An G-Sowieso

von Petra Schmitz
Was scheinbar alle anderen können, versagt bei mir stets: Ich kann schlicht nicht inbrünstig an öffentlichen Plätzen lesen. An semi-öffentlichen übrigens auch nicht. Etwa im Wartebereich von Gate 'G-Sowieso' oder 'C-Dingenskirchen' von innerdeutschen Trips der Bushansa. Ich hab' natürlich immer ein Büchlein (wenn möglich auf Englisch) oder ein Magazin (lifestylig-ernstes in Minimal-Layout) oder ein Tagesblatt (Süddeutsche oder vergleichbares) vor mir, wenn ich an Flughäfen rumgammel, weil man unbedingt eine gewisse intellektuelle Gleichgültigkeit zur Schau stellen muss, sonst gilt man -- zappzarapp -- als Erstflieger, der hühnerig auf den Aufruf wartet. Und das geht mal gar nicht! Aber lesen geht auch nicht. Dazu ist die Gesellschaft in Wartebereichen häufig viel zu exklusiv. Beobachten. Einordnen. Klischees anlegen. Verhaltensmuster erkennen. Sich im besten Fall königlich amüsieren.

Da sind etwa nahezu immer kleinere Reisegruppen von Wannabe-Meistern-des-Universums: jungdynamischen Agenturler, die irgendwo eine agentürliche Powerpoint-Präsentation zu halten gedenken. Die haben nicht selten etwas von Hahnenkampf: laut, aufgesetztes Lachen, jeder überbietet den anderen im 'gekonnt mit einer Hand in der Hosentasche des Trendanzugs Rumstehen'. Den Gegenpart dazu bilden die alleinfliegenden frisch gebackenen Außendienstler kleinerer Betriebe. Die sind noch oft noch jünger (oder wahnsinnig viel älter) als die Agenturler, haben sicher einen exzellenten Inselbegabten-Uni-Abschluss, haben aber auch eine praktische wie hässliche Einmal-mit-Handtuch-rubbel-und-schon-trocken-Frisur, tragen gedeckt-farbige und schlecht sitzenden Einreiher, die durch die viel zu große und schwere Laptop-Tasche über der rechten Schulter noch mehr aus der Form gebracht werden. Dazu futtern sie mit einer beneidenswerten Gleichgültigkeit gegenüber der tropfenden Mayonnaise überteuerte Kiefersperr-Eierbaguettes aus Klarsichtfolien.

Ein bisschen ärgerlich sind die älteren Ingenieure in kurzärmeligen, karierten Hemden. Die sitzen tatsächlich häufig einfach nur rum und schauen Pläne an, während ihr Ticket gleichgültig aus der Brusttasche baumelt. Selbst, wenn eine Shopping-Reisende mit Freundin direkt neben ihnen durch Geraderücken der zierlichen Golduhr und Richten der dezent besträhnten Haare um Aufmerksamkeit buhlt. Übrigens sind die Shopping-Pärchen klischeemäßig tatsächlich häufig zusammengebaut aus einer wirklich gut aussehenden, in dezenten Farben gekleideten wie geschminkten Dame älterer Bauart und einer nicht ganz so gut aussehenden Schreckschraube gleichen Alters mit fisseligen, rot gefärbten Haaren und grellem Lippenstift -- passend zur Blusenfarbe. Ich frag' mich immer, wie die Gutaussehenden an diese Freundinnen geraten. Sicherlich über gezielte Kontrast-Anzeigen.

Apropos Kontrast: Es gibt sie ja, auch bei innerdeutschen Kurzflügen der Bushansa, diese Erstflieger und Erstfliegerinnen. Erstflieger sind unspannend. Erstfliegerinnen hingegen umso mehr: Die balancieren entweder in übertrieben bequemen Klamotten ihr in Sporttaschen steckendes Reisegepäck auf dem Schoß oder staksen ungelenk auf stets leicht abgetragenen Stöckelschuhen und in deplatziert schicken Klamotten rum. Letzteres wahrscheinlich dank vorheriger Betrachtung von Hochglanz-Magazinen voll mit Abbildungen weltfraulicher Mode. Erkennen kann man sowohl die Bequem-, als auch die Staks-Erstflieger an den regelmäßigen nervösen Blicken auf die Anzeigetafel und auf die im Schutzumschlag (mit gelbem Druckknopf) geordneten Flugunterlagen. Und so weiter…

… kurz: Ich beobachte mit Hingabe. Meist in modischer Jeans, adrettem, leicht Körper-betonend geschnittenem Oberteil und sportlich schicken Tretern, schaue zuweilen in mein Blättchen und sonst eher genervt oder gelangweilt in die Runde. Das signalisiert dann idealerweise, dass mir Fliegen gleichermaßen vertraut wie lästig ist, dass ich unfassbar vielbeschäftigt bin, aber keinem Anzug- und Exceltabellenzwang unterliege und die wenigen Minuten Zwangsfreizeit nutzen möchte, um Literatur oder Weltgeschehen zu konsumieren. Sonst kommt man ja zu nix, hach…! Und weil das irgendwie bekannte Verhaltensmuster sind, um an Flughäfen mordsmäßig lässig zu wirken, breche ich das Ganze gerne mit völlig unsinnigen wie übertriebenen Handlungen: Haareschütteln, überraschendem, versonnenem Lächeln oder mit Auf-Stuhl-Extremzusammenfalten. Warum das? Weil es sicherlich in jedem Wartebereich auf jedem Flughafen dieser Welt mindestens noch einen Jemand gibt, der aus den gleichen Gründen genau so wenig dort lesen kann wie ich. Und dem gebe ich höchstens ein halbes Klischee. Vielleicht aber auch einen wissenden Blick -- sollte ich ihn erkennen.
Für die einen ist sie vielleicht nur lästige Notwendigkeiten auf der Reise von A nach B, für andere ist sie besser als Konzert der Lieblingsband, heiß erwarteter Actionfilm und Kabarett-Abend zusammen: die Zeit im Wartebereich von Flughäfen. Große Eitelkeiten, kleine Unsicherheiten -- komprimiert auf einem Laufsteg. Zum Beobachten. Zum selber drauf Wandeln.
tippt seit 2000 vornehmlich Artikel über Killerspiele, bloggt seit Ende 2003 auf Schmitzchen.org und träumt -- wie jeder, der die Tastatur mit einer gewissen Hingabe benutzt -- in der restlichen Freizeit von mehr Freizeit, um endlich mal über die ersten zehn Seiten des schon ewig angedachten Romans hinauszukommen. Dass der dann auch gekauft, gelesen und gut gefunden wird, ist ein anderer Traum.
mindestens haltbar 07/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 13
ISSN 1816-8159
Autor: Petra Schmitz
Titel: An G-Sowieso
Metadaten im BibTeX Format
Creative Commons-Lizenzvertrag

Dieser Text ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.


am 19. Jul, 22:20

Klasse!
Gut beobachtet. Wobei diese Reihe noch mit zig anderen Typen weitergehen könnte.
Habe mich gut amüsiert.
Danke!

am 19. Jul, 22:54

Mit Liebe geschrieben und schon deshalb beinahe schön zu lesen.
Steckte doch im Inhalt bloß die gleiche Mühe wie in der Verpackung, oder anders gefragt: Werden Allerweltsklischees weniger allerweltlich, wenn man ankündigt, dass jetzt Allerweltsklischees kommen, bevor man Allerweltsklischees aneinander reiht?


am 19. Jul, 23:05

th, danke ebenso. tatsächlich hätte ich noch deutlich mehr allerweltklischees im kopf gehabt. vc, absolute zustimmung von mir, allerweltklischees durch und durch, noch und nöcher. ich habe nur bekannte hüllen beschrieben -- wie ich hoffe, etwas unterhaltsam. das macht das kopfnicken auf leserseite so hübsch einfach. gab folglich keinen anspruch bei mir, die klischees weniger allerweltlich zu machen.

am 19. Jul, 23:40

Unterhaltsam war es, keine Frage. Und trotzdem warte ich gespannt auf den nächsten Text, mit Hoffnung auf den einen oder anderen ganz eigenen Gedanken, der die schöne Form erst recht zum Glänzen bringt.

Spricht - streichen Sie das - SCHWAFELT der Kritikaster, der selber zu gedankenleer ist, um auch nur irgendetwas zu veröffentlichen.


am 20. Jul, 00:02

ich bedanke mich aufrichtig für das 'unterhaltsam war es'.

und ein klick reicht, denke ich, um den einen oder anderen eigenen gedanken von mir zu finden.


am 20. Jul, 00:10

Diese Shopping-Frauen buhlen allgemein um die Aufmerksamkeit der Umwelt, richtig? Denn die spezielle Aufmerksamkeit der hemdsärmligen Ingenieure dürfte ihnen reichlich schnuppe sein.

am 20. Jul, 18:35

gloomy, deswegen werden vor -- sagen wir -- robbie-williams-konzerten auch alle am einlass abgefangen, die nicht ins beuteschema des herrn passen. ich glaube, ich habe mal gar vernommen, dass die nicht mal karten kaufen dürfen. irgendwie so.


am 6. Jul, 10:01

mein gott..genial. ich verstehe wirklich nicht warum du nicht über deun zehn erstlings-buch-seiten hinauskommst... unglaublich witzige wortspiele (kontrast-anzeigen!), gemischt mitspritzigen gedankengängen, das ganze überbacken mit gutem deutsch - wo bleibt das buch verdammt?!

am 9. Jul, 06:25

Oh! Merci. Besonders fürs Entdecken meines Lieblingsworts in diesem Text.