
Frau Grabow und ich
von ichichich
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Meine Zuneigung zu Frau Grabow rührt vor allem aus der Begeisterung für ihre Produkte – einer Begeisterung, die gelegentlich ins fetischhafte schwappen mag, aber sei’s drum: Törtchen, Kuchen, Gebäckstücke, goldbraun schimmernd, bepudert mit feinstem Zucker und dem leckersten Obst gefüllt, warm dampfend und mit dem Geruch frischer Hefe ... ich schweife ab.
Frau Grabow war Konditoreifachverkäuferin, sie war der Inbegriff dessen, was man gemeinhin als adrett bezeichnet und ihre Farbe hieß rosa. Ich lebte damals in einer kleinen Stadt im Wald und mein Weg von der Arbeit nach Hause führte mich täglich an ihrer Konditorei vorbei. Betrat man sie, glaubte man sich in eine andere Zeit versetzt. Die letzten vierzig Jahre hatten in diesen Räumen einfach nicht stattgefunden. Auch Frau Grabow schien geradewegs einem Peter-Alexander-Film entsprungen, der Stolz der Wirtschaftswunderzeit lebte munter fort in ihrem Auftreten, ihrem Gesicht, ihrer Kleidung: Blass rosa war ihre Bluse, satt rosa ihre Schürze, frisch gestärkt und mit einer perfekten Schleife am Rücken gebunden. Der weiße Kragen war mit einer funkelnden Brosche besetzt, das Haar trug sie hochgesteckt und ihr Make-up war dezent, aber wahrnehmbar.
Drei Jahre besuchte ich sie fast täglich und niemals trug sie etwas anderes. Ich stellte sie mir morgens vor ihrem Kleiderschrank vor, in dem ein Dutzend identischer, rosafarbener Schürzen hängen würden. Sie würde nachdenklich einen Finger an die Lippen legen und sich nach kurzem Zögern für die dritte, nein, halt, die vierte von links entscheiden. Immer wäre sie zufrieden mit ihrer Wahl, denn der Wunsch nach modischen Torheiten war ihr stets fremd.
Konditoreifachverkäuferinnen, wenn ich das kurz erwähnen darf, werden dringend gesucht, gelegentlich fällt sogar das Wort „händeringend“. Orientierungswilligen Jugendlichen sei das Internet empfohlen. Dort erfahren sie, dass eine erstklassige Konditoreifachverkäuferin vor allem eines benötigt: „Backgroundwissen“. Und auch den karrierebewussten Aspirantinnen wird Hoffnung gemacht. „Was willst du erreichen?“ fragen die Meister des Gewerbes und behaupten: „Alles ist möglich!“
Frau Grabow erweckte nie den Eindruck, als hätte sie eine Karriere im Sinn. Sie ruhte in sich selbst, jede ihrer Bewegungen war voller Würde und ihr mildes Lächeln verriet einen Grad an Weisheit, den strengste Buddhistinnen selbst nach fünf Wiedergeburten nur selten erreichen.
Eines Tages fehlte Frau Grabow. Sie fehlte eine ganze Woche lang, es war eine Woche der Appetitlosigkeit für mich, nie zuvor hatte ich Kuchen derart lustlos vertilgt, aus purem Pflichtgefühl und ohne jeden Genuss. Dann, genauso unvermittelt, stand sie wieder hinter der Theke, aber etwas war anders: Ein leises Leuchten ging von ihr aus, sie glühte, wie ich erfuhr, noch im Banne des soeben Erlebten.
Sie erzählte von der Konferenz ihres Bundesverbandes, unter dem Motto „Aus dem Ofen in die Welt – die Konditoreifachverkäuferin als Mittlerin des guten Geschmacks“. Sie erzählte von den Tausenden Teilnehmerinnen, von der einzigartigen, vibrierenden Atmosphäre, die beseelt gewesen sei von dem Wissen um die Bedeutung des eigenen Tuns. Sie erzählte von Seminaren mit Titeln wie „Optimale Wechselgeldstrategien“ und „Dekorieren im Wandel der Zeiten“. Und sie erzählte von der Modenschau, von der Schürze des jungen belgischen Designers, die ihr so gefallen hatte. „Rosa?“ fragte ich und sie strahlte und nickte: „Mit echter Spitze!“
Nie traf ich Frau Grabow außerhalb der Konditorei, und um ehrlich zu sein, ich war froh darüber. Die Vorstellung, sie trüge bei dieser Gelegenheit statt ihres adretten Ensembles ein, sagen wir, tarnfarbenes Shirt zu Jeans und Flipflops, das Haar womöglich offen, vielleicht gar hölzernen Ethnoschmuck am Handgelenk, diese Vorstellung war unerträglich, die Konfrontation mit dieser Art von Wirklichkeit hätte einen Zauber gebrochen, hätte unsere ganz besondere Beziehung zerstört: Nur noch mit Verachtung hätte ich ihr gegenübertreten können, bebend vor Zorn und mit dem steten Drang, ihr ein empörtes „Verräterin!“ entgegenzuschleudern. Aber die Stadt war klein und ich wusste: Irgendwann würde es geschehen, es war unabwendbar, geradezu vorherbestimmt. Und es gab nur eine Möglichkeit, die Magie für immer zu bewahren.
Ich lebe jetzt in Hamburg.
Frau Grabow war Konditoreifachverkäuferin, sie war der Inbegriff dessen, was man gemeinhin als adrett bezeichnet und ihre Farbe hieß rosa. Ich lebte damals in einer kleinen Stadt im Wald und mein Weg von der Arbeit nach Hause führte mich täglich an ihrer Konditorei vorbei. Betrat man sie, glaubte man sich in eine andere Zeit versetzt. Die letzten vierzig Jahre hatten in diesen Räumen einfach nicht stattgefunden. Auch Frau Grabow schien geradewegs einem Peter-Alexander-Film entsprungen, der Stolz der Wirtschaftswunderzeit lebte munter fort in ihrem Auftreten, ihrem Gesicht, ihrer Kleidung: Blass rosa war ihre Bluse, satt rosa ihre Schürze, frisch gestärkt und mit einer perfekten Schleife am Rücken gebunden. Der weiße Kragen war mit einer funkelnden Brosche besetzt, das Haar trug sie hochgesteckt und ihr Make-up war dezent, aber wahrnehmbar.
Drei Jahre besuchte ich sie fast täglich und niemals trug sie etwas anderes. Ich stellte sie mir morgens vor ihrem Kleiderschrank vor, in dem ein Dutzend identischer, rosafarbener Schürzen hängen würden. Sie würde nachdenklich einen Finger an die Lippen legen und sich nach kurzem Zögern für die dritte, nein, halt, die vierte von links entscheiden. Immer wäre sie zufrieden mit ihrer Wahl, denn der Wunsch nach modischen Torheiten war ihr stets fremd.
Konditoreifachverkäuferinnen, wenn ich das kurz erwähnen darf, werden dringend gesucht, gelegentlich fällt sogar das Wort „händeringend“. Orientierungswilligen Jugendlichen sei das Internet empfohlen. Dort erfahren sie, dass eine erstklassige Konditoreifachverkäuferin vor allem eines benötigt: „Backgroundwissen“. Und auch den karrierebewussten Aspirantinnen wird Hoffnung gemacht. „Was willst du erreichen?“ fragen die Meister des Gewerbes und behaupten: „Alles ist möglich!“
Frau Grabow erweckte nie den Eindruck, als hätte sie eine Karriere im Sinn. Sie ruhte in sich selbst, jede ihrer Bewegungen war voller Würde und ihr mildes Lächeln verriet einen Grad an Weisheit, den strengste Buddhistinnen selbst nach fünf Wiedergeburten nur selten erreichen.
Eines Tages fehlte Frau Grabow. Sie fehlte eine ganze Woche lang, es war eine Woche der Appetitlosigkeit für mich, nie zuvor hatte ich Kuchen derart lustlos vertilgt, aus purem Pflichtgefühl und ohne jeden Genuss. Dann, genauso unvermittelt, stand sie wieder hinter der Theke, aber etwas war anders: Ein leises Leuchten ging von ihr aus, sie glühte, wie ich erfuhr, noch im Banne des soeben Erlebten.
Sie erzählte von der Konferenz ihres Bundesverbandes, unter dem Motto „Aus dem Ofen in die Welt – die Konditoreifachverkäuferin als Mittlerin des guten Geschmacks“. Sie erzählte von den Tausenden Teilnehmerinnen, von der einzigartigen, vibrierenden Atmosphäre, die beseelt gewesen sei von dem Wissen um die Bedeutung des eigenen Tuns. Sie erzählte von Seminaren mit Titeln wie „Optimale Wechselgeldstrategien“ und „Dekorieren im Wandel der Zeiten“. Und sie erzählte von der Modenschau, von der Schürze des jungen belgischen Designers, die ihr so gefallen hatte. „Rosa?“ fragte ich und sie strahlte und nickte: „Mit echter Spitze!“
Nie traf ich Frau Grabow außerhalb der Konditorei, und um ehrlich zu sein, ich war froh darüber. Die Vorstellung, sie trüge bei dieser Gelegenheit statt ihres adretten Ensembles ein, sagen wir, tarnfarbenes Shirt zu Jeans und Flipflops, das Haar womöglich offen, vielleicht gar hölzernen Ethnoschmuck am Handgelenk, diese Vorstellung war unerträglich, die Konfrontation mit dieser Art von Wirklichkeit hätte einen Zauber gebrochen, hätte unsere ganz besondere Beziehung zerstört: Nur noch mit Verachtung hätte ich ihr gegenübertreten können, bebend vor Zorn und mit dem steten Drang, ihr ein empörtes „Verräterin!“ entgegenzuschleudern. Aber die Stadt war klein und ich wusste: Irgendwann würde es geschehen, es war unabwendbar, geradezu vorherbestimmt. Und es gab nur eine Möglichkeit, die Magie für immer zu bewahren.
Ich lebe jetzt in Hamburg.




elvira
am 20. Jul, 09:23
habe soeben deinen text gelesen. und ebenfalls sehr gemocht.
lieben gruß.