
Es war einmal
von Missmary
Es war Winter, damals, in einem kleinen Städtchen im Waldviertel. Nicht einer dieser Wintertage wie sie heute üblich sind, voller Kälte, braungetretenem Schneematsch und Hektik, voller ungeduldig hupender Autofahrer und fluchender Menschen mit IKEA-Einkaufstaschen, sondern ein Tag voller Stille.
Die Sonne schien auf den frisch gefallenen Schnee und unser Hund, damals noch ganz jung, jagte hinter Schneebällen her, die wir Kinder für ihn warfen. Manchmal, wenn er sich besonders stark freute, sprang er an mir hoch, legte mir die Pfoten auf die Schultern und stupste mich so lange mit der Schnauze an, bis ich lachend im Schnee landete. Schoko war der coolste Hund der ganzen Nachbarschaft, weil er der einzige war, der Frisbeescheiben apportieren und über Gartenzäune springen konnte, und weil man sich im Sommer beim Schwimmen an ihm festhalten und durch den halben See ziehen lassen konnte – das freilich nur, wenn man klein und leicht genug war. Weil ich Schoko hatte, durfte ich mit den Großen mit. Die anderen Kinder meines Alters mussten immer zu Hause bleiben, ich aber war von Anfang an dabei, wenn es darum ging, im Wald eine Höhle zu bauen oder mit Luftdruckgewehren „Das A-Team“ zu spielen.
Als Schoko an diesem Tag durch den Schnee rannte, entdeckte er ein neues Spiel. Er sprang aus vollem Lauf plötzlich senkrecht in die Luft und landete dann im Liegen, vergrub den Kopf unter den Vorderpfoten und rührte sich nicht. Als er seinen neuen Trick zum ersten Mal vorführte, jagte er uns allen einen gehörigen Schrecken ein, so perfekt simulierte er das Totstellen. Er wartete, bis wir ganz nah herangekommen waren und sprang dann plötzlich mit einem langgezogenen Jaulen wieder auf, um uns gleich nochmal zu schrecken. Dann setzte er sich mit schiefgelegtem Kopf auf die Hinterpfoten, so wie er es immer tat, wenn er etwas angestellt hatte, und schien zu lachen. Schoko war weiß wie der Schnee – naja, ein bisschen dunkler vielleicht, aber fast – und hieß nur Schoko, weil er an dem Tag, als er bei uns eingezogen war, eine Schokoladentorte vom Küchentisch gefressen hatte. Natürlich konnte ihm sowohl bei dieser wie auch bei allen folgenden Missetaten keiner richtig böse sein. Niemand, der ihn kannte, konnte das – als meine Tante meiner Mutter einmal vorwarf, den Hund wie ein Kind zu verwöhnen, redete sie für ein halbes Jahr nicht mehr mit ihr.
Mit Schoko war ich das glücklichste Kind, das man sich vorstellen kann, und Schoko war mit unserer Familie wohl der privilegierteste Hund im ganzen Waldviertel.
Leider ist es in der Regel so, dass irgendwann der Tag kommt, an dem selbst auf den schönsten Traum das Erwachen folgt. Für Schoko und mich war es der Wintertag, damals, an dem die Sonne auf den frisch gefallenen Schnee schien und unser Hund hinter Schneebällen herjagte. Es sollte der letzte Wintertag sein, an dem wir unbeschwert durch den Schnee toben durften – am selben Abend eröffneten mir meine Eltern, dass wir nach Berlin ziehen müssten, in die Stadt der engen Wohnungen mit Hundeverbot, der Hektik und des Schneematsches. Seither sind die Winter irgendwie nicht mehr das gleiche, und werden es wohl nie wieder sein.
Was aus Schoko geworden ist? Ich weiß es nicht, werde es wohl nie erfahren. Aber seine Jugend war wohl glücklicher als meine – er durfte dort bleiben, wo der Schnee weiß war und man IKEA nur aus der Fernsehwerbung kannte.
Die Sonne schien auf den frisch gefallenen Schnee und unser Hund, damals noch ganz jung, jagte hinter Schneebällen her, die wir Kinder für ihn warfen. Manchmal, wenn er sich besonders stark freute, sprang er an mir hoch, legte mir die Pfoten auf die Schultern und stupste mich so lange mit der Schnauze an, bis ich lachend im Schnee landete. Schoko war der coolste Hund der ganzen Nachbarschaft, weil er der einzige war, der Frisbeescheiben apportieren und über Gartenzäune springen konnte, und weil man sich im Sommer beim Schwimmen an ihm festhalten und durch den halben See ziehen lassen konnte – das freilich nur, wenn man klein und leicht genug war. Weil ich Schoko hatte, durfte ich mit den Großen mit. Die anderen Kinder meines Alters mussten immer zu Hause bleiben, ich aber war von Anfang an dabei, wenn es darum ging, im Wald eine Höhle zu bauen oder mit Luftdruckgewehren „Das A-Team“ zu spielen.
Als Schoko an diesem Tag durch den Schnee rannte, entdeckte er ein neues Spiel. Er sprang aus vollem Lauf plötzlich senkrecht in die Luft und landete dann im Liegen, vergrub den Kopf unter den Vorderpfoten und rührte sich nicht. Als er seinen neuen Trick zum ersten Mal vorführte, jagte er uns allen einen gehörigen Schrecken ein, so perfekt simulierte er das Totstellen. Er wartete, bis wir ganz nah herangekommen waren und sprang dann plötzlich mit einem langgezogenen Jaulen wieder auf, um uns gleich nochmal zu schrecken. Dann setzte er sich mit schiefgelegtem Kopf auf die Hinterpfoten, so wie er es immer tat, wenn er etwas angestellt hatte, und schien zu lachen. Schoko war weiß wie der Schnee – naja, ein bisschen dunkler vielleicht, aber fast – und hieß nur Schoko, weil er an dem Tag, als er bei uns eingezogen war, eine Schokoladentorte vom Küchentisch gefressen hatte. Natürlich konnte ihm sowohl bei dieser wie auch bei allen folgenden Missetaten keiner richtig böse sein. Niemand, der ihn kannte, konnte das – als meine Tante meiner Mutter einmal vorwarf, den Hund wie ein Kind zu verwöhnen, redete sie für ein halbes Jahr nicht mehr mit ihr.
Mit Schoko war ich das glücklichste Kind, das man sich vorstellen kann, und Schoko war mit unserer Familie wohl der privilegierteste Hund im ganzen Waldviertel.
Leider ist es in der Regel so, dass irgendwann der Tag kommt, an dem selbst auf den schönsten Traum das Erwachen folgt. Für Schoko und mich war es der Wintertag, damals, an dem die Sonne auf den frisch gefallenen Schnee schien und unser Hund hinter Schneebällen herjagte. Es sollte der letzte Wintertag sein, an dem wir unbeschwert durch den Schnee toben durften – am selben Abend eröffneten mir meine Eltern, dass wir nach Berlin ziehen müssten, in die Stadt der engen Wohnungen mit Hundeverbot, der Hektik und des Schneematsches. Seither sind die Winter irgendwie nicht mehr das gleiche, und werden es wohl nie wieder sein.
Was aus Schoko geworden ist? Ich weiß es nicht, werde es wohl nie erfahren. Aber seine Jugend war wohl glücklicher als meine – er durfte dort bleiben, wo der Schnee weiß war und man IKEA nur aus der Fernsehwerbung kannte.


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am 29. Mai, 05:26