Die Strickjackenfraktion

von Saintphalle
Ich gehöre der Strickjackenfraktion an. Jedenfalls sagt das mein Freund Soul. Mitglieder der Strickjackenfraktion lieben es bequem und praktisch. Sie bevorzugen Jeans und Sneakers statt Kostüme mit kurzen Röcken und High Heels oder elegante Anzüge und feine Oberhemden. Ja, derartige Kleidung verabscheuen sie regelrecht und finden, dass ihr spießige Zwanghaftigkeit anhaftet. Mitglieder dieser Fraktion sind aus Überzeugung Strickjackenträger und nicht etwa, weil ihnen nichts Besseres einfällt. Ihr Kleidungsstil ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern Ausdruck eines Lebensgefühls.

Strickjackenträger sind Gutmenschen, die die Welt verbessern wollen und sich nach Liebe und Frieden sehnen. In ihrer Stadt, ihrem Land, weltweit, aber vor allem in ihrem kleinen, privaten Umfeld. Sie sind umweltbewusste Menschen, die ihren Müll trennen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln statt dem Auto fahren. Sie sind für ihr soziales Engagement berühmt und berüchtigt. Sie beherbergen Asylanten in ihrer Gartenlaube und verteilen im Winter selbst gestrickte Mützen an Obdachlose. Sie haben immer noch einen Atomkraft-nein-danke-Aufkleber von 1982 auf ihrer Lederumhängetasche (ebenfalls von 1982) kleben und setzen sich dafür ein, dass alle Zootiere frei gelassen werden. Die Strickjackenfraktion gründet jeden Monat in einem anderen Stadtteil eine Frauengruppe, in der darüber diskutiert wird, ob Frauen staatliche Zuschüsse für ihren Bedarf an Monatshygiene erhalten sollten. Ihre Mitglieder sind extrem harmoniebedürftig und stecken lieber ihre eigenen Bedürfnisse zurück, als sich mit anderen Leuten zu streiten. Zwei Drittel aller weltweiten Umsätze im Tee- und Kerzengeschäft gehen auf ihr Konto. Dabei wirken sie oft kraftlos und frustriert. Ihre Schultern sind ein wenig krumm und ihre Stimmen leise und müde. Sie empfinden es als eine große Belastung, die Welt verbessern zu müssen. Die Anhänger der Strickjackenfraktion wohnen in großen Altbauwohnungen mit Dielenböden und ohne Gardinen vor den Fenstern. Oder in alten Bauernhäusern, die sie ökologisch korrekt restauriert haben. Obwohl sie sich eigentlich allem Bürgerlichen entziehen wollen, sind die meisten Strickjackenträger verheiratet und haben Kinder, einen Golden Retriever und einen Bausparvertrag. Wenn sie abends vor ihrem Kaminfeuer sitzen und sich gemütlich in ihre Strickjacken kuscheln, dann rauchen sie Pfeife, trinken italienischen Rotwein und lesen Arno Grün.

So ein Mensch also sei ich, sagt Soul. Soul ist ein Anhänger der schwarzen Fraktion. Das sind Leute, die grundsätzlich nur schwarze Kleidung tragen, mal mehr mit der intellektuellen Note inklusive Schlapphut und Aktentasche unterm Arm, mal eher dem Gothic-Stil verfallen. Anhänger der schwarzen Fraktion gewinnen wahlweise einen Nobelpreis oder stürzen sich aus dem Fenster. Wenn sie nicht gerade mit diesen Dingen beschäftigt sind, dann ist ihr Leben eine einzige große Party. Sex and Drugs and Rock’n’Roll. Oder so ähnlich. In ihren Augen liegt ständig ein melancholischer Schatten, in dem sich der Schmerz der ganzen Welt vereint, der sie beim anderen Geschlecht aber geradezu unwiderstehlich erscheinen lässt. Die Anhänger der schwarzen Fraktion sind die Größten, die Tollsten, die Coolsten. Es versteht sich von selbst, dass sie für alle anderen Parteien, vor allem aber für die Strickjackenfraktion, nur ein herablassendes Lächeln übrig haben. So cool wie ein Schwarzer kann eine Strickjacke nie werden, und wenn sie sich noch so sehr anstrengt.

Ich schaute in meinen Kleiderschrank und entdeckte auf Anhieb gleich fünf Strickjacken: Zwei graue, zwei anthrazitfarbene, eine rote. Dicke aus warmer Wolle für den Winter, leichtere aus feiner Baumwolle für den Sommer. Ich wagte nicht, in den Tiefen meines Schrankes noch nach weiteren, vergessenen Exemplaren Ausschau zu halten. Das ist ein wirklich schlechtes Zeichen, dachte ich bedrückt und kochte mir zum Trost erst mal eine Kanne Glückstee mit Roiboos und Kakaoschalen. Die Erkenntnis, dass ich wohl wirklich der Strickjackenfraktion angehöre, frustrierte mich zutiefst. Ich würde so gerne auch cool sein und kurze, knappe Röcke mit spitzen, hochhackigen Stiefeln tragen, so dass die Männer auf der Straße die Hälse nach mir verdrehen würden, bis sie vor den nächsten Laternenpfahl laufen oder Ärger mit ihrer Gattin bekommen würden. Ich wäre zu gerne während der WM zum Public Viewing gegangen und hätte mit Hingabe die Nationalhymne mitgesungen und mein schwarz-rot-goldenes Fähnlein geschwungen. Ich würde mich gerne im Urlaub in einem 5-Sterne-Club auf Ibiza verwöhnen lassen und nachts halbnackt durch die Discotheken der Insel ziehen, statt zum Heilfasten an die Nordsee zu fahren. Doch leider traue ich mich das alles nicht. Schließlich bin ich doch eine Strickjacke und kann schlecht aus meiner eigenen Haut schlüpfen. Also schlurfe ich in meinen ausgeleierten Strickjacken und billigen Sneakers durch die Straßen und bin sehr bemüht, nicht weiter aufzufallen.

Doch halt – das stimmt ja gar nicht. Ich falle ja auf. War da nicht erst neulich dieser reizende junge Mann, der im Supermarkt am Eierregal seinen Einkaufswagen in meinen rammte und dem ich auf seine Frage nach den besten Eiern eine Packung Bio-Eier von glücklichen Hühnern in die Hände drückte? Und der so aussah, als hätte er am liebsten meine Telefonnummer gehabt? Und sind da nicht die Kollegen, die sich oft genug die Klinke in die Hand geben, um mir die Aufwartung zu machen? Und all die Männer der letzten Jahre, die mir zu gerne einen Heiratsantrag gemacht hätten – wenn ich sie nur gelassen hätte? Von den Liebhabern ganz zu schweigen. Leider waren viele dieser Männer Anhänger der Strickjackenfraktion – und ich fand sie langweilig! Daher habe ich keinen Mann und keine Kinder, kein Haus und keinen Hund. Und noch etwas stelle ich fest: Dieses ganze Gutmenschengetue geht mir manchmal unglaublich auf die Nerven. Ich will nicht immer mit einer Leidensmiene herum rennen, weil diese Welt so schlecht ist. Ich will Spaß haben, ohne mich dabei für meinen Egoismus schämen zu müssen. Gut, ich trinke viel Tee und bin sehr harmoniebedürftig. Ich habe schon so manche Beziehung zu Tode diskutiert. Aber ich besuche weder Seminare über die magischen Kräfte von Hexen und Hebammen noch habe ich jemals eine Urschreitherapie gemacht. Dafür bin ich zum Public Viewing gegangen. Heimlich. Und die praktische Baumwollunterwäsche habe ich schon lange gegen sinnliche Spitzendessous ausgewechselt. Noch heimlicher. Ich esse Fleisch, wenn ich gerade Appetit darauf habe, selbst dann, wenn es aus einer Massentierhaltung stammt. Immer seltener heimlich. Und ich langweile mich bei Gutmenschenbüchern und schaue mir stattdessen lieber triviale Hollywoodfilme an. Ganz öffentlich.

Ja, genau genommen werden mir die ganzen Strickjacken immer unsympathischer. Sowohl meine eigenen als auch alle anderen. Nach langem Grübeln kam ich zu einer Erkenntnis, die ich Soul umgehend mitteilen musste:
„Ich bin in Wahrheit nur äußerlich eine Strickjacke. Innerlich bin ich auch eine Schwarze.“
Ich dachte, der coole Soul würde mich jetzt auslachen und diese Bemerkung als den billigen Versuch deuten, mich bei ihm anzubiedern. Doch stattdessen sagte er ganz ernst:
„Natürlich bist du das. Das wusste ich schon immer. Was glaubst du wohl, warum ich mit dir befreundet bin und warum ich dich immer mit deiner Strickjacke aufziehe? Aber eins sage ich dir: Falls du jemals heiraten und zu einer echten Strickjackenträgerin mutieren solltest, dann wirst du das daran merken, dass ich keine Sprüche mehr über deine Strickjacken mache.“
Seitdem erbitte ich mir jede Woche mindestens einen lästerlichen Spruch über meine Mitgliedschaft in der Strickjackenfraktion. Diese Woche habe ich ihn schon gehört. Wie gut.
Wenn man zahlreiche Strickjacken besitzt, macht einen das dann auch automatisch zu einem Tee trinkenden Gutmenschen, der hauptberuflich die Welt verbessern will? Eine Spurensuche.
ist seit 2003 aktiv im Internet unterwegs. Sie schreibt in ihrem Blog über Liebeslust und Lebensfrust, über Träume und Sehnsüchte und die Suche nach dem kleinen Glück.
Die Strickjacke - worum es hier eigentlich geht

total coole Jacken - für alle, die Strickjacken tragen und dabei richtig cool sein wollen

kleidsam - Second Hand-Laden einer Münchner Arbeitsloseninitiative
mindestens haltbar 07/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 13
ISSN 1816-8159
Autor: Saintphalle
Titel: Die Strickjackenfraktion
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am 20. Jul, 11:46

Gefällt diese Strickjacke. Liest sich gut. Und welche charmanten Geheimnis unter ihr verborgen sind. Jetzt frag' ich mich, welcher Fraktion ich angehöre. Vielleicht der 501plusJacket Gilde mit eingeschränkter Coolness ... oder so ähnlich. :-)

am 4. Jul, 18:49

Ich denke, dass die Strickjacken noch mehr in Mode kommen werden, als es bisher schon der Fall war, mir gefallen sie auch nur eingeschränkt aber was soll man da machen.....


am 29. Jul, 17:09

Wunderbestens geschrieben Frau S. wie immer. Aber hören se mal, wer hat denn ihren Text vertont??? Ähm... ne schön, *hust*


am 3. Aug, 15:20

@40ü: Nur eingeschränkte Coolness? Vielleicht solltest du die 501er-Jacke einfach schwarz färben, dann hast du totale Coolness. So einfach ist das.
@Frau M: Gefällt Ihnen meine neue Stimme etwa nicht?

am 4. Aug, 17:36

doch sehr schön. Sicher waren sie etwas erkältet?


am 4. Aug, 13:56

Danke für den schönen Artikel und die Erkenntnis, dass man nur äußerlich eine Strickjacke und innen eine Schwarze sein kann. Sehr beruhigend!
Viele Grüße!