Kein Schneeflöckchen, aber jede Menge Weißröckchen

von Katharina „Lyssa“ Borchert
Ich mag den Sommer, wirklich, mir macht auch die „mörderische“ Hitze im „Jahrtausendsommer“ nichts aus (sieht man mal von jenen unangenehmen Minuten in unklimatisierten Bussen ab, in denen mich die Ausdünstungen meiner deoabstinenten Mitmenschen der Ohnmacht nahe bringen). Habe ich mich erst mal daran gewöhnt, könnte es meinetwegen drei Monate am Stück so heiß sein. Die andauernde Sonneneinstrahlung läßt mich glücklicher und entspannter durch den Tag gehen und auch meinen Mitmenschen tut sie gut. Die Welt um mich herum ist plötzlich viel freundlicher, offener und geselliger. Aber optisch? Optisch bringt der Sommer leider häufig das Schlechteste im Menschen ans grelle Tageslicht.

Das gilt besonders für diesen Sommer, der sich durch eine ungünstige Kombination aus langanhaltender Hitze und modischer Verirrung auszeichnet. Daran ist nicht zuletzt der aktuelle Modetrend Weiß schuld. Weiße Oberteile sind ein Klassiker und vielen Varianten sexy, aber weiße Hosen sind, nun ja, schwierig. Man muß schon extrem wohlproportioniert sein, um in einer engen weißen Hose nicht wie eine schlecht gestopfte Wurstspezialität auszusehen.

Vor allem die mit einem Stretchanteil versehenen weißen Stoffhosen, sehr beliebt, weil sehr bequem, geben gnadenlos jede noch so zarte Delle an Hintern und Oberschenkel preis. Cellulite betrifft etwa 80% aller Frauen, aber muß man diese allgemein bekannte Tatsache auch noch öffentlich unter Beweis stellen? Oder habe ich nur einen neuen Trend verpaßt? Etwa eine Solidaritätsbewegung zur gesteigerten Akzeptanz oder gar Salonfähigkeit von Orangenhaut? Eine Protestwelle gegen die makellosen Photoshopschönheiten in Frauenzeitschriften? Fehlanzeige. Der ganze normale Irrsinn eines Sommers.

Der Trend zur Weißwursthose sorgt übrigens auch dafür, daß wir neuerdings nicht nur das obere Ende des Stringtangas bewundern dürfen, dem schon viel zu lange Frischluft und Freiblick gegönnt wird. Nein, jetzt zeichnet sich alles so deutlich ab, daß wir den weiteren Verlauf der knappen Wäsche bis zum endgültigen Verschwinden eines Fädchens zwischen zwei mehr oder weniger verdellten Sitzflächen genau verfolgen können. Gewarnt werden muss aber auch vor ultrakurzen weiten Röcken, ganz egal ob in weiß oder bunt. Natürlich kann sich darunter nichts abzeichnen, dafür ist es fast unmöglich, sich darin zu bewegen ohne den Blick auf so ziemlich alles freizugeben. Ganz abgesehen davon will mir nicht einleuchten, warum Frauen ihren Hüft- und Hinternumfang ein halbes Jahr mit einer Diät nach der anderen reduzieren, um dann etwas zu tragen, das sie um die frisch verschlankte Körpermitte wie ein aufgeplatztes Sofakissen aussehen läßt.

Das sommerliche Debakel beschränkt sich jedoch nicht auf das helle Beinkleid. Darüber quält uns noch ein weiteres Jahr das bauchfreie Shirt, das aus unerfindlichen Gründen immer noch als sexy gilt, obwohl es in den meisten Fällen deutlich triebmindernd wirkt. Was an Babyspeckträgerinnen unter 20 noch irgendwie niedlich aussehen kann, läßt studiogestählte, solariumsgebräunte Fitnessanorektiker hart an der 40 wie traurige Karikaturen erscheinen. Und weil der enge Fetzen selbst nicht auszurotten ist, ändern die Verkäufer eben jedes Jahr das Motto darauf. Von der Schlampe zum Luxusgirlie zum Ronaldinho-Fan in nur fünf Sommern. Wohl eher ein Fall für Sozialwissenschaftler als für Mode-Enthusiasten.
Und das alles nur, weil der Mensch jenseits der 24-Grad-Grenze seine Garderobe plötzlich nicht mehr nach Kleidsamkeit, sondern nach Luftigkeit und einer pervertierten Form von „sexy“ auswählt. Modisch ziehe ich daher ganz eindeutig den Herbst vor. Die wenige freie Haut, die man dann noch zu sehen bekommt, kann wirklich erotisch wirken, die schwarzen Stiefel unterm knielangen Rock sind es auf jeden Fall. Sie verdecken außerdem die rissigen Fersen und den abblätternden Nagellack, mit dem uns Flipflop-Trägerinnen in den Monaten zuvor noch beglückten. Der Winter hingegen ist in jeder Hinsicht schwierig. Kalt, naß, dunkel und der feuchte Wind treibt zahllose Michelinmännchen mit wolligen Geschwüren auf dem Kopf vor sich her.

Na gut, wenigstens in Sachen Kopfbekleidung geht es in diesem Sommer wieder bergauf. Sowohl der Putzfrauenlook als auch Omas Häkelmütze werden außerhalb künstlicher Biotope wie der Loveparade kaum noch gesehen. Ich werde mich also auf die Köpfe konzentrieren, wenn ich jetzt mit dem Hund an die Alster gehe. Die dunkle Sonnenbrille kommt trotzdem mit. Sicher ist sicher.
Modisch ist der Sommer ein Desaster: Zwischen bauchfreien Shirts und Flipflops werden wir geradezu dazu gezwungen, all diejenigen Körperteile unserer sommerfreudigen Mitmenschen zu sehen, die uns so gar nicht interessieren.
Wahlhamburgerin mit chronischem Fernweh, die sehr zum Leidwesen ihrer Eltern der anständigen Juristerei entsagt hat, um nicht immer ganz anständige Geschichten zu schreiben. Die Liebe zum Lesen und Schreiben ging eine Allianz mit der Begeisterung fürs Internet ein, woraus das Weblog "Lyssas Lounge" als öffentliche Chronik großer und kleiner Alltagsgeschichten entstand.
mindestens haltbar 07/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 13
ISSN 1816-8159
Autor: Katharina „Lyssa“ Borchert
Titel: Kein Schneeflöckchen, aber jede Menge Weißröckchen
Metadaten im BibTeX Format
Creative Commons-Lizenzvertrag

Dieser Text ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.


am 26. Jul, 16:28

warum kein wort über männer-sommer-"moden"?
ich mags auch nicht besonders gerne, wenn vor meiner nase (weit vor meiner nase) mit unperfekten rundungen gewackelt wird. einfach, weil es mich nicht interessiert. oder weil ich es nicht schön finde. Hochglanzbilder-Figuren sind einfach schöner anzusehen. Aber stell dir vor, die (anderen) wären alle so? Arffff, es lebten die Komplexe! Trotzdem finde ich es aber ok, dass unperfekte frauenkörper nicht nur unter wallenden, langen stoffzelten versteckt sondern eben auch gezeigt werden. Oder dürfen sich nur die dünnen, jungen, knackigen zeigen und die anderen sollen sich verstecken, weil sie eine optische Zumutung sein könnten?


am 24. Nov, 11:13

Mit dieser Seite koenen Sie für Ihrer Blog und Webseite etwas besoders zu finden.


am 24. Nov, 11:15

GUT ,Sie haben viele Auskünfte gesammelt.
Ich bin beeinflusset.
Ich habe auch ein bisschen Information.