
Parallelwelt
von Nessy
Rückschau #1: 1993
Es ist 1993 kurz nach dem Brand des Weißen Hauses, als mich Aeroflot das erste Mal nach Moskau fliegt. Schüleraustausch. Ich bin 15 und auf diesen Moment so vorbereitet, wie man als 15-Jährige sein kann: auf die Schnelle vollgestopft mit kyrillischer Schrift, die Sinne vom Kleinstadtleben Leben eingelullt. Ich treffe auf eine Stadt im Smog. Auf triste Häuserschluchten mit vollgepinkelten Fahrstühlen und Parks, in denen das Gras jeden Schimmer seines Grüns verloren hat. Und auf Menschen, die mich voller Herzlichkeit empfangen und mir zeigen, was es heißt, lebendig zu sein. Trotz allem. Ich mag diese Menschen, und ich mag ihre Kultur. Genauso wie ich Mascha mag, mit der ich mich stundenlang in ihrem winzigen Kinderzimmer einschließe. Wir hören russische Popmusik, sie legt mir Karten. Verschämt sprechen wir über Jungs und übers Küssen.
Rückschau #2: 1995
Sommerferien. Ich bin allein in Moskau, das Austauschprogramm hat die Schule gestrichen. Mascha zeigt mir, wie ich mir die Augen schminke. In diesem Sommer bekomme ich meinen ersten Liebesbrief. Von Pawel. Drei Jahre später wird er mir zusammen mit meinem Portmonnee geklaut. Wir hängen in der Datscha ihrer Großeltern ab. Die Russen bringen mir bei, die sowjetische Nationalhymne zu singen. Tagsüber sitzen wir auf einem rostigen Traktor und machen den Jungs schöne Augen. Oder gehen zum Teich und sehen ihnen heimlich beim Schwimmen zu. Abends hocken wir am Lagerfeuer im Wald. Irgendwer hat eine Gitarre dabei und singt schwülstige Liebeslieder, deren Text ich nicht verstehe. Wir sprechen Russisch, Deutsch, Englisch, Französisch miteinander. Und brauchen eigentlich nicht reden. Großwerden funktioniert in allen Sprachen gleich.
Rückschau #3: 1997
Mascha besucht mich. Wir fahren in die Disko nach Dortmund. Sie ist 17 und war noch nie tanzen. Ich sage zum Türsteher, sie sei 22 und eine Diplomatentochter. Zuvor haben wir stundenlang Klamotten getauscht. Wir fotografierten uns mit Gesichtsmasken und hörten Punk Rock. Taten so, als wären wir Models. Später wird sie mir sagen, dass das einer der schönsten Abende ihres Lebens war. In Moskau kauft sie das Eau de Toilette des Jungen, der uns in einem rostigen Opel Kadett in die Disko gefahren hat, sprüht ein Stück Stoff damit ein und schickt es mir mit der Post.
Rückschau #4: 2002
Moskau hat sich verändert. Ist Weltstadt geworden. In den Häuserschluchten blinkt Neonreklame. Sushi-Restaurants und Spielcasinos laden ein. Mascha ist verheiratet. Mit einem Tennisspieler und Schauspielsohn. Hat Finnisch studiert und in Helsinki gewohnt. Ihr Vater ist nun "Businessman". Er hat eine Datscha mit fünf Schlafzimmern gekauft, die an der gleichen Straße liegt wie die des Herrn Putin. Wir sitzen dort in der Sauna und unterhalten uns über Männer und Zukunftspläne. Über Familie-haben-wollen und den Beruf. Fast wie damals, 1993, in ihrem Kinderzimmer. Nur übers Küssen sprechen wir nicht. Damit kennen wir uns inzwischen aus.
Blicke ich zurück, sehe ich nur uns. Nicht Russland, nicht Deutschland. Wie wir die vergangenen Jahre durchlebt haben, erwachsen geworden sind mit Musik, Klamotten und Jungs. Mir scheint, als seien unsere zwei Leben eins, das nur an zwei Orten stattfindet. Und sehe, dass irgendwie alles gleich ist. Überall.
Es ist 1993 kurz nach dem Brand des Weißen Hauses, als mich Aeroflot das erste Mal nach Moskau fliegt. Schüleraustausch. Ich bin 15 und auf diesen Moment so vorbereitet, wie man als 15-Jährige sein kann: auf die Schnelle vollgestopft mit kyrillischer Schrift, die Sinne vom Kleinstadtleben Leben eingelullt. Ich treffe auf eine Stadt im Smog. Auf triste Häuserschluchten mit vollgepinkelten Fahrstühlen und Parks, in denen das Gras jeden Schimmer seines Grüns verloren hat. Und auf Menschen, die mich voller Herzlichkeit empfangen und mir zeigen, was es heißt, lebendig zu sein. Trotz allem. Ich mag diese Menschen, und ich mag ihre Kultur. Genauso wie ich Mascha mag, mit der ich mich stundenlang in ihrem winzigen Kinderzimmer einschließe. Wir hören russische Popmusik, sie legt mir Karten. Verschämt sprechen wir über Jungs und übers Küssen.
Rückschau #2: 1995
Sommerferien. Ich bin allein in Moskau, das Austauschprogramm hat die Schule gestrichen. Mascha zeigt mir, wie ich mir die Augen schminke. In diesem Sommer bekomme ich meinen ersten Liebesbrief. Von Pawel. Drei Jahre später wird er mir zusammen mit meinem Portmonnee geklaut. Wir hängen in der Datscha ihrer Großeltern ab. Die Russen bringen mir bei, die sowjetische Nationalhymne zu singen. Tagsüber sitzen wir auf einem rostigen Traktor und machen den Jungs schöne Augen. Oder gehen zum Teich und sehen ihnen heimlich beim Schwimmen zu. Abends hocken wir am Lagerfeuer im Wald. Irgendwer hat eine Gitarre dabei und singt schwülstige Liebeslieder, deren Text ich nicht verstehe. Wir sprechen Russisch, Deutsch, Englisch, Französisch miteinander. Und brauchen eigentlich nicht reden. Großwerden funktioniert in allen Sprachen gleich.
Rückschau #3: 1997
Mascha besucht mich. Wir fahren in die Disko nach Dortmund. Sie ist 17 und war noch nie tanzen. Ich sage zum Türsteher, sie sei 22 und eine Diplomatentochter. Zuvor haben wir stundenlang Klamotten getauscht. Wir fotografierten uns mit Gesichtsmasken und hörten Punk Rock. Taten so, als wären wir Models. Später wird sie mir sagen, dass das einer der schönsten Abende ihres Lebens war. In Moskau kauft sie das Eau de Toilette des Jungen, der uns in einem rostigen Opel Kadett in die Disko gefahren hat, sprüht ein Stück Stoff damit ein und schickt es mir mit der Post.
Rückschau #4: 2002
Moskau hat sich verändert. Ist Weltstadt geworden. In den Häuserschluchten blinkt Neonreklame. Sushi-Restaurants und Spielcasinos laden ein. Mascha ist verheiratet. Mit einem Tennisspieler und Schauspielsohn. Hat Finnisch studiert und in Helsinki gewohnt. Ihr Vater ist nun "Businessman". Er hat eine Datscha mit fünf Schlafzimmern gekauft, die an der gleichen Straße liegt wie die des Herrn Putin. Wir sitzen dort in der Sauna und unterhalten uns über Männer und Zukunftspläne. Über Familie-haben-wollen und den Beruf. Fast wie damals, 1993, in ihrem Kinderzimmer. Nur übers Küssen sprechen wir nicht. Damit kennen wir uns inzwischen aus.
Blicke ich zurück, sehe ich nur uns. Nicht Russland, nicht Deutschland. Wie wir die vergangenen Jahre durchlebt haben, erwachsen geworden sind mit Musik, Klamotten und Jungs. Mir scheint, als seien unsere zwei Leben eins, das nur an zwei Orten stattfindet. Und sehe, dass irgendwie alles gleich ist. Überall.
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