhin hat Humor oft genug mit Sprache zu tun, und die wird selbst von vielen Deutschen nicht ausreichend beherrscht. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Was uns dabei leider in die Quere kommt, ist ein Hang zur Selbstkontrolle. Nur Kindern wird hemmungsloses Lachen nachgesehen. Zumindest wenn es in der richtigen Dosierung erfolgt.
Im zarten Alter von neun Jahren war ich Teilnehmer einer Safari durch Kenia. In einem alten VW-Bus wurden wir durch die Savanne gekarrt. Erwischte der Fahrer ein Schlagloch, wurden alle zehn Insassen wie auf Kommando gleichzeitig von ihren Sitzen geschleudert. Die Szene war in meinen Augen so grotesk, dass ich mich vor Lachen bog und ungeduldig auf das nächste Schlagloch wartete. Der einheimische Fahrer beobachtete mein Verhalten und fragte schließlich meine Mutter, ob mit mir alles in Ordnung sei. Sie wusste nicht, ob sie wahrheitsgetreu zustimmen könne, ermahnte mich aber zur Sicherheit, mich zusammenzureißen. Dabei hatte ich den alten Gauner in Verdacht, dass er absichtlich kein Schlagloch ausließ, um mein Verhalten zu provozieren. So entstehen Vorurteile.
Am liebsten lachte ich über Missgeschicke der anderen. Als meine Großmutter beispielsweise nach einem Topf im Küchenschrank angelte und plötzlich kopfüber in selbigen hineinkippte, gab es für mich kein Halten mehr. Zugegeben, ich habe mit einem kleinen Stups nachgeholfen. Hinterher verging mir das Lachen sehr schnell. Auch sonst hatte ich nicht viel zu lachen. Das hat Kindheit so an sich. Deswegen erfand ich ein Spiel, das Zündungslachen hieß und in langweiligen Zeiten zum Einsatz kam. Der Anlasser unseres alten Autos stand dafür Modell. Die Regeln waren sehr einfach: man produziert einen willkürlichen Lachlaut. Auf jeden Lacher folgt ein weiterer, bis der Motor anspringt und von alleine läuft. Im Zuge späterer Recherche musste ich leider feststellen, dass meine Idee von einem durchgeknallten indischen Freak geklaut worden ist. Die sollten sich lieber mal nach ordentlichen Autos umsehen.
Meine Mutter erzählte gerne lustige Geschichten, wobei sich bereits mit den ersten Sätzen ein unkontrolliertes Grinsen in ihrem Gesicht breit machte. Im Laufe der Erzählung versuchte sie erfolglos, das in ihr aufsteigende Lachen zu unterdrücken. Die Folge davon waren entgleiste Gesichtszüge, eine gepresste Stimmlage und unlogisch gekiekste Betonungen sowie eine unverständliche Aussprache. Am Ende rang sie meist nach Luft und wischte sich die Tränen aus den Augen. Ich fand dieses Gebaren sehr entwürdigend, zumal ich mich in meiner Pubertät stets bemühte, ihr mit unveränderter Miene zu lauschen, was zugegebenermaßen nicht einfach war. Auch diese meine Idee zur Verfeinerung der Körperbeherrschung traf ich später bei Literaturlesungen wieder. Finden sich nämlich Menschen ein, um Kunst zu konsumieren, hat dies in dem Werk angemessener Manier zu geschehen. Wer lacht, enttarnt sich als Dummkopf. Die Klugen philosophieren lieber theoretisch über Humor in der Literatur, um ihren Kunstverstand zu zelebrieren.
In der Schule blieb auch ich nicht vor den großen Schriftstellern verschont. Dabei saugte ich dankbar jede humorige Wendung zwischen den trockenen Satzgefilden auf. So war ich der irrtümlichen Überzeugung, Thomas Mann sei irre komisch. Erst als ich wirklich humorvolle Literatur las, wurde mir klar, es geht auch anders. Ich entdeckte David Sedaris. Um einen kranken Freund zu erheitern, las ich ihm aus meiner Neuentdeckung vor, selbstverständlich auf englisch. Dabei unterbrach ich den Vortrag immer wieder mit Kommentaren wie „ist das nicht lustig?“ oder „ich könnte mich wegschmeißen, wenn ich das lese“, teilweise auch durch lautstarkes Lachen nach besonders famosen Formulierungen. Der Kranke - seines Zeichens gebürtiger Mönchengladbacher - teilte meine Meinung nicht im mindesten, was mich nachdenklich stimmte. Warum hatten wir nicht denselben Sinn für Humor? War ich am Ende doch keine Deutsche, sondern nur nach der Geburt vertauscht worden? Erst als ich Gernhardt entdeckte, da wusste ich, wir sind derer schon zwei. Und fortan scheute ich mich nicht, in unkontrolliertes Gelächter auszubrechen, wenn mir danach war.
Niveauvoll ist das selbstverständlich nicht, eher laut, entfesselt und aus meinem tiefsten Inneren. In Japan ernte ich dafür von Passanten indignierte Blicke. Eine Japanerin lacht nur hinter vorgehaltener Hand, ganz wie es die Tradition vorschreibt. Überhaupt ist die Äußerung von Gefühlsregungen dort verpönt. Man lässt sich einfach nicht in der Öffentlichkeit gehen, da dies einem Gesichtsverlust gleichkommt. Damit verglichen sind selbst Bewohner aus dem kühlen Norden Deutschlands die reinsten Feuerwerkskörper. Wer in der Lage ist, unkontrolliert zu lachen, überflutet seinen Körper mit Glückshormonen. Besonders wichtig wird diese Tatsache angesichts der bevorstehenden dunklen Jahreszeit. Wer nicht herzhaft lachen möchte, der kann für denselben Effekt alternativ tonnenweise Schokolade essen, sich im Dauerlauf durch den Wald prügeln, sich stundenlang einer Höhensonne aussetzen oder wahllos seine Mitmenschen küssen. Besonders ratsam ist das jedoch nicht. Lachen hingegen macht glücklich, ist leicht zu lernen und kostet nur ein wenig Überwindung. Und unkontrolliertes Lachen ist fast so schön wie ein niveauloser Orgasmus.
Im zarten Alter von neun Jahren war ich Teilnehmer einer Safari durch Kenia. In einem alten VW-Bus wurden wir durch die Savanne gekarrt. Erwischte der Fahrer ein Schlagloch, wurden alle zehn Insassen wie auf Kommando gleichzeitig von ihren Sitzen geschleudert. Die Szene war in meinen Augen so grotesk, dass ich mich vor Lachen bog und ungeduldig auf das nächste Schlagloch wartete. Der einheimische Fahrer beobachtete mein Verhalten und fragte schließlich meine Mutter, ob mit mir alles in Ordnung sei. Sie wusste nicht, ob sie wahrheitsgetreu zustimmen könne, ermahnte mich aber zur Sicherheit, mich zusammenzureißen. Dabei hatte ich den alten Gauner in Verdacht, dass er absichtlich kein Schlagloch ausließ, um mein Verhalten zu provozieren. So entstehen Vorurteile.
Am liebsten lachte ich über Missgeschicke der anderen. Als meine Großmutter beispielsweise nach einem Topf im Küchenschrank angelte und plötzlich kopfüber in selbigen hineinkippte, gab es für mich kein Halten mehr. Zugegeben, ich habe mit einem kleinen Stups nachgeholfen. Hinterher verging mir das Lachen sehr schnell. Auch sonst hatte ich nicht viel zu lachen. Das hat Kindheit so an sich. Deswegen erfand ich ein Spiel, das Zündungslachen hieß und in langweiligen Zeiten zum Einsatz kam. Der Anlasser unseres alten Autos stand dafür Modell. Die Regeln waren sehr einfach: man produziert einen willkürlichen Lachlaut. Auf jeden Lacher folgt ein weiterer, bis der Motor anspringt und von alleine läuft. Im Zuge späterer Recherche musste ich leider feststellen, dass meine Idee von einem durchgeknallten indischen Freak geklaut worden ist. Die sollten sich lieber mal nach ordentlichen Autos umsehen.
Meine Mutter erzählte gerne lustige Geschichten, wobei sich bereits mit den ersten Sätzen ein unkontrolliertes Grinsen in ihrem Gesicht breit machte. Im Laufe der Erzählung versuchte sie erfolglos, das in ihr aufsteigende Lachen zu unterdrücken. Die Folge davon waren entgleiste Gesichtszüge, eine gepresste Stimmlage und unlogisch gekiekste Betonungen sowie eine unverständliche Aussprache. Am Ende rang sie meist nach Luft und wischte sich die Tränen aus den Augen. Ich fand dieses Gebaren sehr entwürdigend, zumal ich mich in meiner Pubertät stets bemühte, ihr mit unveränderter Miene zu lauschen, was zugegebenermaßen nicht einfach war. Auch diese meine Idee zur Verfeinerung der Körperbeherrschung traf ich später bei Literaturlesungen wieder. Finden sich nämlich Menschen ein, um Kunst zu konsumieren, hat dies in dem Werk angemessener Manier zu geschehen. Wer lacht, enttarnt sich als Dummkopf. Die Klugen philosophieren lieber theoretisch über Humor in der Literatur, um ihren Kunstverstand zu zelebrieren.
In der Schule blieb auch ich nicht vor den großen Schriftstellern verschont. Dabei saugte ich dankbar jede humorige Wendung zwischen den trockenen Satzgefilden auf. So war ich der irrtümlichen Überzeugung, Thomas Mann sei irre komisch. Erst als ich wirklich humorvolle Literatur las, wurde mir klar, es geht auch anders. Ich entdeckte David Sedaris. Um einen kranken Freund zu erheitern, las ich ihm aus meiner Neuentdeckung vor, selbstverständlich auf englisch. Dabei unterbrach ich den Vortrag immer wieder mit Kommentaren wie „ist das nicht lustig?“ oder „ich könnte mich wegschmeißen, wenn ich das lese“, teilweise auch durch lautstarkes Lachen nach besonders famosen Formulierungen. Der Kranke - seines Zeichens gebürtiger Mönchengladbacher - teilte meine Meinung nicht im mindesten, was mich nachdenklich stimmte. Warum hatten wir nicht denselben Sinn für Humor? War ich am Ende doch keine Deutsche, sondern nur nach der Geburt vertauscht worden? Erst als ich Gernhardt entdeckte, da wusste ich, wir sind derer schon zwei. Und fortan scheute ich mich nicht, in unkontrolliertes Gelächter auszubrechen, wenn mir danach war.
Niveauvoll ist das selbstverständlich nicht, eher laut, entfesselt und aus meinem tiefsten Inneren. In Japan ernte ich dafür von Passanten indignierte Blicke. Eine Japanerin lacht nur hinter vorgehaltener Hand, ganz wie es die Tradition vorschreibt. Überhaupt ist die Äußerung von Gefühlsregungen dort verpönt. Man lässt sich einfach nicht in der Öffentlichkeit gehen, da dies einem Gesichtsverlust gleichkommt. Damit verglichen sind selbst Bewohner aus dem kühlen Norden Deutschlands die reinsten Feuerwerkskörper. Wer in der Lage ist, unkontrolliert zu lachen, überflutet seinen Körper mit Glückshormonen. Besonders wichtig wird diese Tatsache angesichts der bevorstehenden dunklen Jahreszeit. Wer nicht herzhaft lachen möchte, der kann für denselben Effekt alternativ tonnenweise Schokolade essen, sich im Dauerlauf durch den Wald prügeln, sich stundenlang einer Höhensonne aussetzen oder wahllos seine Mitmenschen küssen. Besonders ratsam ist das jedoch nicht. Lachen hingegen macht glücklich, ist leicht zu lernen und kostet nur ein wenig Überwindung. Und unkontrolliertes Lachen ist fast so schön wie ein niveauloser Orgasmus.




alma
am 31. Aug, 16:35