
Ekstasis
Wir folgen ihm, dem Sog hin zum Geschehen, dort, wo die Musik spielt. (Ohne Türtaxieren, ohne Adabei-Ablaß das Tabernaculum des mainhattaneser Nightlife in Augenschein nehmen zu können, mag ich mir nun wirklich nicht entgehen lassen.) Bunt ist's, formenreich, geometrisch multi-layered. Die Aufleger künden kanzelseits, thronen allgewaltig über den Beschallungswilligen. Überreichlich nacktes Mädchenfleisch hockt pulkweise zusammen, uniformiert, harte, fast überdrüssige Mienen, ebenso lethargisch wie verborgen erwartungsvoll. Um sie herum unruhige Jungmänner, unablässig in Bewegung - die obsolete Vokabel scharwenzeln kommt mir in den Sinn -, verbissen um Nonchalance bemüht. Aber die Grenzen bleiben eisern demarkiert – suum cuique: Unnahbarmädels und Poserbubis verteidigen ihre Territorien. Kaum eine Szene, die auf Genuß, auf Vergnügen, auf Lust gar schließen ließe. Und dabei ist die Verheißung doch so kategorisch: Ekstase hat gefälligst am Start zu sein - qua Musik, surrounding, sexyfunky partypeople anyway. It's your Heimspiel – make it real! Jawoll, Ekstase! Kaum noch ein Duschgel, das auf jene Metapher verzichtet: Tauch’ ein in Deine refreshing ecstatic Wi-Wa-Wohlfühlwelt, be different or make yourself insignificant, whatsoever. Aberhallo, und hier? Auf jedem Kaninchenzüchtertanzindenmai gehts sicher sinnlicher zu. Vielleicht.
Ekstase sei das Aus-Sich-Herausstehende, εκ-στάσις, das begrifflich nicht zu Verortende, das Fernnahe, das sich unversehens einstellt und über die Macht verfügt, Zweifel und Gewißheit miteinander zu versöhnen; so lehrte mich Frau S., die gestrenge Philosophieprofessorin mit den pastellenen Twinsets. Und eben das kam mir unvermittelt in den Sinn, als ich um Punkt sieben die Augen aufschlug, die verhaltenen Atemzüge neben mir vernahm und nichts weiter wünschte, als zu sein, wo ich bin. Mit spitzen Fingern, als ob ich fürchtete, daß der cartesianische Zweifel mit einem Mal als wahr sich decouvrierte, rührte ich an den glühenden Körper, zeichnete ungläubig seine Kontur nach, vergewisserte mich seiner Wahrhaftigkeit und begriff. Genau das. Ein Zustand, in dem es nicht um das Was des Ereignisses geht, als vielmehr ums Ereignen selbst, um seine überwältigende Intensität: Es ereignet sich, steht im wahren Wortsinn der έκστασις aus sich heraus – kein Etwas, sondern eine Kraft, die zieht, trägt, trifft. Die schiere Präsenz avanciert zum nachgerade Numinosen: Die bloße Gegenwart, die ein Mystisches zelebriert, dessen Geheimnis sich wohl am ehesten in entwortetem Staunen aufgehoben findet. Ein Unsagbares, das sich zeigt. (Ans große Wort, das über allem strahlt, wag' ich mich nicht.)
Dieser Artikel ist bereits im Weblog des Autors erschienen.


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am 29. Mai, 05:22