
An G-Sowieso
Da sind etwa nahezu immer kleinere Reisegruppen von Wannabe-Meistern-des-Universums: jungdynamischen Agenturler, die irgendwo eine agentürliche Powerpoint-Präsentation zu halten gedenken. Die haben nicht selten etwas von Hahnenkampf: laut, aufgesetztes Lachen, jeder überbietet den anderen im 'gekonnt mit einer Hand in der Hosentasche des Trendanzugs Rumstehen'. Den Gegenpart dazu bilden die alleinfliegenden frisch gebackenen Außendienstler kleinerer Betriebe. Die sind noch oft noch jünger (oder wahnsinnig viel älter) als die Agenturler, haben sicher einen exzellenten Inselbegabten-Uni-Abschluss, haben aber auch eine praktische wie hässliche Einmal-mit-Handtuch-rubbel-und-schon-trocken-Frisur, tragen gedeckt-farbige und schlecht sitzenden Einreiher, die durch die viel zu große und schwere Laptop-Tasche über der rechten Schulter noch mehr aus der Form gebracht werden. Dazu futtern sie mit einer beneidenswerten Gleichgültigkeit gegenüber der tropfenden Mayonnaise überteuerte Kiefersperr-Eierbaguettes aus Klarsichtfolien.
Ein bisschen ärgerlich sind die älteren Ingenieure in kurzärmeligen, karierten Hemden. Die sitzen tatsächlich häufig einfach nur rum und schauen Pläne an, während ihr Ticket gleichgültig aus der Brusttasche baumelt. Selbst, wenn eine Shopping-Reisende mit Freundin direkt neben ihnen durch Geraderücken der zierlichen Golduhr und Richten der dezent besträhnten Haare um Aufmerksamkeit buhlt. Übrigens sind die Shopping-Pärchen klischeemäßig tatsächlich häufig zusammengebaut aus einer wirklich gut aussehenden, in dezenten Farben gekleideten wie geschminkten Dame älterer Bauart und einer nicht ganz so gut aussehenden Schreckschraube gleichen Alters mit fisseligen, rot gefärbten Haaren und grellem Lippenstift -- passend zur Blusenfarbe. Ich frag' mich immer, wie die Gutaussehenden an diese Freundinnen geraten. Sicherlich über gezielte Kontrast-Anzeigen.
Apropos Kontrast: Es gibt sie ja, auch bei innerdeutschen Kurzflügen der Bushansa, diese Erstflieger und Erstfliegerinnen. Erstflieger sind unspannend. Erstfliegerinnen hingegen umso mehr: Die balancieren entweder in übertrieben bequemen Klamotten ihr in Sporttaschen steckendes Reisegepäck auf dem Schoß oder staksen ungelenk auf stets leicht abgetragenen Stöckelschuhen und in deplatziert schicken Klamotten rum. Letzteres wahrscheinlich dank vorheriger Betrachtung von Hochglanz-Magazinen voll mit Abbildungen weltfraulicher Mode. Erkennen kann man sowohl die Bequem-, als auch die Staks-Erstflieger an den regelmäßigen nervösen Blicken auf die Anzeigetafel und auf die im Schutzumschlag (mit gelbem Druckknopf) geordneten Flugunterlagen. Und so weiter…
… kurz: Ich beobachte mit Hingabe. Meist in modischer Jeans, adrettem, leicht Körper-betonend geschnittenem Oberteil und sportlich schicken Tretern, schaue zuweilen in mein Blättchen und sonst eher genervt oder gelangweilt in die Runde. Das signalisiert dann idealerweise, dass mir Fliegen gleichermaßen vertraut wie lästig ist, dass ich unfassbar vielbeschäftigt bin, aber keinem Anzug- und Exceltabellenzwang unterliege und die wenigen Minuten Zwangsfreizeit nutzen möchte, um Literatur oder Weltgeschehen zu konsumieren. Sonst kommt man ja zu nix, hach…! Und weil das irgendwie bekannte Verhaltensmuster sind, um an Flughäfen mordsmäßig lässig zu wirken, breche ich das Ganze gerne mit völlig unsinnigen wie übertriebenen Handlungen: Haareschütteln, überraschendem, versonnenem Lächeln oder mit Auf-Stuhl-Extremzusammenfalten. Warum das? Weil es sicherlich in jedem Wartebereich auf jedem Flughafen dieser Welt mindestens noch einen Jemand gibt, der aus den gleichen Gründen genau so wenig dort lesen kann wie ich. Und dem gebe ich höchstens ein halbes Klischee. Vielleicht aber auch einen wissenden Blick -- sollte ich ihn erkennen.


th
am 19. Jul, 22:20
Gut beobachtet. Wobei diese Reihe noch mit zig anderen Typen weitergehen könnte.
Habe mich gut amüsiert.
Danke!
am 19. Jul, 22:54
Mit Liebe geschrieben und schon deshalb beinahe schön zu lesen.
Steckte doch im Inhalt bloß die gleiche Mühe wie in der Verpackung, oder anders gefragt: Werden Allerweltsklischees weniger allerweltlich, wenn man ankündigt, dass jetzt Allerweltsklischees kommen, bevor man Allerweltsklischees aneinander reiht?