0215 - Kontrolliert

Das Einzige, was der Mensch kontrollieren kann, sind seine Gefühle

Neuro
Bedenke was in deiner Macht steht und was nicht. Einige Dinge sind in unserer Gewalt, andere nicht. In unserer Gewalt sind: Meinung, Trieb, Begierde, Widerwille: Alles, was unser eigenes Werk ist. Nicht in unserer Gewalt sind: Leib, Vermögen, Ansehen, Aemter: Alles, was nicht unser eigenes Werk ist.
Manche Geschichten fangen harmlos an. Man geht irgendwohin und tut irgendwas, Dinge geschehen, Dinge werden in Bewegung gesetzt, Gegenstände werden von A nach B bewegt, Worte wechseln über den Luftraum die Empfänger und dann passiert was. Etwas, worauf wir uns entweder einen Reim machen, oder eben nicht. Wir machen uns unsere eigene Reime im Kopf. Damit versuchen wir die Situation, in der wir uns befinden, weitgehendst zu kontrollieren. Manchmal gelingt uns das, manchmal aber nicht. Werkzeuge wie Kritik, Spott oder voreilige Urteile kommen zum Einsatz. Weil es jede Menge Dinge gibt, die wir nicht verstehen. Die uns so kaputt machen, dass man am liebsten vor sich hin stöhnen will. Man kann aber nichts dagegen tun. In solchen Momenten denk ich an Epiktet. Das Einzige, was der Mensch wirklich unter Kontrolle hat, sind die eigene Gefühle, hat er gesagt. Das ist dein Kapital. Bis man das kapiert hat, hat man Kubikmeter von Tränen vergossen und kilometerlange Briefe nach Irgendwo geschrieben, die nie abgeschickt worden sind. Worte, die keiner hören wollte und Tränen, die keiner gesehen hat. Bis die Erkenntnis kommt, alles, was Du im Griff hast, Mensch, sind deine eigene Gefühle, dein Ich und deine Empfindungen. Du kannst die Gefühle der anderen nicht kontrollieren. Du hast keine Kontrolle über deinen Kontostand, du hast keine echte Kontrolle über deine Gesundheit, du hast keine Kontrolle über deine Kinder. Und was du auch nicht kontrollieren kannst, ist der Mensch next you. Du kannst weder seine Liebe erzwingen, noch versuchen, ihn/sie dazu zu bewegen, ihr/sein eigenes Glück in die Hand zu nehmen.

Das Ritual:

zuerst nachdenken, dann bloggen

ist definitiv nicht mein Märchen.

Nach innen schau!
Wenn es dir einmal begegnet, dass du dich
nach außen wendest, in der Absicht, irgendeinem zu
gefallen, so wisse, dass du deine innere Stellung verloren
hast.


Jedem seine eigene Märchenwelt.
In meinem Märchen blogge ich in Echtzeit, statt zuerst darüber nachzudenken. Das gibt mir Macht. Macht, die keine besondere Wirkung nach außen hat, eine Macht über mein eigenes Ich. Ohne nachzudenken, was die Anderen denken würden, über das, was ich zuvor übergedacht und zurechtgeschnitten habe, als ob ich darüber Kontrolle haben könnte, wer was über mich denkt. Hab ich nicht. Interessiert mich nicht. Jeder denkt sich sein eigenes Teil dazu und gut ist. Auf gut Glück. Ob meine Intention, meine Gefühlslage nach außen so kommt, wie ich es mir erwünscht habe, kann ich nicht kontrollieren. Deswegen bringt es mir nichts, darüber nachzudenken, zu erwägen, was ich schreibe und wie das aufgenommen wird. Ich schreibe los. Worte werden eingetippt, das Gehirn wird pro Wort um ein Kilo leichter. So ist das. Menschen lesen Bücher, Menschen lesen The News, Menschen lesen in den Gesichtern. Und Menschen lesen eben Blogs. Mit Betonung auf l-e-s-e-n. Ich teile mich mit, Menschen lesen. Ich zeichne meine Gefühlslage auf und Menschen lesen. Ich sehe was du nicht siehst und Menschen lesen. Wie sie das tun, was sie sich dabei denken, was sie über mich denken, darüber hab ich keine Kontrolle. Auch dann nicht, wenn ich stundenlang darüber nachdenke, wie ich die Menschen dazu bewegen könnte, ein bisschen zu manipulieren. Ein bisschen dazu zu zwingen, meine Einsichten als die wahren anzuerkennen. Blogger wünschen sich tolle Leser, so wie die Zeitschriften sich tolle Leserschaft wünschen, so wie sich die Literaturpäpste intelligente Leser wünschen, Leser, die selbst einem selbst würdig sind. Darauf hast du keinen Einfluss, Blogger. Auch, wenn du dich so sehr drum bemühst.

Der Ausdruck Medienmanipulation bezeichnet die verzerrte Darstellung der Realität, die Journalisten und Nachrichtenproduzenten durch eine bestimmte Vorauswahl bzw. die Art der Berichterstattung in die Massenmedien bringen, sowie die daraus folgende verzerrte Wahrnehmung.

Die vezerrte Darstellung der Realität finden wir auch in unseren Blogs, in denen wir durch unsere subjektive Art der Berichterstattung das zu beschreiben versuchen, was wir denken, tun, was wir beobachten, was wir gut oder nicht gut finden. Grandios, keine Frage. Jeder auf seine Art. Die Gedanken geradeaus los schreiben. Unkontrolliert. Lostippen. Loswerden. Dinge loswerden, die sich vorübergehend im Kopf breit gemacht haben. Die Maschine namens Mensch arbeitet non-stop ohne Pause. Atme ein, atme aus, denke. Gedankenblasen im Kopf, die mit passenden Worten ausgefüllt werden. Worte liegen dort quer und kreuz und warten drauf, in richtiger Reihenfolge eingetippt zu werden. Nichtssagende Gedanken, obligatorisch klingende Sätze, im Kopf bestehende Welten, die Welten aus Millionen von nicht immer zusammenhängenden Silben. Und dann wird losgetippt, weiß der Teufel warum. Weiß der Teufel wieso Millionen von Menschen in ihren Blogs Gedanken schreiben.
Sie tun es eben.

Wer hat den Schaden?
Wenn dich jemand schlimm behandelt, oder
Schlimmes von dir redet, so bedenke, dass er es tut
oder redet in der Meinung, er sei im Recht. Es ist nun
nicht möglich, dass er dem folge, was du für richtig
hältst, sondern dem, was er dafür hält. Wenn nun
seine Meinung falsch ist, so hat er den Schaden, sofern
er sich in einer Täuschung befindet.


Frankreich hat's vielleicht die Weltmeisterschaft gekostet. Gefühle sind Gefühle, das macht uns Menschen aus. Emotionale Ausrutscher. Damit sind wir menschlich gebrandmarkt. Brand it like Mensch. Dem Zidane war sein eigener Stolz und die eigene Ehre viel wichtiger als die Ziele, die er sich als Mensch bzw. Spieler gesetzt hat. Vielleicht, weil Ziele langfristig sind und der Stolz kurzfristig zu befriedigen ist. Das ist sehr einfach und wird rucki zucki erledigt. Und wer hat den Schaden getragen? Ich bin mir sicher, das waren weder Frankreich noch das Volk bzw. die Fans, das war Zidane selbst. In die Falle gelockt, reingefallen. Wem eigene Ehre und Stolz wichtiger sind als das Ziel, der ist reingefallen, in einen Strudel von Eitelkeit und falschem Stolz.

Wie man dem Lästerer das Maul stopft.
Wenn dir jemand hinterbringt, dass der
oder jener Schlimmes von dir rede, so verteidige
dich nicht gegen das Gesagte, sondern antworte: Der
wusste also nichts von meinen übrigen Fehlern, sonst
würde er wohl nicht bloß von diesen gesprochen haben.


Günter Grass. Was ist mit Günter Grass?
Günter Grass gibt zu, menschliche Schwächen zu haben. Er ist bereit, von den Medien, Menschen, der Masse, niedergetreten zu werden, seine Ehre und seinen Stolz zu verlieren.
Vielleicht hat sich Herr Grass die letzte Zeit mit Epiktet auseinandergesetzt oder ist Herr Grass einfach erwachsen geworden. Wo die Ehre, der Stolz keine Macht mehr über einen hat, keine Kontrolle ausübt, sondern das wahre, eigene Ich die Oberhand gewinnt. Das eigene, verletzliche Ich. Ich habe Fehler gemacht, und ich stehe dazu. Ihr könnt ruhig drauf treten und drauf spucken, das ist eure gutes Recht, aber es berührt mich nicht. Dinge sind nun mal geschehen. Die Meinung der Menschen ist, wie bereits erwähnt, sehr leicht manipulierbar. Die Macht der Masse, die den Standard kontrolliert. Den Standard, den die besagte Masse schluckt, wie Nahrung, um weiterleben zu können. Wie die Goldfische im Aquarium, die in eigner Kloake schwimmen. An die eigene Nase anfassen, das vergessen die Leute, es ist einfacher, mit dem Finger irgendwo drauf zu zeigen.

Wer hat den Schaden?
Wenn dich jemand schlimm behandelt, oder
Schlimmes von dir redet, so bedenke, dass er es tut
oder redet in der Meinung, er sei im Recht. Es ist nun
nicht möglich, dass er dem folge, was du für richtig
hältst, sondern dem, was er dafür hält. Wenn nun
seine Meinung falsch ist, so hat er den Schaden, sofern
er sich in einer Täuschung befindet.


P.S.: Anspruchslosigkeit.

Niemals nenne dich selbst einen Philosophen.
Auch sprich unter Laien nicht viel von den
Lehrsätzen der Wissenschaft, sondern handle nach
denselben. So sprich z.B. bei der Mahlzeit nicht
davon, wie man essen soll, sondern iss, wie man essen
soll. Erinnere dich, dass auf diese Weise Sokrates alles
sich zur Schau Stellen von sich abgelegt hat. Es
kamen sogar Leute zu ihm, welche von ihm den Philosophen
vorgestellt sein wollten, und er führte sie hin.
So leicht ertrug er es, übersehen zu werden.


(Epiktet: Handbüchlein der stoischen Moral)
Neuro (33) lebt oberflächlich. Ausserdem ist Neuro folgendes: Vollwertiger Ersatz für jede Geselligkeit. Obladii and Obladaa. Inbegriff der Kunst. Arme Sau. And my momma always told me "my baby`s a genius". Nur--für--Verrückte. Nicht für jedermann. Wunder der Menschendressur. Soziale Dysfunktion. Like a monkey in the bank. Gegen die Lüge von ewigem Glück und Zufriedenheit. Runtime Error.

Wein – Genussmittel im Kontrollzustand

Angelika Deutsch
Trinken Sie noch Holzfass oder schon Späne? Des Cosmopoliten liebstes Genussmittel steht im Spannungsfeld zwischen Künstlichkeit und Authentizität. Gedanken zur kontrollierten Natur des Weines.
Ein Gespenst ging um in Europa, zu Jahresbeginn, das Gespenst des Bösen Weines. Das Handelsabkommen mit den Vereinigten Staaten ließ bei den Konsumenten die Angst vor dem totalen Kunstwein entstehen, Bezeichnungen wie „Frankensteinwein“ machten die Runde. Die Eichenchips waren da noch das Begreiflichste unter den beim „Feind“ erlaubten Maßnahmen, während die berüchtigte spinning cone column ganz den düsteren Labors sinistrer Unterwanderer der hehren Lehre des reinen Weines zu entstammen schien. Und so entstieg gleichzeitig ein Mythos den angsterfüllten europäischen Herzen, der Mythos von den ursprünglichen Weinlandschaften, die höchsten Genuss reifen lassen, und die Mär vom ursprünglichen, authentischen, terroirgetränkten und von aufrichtigen Winzerhänden zum Leben gebrachten Wein, der nicht nur Nischenberechtigung haben dürfe, sondern in aller Munde sich entfalten solle, feierte fröhliche Urständ. Grund genug, sich dieses so begehrlich gehüteten Schatzes der Alten Welt etwas anzunehmen. Und siehe da, bei näherer Betrachtung kommt die Einsicht, dass Wein in jedweder Form, aber eben auch in seiner höchsten Qualitätsausformung ein Produkt der totalen Kontrolle ist, wo dem Zufall so wenig Spielraum als möglich zu lassen versucht wird. Das beginnt schon bei der Auswahl der Rebstock-Klone, die maßgeschneidert für den jeweiligen Boden und das dort herrschende Mikroklima zu haben sind; erfolgreiche Winzer selektieren selbst und lassen ihre Erfolgsreben züchten und vervielfältigen. Dann die vermeintliche Naturverbundenheit der Weingartenarbeit, die sich inzwischen als einer der maßgeblichsten Faktoren für konkurrenzfähige Weine mit eigenständigem Profil auch in den Köpfen bislang technikgläubiger Winzer, die diese Erkenntnis nun stolz vor sich her tragen, durchgesetzt hat: für das ideale Verhältnis Qualität : Ertrag bedarf es unzähliger Handgriffe, von maßvollem Pflanzenschutz über Bodenbearbeitung bis hin zum kontrollierten Rebschnitt, und da muss man schon prophetisch veranlagt sein, um zum rechten Zeitpunkt über das Mehr oder Weniger entscheiden zu können. Die Ernte dann: Da kommt neuerdings die Temperaturkontrolle ins Spiel, Kühlwägen sorgen für Schonung der Trauben bis zum Presshaus, die Größe der Lesegefäße spielt ebenso eine Rolle, und Mehrfach-Lesedurchgänge für optimale Ausbeutung der Traubenreife sind mittlerweile Standard im Qualitätsweinbau. Und erst recht im klinisch sauberen Keller: Ohne neue Technologie geht da kaum mehr was, wenn der Zufall nicht überhand gewinnen will. Selbst der bewusste Einsatz von Schwerkraft, um den Wein nicht unnötig vorzeitig zu stressen, fällt unter den Begriff „Kontrolle“. Man möge auch nur einmal all die erlaubten Wege und Mittel zur Weinbehandlung genüsslich studieren – da erscheint das Weinland Europa (um es mal ganz global zu sehen) gleich in weniger strahlendem Licht. Für mich der Inbegriff an Ironie aber ist jenes Labor, das sich explizit um die Authentizität der mit seinen Produkten entstandenen Weine schmückt! Irgendwann fragt man sich jedenfalls, ob ehrliche Eichenchips, die mangels Holzatmung ohnehin nie zu einem eleganten Barrique-Wein verhelfen können, nicht mindestens so akzeptabel sind wie gängige Konzentrationsmethoden, die aus wenig viel zu machen versuchen. Ja und dann ist da noch das mit der Verschlusssache: Korken Sie noch oder schrauben Sie schon? Inmitten eines Wustes an Maßnahmenpaketen zur Kontrolle des Weines als Winzer mit eigenständigem Profil beachtungsgebietendem Wein dennoch zu bestehen, ist zugegeben eine ständige Gratwanderung. Und so scheint es kein Wunder, dass sich ehrenwerte Winzergruppierungen um Abgrenzung bemühen wie die Vinea Wachau mit dem neuen Codex, dass Rufe nach einem „Reinheitsgebot für deutschen Wein“ ertönen oder von Andreas März eine Charta des Reinen Weines initiiert wird. Als mitfühlende Konsumentin genieße ich jedenfalls die sorgsam kontrollierten Weine im Wissen um ihre Möglichkeiten, hoffe auf deren Eigenleben im Laufe ihrer Reifungsjahre und gebe mich mit Freude dem kontinuierlichen Kontrollverlust hin ....
hat Wein dem rein persönlichen Trinkfluss entrissen und ins Berufsleben eingebunden. Ganz allgemein sind Genussthemen seit je beständige Begleiter ihres bewegten Lebens; für immer neues soulfood sorgt sie in ihrem Weblog ConAlma.

Müsli und Perestroika

Aschantinuss
In meiner Kindheit folterten Fernsehagenten ihre Widersacher nicht mit Lötkolben, sondern tauschten bei einem Martini nicht zu vielsagende Blicke. Für ein langes Leben brauchte es nur bunte Vitamine und die richtige Einstellung.
Als die USA und die UdSSR 1969 Gespräche zur nuklearen Rüstungsbegrenzung aufnahmen, schien es wieder Sinn zu machen sich in der persönlichen Lebensplanung auf ein rüstiges Methusalemalter einzustellen und die Vollwerternährungslehre wurde an den Universitäten aus den Archiven geholt und überarbeitet. Meine Kindheit fällt in die Zeit wachsender Müslipopularität. Michail Gorbatschow prägte Glasnost und Perestroika, Kriege waren ein entwickelten Nationen unwürdiger Zustand, und wir wurden mit selbstgepresstem Petersiliensaft und Nervenkeksen nach dem Rezept der Hildegard von Bingen auf ein langes, langes Leben vorbereitet. (Kaum vorstellbar, dass noch wenige Jahre zuvor niemand vorgehabt hatte, die 30 wesentlich zu überschreiten und der persönliche Drogenmix schon im Hinblick auf dieses Ziel zusammengestellt wurde.)

Weil meine Mutter die Sorge, wie viele Vitamine in Rohkost heutzutage tatsächlich noch enthalten sind, nie losließ, lagen neben unseren Frühstückstellern feinsäuberlich abgezählt Hefetabletten (für Haut und Haar), ein Multivitaminpräparat (für fast alles), Knoblauchkapseln (für das Gedächtnis), Betacarotin–Kapseln (für den Teint) – immer jedenfalls viele bunte Gesundheitsbonbons. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, natürlich investierten wir unser Taschengeld in zahnschmelzfeindliche Riesenkaugummis. McDonald’s machte sich im Stadtbild breit und rechtzeitig bevor ich auf vegane Ernährung umstellte, hatte ich die Schlümpfe – Serie aus der Junior Tüte komplett. Aber der Vitaltrend war spürbar hartnäckiger und mächtiger und wir belasteten unseren Organismus mit Chips und Schokolade in dem Bewusstsein, dass wir diese nur dem Vergnügen dienenden, rein ungesunden Dinge essen müssen, bevor sie nur noch mit Ballaststoffen und Vitaminen angereichert erhältlich sein werden.

Auch zum Sport fand man in der Zeit zwischen den Müslianfängen und den Frühstücks-Cerealien, wie wir sie jetzt kennen, einen anderen Zugang: In meiner sehr frühen Kindheit bestand die einzige auch in nicht-alpinen Regionen weit verbreitete Sportart darin, auf gut beschilderten, ebenen Wegen in die freundlich gesinnte Natur hinauszuspazieren, um bei einer sehr nahe gelegenen Hütte Mohnstrudel, Krapfen, Schnitzel oder wofür auch immer die jeweilige Wanderroute bekannt war, zu vertilgen. Mit so wenig Anstrengung lässt es sich natürlich nicht 200 Jahre alt werden und so entstanden für die Bewusster-Leben-Generationen nach und nach Aerobic-Kurse, Fitnesscenter, Schulen für fernöstliche Körperverbiegungskünste und ihre westlichen Variationen und regalweise Bücher über richtiges Laufen und richtiges Gehen.

In den 1980er Jahren stiegen auch Leute, die ihre Kinder nie antiautoritär erzogen oder Wörter wie Kommune und Joint laut ausgesprochen hätten, anlässlich der vertrauenserweckenden 25. Auflage von Joseph Murphys Hauptwerk in die Macht des Unterbewusstseins und das positive Denken quer ein oder hörten beim Autofahren Autosuggestionskassetten. Ich erinnere mich an Mathematik–Schularbeiten, auf die ich mich unter Anleitung meiner Eltern durch 50 Wiederholungen täglich nämlich des Satzes „Ich werde mit jedem Tag und mit jeder Stunde immer besser und besser“ vorbereitet habe. Zimmerpflanzen versuchten wir nicht nur mit Substral, sondern vor allem auch mit gut Zureden zum Blühen zu bringen. Es geisterte sogar die Theorie herum, dass man Kakteen die Stacheln ausreden kann, wenn man sie nur regelmäßig freundlich darauf hinweist, dass man das Stechen als unangenehm empfindet. Alles war mit der richtigen mentalen Einstellung und viel Mühe zu erreichen.

Und das positive Denken hatte einen passenden politischen Rahmen: Schon der Begriff Krieg war bald so unzeitgemäß, dass man lieber von Krisen, Konflikten und bewaffneten Auseinandersetzungen sprach - Termini, die nahe legen, dass es sich um etwas handelt, das durch eine vernünftige Aussprache geschlichtet werden kann. Streitigkeiten zwischen zivilisierten Staaten sollten vorzugsweise vor Gericht, nämlich vor dem internationalen Gerichtshof in den Haag ausgetragen werden. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: die 70er und 80er Jahre waren kaum weniger vom Terrorismus gebeutelt als das neue Jahrtausend. - Wahrscheinlich ziehen gerade Gesellschaften, die Gewaltfreiheit und Rechtsstaatlichkeit hochhalten, den Terror als Mittel der psychologischen Kriegsführung an, weil ein umso größerer Ruck durch das öffentliche Bewusstsein geht, je ferner die Möglichkeit willkürlicher Brutalität in dieser Gesellschaft scheint.

Aber es machte doch den Eindruck, als müsste man nur das richtige Konzept finden und mit einer Eselsgeduld verhandeln, um solche Krisen zu entschärfen: In meinem Maturajahr erhielten Nelson Mandela und de Klerk gemeinsam den Friedensnobelpreis, im Jahr darauf Yasser Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin. Den Eisernen Vorhang gab es nicht mehr. Der UN-Sicherheitsrat richtete Tribunale für Jugoslawien und Ruanda ein, weil es für Makroverbrechen, also Verbrechen von Staaten, eine zuständige Instanz geben sollte. Und ja, mit dem Pathos, das man gegen Ende der Schulzeit gerade noch haben darf, war ich damals der Meinung, in einer Zeit zu leben, in der dauerhafte Lösungen für die großen Krisen der Vergangenheit gefunden werden, für eine nach der anderen.

Ich habe mich umgesehen, ob jemand die Nordic Walking Sticks niederlegt und eine Krapfendiät anfängt, jetzt, wo es nicht mehr unzeitgemäß ist, ein „war president“ zu sein, sondern sogar mit einigem Stolz in einem Land, das auf jeder Weltkarte eingezeichnet ist, gesagt werden kann. Aber es sieht so aus, als wären die Vorsätze schlank, fit und gesund über die 200 Jahres Marke hinauszuwalken ungebrochen. Sicher, man munkelt, die Pension werde nicht so lustig, wie man sich das lange gedacht hat. Es wird nicht funktionieren mit dem Geld-Haben ohne arbeiten zu müssen. Neuere Studien belegen, dass Schokolade gut gegen Herzinfarkt sein soll, Kaffee dem Körper kein Wasser entzieht, Cholesterin nicht so schädlich wie Margarine ist, künstliche Vitamine krebserregend sind und Laufen die Gelenke zu sehr abnutzt. Dahinter könnte natürlich eine Verschwörung stecken, die uns in Zeiten wie diesen von unserem Weg zum jugendlichen Greisentum abbringen will. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass es dem Vitaminkapselzählen ganz regulär so wie vielen anderen unserer Bemühungen ergangen ist, bei denen sich nachträglich herausstellt, dass sie von vornherein zu mindestens 72% verkehrt waren. Aber Scheitern ist immer noch besser als später einmal zu bereuen nie mit seinem Kaktus gesprochen zu haben - hätte man zumindest in meiner Kindheit gesagt.
ist mit einem Orientierungssinn gesegnet, der alles neu aussehen lässt, sobald sie nur die Straße überquert. Mit dieser für ein abenteuerliches Leben auf kleinem Raum idealen Disposition hat sie sich in Wien niedergelassen. Und wenn sie nicht gerade herumirrt, werden Gedanken, die sonst im Weg herumstünden, auf aschantinuss.twoday.net weggeschlichtet.

Schwumm

nahlinse
Die Strömung beginnt, an mir zu ziehen. Jetzt kommt der Moment, an dem ich mich einfach fallen lassen müsste. Am Besten kopfüber hinein. Dazu bin ich schließlich hier. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Langsam und unsicher stakse ich näher. Kiesel pieksen mich in die Fußsohlen. Halb ängstlich, halb gespannt taste ich mich heran an das milchig-blaue Wasser. Mein großer Zeh taucht zuerst ein. Es ist kalt, aber nicht so sehr wie befürchtet. Keine lähmende Kälte – eher erfrischend und prickelnd strudelt es um meine Knöchel.

Ich mache ein paar Schritte weiter hinein und die Strömung beginnt, kaum merklich an mir zu ziehen. Jetzt kommt der Moment, an dem ich mich einfach fallen lassen müsste. Am besten gleich kopfüber hinein. Mich einfach mitreißen lassen, immer weiter, immer vorwärts. Schnell. Dazu bin ich schließlich hier. Und es ist heiß. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Die letzten Meter bis zum Untertauchen sind schnell überbrückt. Ein Sprung und die Kälte nimmt mir einen Moment lang den Atem. Nach ein paar schnellen Schwimmzügen Richtung Flussmitte schwindet das klamme Gefühl mehr und mehr. Ich lasse mich treiben. Zurück geht es nicht mehr – alles andere als ein paar steuernde Züge, die mich in der Flussmitte halten, hat wenig Aussicht auf Erfolg. Mein Körper fühlt sich ganz leicht an. Nie bin ich mit weniger Aufwand schneller geschwommen. Vorbei am Ufer, an Bäumen und Spaziergängern.

Wenn ich untertauche, höre ich die Flusskiesel unter mir singen. Mal klingt es wie ein helles Zirpen, mal wie ein Summen. Dazwischen mischen sich vereinzelte Töne wie „Pling“ oder „Klang“. Über Wasser höre ich nur ein paar Rufe vom Ufer, sonst ist es still. Ich treibe unter der ersten Brücke durch. Touristen winken mir und den anderen Schwimmern zu. Wir sind zu schnell vorübergetrieben, um zurückzuwinken.

Langsam fällt auch die letzte Anspannung von mir ab. Ich kann nicht viel tun und das ist schön. Immer weiter. Pling! Immer vorwärts. Klang! Schnell.

Nach der nächsten Biegung taucht das Marzilibad auf, dort soll ich raus - am vorletzten Ausstieg, dem mit der Petunie. Jetzt muss ich wieder arbeiten. Langsam weg, raus aus der Flussmitte, rauf auf die Innenbahn. Das kostet Kraft, die Strömung will mich nicht gehen lassen, doch allmählich habe ich den Bogen raus. Schräg nähere ich mich dem Ufer, es wird immer flacher. Mein großer Zeh nimmt – wieder als erster – Kontakt auf. Autsch!

An „meinem“ Ausgang greife ich im Vorbeitreiben nach dem Geländer und erwische es auf Anhieb. Erst hänge ich daran wie ein Wäschestück im Wind. Dann fällt mir auf, wie flach es hier ist, und dass ich, trotz Strömung, einfach aufstehen kann. Ich hangele mich aus dem Fluss. Die Sommerhitze hat mich wieder. Mein erster Aareschwumm ist Geschichte.
befindet sich im mittleren Drittel der Dreißiger und lebt im nördlichen Drittel Deutschlands. Überblick verschafft sie sich mit 182 cm Körpergröße. Den solcherart systembedingten Höhenunterschied zur Welt überwindet sie z.B. mit einem Teleobjektiv. Neben ihrer Leidenschaft für Fotografie besitzt sie außerdem ein Faible für Sprache. Wie mit der Kamera malt sie auch in ihren Texten gerne detaillierte Bilder. Nachlesen ist dies auf ihrem Weblog und nachzusehen auf Flickr.

Was sich gehört

Bertl Mütter
Was sich gehört und was sich nicht gehört, so wurden wir erzogen, von einer Generation, die mit dem Geheimhalten von Verbotenem aufwuchs. Sicher ist: Mit einer Blutschin geht man nicht in die Kirche, sonst würden die Leut ja schön reden
auch hitler war ein österreicher
nicht nur christus
(Ernst Jandl)

Er stammte ja aus einer Familie, wie es sie zu jener Zeit mehr und mehr gab, in der man nur noch implizit gläubig war: Ja, natürlich musste es ein höheres Wesen geben, zur Sicherheit grüßte man auch mit seinem Namen und schätzte ansonsten vor allem die arbeitsfreien Feiertage.
(Von seinem Vater wusste er, dass in seiner Kindheit die Lieferung von Brennstoffen mit Heil Hitler, d'Kohln san do angekündigt wurde; mittlerweile waren die alten Verhältnisse wieder zurechtgerückt, Grüß Gott. Hitler, das musste ein wiederabgesetzter Gottesputschist gewesen sein, dessen Vorschriften und Verbote man genau befolgen musste, dann konnte einem nichts geschehen, vor allem durfte man keinen Feindsender aufdrehen; die Pauken der BBC aber hatten sie alle gehört, vom Kind zum Greis, und vor allem den Kleinen hatte man eingeschärft, nur ja den Nachbarn nichts zu erzählen, sie könnten einen verraten. Später, als es, Grüß Gott, vorbei war, war das katakombenhafte Radiohören der kollektiv vorgebrachte Beweis einer, wenn auch verborgenen, so doch widerständigen Gesinnung gewesen, ta ta ta tomm.)

Sonntags, zur Kirche (nein, die Eltern gingen nicht; Mama musste ja den Schweinsbraten und die Semmelknödel zubereiten, Punkt Zwölf wurde gegessen, das gehört sich so) und zum mit fortschreitendem Heranwachsen immer unbeliebteren Spaziergang gehört sich eine gescheite Hose angezogen, und auch die Haare waren schon wieder viel zu lang, schaust ja aus wie ein Hippie. Aufs na und? wurden externe Gründe vorgebracht, vor allem Gespräche zwischen Unbekannten: Was da die Leut reden. Was aber sie genau vermutlich ganz sicher miteinander über seine sonntagsspaziergangsinadäquate und also keinesfalls anzuziehende Hose (eine Blutschin etwa) sprachen, wurde nicht näher ausgeführt, abschätziges, soviel war sicher, und das konnte man sich nicht leisten; möglicherweise hatte man auch ehrliche Angst, sie könnten einen verraten.
Aber brav sein ist schwer hatte ein in der Pfarrbibliothek mehrfach vorhandenes und trotzdem ständig ausverliehenes Kinderbuch von der Frau eines Arztes seiner Heimatstadt geheißen (Die Wand, an der du anstehst, war auch keine Stunde entfernt, hatte er viel später herausgefunden.). Waunsd goschad bisd, kriagsd ane in die Bappm. - Lieber also nicht auffallen, schon gar nicht, wenn diese gefährlichen Drohungen von Burschen kommen, die drei Jahre älter sind als du. Nun gut, schlimm sein ist auch kein Vergnügen.

Heranwachsen bedeutet also, mit (tatsächlichen, mehr noch: mit vorgestellten) obrigkeitlichen Normierungen zu ringen, um diese später, als wohlgesitteter Bürger, möglichst unverändert an die nächste Generation weiter geben zu können; vor allem aber, Wege zu finden, Ungehöriges (Trinken unter 14, Rauchen unter 16, Sexheftln lesen, das Moped auffrisieren) im Verborgenen zu begehen.

Was es aber mit unserer Lebenslangen, als, wie wir sehen mussten, durchaus nicht freiwillig zu bezeichnenden Selbstkontrolle auf sich hat, wie man sich selbst auf die Schliche kommen könnte, um tatsächlich, da ist das Wort: FREI! zu werden, das bedarf einer gesonderten Untersuchung.


Postscriptum

Ein Freund aus einem Hochgebirgsdorf hatte als Student in der Hauptstadt seines zweigeteilten Bundeslandes einen Job bei einer international tätigen deutschen Erotikhandelskette gefunden. Anfangs war er überrascht, wie viele Bekannte er in seinem etwas vom Zentrum abgelegenen Lokal persönlich begrüßen durfte; ja, die Liste der Nichtbesucher wäre kürzer gewesen als die der Kunden, die sich halt das Ganze nur einmal anschauen wollten. Der Gedanke, dass sie alle da waren, aber keiner vom andern erfahren durfte, amüsierte ihn; genau besehen aber bedeutete es eine ungeheuerliche Macht, vergleichbar nur dem zugebeichteten Pfarrer daheim.
Aber auch der würde noch kommen.
Mit seiner Posaune vermag er Geschichten zu erzählen, denn: Worüber ich nicht sprechen kann, davon muss ich spielen - und umgekehrt. Bertl Mütter lebt als freischaffender Musiker und Komponist in Wien und verfasst täglich eine Glosse im MütterLog; derart hat sich, unmerklich, das verbale Erzählen zu seiner Arbeit gesellt.
Konzerte führen ihn in die ganze Welt (wohin auch sonst?), zuletzt etwa nach Graz, wo er im Rahmen der styriarte drei Soloabende, Mütters Müllerin, Schubert:Winterreise:Mütter und Mütters Dichters Liebe (UA) geben durfte, allerhand.
Mit wem aller Bertl Mütter schon gespielt hat, wollte er uns nicht verraten; er behauptet, er könne sich nicht erinnern. Vielleicht finden Sie ja dazu Hinweise auf seiner Homepage; sie sei hiermit wärmstens empfohlen.

Vom wilden Lachen

Frau Klugscheisser
„Lachen ist immer Kontrollverlust,
daher gibt es ein niveauvolles Lachen so wenig wie einen niveauvollen Orgasmus.“

(Robert Gernhardt in Spiegel Online)
Über Robert Gernhardt ist anlässlich seines Todes viel und besser geschrieben worden als ich es könnte. Der Mann hatte Humor und war Deutscher, womit bewiesen wäre, dass sich beide Eigenschaften nicht zwingend gegenseitig ausschließen. Aus europäischer Nachbarschaft trifft uns nämlich oft genug der Vorwurf der Humorlosigkeit, ein Totschlagargument aus Entstehungszeiten des German Bashings. Vielleicht verstehen man ihn im Ausland nur nicht, den deutschen Humor. Immerhin hat Humor oft genug mit Sprache zu tun, und die wird selbst von vielen Deutschen nicht ausreichend beherrscht. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Was uns dabei leider in die Quere kommt, ist ein Hang zur Selbstkontrolle. Nur Kindern wird hemmungsloses Lachen nachgesehen. Zumindest wenn es in der richtigen Dosierung erfolgt.

Im zarten Alter von neun Jahren war ich Teilnehmer einer Safari durch Kenia. In einem alten VW-Bus wurden wir durch die Savanne gekarrt. Erwischte der Fahrer ein Schlagloch, wurden alle zehn Insassen wie auf Kommando gleichzeitig von ihren Sitzen geschleudert. Die Szene war in meinen Augen so grotesk, dass ich mich vor Lachen bog und ungeduldig auf das nächste Schlagloch wartete. Der einheimische Fahrer beobachtete mein Verhalten und fragte schließlich meine Mutter, ob mit mir alles in Ordnung sei. Sie wusste nicht, ob sie wahrheitsgetreu zustimmen könne, ermahnte mich aber zur Sicherheit, mich zusammenzureißen. Dabei hatte ich den alten Gauner in Verdacht, dass er absichtlich kein Schlagloch ausließ, um mein Verhalten zu provozieren. So entstehen Vorurteile.

Am liebsten lachte ich über Missgeschicke der anderen. Als meine Großmutter beispielsweise nach einem Topf im Küchenschrank angelte und plötzlich kopfüber in selbigen hineinkippte, gab es für mich kein Halten mehr. Zugegeben, ich habe mit einem kleinen Stups nachgeholfen. Hinterher verging mir das Lachen sehr schnell. Auch sonst hatte ich nicht viel zu lachen. Das hat Kindheit so an sich. Deswegen erfand ich ein Spiel, das Zündungslachen hieß und in langweiligen Zeiten zum Einsatz kam. Der Anlasser unseres alten Autos stand dafür Modell. Die Regeln waren sehr einfach: man produziert einen willkürlichen Lachlaut. Auf jeden Lacher folgt ein weiterer, bis der Motor anspringt und von alleine läuft. Im Zuge späterer Recherche musste ich leider feststellen, dass meine Idee von einem durchgeknallten indischen Freak geklaut worden ist. Die sollten sich lieber mal nach ordentlichen Autos umsehen.

Meine Mutter erzählte gerne lustige Geschichten, wobei sich bereits mit den ersten Sätzen ein unkontrolliertes Grinsen in ihrem Gesicht breit machte. Im Laufe der Erzählung versuchte sie erfolglos, das in ihr aufsteigende Lachen zu unterdrücken. Die Folge davon waren entgleiste Gesichtszüge, eine gepresste Stimmlage und unlogisch gekiekste Betonungen sowie eine unverständliche Aussprache. Am Ende rang sie meist nach Luft und wischte sich die Tränen aus den Augen. Ich fand dieses Gebaren sehr entwürdigend, zumal ich mich in meiner Pubertät stets bemühte, ihr mit unveränderter Miene zu lauschen, was zugegebenermaßen nicht einfach war. Auch diese meine Idee zur Verfeinerung der Körperbeherrschung traf ich später bei Literaturlesungen wieder. Finden sich nämlich Menschen ein, um Kunst zu konsumieren, hat dies in dem Werk angemessener Manier zu geschehen. Wer lacht, enttarnt sich als Dummkopf. Die Klugen philosophieren lieber theoretisch über Humor in der Literatur, um ihren Kunstverstand zu zelebrieren.

In der Schule blieb auch ich nicht vor den großen Schriftstellern verschont. Dabei saugte ich dankbar jede humorige Wendung zwischen den trockenen Satzgefilden auf. So war ich der irrtümlichen Überzeugung, Thomas Mann sei irre komisch. Erst als ich wirklich humorvolle Literatur las, wurde mir klar, es geht auch anders. Ich entdeckte David Sedaris. Um einen kranken Freund zu erheitern, las ich ihm aus meiner Neuentdeckung vor, selbstverständlich auf englisch. Dabei unterbrach ich den Vortrag immer wieder mit Kommentaren wie „ist das nicht lustig?“ oder „ich könnte mich wegschmeißen, wenn ich das lese“, teilweise auch durch lautstarkes Lachen nach besonders famosen Formulierungen. Der Kranke - seines Zeichens gebürtiger Mönchengladbacher - teilte meine Meinung nicht im mindesten, was mich nachdenklich stimmte. Warum hatten wir nicht denselben Sinn für Humor? War ich am Ende doch keine Deutsche, sondern nur nach der Geburt vertauscht worden? Erst als ich Gernhardt entdeckte, da wusste ich, wir sind derer schon zwei. Und fortan scheute ich mich nicht, in unkontrolliertes Gelächter auszubrechen, wenn mir danach war.

Niveauvoll ist das selbstverständlich nicht, eher laut, entfesselt und aus meinem tiefsten Inneren. In Japan ernte ich dafür von Passanten indignierte Blicke. Eine Japanerin lacht nur hinter vorgehaltener Hand, ganz wie es die Tradition vorschreibt. Überhaupt ist die Äußerung von Gefühlsregungen dort verpönt. Man lässt sich einfach nicht in der Öffentlichkeit gehen, da dies einem Gesichtsverlust gleichkommt. Damit verglichen sind selbst Bewohner aus dem kühlen Norden Deutschlands die reinsten Feuerwerkskörper. Wer in der Lage ist, unkontrolliert zu lachen, überflutet seinen Körper mit Glückshormonen. Besonders wichtig wird diese Tatsache angesichts der bevorstehenden dunklen Jahreszeit. Wer nicht herzhaft lachen möchte, der kann für denselben Effekt alternativ tonnenweise Schokolade essen, sich im Dauerlauf durch den Wald prügeln, sich stundenlang einer Höhensonne aussetzen oder wahllos seine Mitmenschen küssen. Besonders ratsam ist das jedoch nicht. Lachen hingegen macht glücklich, ist leicht zu lernen und kostet nur ein wenig Überwindung. Und unkontrolliertes Lachen ist fast so schön wie ein niveauloser Orgasmus.
Smartass klingt freundlicher als das deutsche Klugscheißer und weniger verbissen. Dennoch hat Frau Klugscheisser diesen Namen gewählt, weil deutsch ihre Muttersprache ist. In ihrem Blog verbeißt sie sich in Nebensächlichkeiten, verschluckt sich an widrigen Umständen und verdaut so Alltägliches. Sie hat wenig Ahnung von Politik, dafür umso mehr von Menschen, die sie studiert. Ob die nun typisch deutsch sind, ist schwer zu beurteilen. Zumindest sind sie typisch menschlich, genau wie sie selbst.

Einsatz der Wurstpolizei

une fille du limmatquai
Zu einem Schweizer Nationalfeiertag gehören unbedingt Feuerwerk und Grillparties. Was passiert, wenn beides von den Regierungsbehörden aufgrund grosser Trockenheit verboten wird?
Würde man die Schweizer fragen, was ihnen zum Stichwort "1. August" in den Sinn kommt, wären die drei meistgenannten Begriffe wahrscheinlich "Nationalfeiertag", "Feuerwerk" und "Grillen". Ich glaube nicht, dass hier der Nationalfeiertag allzu anders gefeiert wird als sonstwo, und natürlich wird auch nicht nur gegrillt und Unsummen von Schweizer Franken in die Luft gepulvert. Häuser und Gärten werden mit Fahnen und Girlanden geschmückt, die Kinder veranstalten Lampionumzüge und das Schweizer Kreuz hat Hochkonjunktur. Auf Bergen und Hügeln werden Höhenfeuer gezündet, die Menschen sitzen zusammen, ob bei privaten oder öffentlichen Feiern, und wer etwas auf sich hält, schafft es irgendwann in seinem Leben, als 1. August-Redner aufzutreten.

In diesem Jahr war alles anders. Aufgrund von Trockenheit und Waldbrandgefahr wurde gegen Ende Juli in der ganzen Schweiz ein Verbot für private Feuerwerke ausgesprochen. Während einige Kantone das Verbot auch auf offizielle Feiern ausweiteten, gingen andere, unter anderem auch der Kanton Zürich, sogar noch weiter: Das "Bräteln" auf offenen Feuerstellen oder mit Holzkohlegrillgeräten sei zu unterlassen, wer sich dem Verbot widersetze, werde erst gemahnt und dann mit einer Geldstrafe gebüßt.

Wie schon im "Jahrhundertsommer" 2003 dauerte es nicht lange, bis sich erste Bürger unseres Landes in ihrer persönlichen Freiheit bedroht fühlten. Während die meisten wohl noch Verständnis für das Feuerwerksverbot aufbringen konnten, ging ihnen das Grillverbot eindeutig zu weit. Ein solches Verbot nicht flächendeckend auszusprechen macht auch wenig Sinn, schließlich durchquert wohl so manche Kantonsgrenze einen Wald, und während man nun links der Grenze auf dem trockenen Waldboden ein Feuer entfachen und die Würste am Stecken gegrillt werden durften, wurde dies rechts der Grenze untersagt . Das Chaos schien perfekt.

Die Medien nahmen das Thema dankbar auf und stopften damit das Sommerloch. Das Schweizer Boulevardmagazin Blick sagte einen "Bräteltourismus" voraus und berichtete, dass "erste Zürcher bereits in den Aargau fliehen" und es "schon über 60 Einsätze für die Wurst-Polizei" gegeben habe.

Tatsächlich, die Vorstellung hat was: Die von der restlichen Schweiz nicht ganz zu Unrecht als arrogant verschrienen Zürcher unterwegs in den von ihnen stets belächelten Nachbarskanton Aargau, der Kanton, dessen Nummernschild sie für (fast) kein Geld dieser Welt an ihrem Auto hängen haben möchten, der Kanton, dessen Bewohner sich ihrer Meinung nach viel zu oft in Zürich aufhalten, und wer ein echter Zürcher sein will, der meidet an Abenden, an denen die Aargauer unterwegs sind, gewisse Quartiere und Lokale seiner Stadt.

Was wäre wohl geschehen, wäre es zu dem von Blick prophezeiten Exodus der Stadtzürcher in den Aargau gekommen? Wie hätten die Aargauer reagiert? Wir wissen es nicht, nach ausgiebigen Regenfällen hat die Zürcher Kantonsregierung am 1. August um 17.00 Uhr das Grillverbot nämlich aufgehoben. Da Schweizer Haushalte normalerweise mit einem Tiefkühlfach oder einer Tiefkühltruhe ausgestattet sind, gehe ich davon aus, dass darin die eine oder andere Wurst lagerte und an dem Abend so dann doch noch Verwendung fand.
Brigitte ist "une fille du limmatquai" und erzählt in ihrem Weblog über ihr Leben in Zürich und anderswo. Sie erschreckt ihre Umwelt gerne mit dem Geständnis, dass sie eigentlich eine waschechte Aargauerin ist.

Aufs Meer hinausfahren

Towanda
Wie gerne würde ich wie Hassan einfach aufs Meer hinausfahren. Doch dafür bin ich zu gut versichert.
Vor etwa zwei Jahren war mein Beruf die pädagogische Begleitung von sogenannten arbeitsmarktorientierten Projekten für Arbeitslose unter 25 Jahren. Zusätzlich gehörte der Unterricht im großen Bereich "Wirtschaft und Soziales" zu meinen Aufgaben.

Würde man meine Teilnehmer von damals verschlagworten wollen, kämen auf jeden Fall diese unsäglichen Ausdrücke "bildungsferne Haushalte" und "Migrationshintergrund" vor. Gebraucht wurde daher an Unterrichtsinhalten nahezu alles. So kündigten wir in meinem Unterricht eifrig Mobilfunkverträge, zerpflückten Bildzeitungsmeldungen oder machten uns Gedanken über Versicherungen, die ein Mensch so braucht. Alles mit mehr oder weniger Interesse meiner Teilnehmer. Meist weniger, doch der Gedanke, das Gelernte doch irgendwie gebrauchen zu können, hielt die Leute halbwegs bei der Stange.

Einer meiner Teilnehmer (nennen wir ihn Hassan) war anders: Hassan war Marokkaner, mit einer Deutschen verheiratet und schon fast intellektuell. Es gab kaum einen Tag, an dem er seine Pause nicht über ein Buch vertieft verbrachte. Zu seinen Kollegen war er ausnahmslos freundlich.

Seit gut einem Jahr war er in Deutschland. Er sprach vier Sprachen fließend, und es gab nichts, was ihn nicht interessierte. Ob Möbelstilkunde, Privatinsolvenz, Geschäftsbriefe schreiben oder Prozentrechnen: Hassan saugte Informationen auf wie ein Schwamm und folgte dem Unterricht gespannt. Nur ab und zu blätterte er in seinem Französischwörterbuch, mit dem er sich Wörter übersetzte, die er nicht verstanden hat.

Nach einem Vorstellungsgespräch fuhr ich Hassan nach Hause. Er wohnte sehr ländlich, und die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln war mehr als ungünstig. Wir fuhren durch die hügelige und fast unbewohnte Landschaft, und Hassan beschrieb mir voller Begeisterung, wo seine Lieblingsplätze sind und wo man die beste Aussicht aufs Tal hat.

Während ich noch bewunderte, wie schnell er sich eingelebt und an der meiner Meinung nach eher nichtssagenden Umgebung Gefallen gefunden hat, sprach Hassan von einem nahegelegenen Steinbruch. Dort sei er öfter, weil man dort so schöne Fossilien finde. Aber er müsse aufpassen, denn das sei verboten, und wenn der Besitzer des Steinbruchs ihn erwische, dann schicke er Hassan immer weg.

Hassan konnte das nicht verstehen: Wie konnte einem Menschen Landschaft gehören? Es sei ja auch kein Zaun drum, und es störe doch niemanden, wenn er dort nach Fossilien sucht. Ich erklärte ihm, dass das vermutlich auch nicht das Problem sei. Doch wenn er dort stürzen und sich schwer verletzen würde, dann müsse der Besitzer des Steinbruchs vielleicht Schadenersatz an ihn zahlen. Und um das von vorneherein zu vermeiden, ließe der Besitzer niemanden zum Steinbruch, vermutete ich.

Er wolle doch gar keinen Schadenersatz, entgegnete Hassan, er wolle nur Fossilien suchen. Und wenn er irgendwo stürzt, sei das seine Sache. Ich beschrieb ihm, wie Krankenkassen und Rentenversicherer bei Unfällen nachfragen können, um die Haftung auf jemanden anderes abzuwälzen. Spätestens ab dann sei der Unfall und seine Kosten nicht mehr nur sein eigenes Problem. Was wäre, wenn er unglücklich fällt und sich das Genick bricht? Wer soll dann für seine Familie sorgen? Ich hielt einen Vortrag über Lebensversicherungen, Krankenkassen, Rentenversicherungsträger und zeichnete in wenigen Minuten einen gordischen Knoten aus Versicherungen, Ansprüchen, Gegenansprüchen, Prozessen und Gutachten auf, der erst zerschlagen sein müsste, bis seine Familie versorgt werden könne.

Hassan wurde immer nachdenklicher. Bei sich in Marokko, dort gehöre das Meer niemandem. Wenn er dort mit seinen Freunden angeln will, dann fragt er nirgendwo. Er fahre einfach los. Wenn einer beim Angeln ertrinkt, dann kümmere sich die Familie oder die Dorfgemeinschaft um die Hinterbliebenen. Sicher nicht mit Geldleistungen wie eine Kapitallebensversicherung das tut. Aber es muss niemand hungern. Und jeder kann aufs Meer hinausfahren, wann er möchte.

Hassan ist inzwischen nicht mehr in Deutschland. Kurz nach diesem Gespräch musste er zurück nach Marokko, weil er sich zu sehr in den deutschen Gesetzen verheddert hat. Ohne schuld daran zu sein. Doch das ist eine andere Geschichte.

Manchmal, wenn ich meine Versicherungsunterlagen durchgehe, denke ich an dieses Gespräch mit ihm. Und daran, wie gern ich auch einfach aufs Meer hinausfahren würde, ohne jemanden zu fragen.
Im gleichen Jahr, in dem die ein paar Freaks in Los Altos die von ihr hochgeschätzte Firma Apple gründeten, wurde Towanda im schönen Frankenland geboren. Sie bemüht sich nach Kräften um altersgemäßes Verhalten und lebt mit Mann und Hund in Ostwestfalen. Ihre Brötchen und das Hundefutter verdient sie als Sozialarbeiterin. In den Turbulenzen geht sie der Netzgemeinde mit ihren alltäglichen Belanglosigkeiten auf den Wecker.

Das Kind im Manne

Chaot35
Ein jeder, heißt es, hat, selbst als Erwachsener noch, die eine oder andere kindische Seite, die sich nie völlig unterdrücken lässt. Chaot45 begiebt sich auf die Suche nach seinem inneren Kind.
...oder der Frau. Keine Ahnung, wie ich darauf komme. Aber gerade gestern Abend beim Grillen kam mir dieser Gedanke. Ich stocherte noch in der Glut des Grills rum und nahm meinen Fön, um der Glut richtig einzuheizen. Was nutzt ein Holzkohle-Grill, wenn die Kohle nicht weiß-rot glühend ist? Meiner Meinung nach nichts. Dann kann ich auch so einen scheiß Elektrogrill nehmen. Aber mein Besuch meinte, ich wäre ein kleiner Feuerteufel, ein Spielkind. Darüber habe ich dann nachgedacht und bin eigentlich zu der Erkenntnis gelangt, dass dem gar nicht so ist. Das Feuer eines Grills oder eines Kamins oder Ofens hat nur immer schon auf mich eine gewisse Faszination ausgeübt. So ähnlich wie das Reingucken in eine laufende Waschmaschine, wo man sich dann in Gedanken verliert und das drum herum vergisst. Aber hat das was mit dem Kind im Manne zu tun? Ich denke nicht und habe gedacht, wo dieses Kind wohl sein mag. Dieses kleine Kind, das jeder irgendwo in sich trägt. Wie viel Raum hat es und wie viel lässt man ihm? Hat man es überhaupt noch? Im Bett liegend habe ich lange darüber nachgedacht, wo meins ist. Aber es nicht gefunden und hab dann bei anderen gesucht.

Als erstes ist mir mein Vater eingefallen, der mir in der Kindheit eine Elektroeisenbahn von Märklin gekauft hat und die ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Mein Vater schien für die Eisenbahn mehr Spaß zu entwickeln, als ich das tat. Jedes Mal, wenn er von der Arbeit kam, hat er sein Jackett ausgezogen, und noch bevor er seine Krawatte ausgezogen hatte, saß er vor der Eisenbahn und hatte sichtlich Spaß daran. Vielleicht war es auch durch den Krieg verursachter Nachholbedarf eines Kindheitstraums. Jedenfalls spielte mein Vater mehr mit der Eisenbahn, als ich es tat.

Ich kenne einen IT-Leiter einer großen Versicherung, der für sein Leben gerne mit seiner Carrera-Bahn spielt und jedes Mal anfängt, davon zu schwärmen. Im Zuge der Kundenpflege habe ich ihm ein paar Fahrzeuge meiner alten Carrera-Bahn gegeben.

Den krassesten Fall habe ich neulich in einem Blog gelesen. Da erzählt ein Mädel von einem ach so tollen „flotten Dreier“, und vier Blogeinträge später davon, wie sie sich eines Nachts mit Hörspielkassetten aus der Jugend á la „Benjamin Blümchen“ oder „Bibi Blocksberg“ über die Nacht retten muss.

Am Freitag war ich das erste Mal bei der neuen Flamme meines guten Freundes L. Sie ist älter als ich und arbeitet bei irgendeinem Wirtschaftsprüfer. Neben dem Fernseher sah ich eine Playstation mitsamt Karaoke-Ausrüstung.

Ein ehemaliger jüngerer Kollege von mir war ein richtiges Spielkind. Da konnte es passieren, dass man in das dunkele Lager kam und er mit dem auf dem Flohmarkt gekauften russischen Nachtsichtgerät und der Gotscha-Pistole auf einen losgeballert hat. Oder er hat einen alten Werkzeugkoffer aus der Technik genommen und mit den restlichen, übrig gebliebenen Sylvesterknallern regelrecht weggesprengt. Ich muss sagen, das hat jede Menge Spaß gemacht.

Mein guter Freund H. macht für sein Leben gerne Modellbau und holt sich darüber Zerstreuung, und er kann mir nicht erzählen, dass er nur seinem Sohn dabei helfen will.

Dem über sechzigjährige Manni aus meiner Stammkneipe bereitet es ein diebisches Vergnügen, Gästen, die von der Theke auf die Toilette gehen, die Kippen in der Packung umzudrehen, und wenn man sich dann eine anmacht und nicht drauf achtet, zündet man die Kippe am Filter an. Oder er klebt die Packung zu oder versteckt Bierdeckel in der Manteltasche, die dann erst zu Hause zum Vorschein kommen. Das Ganze hat irgendwas Kindliches.

Und dann habe ich wieder überlegt, wo mein kleines Kind sein konnte, und hab es nicht gefunden. Natürlich habe ich auch Hobbys, aber diese sind in der Regel doch immer irgendwo mit der großen Männerwelt verbunden, wie zum Beispiel motorsportliche Aktivitäten oder am Oldtimer schrauben. Ich frage mich, wann ich es verloren habe, das kleine Kind. Oder ob ich es je hatte. Ob ich es aufgegeben habe, nachdem ich schon früh Verantwortung für „meine“ Kinder getragen habe, vielleicht auch nur, um mich abzugrenzen. Vielleicht ist es ja noch irgendwo und ich muss nur mal wieder danach suchen...




Dieser Artikel ist bereits im Weblog des Autors erschienen.
36 Jahre alt, beruflich in der IT-Branche tätig. Wohnort Köln. Schreibt auf Chaot´s post-adoleszentem Chaos-Blog.

“Wer ist der am ersten Mal“ ...

nömix
... oder: Warum ich bei McDonald’s noch nie in den Plafond geballert habe. Es gibt Situationen im Alltag, in denen das Behalten der Kontrolle ein wahres Kunststück ist: Von McDonald's Besuchen und dem Bewahren der Geduld.
Gelegentlich kauf ich bei McDonald’s zwei Cheeseburger, das tu ich aber immer nur dann, wenn ich meine Uzi grad nicht mithabe. Grund ist dieser Running Gag mit der traditionellen Doppelconference, welche die Typen dort mit den Kunden immer abziehen, weil sie’s offenbar nicht leid werden, das mords witzig zu finden, oder weil die Kundenverarschung bei denen halt zur Unternehmensfolklore gehört, was weiß ich. Erinnert mich immer an diesen Abbott & Costello-Dauerbrenner-Sketch in “Rain Man“ – Na, jeder der schon mal bei McDonald’s war, kennt die Nummer eh:

“Zwei Cheeseburger zum mitnehmen, bitte.“
“Zum Trinken?“
“Zum mitnehmen. Zwei Cheeseburger.“
“Zum Trinken?“
“Nein, zum essen.“
“Zwei Cheeseburger zum mitnehmen und zum Trinken?“
“Zum mitnehmen und essen.“
“Und zum Trinken?“ undsoweiter ad infinitum ...

Hier kommt der Moment, wo Michael Douglas in “Falling Down“ die Uzi aus seiner Reisetasche hervorholt und eine Salve in den Plafond ballert. Nicht, dass ich das in dem Moment nicht auch gern tun würde, aber vernünftigerweise geh ich ja für gewöhnlich unbewaffnet zum Cheeseburgerkaufen und lass die Uzi vorsätzlich daheim, wie oben erwähnt.




Dieser Artikel ist bereits im Weblog des Autors erschienen.
(M. Nöhrig) ist freier TV-Filmautor und lebt in Niederösterreich.

Weblog: http://noemix.twoday.net.