0213 - Kleidsam
Die Strickjackenfraktion
Saintphalle
In unseren Träumen sind wir oft total coole Helden, die von aller Welt angebetet werden. Die Realität sieht erheblich nüchterner aus. Da sind wir unsicher, unbeholfen und vor allem unauffällig. Unsere Kleidung ist dabei die beste Tarnung.
Ich gehöre der Strickjackenfraktion an. Jedenfalls sagt das mein Freund Soul. Mitglieder der Strickjackenfraktion lieben es bequem und praktisch. Sie bevorzugen Jeans und Sneakers statt Kostüme mit kurzen Röcken und High Heels oder elegante Anzüge und feine Oberhemden. Ja, derartige Kleidung verabscheuen sie regelrecht und finden, dass ihr spießige Zwanghaftigkeit anhaftet. Mitglieder dieser Fraktion sind aus Überzeugung Strickjackenträger und nicht etwa, weil ihnen nichts Besseres einfällt. Ihr Kleidungsstil ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern Ausdruck eines Lebensgefühls.
Strickjackenträger sind Gutmenschen, die die Welt verbessern wollen und sich nach Liebe und Frieden sehnen. In ihrer Stadt, ihrem Land, weltweit, aber vor allem in ihrem kleinen, privaten Umfeld. Sie sind umweltbewusste Menschen, die ihren Müll trennen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln statt dem Auto fahren. Sie sind für ihr soziales Engagement berühmt und berüchtigt. Sie beherbergen Asylanten in ihrer Gartenlaube und verteilen im Winter selbst gestrickte Mützen an Obdachlose. Sie haben immer noch einen Atomkraft-nein-danke-Aufkleber von 1982 auf ihrer Lederumhängetasche (ebenfalls von 1982) kleben und setzen sich dafür ein, dass alle Zootiere frei gelassen werden. Die Strickjackenfraktion gründet jeden Monat in einem anderen Stadtteil eine Frauengruppe, in der darüber diskutiert wird, ob Frauen staatliche Zuschüsse für ihren Bedarf an Monatshygiene erhalten sollten. Ihre Mitglieder sind extrem harmoniebedürftig und stecken lieber ihre eigenen Bedürfnisse zurück, als sich mit anderen Leuten zu streiten. Zwei Drittel aller weltweiten Umsätze im Tee- und Kerzengeschäft gehen auf ihr Konto. Dabei wirken sie oft kraftlos und frustriert. Ihre Schultern sind ein wenig krumm und ihre Stimmen leise und müde. Sie empfinden es als eine große Belastung, die Welt verbessern zu müssen. Die Anhänger der Strickjackenfraktion wohnen in großen Altbauwohnungen mit Dielenböden und ohne Gardinen vor den Fenstern. Oder in alten Bauernhäusern, die sie ökologisch korrekt restauriert haben. Obwohl sie sich eigentlich allem Bürgerlichen entziehen wollen, sind die meisten Strickjackenträger verheiratet und haben Kinder, einen Golden Retriever und einen Bausparvertrag. Wenn sie abends vor ihrem Kaminfeuer sitzen und sich gemütlich in ihre Strickjacken kuscheln, dann rauchen sie Pfeife, trinken italienischen Rotwein und lesen Arno Grün.
So ein Mensch also sei ich, sagt Soul. Soul ist ein Anhänger der schwarzen Fraktion. Das sind Leute, die grundsätzlich nur schwarze Kleidung tragen, mal mehr mit der intellektuellen Note inklusive Schlapphut und Aktentasche unterm Arm, mal eher dem Gothic-Stil verfallen. Anhänger der schwarzen Fraktion gewinnen wahlweise einen Nobelpreis oder stürzen sich aus dem Fenster. Wenn sie nicht gerade mit diesen Dingen beschäftigt sind, dann ist ihr Leben eine einzige große Party. Sex and Drugs and Rock’n’Roll. Oder so ähnlich. In ihren Augen liegt ständig ein melancholischer Schatten, in dem sich der Schmerz der ganzen Welt vereint, der sie beim anderen Geschlecht aber geradezu unwiderstehlich erscheinen lässt. Die Anhänger der schwarzen Fraktion sind die Größten, die Tollsten, die Coolsten. Es versteht sich von selbst, dass sie für alle anderen Parteien, vor allem aber für die Strickjackenfraktion, nur ein herablassendes Lächeln übrig haben. So cool wie ein Schwarzer kann eine Strickjacke nie werden, und wenn sie sich noch so sehr anstrengt.
Ich schaute in meinen Kleiderschrank und entdeckte auf Anhieb gleich fünf Strickjacken: Zwei graue, zwei anthrazitfarbene, eine rote. Dicke aus warmer Wolle für den Winter, leichtere aus feiner Baumwolle für den Sommer. Ich wagte nicht, in den Tiefen meines Schrankes noch nach weiteren, vergessenen Exemplaren Ausschau zu halten. Das ist ein wirklich schlechtes Zeichen, dachte ich bedrückt und kochte mir zum Trost erst mal eine Kanne Glückstee mit Roiboos und Kakaoschalen. Die Erkenntnis, dass ich wohl wirklich der Strickjackenfraktion angehöre, frustrierte mich zutiefst. Ich würde so gerne auch cool sein und kurze, knappe Röcke mit spitzen, hochhackigen Stiefeln tragen, so dass die Männer auf der Straße die Hälse nach mir verdrehen würden, bis sie vor den nächsten Laternenpfahl laufen oder Ärger mit ihrer Gattin bekommen würden. Ich wäre zu gerne während der WM zum Public Viewing gegangen und hätte mit Hingabe die Nationalhymne mitgesungen und mein schwarz-rot-goldenes Fähnlein geschwungen. Ich würde mich gerne im Urlaub in einem 5-Sterne-Club auf Ibiza verwöhnen lassen und nachts halbnackt durch die Discotheken der Insel ziehen, statt zum Heilfasten an die Nordsee zu fahren. Doch leider traue ich mich das alles nicht. Schließlich bin ich doch eine Strickjacke und kann schlecht aus meiner eigenen Haut schlüpfen. Also schlurfe ich in meinen ausgeleierten Strickjacken und billigen Sneakers durch die Straßen und bin sehr bemüht, nicht weiter aufzufallen.
Doch halt – das stimmt ja gar nicht. Ich falle ja auf. War da nicht erst neulich dieser reizende junge Mann, der im Supermarkt am Eierregal seinen Einkaufswagen in meinen rammte und dem ich auf seine Frage nach den besten Eiern eine Packung Bio-Eier von glücklichen Hühnern in die Hände drückte? Und der so aussah, als hätte er am liebsten meine Telefonnummer gehabt? Und sind da nicht die Kollegen, die sich oft genug die Klinke in die Hand geben, um mir die Aufwartung zu machen? Und all die Männer der letzten Jahre, die mir zu gerne einen Heiratsantrag gemacht hätten – wenn ich sie nur gelassen hätte? Von den Liebhabern ganz zu schweigen. Leider waren viele dieser Männer Anhänger der Strickjackenfraktion – und ich fand sie langweilig! Daher habe ich keinen Mann und keine Kinder, kein Haus und keinen Hund. Und noch etwas stelle ich fest: Dieses ganze Gutmenschengetue geht mir manchmal unglaublich auf die Nerven. Ich will nicht immer mit einer Leidensmiene herum rennen, weil diese Welt so schlecht ist. Ich will Spaß haben, ohne mich dabei für meinen Egoismus schämen zu müssen. Gut, ich trinke viel Tee und bin sehr harmoniebedürftig. Ich habe schon so manche Beziehung zu Tode diskutiert. Aber ich besuche weder Seminare über die magischen Kräfte von Hexen und Hebammen noch habe ich jemals eine Urschreitherapie gemacht. Dafür bin ich zum Public Viewing gegangen. Heimlich. Und die praktische Baumwollunterwäsche habe ich schon lange gegen sinnliche Spitzendessous ausgewechselt. Noch heimlicher. Ich esse Fleisch, wenn ich gerade Appetit darauf habe, selbst dann, wenn es aus einer Massentierhaltung stammt. Immer seltener heimlich. Und ich langweile mich bei Gutmenschenbüchern und schaue mir stattdessen lieber triviale Hollywoodfilme an. Ganz öffentlich.
Ja, genau genommen werden mir die ganzen Strickjacken immer unsympathischer. Sowohl meine eigenen als auch alle anderen. Nach langem Grübeln kam ich zu einer Erkenntnis, die ich Soul umgehend mitteilen musste:
„Ich bin in Wahrheit nur äußerlich eine Strickjacke. Innerlich bin ich auch eine Schwarze.“
Ich dachte, der coole Soul würde mich jetzt auslachen und diese Bemerkung als den billigen Versuch deuten, mich bei ihm anzubiedern. Doch stattdessen sagte er ganz ernst:
„Natürlich bist du das. Das wusste ich schon immer. Was glaubst du wohl, warum ich mit dir befreundet bin und warum ich dich immer mit deiner Strickjacke aufziehe? Aber eins sage ich dir: Falls du jemals heiraten und zu einer echten Strickjackenträgerin mutieren solltest, dann wirst du das daran merken, dass ich keine Sprüche mehr über deine Strickjacken mache.“
Seitdem erbitte ich mir jede Woche mindestens einen lästerlichen Spruch über meine Mitgliedschaft in der Strickjackenfraktion. Diese Woche habe ich ihn schon gehört. Wie gut.
Saintphalle
ist seit 2003 aktiv im Internet unterwegs. Sie schreibt in ihrem
Blog über Liebeslust und Lebensfrust, über Träume und Sehnsüchte und die Suche nach dem kleinen Glück.
Entwicklungszyklen in der Kleiderwahl
Mark Döring
Frauen legen seit jeher Wert auf Kleidung. Männer auch, aber nur wenn es sein muss und nur für eine bestimmte Zeit, wir Herren sind nämlich sehr wandlungsfähig.
Den kleinen Jungen interessiert es nicht die Bohne, was er anhat. Er spielt im Dreck, wälzt sich darin, die Mutter schlägt die Hände vors Gesicht, aber am Ende wäscht sie es doch wieder rein und die Fleckenzwerge sind verscheucht. Was zählt ist der kurzfristige Spaß, kleine Jungs sind nicht sehr oberflächlich, Kleidung ist unwichtig und was für Erwachsene. Das kleine Mädchen ist allerdings schick gekleidet, dafür sorgt mindestens Mutti. Ein Kleidchen und ein Seil nimmt sie mit nach draußen und spiel Seilhüpfen oder irgendwelche Hüpfspiele auf aufgemalten Quadraten mit ihren ebenfalls schick gekleideten Freundinnen.
Ein paar Jahre später, im Alter, in dem man von Teenies spricht, wenn die ersten Zigaretten umgehen, rumgeknutscht wird und auch mal ein Schlückchen Alkohol fließt, da wird auch Kleidung wichtiger. Der Junge kleidet sich in tief sitzende Hosen, die gern einige Nummern zu groß gekauft werden. Das Mädchen hält es gegenteilig, sie tauscht das Kleidchen gegen eine eng sitzende Jeans und versucht dabei möglichst dafür zu sorgen, dass der Junge mit den tief sitzenden Hosen auch immer viel von der Unterwäsche sieht, er zeigt schließlich auch genug davon, ob Absicht oder nicht, weiß man nicht genau. Gewandelt hat sich der neue Hang zur Oberflächlichkeit nur beim Jungen, das Mädchen war es schon immer, wenn auch vielleicht nicht unbedingt freiwillig. Der Junge spielt nicht mehr im Dreck (höchstens im Trikot des örtlichen Fußballvereins), sondern passt sich den Bedürfnissen des Mädchens an, die einen sauberen Jungen natürlich lieber mag. Schließlich will der Junge ja auch mal rumknutschen.
Jahre vergehen, der Junge und das Mädchen kommen zusammen und heiraten schließlich. Zwei Jahre lang hielt er es mit der Oberflächlichkeit, nur, dass die an den Knien sitzenden Hosen jetzt normal geschnitten sind, der ein oder andere trägt vielleicht sogar einen Anzug. Sie trägt vielleicht mal wieder ein Kleidchen oder ein Röckchen, Seil springen tut sie im Idealfall allerdings nicht mehr. So geht das einige Jahre, beide sind gut gekleidet, ein hübsches Paar, bis sich im Hirn des Jungen, der jetzt ein Mann ist (bzw. sein sollte), der Wandel einstellt. Er bemerkt (oder glaubt zumindest), dass die Frau an seiner Seite bleiben wird, egal was er trägt und wechselt daher von der gut sitzenden Anzughose zur bequemen Jogging- oder Jeanshose. Der Wechsel vollzieht sich für die Frau fast unbemerkt, er verläuft fließend und bei jedem Mann zu anderer Zeit. Einige wenige Ausnahmen (heutzutage nennt man sie metrosexuell oder Beckham) bleiben immer in der Rolle des jungen, gut gekleideten Mannes, die meisten aber werden wieder zu kleinen Jungs.
Liebe Frauen, die sie noch ihr Röckchen oder Kleidchen tragen, wenn ihr Mann nach dem Herumschrauben am Auto wieder dreckig nach Hause kommt und Sie die Fleckenzwerge heraus waschen müssen, dann haben auch Sie sich erstmals gewandelt: Zur Mutter vom kleinen Jungen am Anfang dieses Textes.
Mark Döring
bloggt seit einem Jahr unter dem Namen medienjunkie in seinem
Weblog und wird demnächst in Hamburg leben.
Frau Grabow und ich
ichichich
Die rosarote Schürze einer Konditorin ist der Inbegriff des Wörtchens adrett. Von süßen Törtchen, Konditorseminaren und der Wichtigkeit, Frau Grabow nie in Flip Flops zu begegnen.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Meine Zuneigung zu Frau Grabow rührt vor allem aus der Begeisterung für ihre Produkte – einer Begeisterung, die gelegentlich ins fetischhafte schwappen mag, aber sei’s drum: Törtchen, Kuchen, Gebäckstücke, goldbraun schimmernd, bepudert mit feinstem Zucker und dem leckersten Obst gefüllt, warm dampfend und mit dem Geruch frischer Hefe ... ich schweife ab.
Frau Grabow war Konditoreifachverkäuferin, sie war der Inbegriff dessen, was man gemeinhin als adrett bezeichnet und ihre Farbe hieß rosa. Ich lebte damals in einer kleinen Stadt im Wald und mein Weg von der Arbeit nach Hause führte mich täglich an ihrer Konditorei vorbei. Betrat man sie, glaubte man sich in eine andere Zeit versetzt. Die letzten vierzig Jahre hatten in diesen Räumen einfach nicht stattgefunden. Auch Frau Grabow schien geradewegs einem Peter-Alexander-Film entsprungen, der Stolz der Wirtschaftswunderzeit lebte munter fort in ihrem Auftreten, ihrem Gesicht, ihrer Kleidung: Blass rosa war ihre Bluse, satt rosa ihre Schürze, frisch gestärkt und mit einer perfekten Schleife am Rücken gebunden. Der weiße Kragen war mit einer funkelnden Brosche besetzt, das Haar trug sie hochgesteckt und ihr Make-up war dezent, aber wahrnehmbar.
Drei Jahre besuchte ich sie fast täglich und niemals trug sie etwas anderes. Ich stellte sie mir morgens vor ihrem Kleiderschrank vor, in dem ein Dutzend identischer, rosafarbener Schürzen hängen würden. Sie würde nachdenklich einen Finger an die Lippen legen und sich nach kurzem Zögern für die dritte, nein, halt, die vierte von links entscheiden. Immer wäre sie zufrieden mit ihrer Wahl, denn der Wunsch nach modischen Torheiten war ihr stets fremd.
Konditoreifachverkäuferinnen, wenn ich das kurz erwähnen darf, werden dringend gesucht, gelegentlich fällt sogar das Wort „händeringend“. Orientierungswilligen Jugendlichen sei das Internet empfohlen. Dort erfahren sie, dass eine erstklassige Konditoreifachverkäuferin vor allem eines benötigt: „Backgroundwissen“. Und auch den karrierebewussten Aspirantinnen wird Hoffnung gemacht. „Was willst du erreichen?“ fragen die Meister des Gewerbes und behaupten: „Alles ist möglich!“
Frau Grabow erweckte nie den Eindruck, als hätte sie eine Karriere im Sinn. Sie ruhte in sich selbst, jede ihrer Bewegungen war voller Würde und ihr mildes Lächeln verriet einen Grad an Weisheit, den strengste Buddhistinnen selbst nach fünf Wiedergeburten nur selten erreichen.
Eines Tages fehlte Frau Grabow. Sie fehlte eine ganze Woche lang, es war eine Woche der Appetitlosigkeit für mich, nie zuvor hatte ich Kuchen derart lustlos vertilgt, aus purem Pflichtgefühl und ohne jeden Genuss. Dann, genauso unvermittelt, stand sie wieder hinter der Theke, aber etwas war anders: Ein leises Leuchten ging von ihr aus, sie glühte, wie ich erfuhr, noch im Banne des soeben Erlebten.
Sie erzählte von der Konferenz ihres Bundesverbandes, unter dem Motto „Aus dem Ofen in die Welt – die Konditoreifachverkäuferin als Mittlerin des guten Geschmacks“. Sie erzählte von den Tausenden Teilnehmerinnen, von der einzigartigen, vibrierenden Atmosphäre, die beseelt gewesen sei von dem Wissen um die Bedeutung des eigenen Tuns. Sie erzählte von Seminaren mit Titeln wie „Optimale Wechselgeldstrategien“ und „Dekorieren im Wandel der Zeiten“. Und sie erzählte von der Modenschau, von der Schürze des jungen belgischen Designers, die ihr so gefallen hatte. „Rosa?“ fragte ich und sie strahlte und nickte: „Mit echter Spitze!“
Nie traf ich Frau Grabow außerhalb der Konditorei, und um ehrlich zu sein, ich war froh darüber. Die Vorstellung, sie trüge bei dieser Gelegenheit statt ihres adretten Ensembles ein, sagen wir, tarnfarbenes Shirt zu Jeans und Flipflops, das Haar womöglich offen, vielleicht gar hölzernen Ethnoschmuck am Handgelenk, diese Vorstellung war unerträglich, die Konfrontation mit dieser Art von Wirklichkeit hätte einen Zauber gebrochen, hätte unsere ganz besondere Beziehung zerstört: Nur noch mit Verachtung hätte ich ihr gegenübertreten können, bebend vor Zorn und mit dem steten Drang, ihr ein empörtes „Verräterin!“ entgegenzuschleudern. Aber die Stadt war klein und ich wusste: Irgendwann würde es geschehen, es war unabwendbar, geradezu vorherbestimmt. Und es gab nur eine Möglichkeit, die Magie für immer zu bewahren.
Ich lebe jetzt in Hamburg.
Kleidsam
Taylors Vintage
Schon ein altes Märchen lehrt uns, dass Kleider Leute machen. Wer jedoch einen Blick unter die Oberflächlichkeit wagt, erkennt schnell, dass es nicht das T-Shirt ist, das einen Menschen ausmacht, sondern die Seele darunter.
Wir hüllen uns in Gewänder welche einen Namen tragen, Gewisse behängen sich mit Schmuck und wieder andere schmücken sich mit einem schönen Auto. Alles nur, um von sich abzulenken. Alles nur, damit keiner sieht, wer sie wirklich sind und was sie wirklich bewegt. Stattdessen sehen wir das, was sie sein möchten, gerne wären oder glauben sein zu müssen. Wir leben in einer Welt, die von uns erwartet, jemand zu sein, der wir vielleicht gar nicht sein wollen.
Es ist nicht einfach, man selbst zu sein. Zu sagen was man denkt und manchmal allein im Wind zu stehen, während es einfacher wäre zu nicken und mit der Masse zu schwimmen. Man eckt an, man steht außen vor und irgendwie gehört man nirgends wirklich dazu. Doch muss man das wirklich? Ist es der Preis der Clubmitgliedschaft Wert seine Grundsätze zu verraten? Sein Leben zu verleugnen und seine wahren Träume zu verstecken?
Umhüllen wir uns mit Kleidern welche einen Namen tragen, damit wir uns nicht so einsam fühlen in der Masse des Einheitslooks? Oder füllen wir damit nur eine Leere in uns selbst, weil wir vergessen haben, was es heißt, man selbst zu sein? Es braucht Mut, und es braucht ein gewisses Maß an Selbstreflexion, welche nicht einfach und meist sehr schmerzhaft ist. Doch wen wir dabei treffen, unverhüllt und ehrlich, ist es wert.
Egal wie teuer das Hemd ist oder wie chic die Schuhe, es sind Dinge, die uns nicht wirklich kleiden. Nehmen wir uns ein Beispiel an den kleinen Kindern, die sich weder durch Markenschuhe noch sonst etwas Äußerliches beeindrucken lassen. Sie lieben den, der ihr Herz berührt, und es hat nie etwas mit einer Sache zu tun als viel mehr mit dem Menschen. Das, was ich an den Menschen immer als kleidsam empfand, war ihr Ich. Ihr Charisma, ihr Charakter, die Art quer zu denken. Es sind nicht die Schönen die meinen Weg kreuzten um mit mir ein Stück zu gehen. Es waren die schräg Denkenden, die Schönen auf den zweiten oder dritten Blick, die grandios Ehrlichen. Es waren immer Menschen, deren Augen eine Geschichte zu erzählen hatten und deren Seele sie umhüllte wie ein purpurner Mantel. Sie wirkten durch sich selbst, nicht durch ihre Kleidung.
Man sollte zu dem stehen was man ist und nicht versuchen, das zu sein, was man in den Augen anderer sein soll. Ein Märchen lehrte uns, dass Kleider zwar kleiden, jedoch niemals den Narren in uns bedecken.
Taylors Vintage
denkt schräg, fällt aus Prinzip mit der Tür ins Haus und gilt als zu direkt. Sie lebt in Zürich, arbeitet in der Werbung und findet sich selbst äußerst unkreativ. Sie würde gern mal eine Nacht mit Ben Becker verbringen, er aber nicht mit ihr, was ungemein schade ist.
Bloggen tut sie zu allem was ihr durch den Kopf schwirrt und das ist ne Menge.
An G-Sowieso
Petra Schmitz
An Flughäfen andächtig irgendwas lesen und das Drumherum ignorieren? Geht einfach nicht. Denn an kaum einem anderen Ort der Welt kann man sich besser und ausgiebiger in Klischees und Vorurteilen suhlen.
Was scheinbar alle anderen können, versagt bei mir stets: Ich kann schlicht nicht inbrünstig an öffentlichen Plätzen lesen. An semi-öffentlichen übrigens auch nicht. Etwa im Wartebereich von Gate 'G-Sowieso' oder 'C-Dingenskirchen' von innerdeutschen Trips der Bushansa. Ich hab' natürlich immer ein Büchlein (wenn möglich auf Englisch) oder ein Magazin (lifestylig-ernstes in Minimal-Layout) oder ein Tagesblatt (Süddeutsche oder vergleichbares) vor mir, wenn ich an Flughäfen rumgammel, weil man unbedingt eine gewisse intellektuelle Gleichgültigkeit zur Schau stellen muss, sonst gilt man -- zappzarapp -- als Erstflieger, der hühnerig auf den Aufruf wartet. Und das geht mal gar nicht! Aber lesen geht auch nicht. Dazu ist die Gesellschaft in Wartebereichen häufig viel zu exklusiv. Beobachten. Einordnen. Klischees anlegen. Verhaltensmuster erkennen. Sich im besten Fall königlich amüsieren.
Da sind etwa nahezu immer kleinere Reisegruppen von Wannabe-Meistern-des-Universums: jungdynamischen Agenturler, die irgendwo eine agentürliche Powerpoint-Präsentation zu halten gedenken. Die haben nicht selten etwas von Hahnenkampf: laut, aufgesetztes Lachen, jeder überbietet den anderen im 'gekonnt mit einer Hand in der Hosentasche des Trendanzugs Rumstehen'. Den Gegenpart dazu bilden die alleinfliegenden frisch gebackenen Außendienstler kleinerer Betriebe. Die sind noch oft noch jünger (oder wahnsinnig viel älter) als die Agenturler, haben sicher einen exzellenten Inselbegabten-Uni-Abschluss, haben aber auch eine praktische wie hässliche Einmal-mit-Handtuch-rubbel-und-schon-trocken-Frisur, tragen gedeckt-farbige und schlecht sitzenden Einreiher, die durch die viel zu große und schwere Laptop-Tasche über der rechten Schulter noch mehr aus der Form gebracht werden. Dazu futtern sie mit einer beneidenswerten Gleichgültigkeit gegenüber der tropfenden Mayonnaise überteuerte Kiefersperr-Eierbaguettes aus Klarsichtfolien.
Ein bisschen ärgerlich sind die älteren Ingenieure in kurzärmeligen, karierten Hemden. Die sitzen tatsächlich häufig einfach nur rum und schauen Pläne an, während ihr Ticket gleichgültig aus der Brusttasche baumelt. Selbst, wenn eine Shopping-Reisende mit Freundin direkt neben ihnen durch Geraderücken der zierlichen Golduhr und Richten der dezent besträhnten Haare um Aufmerksamkeit buhlt. Übrigens sind die Shopping-Pärchen klischeemäßig tatsächlich häufig zusammengebaut aus einer wirklich gut aussehenden, in dezenten Farben gekleideten wie geschminkten Dame älterer Bauart und einer nicht ganz so gut aussehenden Schreckschraube gleichen Alters mit fisseligen, rot gefärbten Haaren und grellem Lippenstift -- passend zur Blusenfarbe. Ich frag' mich immer, wie die Gutaussehenden an diese Freundinnen geraten. Sicherlich über gezielte Kontrast-Anzeigen.
Apropos Kontrast: Es gibt sie ja, auch bei innerdeutschen Kurzflügen der Bushansa, diese Erstflieger und Erstfliegerinnen. Erstflieger sind unspannend. Erstfliegerinnen hingegen umso mehr: Die balancieren entweder in übertrieben bequemen Klamotten ihr in Sporttaschen steckendes Reisegepäck auf dem Schoß oder staksen ungelenk auf stets leicht abgetragenen Stöckelschuhen und in deplatziert schicken Klamotten rum. Letzteres wahrscheinlich dank vorheriger Betrachtung von Hochglanz-Magazinen voll mit Abbildungen weltfraulicher Mode. Erkennen kann man sowohl die Bequem-, als auch die Staks-Erstflieger an den regelmäßigen nervösen Blicken auf die Anzeigetafel und auf die im Schutzumschlag (mit gelbem Druckknopf) geordneten Flugunterlagen. Und so weiter…
… kurz: Ich beobachte mit Hingabe. Meist in modischer Jeans, adrettem, leicht Körper-betonend geschnittenem Oberteil und sportlich schicken Tretern, schaue zuweilen in mein Blättchen und sonst eher genervt oder gelangweilt in die Runde. Das signalisiert dann idealerweise, dass mir Fliegen gleichermaßen vertraut wie lästig ist, dass ich unfassbar vielbeschäftigt bin, aber keinem Anzug- und Exceltabellenzwang unterliege und die wenigen Minuten Zwangsfreizeit nutzen möchte, um Literatur oder Weltgeschehen zu konsumieren. Sonst kommt man ja zu nix, hach…! Und weil das irgendwie bekannte Verhaltensmuster sind, um an Flughäfen mordsmäßig lässig zu wirken, breche ich das Ganze gerne mit völlig unsinnigen wie übertriebenen Handlungen: Haareschütteln, überraschendem, versonnenem Lächeln oder mit Auf-Stuhl-Extremzusammenfalten. Warum das? Weil es sicherlich in jedem Wartebereich auf jedem Flughafen dieser Welt mindestens noch einen Jemand gibt, der aus den gleichen Gründen genau so wenig dort lesen kann wie ich. Und dem gebe ich höchstens ein halbes Klischee. Vielleicht aber auch einen wissenden Blick -- sollte ich ihn erkennen.
Petra Schmitz
tippt seit 2000 vornehmlich Artikel über Killerspiele, bloggt seit Ende 2003 auf
Schmitzchen.org und träumt -- wie jeder, der die Tastatur mit einer gewissen Hingabe benutzt -- in der restlichen Freizeit von mehr Freizeit, um endlich mal über die ersten zehn Seiten des schon ewig angedachten Romans hinauszukommen. Dass der dann auch gekauft, gelesen und gut gefunden wird, ist ein anderer Traum.
Es war einmal
Missmary
Was macht uns aus? Was bestimmt, was wir sind? Ist es das T-Shirt, das wir tragen? Sind es die Freunde, die wir haben? Nein – es ist der Ort, an dem wir aufgewachsen sind. Eine Exkursion in die Vergangenheit.
Es war Winter, damals, in einem kleinen Städtchen im Waldviertel. Nicht einer dieser Wintertage wie sie heute üblich sind, voller Kälte, braungetretenem Schneematsch und Hektik, voller ungeduldig hupender Autofahrer und fluchender Menschen mit IKEA-Einkaufstaschen, sondern ein Tag voller Stille.
Die Sonne schien auf den frisch gefallenen Schnee und unser Hund, damals noch ganz jung, jagte hinter Schneebällen her, die wir Kinder für ihn warfen. Manchmal, wenn er sich besonders stark freute, sprang er an mir hoch, legte mir die Pfoten auf die Schultern und stupste mich so lange mit der Schnauze an, bis ich lachend im Schnee landete. Schoko war der coolste Hund der ganzen Nachbarschaft, weil er der einzige war, der Frisbeescheiben apportieren und über Gartenzäune springen konnte, und weil man sich im Sommer beim Schwimmen an ihm festhalten und durch den halben See ziehen lassen konnte – das freilich nur, wenn man klein und leicht genug war. Weil ich Schoko hatte, durfte ich mit den Großen mit. Die anderen Kinder meines Alters mussten immer zu Hause bleiben, ich aber war von Anfang an dabei, wenn es darum ging, im Wald eine Höhle zu bauen oder mit Luftdruckgewehren „Das A-Team“ zu spielen.
Als Schoko an diesem Tag durch den Schnee rannte, entdeckte er ein neues Spiel. Er sprang aus vollem Lauf plötzlich senkrecht in die Luft und landete dann im Liegen, vergrub den Kopf unter den Vorderpfoten und rührte sich nicht. Als er seinen neuen Trick zum ersten Mal vorführte, jagte er uns allen einen gehörigen Schrecken ein, so perfekt simulierte er das Totstellen. Er wartete, bis wir ganz nah herangekommen waren und sprang dann plötzlich mit einem langgezogenen Jaulen wieder auf, um uns gleich nochmal zu schrecken. Dann setzte er sich mit schiefgelegtem Kopf auf die Hinterpfoten, so wie er es immer tat, wenn er etwas angestellt hatte, und schien zu lachen. Schoko war weiß wie der Schnee – naja, ein bisschen dunkler vielleicht, aber fast – und hieß nur Schoko, weil er an dem Tag, als er bei uns eingezogen war, eine Schokoladentorte vom Küchentisch gefressen hatte. Natürlich konnte ihm sowohl bei dieser wie auch bei allen folgenden Missetaten keiner richtig böse sein. Niemand, der ihn kannte, konnte das – als meine Tante meiner Mutter einmal vorwarf, den Hund wie ein Kind zu verwöhnen, redete sie für ein halbes Jahr nicht mehr mit ihr.
Mit Schoko war ich das glücklichste Kind, das man sich vorstellen kann, und Schoko war mit unserer Familie wohl der privilegierteste Hund im ganzen Waldviertel.
Leider ist es in der Regel so, dass irgendwann der Tag kommt, an dem selbst auf den schönsten Traum das Erwachen folgt. Für Schoko und mich war es der Wintertag, damals, an dem die Sonne auf den frisch gefallenen Schnee schien und unser Hund hinter Schneebällen herjagte. Es sollte der letzte Wintertag sein, an dem wir unbeschwert durch den Schnee toben durften – am selben Abend eröffneten mir meine Eltern, dass wir nach Berlin ziehen müssten, in die Stadt der engen Wohnungen mit Hundeverbot, der Hektik und des Schneematsches. Seither sind die Winter irgendwie nicht mehr das gleiche, und werden es wohl nie wieder sein.
Was aus Schoko geworden ist? Ich weiß es nicht, werde es wohl nie erfahren. Aber seine Jugend war wohl glücklicher als meine – er durfte dort bleiben, wo der Schnee weiß war und man IKEA nur aus der Fernsehwerbung kannte.
Missmary
fährt gern Zug und stattet die Menschen, denen sie begegnet, mit fiktiven Lebensgeschichten aus. Manchmal schreibt sie diese auf - ganz heimlich, still und leise in ihrem persönlichen Blog, oder heute zur Abwechslung einmal hier.
Leute machen Kleider
Arne Völker
In der schönen neuen virtuellen Welt ist alles möglich – so lange das Ergebnis rein virtuell bleiben darf. Etwas zum Anziehen aber braucht mehr als nur eine Idee, hat Arne Völker lernen müssen.
Man braucht nicht mehr viel, um heute Kleider zu machen. Man braucht so etwas wie eine Idee. Man braucht idealerweise ein bisschen Verständnis für Grafik. Im Wesentlichen aber braucht man einen Full-Service-Lieferanten und im Handumdrehen hat man seinen eigenen Online-Shop voller toller T-Shirts und anderer Kleider, die sich wie blöd verkaufen. So weit die Theorie. Nun zur Praxis.
Zürich: Eine Werbekampagne hämmert mir ein, ich sei Deutschland. Ich finde, ich bin ganz was anderes, und denke, viele andere sind auch nicht Deutschland. Ich bin Berlin, zum Beispiel. Oder ich bin Schweiz. Dazu könnte ich was schreiben, finde ich, reserviere die URL
i.ch-b.in und fange an zu Bloggen über
i.chb.in/berlin und
i.ch-b.in/schweiz. Und
nebenbei werde ich so stolz auf dieses Stück URL-Design, dass ich’s gerne spazieren führen würde. Zum Beispiel als T-Shirt.
Im Netz: Kurz mal
«t-shirt druck» gegoogelt, und ich stelle fest, dass ich längst nicht mehr in den Copy-Shop um die Ecke muss, um zu einem eigenen T-Shirt zu kommen. Wahre Massen von Firmen geben Geld für Adwords-Anzeigen aus, um mir ihre Dienste als Hersteller meiner T-Shirts anzubieten. Ein paar von denen gehen sogar noch weiter: Sie würden mir sogar einen Shop einrichten,
in dem die ganze Welt meine Kreation bestellen kann. Ich bin begeistert: So schnell ist noch nie eine Idee zum Imperium geworden.
Leipzig: Die Kandidaten, die mein Full-Service-Lieferant werden können, fallen einer nach dem anderen unter den Tisch. Der
eine scheint toll, liefert aber aus den USA. Wie lange soll ich auf die Shirts warten? Ein
anderer liefert aus Deutschland nicht in die Schweiz. Ein
dritter kann nur Digitaldruck. Wie selten soll ich das Shirt waschen? Übrig bleibt Marktführer
spreadshirt.net.
Zürich: Mein erstes T-Shirt braucht keine Schachtel, ein großer Briefumschlag reicht, und so liegt es fast unscheinbar, zwischen Rechnungen und Werbung, in meinem Briefkasten. Voller Vorfreude packe ich es aus, und – in all meinen Stolz mischen sich ein paar Bedenken: Hätte der Schriftzug nicht etwas tiefer sitzen sollen? Hätte die obere Zeile mit dem
i.ch-b.in/ die untere Zeile mit
berlin nicht etwas stärker überlappen sollen, beide etwas mehr auf der Mittelachse?
Im Netz: Die Druckvorlagen für
i.chb.in/berlin,
i.ch-b.in/hamburg und
i.ch-b.in/schweiz, in kurzem Abstand nacheinander auf den Server hochgeladen, sehen irgendwie alle leicht anders aus, nachdem spreadshirt sie freigeschaltet hat. Manche werden mit lapidaren automatisierten Begründungen abgelehnt, wieder andere offensichtlich von irgendwem nachbearbeitet. Keine zwei sind mehr gleich. Im
Spreadshirt Forum stelle ich fest, dass sich andere Shoppartner sich mit diesem Umstand längst abgefunden haben. Ich mich nicht.
Leipzig: Ist dieses Unternehmen doch nicht ganz so virtuell? Wenn dort Menschen Spielraum haben zu entscheiden, wie sie meine Entwürfe verändern, damit sie drucktechnisch passen, dann muss es doch auch einen Menschen geben, mit dem ich darüber reden kann, was ich tun muss, damit das nicht nötig ist? Eine Grafikerin im Service nimmt sich Zeit und ist freundlich. In vielen Mails hin und her schaffen wir es, dass ich die Druckvorlagen so anliefern kann, dass alle gleich wirken.
(Ein paar Wochen lang. Ich habe nicht mehr gefragt, warum die neuesten Motive, nach dem gleichem Muster gestrickt, seit dem 8. Juni dann doch wieder anders aussehen.)
Zürich: Auch wenn’s die Vorlagen jetzt sind, die Shirts sind deshalb noch lange nicht gleich. Der Schriftzug ist gelegentlich richtig platziert, meist aber zu hoch. Eines Tages kommt ein Shirt, da ist nichts mehr zentriert, alles nach links gerutscht. Innerlich raste ich aus: Erst lange warten, und dann schief aufgebrachte Typo bekommen? Was, wenn nicht ich persönlich diese Lieferung bekommen hätte, sondern einer meiner Leser?
Leipzig: Nach außen bleibe ich ruhig, ich versuche einfach was passiert, wenn ich ganz geschäftsmäßig umtausche. Und mache wieder die Erfahrung: Alles ist nett. Alles braucht seine Zeit. Aber alles passiert tatsächlich, und es passiert ganz kulant. (Netter Versuch übrigens, Leute, mir 4 Euro Rabatt anzubieten, damit ich die Ware, die ich tatsächlich umtauschen will, doch lieber behalte...)
Zürich: Wegen Fussball bin ich doch
Deutschland. Und wie’s zeitweilig aussieht, fast schon Weltmeister. Dumm nur, dass wegen der WM Spreadshirt so viel zu tun hat, dass sie mit Liefern gar nicht mehr nachkommen. Statt zwei Tagen für die Fertigung brauchen sie jetzt sieben. Und zwar sieben Werktage, was manchmal neun Tage sind, manchmal elf, je nachdem, ob noch ein zweites Wochenende dazwischen fällt. Plus Postweg. Wenn ich also ein Shirt entwerfe, auf dem steht
i.ch-b.in/weltmeister -schaffe ich es dann noch rechtzeitig?
Luzern: Ein Zufallsfund im Kaufhaus coop-city. Rote T-Shirts gibt’s in der Schweiz zur WM ja viele. Die meisten sind wie dieses hier vorne und hinten schön siebbedruckt. Aber nicht bei allen ist der Hersteller der Rohware so leicht zu erkennen. Hier sagt das Etikett: BC-Europeanstyle Exact 190. Das ist genau Shirt, das spreadshirt unter dem Namen
Comfort T führt, und das ich dort einseitig beflocken lasse. Zu einem Einkaufspreis, den das hier im Verkauf kostet. Ja, bin ich eigentlich blöd?
Leipzig: Es ist Freitag, der Versand meiner Prototypen
i.ch-b.in/weltmeister wird per Mail bestätigt.
Irgendwer packt die drei dünnen Shirts nicht in einen Umschlag, sondern dieses Mal in einen Karton, in dem locker zwanzig Taschenbücher Platz gehabt hätten. Gross wie es ist, bleibt das Paket im Zoll hängen. Kann am Dienstag abgeholt werden. Dumm nur, dass
i.ch-b.in/schweiz, das Team zum rot-weißen Weltmeister, am Montag im Achtel nach drei verschossenen Elfern ausgeschieden ist. Es bleiben noch ein paar Tage, das weiß-schwarze Shirt in aller Hoffnung zu tragen. Nur für
Daniele ist das alles sehr, sehr rechtzeitig: Der hat jetzt vier Jahre Zeit, das blau-weiße zu tragen.
Zürich: Wenn ich weiterhin schnell reagieren will, darf ich meine Prototypen nicht mehr virtuell machen lassen - sie müssen hier entstehen. Vielleicht doch wie früher im Copy-Shop um die Ecke, während ich an der Theke warte. Dann kann ich mein eines selbstgemachtes T-Shirt gleich anziehen. Wenn ich allen, die zu i.ch-b.in Artikel beisteuern, weiterhin ein Shirt schenken will, dann sollte ich mir vielleicht lieber bei ebay einen gebrauchten Schneidplotter und eine Bügelpresse kaufen und ein paar Shirts und genügend
Flockfolie einlagern. Oder gleich 50 Stück schön und günstig Siebdrucken lassen und mir in aller Ruhe auf Lager legen.
Berlin: Bei meinen nächsten Besuch in Berlin werde ich mir den Laden von spreadshirt angucken, der neu aufgegangen ist und
derby heißt. Ich freue mich darauf, dass echte Leute Kleider ausstellen, die von Leuten echt physisch angefasst werden können. Vielleicht macht mich das ja glücklicher als virtuelle Shirts. Aber das ist eine andere Geschichte...
Leipzig: spreadshirt als Unternehmen scheint durchaus glücklich zu werden. Im Jahr 2002 ohne Kapital gegründet beschäftigt der Laden heute
200 Mitarbeiter, nennt sich selber immer noch gerne Studentenbude und veröffentlicht den Jahresumsatz nicht, den er aus den Designs, der Kreativität und der Vermarktungspower seiner 120.000 Shoppartner erzeugt. Leuten wie mir. Leuten wie dir?
Im Netz: Offensichtlich braucht es auch heute noch immer viel, um gute Kleider zu machen. Leute nämlich. Und ihren geballten Sachverstand, jeder für seine Spezialität. Drum meine Frage: Was sind deine Erfahrungen im T-Shirt-Business? Hast du mit deinen Projekten andere Full-Service-Dienstleister ausprobiert? Viel bessere Erfahrungen mit spreadshirt gemacht als ich? Hast du anderswo spannende Lektüre zum Thema entdeckt? Dann diskutier mit mir,
gleich hier.
Arne Völker
geboren und aufgewachsen in Berlin, lebt in Zürich. Er verbringt seine Zeit mit Lesen und Schreiben: Für das Geld aus der Werbung als
Arne Völker, Texter. Und für die Freude am Bloggen und Experimentieren auf
i.ch-b.in.
alles macht weiter wie bisher
mauszfabrick
das band-t-shirt ist eine paradoxe ware: mal kann man es tragen, mal nicht. zwei oder drei bemerkungen mit leichtem hang zu enigmatischen nebenbemerkungen zu unserer liebsten anziehsachensorte.
es muss um das jahr 2003 herum gewesen sein, als a. und ich anfingen, die blöde zeit, bevor konzerte anfangen, mit dem band-t-shirts-suchspiel abzukürzen. das spiel hatte von mal zu mal (und manchmal auch am selben abend) sich ändernde regeln, sodass das beherrschen der regeln schon weit mehr als die halbe miete war. fast immer bekam man jedoch 20 punkte für das sichten einer xiuxiu-t-shirt-träger/in. später nahmen wir auch andere t-shirts als bandleibchen auf, es gab punkte für ländershirts (im derzeitigen wahnsinn würde das wohl wenig spaß machen), mickeymouse-retroshirts und alles andere, was es bei h&m im lauf der jahre zu kaufen gab. für wirsindhelden-shirts und die band des abends gab es natürlich immer minuspunkte.
irgendwann, wohl so um das jahr 2005, haben wir mit dem spiel dann aufgehört. dummerweise bemerkten wir erst, dass das spiel eigentlich vorbei war, als es schon vorbei war, also zu spät. wie war es soweit gekommen? wie hatten wir das veralbern der bandshirtmode erst nach der mode lassen können?
beim ersten musikfestival, das ich besuchte, trug ich, wie ich es in meiner provinzheimatstadt gelernt hatte, dass es sich gehört, das shirt meiner lieblingsband, die headlinete. noch während ich eine nachmittagsband anguckte, dreht sich das mädchen, das vor mir stand, um und sagte, da sei wohl einer fan der band x (name dem autor bek., geänd.), in einem tonfall, mit dem man heutzutage pete-doherty-hüte und -gesichtsausdrücke kommentieren würde. ich war nicht beleidigt, ich war verwirrt.
noch früher hatte ich es diffus
unauthentisch gefunden, sich überhaupt mit dingen wie anziehsachen zu beschäftigen. (ähnlich jener phase im leben jedes normalen jungen menschen, in der man sich weigert, sich in einen diskurs über sich zu begeben, weil das schon
denen ihr spiel spielen wäre. man ist gewissermaßen noch nicht zur sprache gekommen: weil man keine geschichte für sich erfunden hat, bringt man der welt, die man ablehnt, nur schweigen entgegen. das zeichen ist
denen ihres, da mitzumachen kann man sich entblöden. 15-jährige denken nun mal nicht sonderlich dialektisch.)
dann wurde alles besser und bescheidenes gemüt, das ich bin, hatte ich mich dann in meiner provinzstadt immer (ca. alle sechs monate) gefreut, einen menschen mit einem t-shirt von radiohead oder fink zufällig auf straße zu sehen. es ist natürlich schwer zu entscheiden, ob es mich in den späten neunzigern nur meine ontogenese, die mir gerade die lesbarkeit der welt eröffnete, glauben ließ oder ob die phylogenese der welt tatsächlich gerade an dem punkt angelangt war, als band-t-shirts wieder tragbar wurden, jedenfalls: es wurden immer mehr.
zu viele, um alle noch von guten menschen bewohnt zu werden, das wurde sogar mir unter anderem auch auf meinem ersten festival klar. in seiner verwirrung wendet sich der junge mensch gern der geschichte zu und so lernte ich, dass dieses dilemma, dem ich bald alberne namen wie
distinktion durch differenz geben konnte, so alt wie der brauchbarere teil der menschheitsgeschichte war. in den frühen achtzigern noch als
ironie missverstanden, galt das prinzip des
noch – nicht mehr – schon wieder in den frühen nullzigern, die mein nun halbwegs geschultes herz erlebte, noch immer. wie jedes zeichen braucht auch das bandshirt ständig neue grenzen, um frisch zu bleiben. genügen im stadium des
noch noch die früher für statthaft gehaltenen normalen shirts, muss sich das coole bandshirt im stadium des
nicht-mehr von den jetzt auch schon wieder uncoolen gewöhnlichen band-t-shirts abgrenzen. nach einem kurzen dekadenzgeplänkel mit zuerst ironisch getragenen, dann ironisch-unironisch getragenen shirts von slayer, ramones und led zep (kiss, guns'n'roses, nkitb, man ergänze selbst, es ist ein weites feld) waren bandshirts dann ganz vorbei, nur kurz, bevor es sie bei h&m gab, dem kackladen.
provinzkinder, die wir sind, hatten wir also bei unseren besuchen in den großen städten erst den niedergang des zeichens belächelt, anstatt das neue frische zeichen selbst, wie es sich gehört hätte. wir waren auch nicht besser und haben es noch nicht einmal gewusst. letzte woche war ich übrigens bei der eröffnung der
poolbar. die dortigen jungen menschen hatten
schon wieder band-t-shirts an und die haben natürlich immer recht. so gesehen war nicht alles geld für nichts, das good old kulturindustrie mir für fetzen aus der tasche gezogen hat.
mauszfabrick
Wenn mauszfabrick jemals dazu kommt, sie zu schreiben, können Sie am
assotsiationsklimbim mal eine Theorie zu Allem unter spezieller Berücksichtung von Populärkultur und Postmarxismus lesen, aber das interessiert Sie wohl eher nicht.
Kein Schneeflöckchen, aber jede Menge Weißröckchen
Katharina „Lyssa“ Borchert
Sonniges Wetter sorgt im Allgemeinen zwar für positive Stimmung; dennoch ist der Sommer, was Modefragen anbelangt, eindeutig die schlimmste aller Jahreszeiten: Ein Plädoyer für den Herbst.
Ich mag den Sommer, wirklich, mir macht auch die „mörderische“ Hitze im „Jahrtausendsommer“ nichts aus (sieht man mal von jenen unangenehmen Minuten in unklimatisierten Bussen ab, in denen mich die Ausdünstungen meiner deoabstinenten Mitmenschen der Ohnmacht nahe bringen). Habe ich mich erst mal daran gewöhnt, könnte es meinetwegen drei Monate am Stück so heiß sein. Die andauernde Sonneneinstrahlung läßt mich glücklicher und entspannter durch den Tag gehen und auch meinen Mitmenschen tut sie gut. Die Welt um mich herum ist plötzlich viel freundlicher, offener und geselliger. Aber optisch? Optisch bringt der Sommer leider häufig das Schlechteste im Menschen ans grelle Tageslicht.
Das gilt besonders für diesen Sommer, der sich durch eine ungünstige Kombination aus langanhaltender Hitze und modischer Verirrung auszeichnet. Daran ist nicht zuletzt der aktuelle Modetrend Weiß schuld. Weiße Oberteile sind ein Klassiker und vielen Varianten sexy, aber weiße Hosen sind, nun ja, schwierig. Man muß schon extrem wohlproportioniert sein, um in einer engen weißen Hose nicht wie eine schlecht gestopfte Wurstspezialität auszusehen.
Vor allem die mit einem Stretchanteil versehenen weißen Stoffhosen, sehr beliebt, weil sehr bequem, geben gnadenlos jede noch so zarte Delle an Hintern und Oberschenkel preis. Cellulite betrifft etwa 80% aller Frauen, aber muß man diese allgemein bekannte Tatsache auch noch öffentlich unter Beweis stellen? Oder habe ich nur einen neuen Trend verpaßt? Etwa eine Solidaritätsbewegung zur gesteigerten Akzeptanz oder gar Salonfähigkeit von Orangenhaut? Eine Protestwelle gegen die makellosen Photoshopschönheiten in Frauenzeitschriften? Fehlanzeige. Der ganze normale Irrsinn eines Sommers.
Der Trend zur Weißwursthose sorgt übrigens auch dafür, daß wir neuerdings nicht nur das obere Ende des Stringtangas bewundern dürfen, dem schon viel zu lange Frischluft und Freiblick gegönnt wird. Nein, jetzt zeichnet sich alles so deutlich ab, daß wir den weiteren Verlauf der knappen Wäsche bis zum endgültigen Verschwinden eines Fädchens zwischen zwei mehr oder weniger verdellten Sitzflächen genau verfolgen können. Gewarnt werden muss aber auch vor ultrakurzen weiten Röcken, ganz egal ob in weiß oder bunt. Natürlich kann sich darunter nichts abzeichnen, dafür ist es fast unmöglich, sich darin zu bewegen ohne den Blick auf so ziemlich alles freizugeben. Ganz abgesehen davon will mir nicht einleuchten, warum Frauen ihren Hüft- und Hinternumfang ein halbes Jahr mit einer Diät nach der anderen reduzieren, um dann etwas zu tragen, das sie um die frisch verschlankte Körpermitte wie ein aufgeplatztes Sofakissen aussehen läßt.
Das sommerliche Debakel beschränkt sich jedoch nicht auf das helle Beinkleid. Darüber quält uns noch ein weiteres Jahr das bauchfreie Shirt, das aus unerfindlichen Gründen immer noch als sexy gilt, obwohl es in den meisten Fällen deutlich triebmindernd wirkt. Was an Babyspeckträgerinnen unter 20 noch irgendwie niedlich aussehen kann, läßt studiogestählte, solariumsgebräunte Fitnessanorektiker hart an der 40 wie traurige Karikaturen erscheinen. Und weil der enge Fetzen selbst nicht auszurotten ist, ändern die Verkäufer eben jedes Jahr das Motto darauf. Von der Schlampe zum Luxusgirlie zum Ronaldinho-Fan in nur fünf Sommern. Wohl eher ein Fall für Sozialwissenschaftler als für Mode-Enthusiasten.
Und das alles nur, weil der Mensch jenseits der 24-Grad-Grenze seine Garderobe plötzlich nicht mehr nach Kleidsamkeit, sondern nach Luftigkeit und einer pervertierten Form von „sexy“ auswählt. Modisch ziehe ich daher ganz eindeutig den Herbst vor. Die wenige freie Haut, die man dann noch zu sehen bekommt, kann wirklich erotisch wirken, die schwarzen Stiefel unterm knielangen Rock sind es auf jeden Fall. Sie verdecken außerdem die rissigen Fersen und den abblätternden Nagellack, mit dem uns Flipflop-Trägerinnen in den Monaten zuvor noch beglückten. Der Winter hingegen ist in jeder Hinsicht schwierig. Kalt, naß, dunkel und der feuchte Wind treibt zahllose Michelinmännchen mit wolligen Geschwüren auf dem Kopf vor sich her.
Na gut, wenigstens in Sachen Kopfbekleidung geht es in diesem Sommer wieder bergauf. Sowohl der Putzfrauenlook als auch Omas Häkelmütze werden außerhalb künstlicher Biotope wie der Loveparade kaum noch gesehen. Ich werde mich also auf die Köpfe konzentrieren, wenn ich jetzt mit dem Hund an die Alster gehe. Die dunkle Sonnenbrille kommt trotzdem mit. Sicher ist sicher.
Katharina Borchert
Wahlhamburgerin mit chronischem Fernweh, die sehr zum Leidwesen ihrer Eltern der anständigen Juristerei entsagt hat, um nicht immer ganz anständige Geschichten zu schreiben. Die Liebe zum Lesen und Schreiben ging eine Allianz mit der Begeisterung fürs Internet ein, woraus das Weblog "
Lyssas Lounge" als öffentliche Chronik großer und kleiner Alltagsgeschichten entstand.
Ekstasis
Cosmas
Die ekstatische Zeitlichkeit lichtet das Da ursprünglich. (Martin Heidegger)
I want to get high - so high! (Cypress Hill)
Habt ihr vielleicht 'ne Zigarette für mich? fragt mich das hagere Mädchen, den Plural wohl der Tatsache geschuldet, daß sie mich als einen Begleiteten erkennt, der, kaum daß er vollends selig die zu Recht rauchfreie
dining-area verlassen hat, den kaum entbehrten Stengel habituell sich zum Mund führt.
Ja, die letzte entgegne ich, meiner Gleichgültigkeit zum Trotz geflissentlich die Exklusivität der Gabe herausstellend. Sie lehnt ab, erwartungsgemäß - die "letzte" verbietet sich offenbar -, blickt abwesend aus groschengroßen Pupillen und verschwindet im
flow.
Wir folgen ihm, dem Sog hin zum Geschehen, dort, wo die Musik spielt. (Ohne Türtaxieren, ohne Adabei-Ablaß das Tabernaculum des mainhattaneser Nightlife in Augenschein nehmen zu können, mag ich mir nun wirklich nicht entgehen lassen.) Bunt ist's, formenreich, geometrisch
multi-layered. Die Aufleger künden kanzelseits, thronen allgewaltig über den Beschallungswilligen. Überreichlich nacktes Mädchenfleisch hockt pulkweise zusammen, uniformiert, harte, fast überdrüssige Mienen, ebenso lethargisch wie verborgen erwartungsvoll. Um sie herum unruhige Jungmänner, unablässig in Bewegung - die obsolete Vokabel
scharwenzeln kommt mir in den Sinn -, verbissen um Nonchalance bemüht. Aber die Grenzen bleiben eisern demarkiert – suum cuique: Unnahbarmädels und Poserbubis verteidigen ihre Territorien. Kaum eine Szene, die auf Genuß, auf Vergnügen, auf Lust gar schließen ließe. Und dabei ist die Verheißung doch so kategorisch: Ekstase hat gefälligst am Start zu sein - qua Musik, surrounding, sexyfunky partypeople anyway. It's your Heimspiel – make it real! Jawoll, Ekstase! Kaum noch ein Duschgel, das auf jene Metapher verzichtet:
Tauch’ ein in Deine refreshing ecstatic Wi-Wa-Wohlfühlwelt, be different or make yourself insignificant, whatsoever. Aberhallo, und hier? Auf jedem Kaninchenzüchtertanzindenmai gehts sicher sinnlicher zu. Vielleicht.
Ekstase sei das
Aus-Sich-Herausstehende, εκ-στάσις, das begrifflich nicht zu Verortende, das Fernnahe, das sich unversehens einstellt und über die Macht verfügt, Zweifel und Gewißheit miteinander zu versöhnen; so lehrte mich Frau S., die gestrenge Philosophieprofessorin mit den pastellenen Twinsets. Und eben das kam mir unvermittelt in den Sinn, als ich um Punkt sieben die Augen aufschlug, die verhaltenen Atemzüge neben mir vernahm und nichts weiter wünschte, als zu sein, wo ich bin. Mit spitzen Fingern, als ob ich fürchtete, daß der cartesianische Zweifel mit einem Mal als wahr sich decouvrierte, rührte ich an den glühenden Körper, zeichnete ungläubig seine Kontur nach, vergewisserte mich seiner Wahrhaftigkeit und begriff. Genau das. Ein Zustand, in dem es nicht um das Was des Ereignisses geht, als vielmehr ums Ereignen selbst, um seine überwältigende Intensität: Es ereignet sich, steht im wahren Wortsinn der έκστασις aus sich heraus – kein
Etwas, sondern eine Kraft, die zieht, trägt, trifft. Die schiere Präsenz avanciert zum nachgerade Numinosen: Die bloße Gegenwart, die ein Mystisches zelebriert, dessen Geheimnis sich wohl am ehesten in entwortetem Staunen aufgehoben findet. Ein Unsagbares, das
sich zeigt. (Ans große Wort, das über allem strahlt, wag' ich mich nicht.)
Dieser Artikel ist bereits im Weblog des Autors erschienen.
Cosmas
(34) lebt in Frankfurt am Main und widmet sich als Wissenschaftler und Journalist den Interessen einer sonderbaren Minorität. Sein Blog
"Abraum" nutzt er zur Endlagerung dessen, was ansonsten ortlos bliebe.
da HEIM-AT home
Andreas Wenig
"da HEIM-AT home" nimmt sie mit auf eine Reise. Eine Reise die den verstaubten Heimatbegriff in ein neues Licht setzt. Packen sie ihren Koffer und lassen sie sich entführen.
ich packe in meinen Koffer
meine Lieblingslüge
ich packe in meinen Koffer
meine Lieblingslüge und mein weißes Hemd mit Rotweinflecken
ich packe in meinen Koffer
meine Lieblingslüge mein weißes Hemd mit Rotweinflecken und bunte Bonbons
ich packe in meinen Koffer
meine Lieblingslüge mein weißes Hemd mit Rotweinflecken bunte Bonbons und eine Träne
da HEIM-AT home
mir dir und Fremden ist die Heimat kein Begriff
veraltert umgarnt von süßen Kindheitserinnerungen
erahnen wir hin und wieder Heimat
das große Haus brauchen wir nicht mehr
einen Koffer ja
einen Koffer so schwer wie tausend Träume
dort liegt der Schrei der Papageien schräg neben der Regenzeit
der Wüstenwind umspielt die reifen Tomaten
verdunstendes Wasser sammelt die Düfte der Metropole
auf der tränerverwischten Postkartensammlung
grenzenloser Stolz erfüllt die Erzählungen die sich mit jedem Teil des Gepäcks vereinen
staunend nicht ohne Neid lauschen die heimattreuen Seelen
nicht nur Kinder spielen
ich packe meinen Koffer
ich packe in meinen Koffer
meine Lieblingslüge
ich packe in meinen Koffer
meine Lieblingslüge und mein weißes Hemd mit Rotweinflecken
ich packe in meinen Koffer
meine Lieblingslüge,mein weißes Hemd mit Rotweinflecken und bunte Bonbons
ich packe in meinen Koffer
meine Lieblingslüge mein weißes Hemd mit Rotweinflecken bunte Bonbons und eine Träne
Dieser Artikel ist bereits im Weblog des Autors erschienen.
Andreas Wenig
alias Dr. Wahllos hat 1992/93 nach langer Odyssee in Kiel zur Landung angesetzt. Östereich, Spanien, die USA, Chile, Frankreich und Italien waren Stationen seines Nomadenlebens. Ein leidenschaftliches aber planloses Studium neigt sich nun dem Ende zu. Gestreift wurden die Fächer Deutsch und Französisch. Zu einem offiziellen Abschluss wird es in den Fächern Kunst und Sport kommen. Ein Lehrerdasein mit künstlerischen Nebentätigkeiten soll die nächsten Jahre ausfüllen. Der "reh volutionäre" Dr. Wahllos hat im Oktober 2005 mit dem Schreiben angefangen und wird mit Freude dabei bleiben, siehe auch:
http://rehvolution.twoday.net/.
Eyes On – die Eiszeit
Christine Schranz
Nachdem der Sommer im letzten Jahr vergeblich auf sich warten ließ, ist es heuer umso heißer – Grund genug, sich ein süß-klebrig-kaltes Eis zu gönnen. Doch da Eis nicht gleich Eis ist, probiert man am besten erst mal in Ruhe alle Sorten durch...
Christine Schranz
studiert zurzeit Anglistik in Wien und arbeitet an mindestenshaltbar; sie mag verrückte Ideen, interessante Menschen und das in Worte Verwandeln von Momentaufnahmen, die manchmal in ihrem Weblog
That's Life zu finden sind.
Eyes On – den Happy Planet Index
Christine Schranz
Der Happy Planet Index drückt aus, wo Mensch am glücklichsten ist. Dabei werden Umweltbewusstheit, Lebenserwartung und Zufriedenheit miteinander verglichen. Das Ergebnis: Auf
Vanuatu, einer südpazifische Inselgruppe, lässt sich’s am leichtesten zufrieden sein.
Christine Schranz
studiert zurzeit Anglistik in Wien und arbeitet an mindestenshaltbar; sie mag verrückte Ideen, interessante Menschen und das in Worte Verwandeln von Momentaufnahmen, die manchmal in ihrem Weblog
That's Life zu finden sind.