
Aufs Meer hinausfahren
von Towanda
Vor etwa zwei Jahren war mein Beruf die pädagogische Begleitung von sogenannten arbeitsmarktorientierten Projekten für Arbeitslose unter 25 Jahren. Zusätzlich gehörte der Unterricht im großen Bereich "Wirtschaft und Soziales" zu meinen Aufgaben.
Würde man meine Teilnehmer von damals verschlagworten wollen, kämen auf jeden Fall diese unsäglichen Ausdrücke "bildungsferne Haushalte" und "Migrationshintergrund" vor. Gebraucht wurde daher an Unterrichtsinhalten nahezu alles. So kündigten wir in meinem Unterricht eifrig Mobilfunkverträge, zerpflückten Bildzeitungsmeldungen oder machten uns Gedanken über Versicherungen, die ein Mensch so braucht. Alles mit mehr oder weniger Interesse meiner Teilnehmer. Meist weniger, doch der Gedanke, das Gelernte doch irgendwie gebrauchen zu können, hielt die Leute halbwegs bei der Stange.
Einer meiner Teilnehmer (nennen wir ihn Hassan) war anders: Hassan war Marokkaner, mit einer Deutschen verheiratet und schon fast intellektuell. Es gab kaum einen Tag, an dem er seine Pause nicht über ein Buch vertieft verbrachte. Zu seinen Kollegen war er ausnahmslos freundlich.
Seit gut einem Jahr war er in Deutschland. Er sprach vier Sprachen fließend, und es gab nichts, was ihn nicht interessierte. Ob Möbelstilkunde, Privatinsolvenz, Geschäftsbriefe schreiben oder Prozentrechnen: Hassan saugte Informationen auf wie ein Schwamm und folgte dem Unterricht gespannt. Nur ab und zu blätterte er in seinem Französischwörterbuch, mit dem er sich Wörter übersetzte, die er nicht verstanden hat.
Nach einem Vorstellungsgespräch fuhr ich Hassan nach Hause. Er wohnte sehr ländlich, und die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln war mehr als ungünstig. Wir fuhren durch die hügelige und fast unbewohnte Landschaft, und Hassan beschrieb mir voller Begeisterung, wo seine Lieblingsplätze sind und wo man die beste Aussicht aufs Tal hat.
Während ich noch bewunderte, wie schnell er sich eingelebt und an der meiner Meinung nach eher nichtssagenden Umgebung Gefallen gefunden hat, sprach Hassan von einem nahegelegenen Steinbruch. Dort sei er öfter, weil man dort so schöne Fossilien finde. Aber er müsse aufpassen, denn das sei verboten, und wenn der Besitzer des Steinbruchs ihn erwische, dann schicke er Hassan immer weg.
Hassan konnte das nicht verstehen: Wie konnte einem Menschen Landschaft gehören? Es sei ja auch kein Zaun drum, und es störe doch niemanden, wenn er dort nach Fossilien sucht. Ich erklärte ihm, dass das vermutlich auch nicht das Problem sei. Doch wenn er dort stürzen und sich schwer verletzen würde, dann müsse der Besitzer des Steinbruchs vielleicht Schadenersatz an ihn zahlen. Und um das von vorneherein zu vermeiden, ließe der Besitzer niemanden zum Steinbruch, vermutete ich.
Er wolle doch gar keinen Schadenersatz, entgegnete Hassan, er wolle nur Fossilien suchen. Und wenn er irgendwo stürzt, sei das seine Sache. Ich beschrieb ihm, wie Krankenkassen und Rentenversicherer bei Unfällen nachfragen können, um die Haftung auf jemanden anderes abzuwälzen. Spätestens ab dann sei der Unfall und seine Kosten nicht mehr nur sein eigenes Problem. Was wäre, wenn er unglücklich fällt und sich das Genick bricht? Wer soll dann für seine Familie sorgen? Ich hielt einen Vortrag über Lebensversicherungen, Krankenkassen, Rentenversicherungsträger und zeichnete in wenigen Minuten einen gordischen Knoten aus Versicherungen, Ansprüchen, Gegenansprüchen, Prozessen und Gutachten auf, der erst zerschlagen sein müsste, bis seine Familie versorgt werden könne.
Hassan wurde immer nachdenklicher. Bei sich in Marokko, dort gehöre das Meer niemandem. Wenn er dort mit seinen Freunden angeln will, dann fragt er nirgendwo. Er fahre einfach los. Wenn einer beim Angeln ertrinkt, dann kümmere sich die Familie oder die Dorfgemeinschaft um die Hinterbliebenen. Sicher nicht mit Geldleistungen wie eine Kapitallebensversicherung das tut. Aber es muss niemand hungern. Und jeder kann aufs Meer hinausfahren, wann er möchte.
Hassan ist inzwischen nicht mehr in Deutschland. Kurz nach diesem Gespräch musste er zurück nach Marokko, weil er sich zu sehr in den deutschen Gesetzen verheddert hat. Ohne schuld daran zu sein. Doch das ist eine andere Geschichte.
Manchmal, wenn ich meine Versicherungsunterlagen durchgehe, denke ich an dieses Gespräch mit ihm. Und daran, wie gern ich auch einfach aufs Meer hinausfahren würde, ohne jemanden zu fragen.
Würde man meine Teilnehmer von damals verschlagworten wollen, kämen auf jeden Fall diese unsäglichen Ausdrücke "bildungsferne Haushalte" und "Migrationshintergrund" vor. Gebraucht wurde daher an Unterrichtsinhalten nahezu alles. So kündigten wir in meinem Unterricht eifrig Mobilfunkverträge, zerpflückten Bildzeitungsmeldungen oder machten uns Gedanken über Versicherungen, die ein Mensch so braucht. Alles mit mehr oder weniger Interesse meiner Teilnehmer. Meist weniger, doch der Gedanke, das Gelernte doch irgendwie gebrauchen zu können, hielt die Leute halbwegs bei der Stange.
Einer meiner Teilnehmer (nennen wir ihn Hassan) war anders: Hassan war Marokkaner, mit einer Deutschen verheiratet und schon fast intellektuell. Es gab kaum einen Tag, an dem er seine Pause nicht über ein Buch vertieft verbrachte. Zu seinen Kollegen war er ausnahmslos freundlich.
Seit gut einem Jahr war er in Deutschland. Er sprach vier Sprachen fließend, und es gab nichts, was ihn nicht interessierte. Ob Möbelstilkunde, Privatinsolvenz, Geschäftsbriefe schreiben oder Prozentrechnen: Hassan saugte Informationen auf wie ein Schwamm und folgte dem Unterricht gespannt. Nur ab und zu blätterte er in seinem Französischwörterbuch, mit dem er sich Wörter übersetzte, die er nicht verstanden hat.
Nach einem Vorstellungsgespräch fuhr ich Hassan nach Hause. Er wohnte sehr ländlich, und die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln war mehr als ungünstig. Wir fuhren durch die hügelige und fast unbewohnte Landschaft, und Hassan beschrieb mir voller Begeisterung, wo seine Lieblingsplätze sind und wo man die beste Aussicht aufs Tal hat.
Während ich noch bewunderte, wie schnell er sich eingelebt und an der meiner Meinung nach eher nichtssagenden Umgebung Gefallen gefunden hat, sprach Hassan von einem nahegelegenen Steinbruch. Dort sei er öfter, weil man dort so schöne Fossilien finde. Aber er müsse aufpassen, denn das sei verboten, und wenn der Besitzer des Steinbruchs ihn erwische, dann schicke er Hassan immer weg.
Hassan konnte das nicht verstehen: Wie konnte einem Menschen Landschaft gehören? Es sei ja auch kein Zaun drum, und es störe doch niemanden, wenn er dort nach Fossilien sucht. Ich erklärte ihm, dass das vermutlich auch nicht das Problem sei. Doch wenn er dort stürzen und sich schwer verletzen würde, dann müsse der Besitzer des Steinbruchs vielleicht Schadenersatz an ihn zahlen. Und um das von vorneherein zu vermeiden, ließe der Besitzer niemanden zum Steinbruch, vermutete ich.
Er wolle doch gar keinen Schadenersatz, entgegnete Hassan, er wolle nur Fossilien suchen. Und wenn er irgendwo stürzt, sei das seine Sache. Ich beschrieb ihm, wie Krankenkassen und Rentenversicherer bei Unfällen nachfragen können, um die Haftung auf jemanden anderes abzuwälzen. Spätestens ab dann sei der Unfall und seine Kosten nicht mehr nur sein eigenes Problem. Was wäre, wenn er unglücklich fällt und sich das Genick bricht? Wer soll dann für seine Familie sorgen? Ich hielt einen Vortrag über Lebensversicherungen, Krankenkassen, Rentenversicherungsträger und zeichnete in wenigen Minuten einen gordischen Knoten aus Versicherungen, Ansprüchen, Gegenansprüchen, Prozessen und Gutachten auf, der erst zerschlagen sein müsste, bis seine Familie versorgt werden könne.
Hassan wurde immer nachdenklicher. Bei sich in Marokko, dort gehöre das Meer niemandem. Wenn er dort mit seinen Freunden angeln will, dann fragt er nirgendwo. Er fahre einfach los. Wenn einer beim Angeln ertrinkt, dann kümmere sich die Familie oder die Dorfgemeinschaft um die Hinterbliebenen. Sicher nicht mit Geldleistungen wie eine Kapitallebensversicherung das tut. Aber es muss niemand hungern. Und jeder kann aufs Meer hinausfahren, wann er möchte.
Hassan ist inzwischen nicht mehr in Deutschland. Kurz nach diesem Gespräch musste er zurück nach Marokko, weil er sich zu sehr in den deutschen Gesetzen verheddert hat. Ohne schuld daran zu sein. Doch das ist eine andere Geschichte.
Manchmal, wenn ich meine Versicherungsunterlagen durchgehe, denke ich an dieses Gespräch mit ihm. Und daran, wie gern ich auch einfach aufs Meer hinausfahren würde, ohne jemanden zu fragen.




Tiffany & Co
am 19. Jun, 10:31