Entwicklungszyklen in der Kleiderwahl

von medienjunkie
Den kleinen Jungen interessiert es nicht die Bohne, was er anhat. Er spielt im Dreck, wälzt sich darin, die Mutter schlägt die Hände vors Gesicht, aber am Ende wäscht sie es doch wieder rein und die Fleckenzwerge sind verscheucht. Was zählt ist der kurzfristige Spaß, kleine Jungs sind nicht sehr oberflächlich, Kleidung ist unwichtig und was für Erwachsene. Das kleine Mädchen ist allerdings schick gekleidet, dafür sorgt mindestens Mutti. Ein Kleidchen und ein Seil nimmt sie mit nach draußen und spiel Seilhüpfen oder irgendwelche Hüpfspiele auf aufgemalten Quadraten mit ihren ebenfalls schick gekleideten Freundinnen.

Ein paar Jahre später, im Alter, in dem man von Teenies spricht, wenn die ersten Zigaretten umgehen, rumgeknutscht wird und auch mal ein Schlückchen Alkohol fließt, da wird auch Kleidung wichtiger. Der Junge kleidet sich in tief sitzende Hosen, die gern einige Nummern zu groß gekauft werden. Das Mädchen hält es gegenteilig, sie tauscht das Kleidchen gegen eine eng sitzende Jeans und versucht dabei möglichst dafür zu sorgen, dass der Junge mit den tief sitzenden Hosen auch immer viel von der Unterwäsche sieht, er zeigt schließlich auch genug davon, ob Absicht oder nicht, weiß man nicht genau. Gewandelt hat sich der neue Hang zur Oberflächlichkeit nur beim Jungen, das Mädchen war es schon immer, wenn auch vielleicht nicht unbedingt freiwillig. Der Junge spielt nicht mehr im Dreck (höchstens im Trikot des örtlichen Fußballvereins), sondern passt sich den Bedürfnissen des Mädchens an, die einen sauberen Jungen natürlich lieber mag. Schließlich will der Junge ja auch mal rumknutschen.

Jahre vergehen, der Junge und das Mädchen kommen zusammen und heiraten schließlich. Zwei Jahre lang hielt er es mit der Oberflächlichkeit, nur, dass die an den Knien sitzenden Hosen jetzt normal geschnitten sind, der ein oder andere trägt vielleicht sogar einen Anzug. Sie trägt vielleicht mal wieder ein Kleidchen oder ein Röckchen, Seil springen tut sie im Idealfall allerdings nicht mehr. So geht das einige Jahre, beide sind gut gekleidet, ein hübsches Paar, bis sich im Hirn des Jungen, der jetzt ein Mann ist (bzw. sein sollte), der Wandel einstellt. Er bemerkt (oder glaubt zumindest), dass die Frau an seiner Seite bleiben wird, egal was er trägt und wechselt daher von der gut sitzenden Anzughose zur bequemen Jogging- oder Jeanshose. Der Wechsel vollzieht sich für die Frau fast unbemerkt, er verläuft fließend und bei jedem Mann zu anderer Zeit. Einige wenige Ausnahmen (heutzutage nennt man sie metrosexuell oder Beckham) bleiben immer in der Rolle des jungen, gut gekleideten Mannes, die meisten aber werden wieder zu kleinen Jungs.

Liebe Frauen, die sie noch ihr Röckchen oder Kleidchen tragen, wenn ihr Mann nach dem Herumschrauben am Auto wieder dreckig nach Hause kommt und Sie die Fleckenzwerge heraus waschen müssen, dann haben auch Sie sich erstmals gewandelt: Zur Mutter vom kleinen Jungen am Anfang dieses Textes.
Männer und Frauen, Mütter und Töchter, Jungen und Mädchen: Eine Betrachtung der Kleidungseigenheiten beider Geschlechter.
bloggt seit einem Jahr in seinem Weblog und wird demnächst in Hamburg leben.
mindestens haltbar 07/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 13
ISSN 1816-8159
Autor: medienjunkie
Titel: Entwicklungszyklen in der Kleiderwahl
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am 19. Jul, 20:24

Einfach herrlich dieser Beitrag! Da findet sich doch nun wirklich jeder drin wieder , oder?!


am 19. Jul, 21:15

Sehr guter Artikel!! Vor allem das Fazit, wo sich der Kreis wieder schließt!! Toll, bin beeindruckt!


am 19. Jul, 21:29

Haste gut gemacht. ;)


am 19. Jul, 21:42

Niederschmetternd,
diese Prognose, die Du uns stellst.
Ich will nur einen Mann, der sogar bügeln kann.


am 19. Jul, 21:50

Der Medienjunky wie er leibt und lebt :-) herrlich!


am 20. Jul, 09:31

... Nach der Kleidung wird man empfangen, nach dem Verstande verabschiedet ...

Cum laude!


am 20. Jul, 10:27

ich trage immer noch die gleichen kleidchen wie vor zwanzig jahren.


am 20. Jul, 17:04

Grossartig und ein typischer MeDiEnJuNkiE!

Klasse!!!


am 20. Jul, 20:02

@gwendolyn: ach, so niederschmetternd ist das doch gar nicht. :-)

@juleika: ein wahres wort.

@christian s.: sie wurden wahrscheinlich schon mit der anzughose geboren. ;-)

@alle anderen: vielen dank für die blumen. :)

am 20. Jul, 20:48

Toll gemacht! Bin stolz auf Dich! *fg*
Ganz liebe Grüsse
LuLu


am 21. Jul, 02:14

Habe beim Lesen ziemlich schmunzeln müssen und mich an den vergeblichen Kampf meiner Mutter, mich mit Lackschuhen und Kleidchen ausgestattet den Tanten vorzuführen, erinnert gefühlt ...

Und ich bin sehr froh darüber, daß die bessere Hälfte seine Kleidung selber wäscht :-)

Toller Text.

am 21. Jul, 11:46

sehr schön geschrieben!


am 21. Jul, 15:03

Gut beobachtet. Leider vermisse ich die Ursachenforschung, sprich die Erklärung dieses Wandelns - dürfte Stoff für lustiges Bloggen ergeben. ;)


am 22. Jul, 18:45

gefällt mir :-)


am 24. Jul, 01:23

@mirtana: danke und ich kann es mir lebhaft vorstellen. ;-)

@windseeker: leider hätte das wohl die vorgegebene textmenge und meien geduld strapaziert, hab beim theme kleidsam schon lange genug gebraucht, bis mir überhaupt was einfiel. ;)