Dreizehn Fragmente über das Bruchstück.

von Oliver Gassner
Eins.
Ich bin unfähig Tagebuch zu führen. Ich habe es versucht. Mehrfach und auf Papier. Spätestens am zweiten Tag standen auf dem Papier Gedanken, die ich nur hatte, weil da Papier war. Nicht weil ich das ohnehin gedacht hätte. Das Tagebuch war dann wohl eigentlich übers Tagebuchschreiben und somit nutzlos. Ein reines Dokument seines eigenen Feedbacks. Tagebuch-Bloggen hab ich auch nicht lange durchgehalten. Aber normal bloggen, das geht. Manchmal schmuggle ich Tagebuchnotizen ein.

Zwei.
Die Wikipedia sagt unter anderem:
Der Ausdruck Fragment (v. lat.: frangere brechen) bezeichnet:
das Bruchstück eines ehemals Ganzen,
etwas Unvollendetes, insbesondere ein nicht abgeschlossenes Kunstwerk,
als literarische Gattung [in der Romantik] ein[n] bewusst unabgeschlossene[n] Gedankenentwurf

Also: In der Romantik, als man mit dem organischen, gewachsenen und als vollkommen gedachten klassischen Kunstwerk brach. In der Romantik, als die Industrialisierung langsam durchschlug, als mit Feuerbach und Hegel die Basis für Marx gelegt wurde und mit dem Wissenschaftler Frankenstein die Science Fiction begann, und die Biotechnologie, die Wissenschaftsethik. Und der Horrorroman. (Der allerdings nicht mit "Frankenstein" von Mary Shelley.)

Drei.
Ich vergesse. Ich vergesse Leute, Dinge, Ereignisse, Namen. Ich schreibe viel zu wenig auf. Eine ganze Schublade ist voller Kalender. Aber ich verstehe die Abkürzungen nicht. Nicht mehr. Auch die Abkürzungen im Traumtagebuch, das ich geführt habe, sind mir schleierhaft. Traumtagebuch? Ich war irritiert von Deja-Vu-Erlebnissen. Situationen, in denen ich dachte: Das hast du schon mal erlebt, das hast du vielleicht sogar mal geträumt. Also: Träume aufschreiben. Kann man trainieren. Geht ganz gut. Der Notizblock muss neben dem Bett liegen. Oder der PDA. Die Deja-Vu-Erlebnisse sind noch da, Psychologen sagen: Das sind Kurzschlüsse im Hirn. Im Augenblick des Erlebens macht das Gehirn sozusagen einen Zeitsprung und konstruiert das gerade Erlebte als Erinnerung von 'irgendwann früher'. Das Traumtagebuch hat jedenfalls keine prophetischen Fähigkeiten enttarnt und ich muss nicht in einem parapsychologischen Forschungslabor weggesperrt werden.

Vier.
Den Roman "Dracula" von Bram Stoker aus dem Jahr 1897 sollte man lesen. Das ist ein Buch ohne Erzähler. Ein Roman montiert aus Tagebuchaufzeichnungen, aus Telegrammen (also: Chats), aus Briefen, aus einem phonographischen Tagebuch eines Arztes (also sozusagen: der erste Tagebuch-Podcaster), aus Zeitungsausschnitten. Eine multimediale, multiperspektivische Collage von Materialen, die davon handelt, wie die Hauptfiguren sich treffen und, erst, als sie ihre Materialien bündeln erkennen können, wer und was sie da bedroht. Noch besser: Dracula bekommt mit, dass eine Hauptfigur das ganze Material aus Kurzschrift transkribiert und abtippt und versucht das Manuskript zu zerstören (das ja genau das Buch ist, das wir hier vor uns haben), er hat Erfolg - aber es gibt eine Kopie im Safe. Haben wir nochmal Glück gehabt.

Fünf.
gamma//magie/Schwarz auf Weiß /nenne Ich /beim Namen //steine /reißen Nägel /aus dem Fels/ Lawinen voraus // horizonte / in Sicht/in der Enge / schneidet sich /eine der Parallelen /ins eigene Fleisch//

Sechs.
Schwer zu sagen, wie viele Blogeinträge ich im letzten Jahr geschrieben habe. Seit dem ersten Juli 2005 bin ich Pro-Blogger. In einem der Blogs sind es sicher über 2000 Einträge. Die Datenbank musste zwischendurch umgestellt werden und die Zählung stimmt nicht mehr ganz. Kann ich mich an alle diese Einträge erinnern? Nein. Hab ich schon was doppelt gebloggt? Ich glaube: bisher nicht.

Sieben.
Kurven// so träumen / wie leben / immer in kurven // nie ganz sicher /was ist /und was nicht // hat das telefon geklingelt /schläfst du schon /hat jemand nicht gerade etwas gesagt /wo ich bin /und warum // leben / wie träumen /in kurven /

Acht.
William Burroughs und Brion Gysin schlagen in den 60er-Jahren in ihrem Buch "The Third Mind" neue Herangehensweisen an die Erstellung von literarischen Texten vor. Sie greifen Zufallsmethoden der Dada-Bewegung wieder auf und kreieren die 'Cut-Up'-Methode. Grob gesagt: Zerschneide eine Zeitungsspalte in vier Teile, kombiniere die vier Stücke auf alle möglichen Arten und schreibe jeweils den entstehenden Text ab. So wird die Textproduktion und die Zahl der möglichen Wort- und Begriffskombinationen, nun, sozusagen: So wird das Entstehen von Gedanken, vom Gehirn und seinen Beschränkungen abgekoppelt. Die Texte werden durch ihre (scheinbare) Zerstörung: befreit.


Neun.
fragmente //nur noch mit bleistift /wage ich worte/ auf billigpapier/ vielleicht war gestern schon/ dichten/ luxus.// meine erstkläßlerschrift / krame ich hervor / nicht hereinzufallen / auf große worte.// müde / schreibt sichs am besten / traum und wort / beider ursache / vermag ich nicht anzugeben. // ungelesen / fügt sich in meinem regal / buch an buch /schutzlose rücken. // an meiner wand / ein stadtplan von paris / die seine / und quasimodos buckel


Zehn.
In den 90-ern habe ich begonnen mit Copy-Art, mit computergenerierten Semi-Zufallstexten, mit algorithmisch-zufälligen Cut-Up-Methoden zu experimentieren. Ab 1996 dann mit Konstrukten in HTML, die aus Zufallstexten, Grafik, E-Mails und einer möglichst undurchschaubaren aber relativ genau kalkulierten Navigation kombiniert waren.


Elf.
In den Fliegen, mit Angst, darüber nachdenken. Zu aufmüpfig für einen Tod. Rilke. Vielleicht Kaffee. Vielleicht Kaffee. Vielleicht Kaffee. Vielleicht. Das Ökosystem funktioniert weiter. Von der Wand ein Glück, daß sie nicht eine Verstehensmöglichkeit postuliert. Regen auf Bibliotheken. Einnisten. Ich klage an. Wen. In the volume. If the volume. If the volume. If the reader opens this page. In der Wand, an meinen Fingernägeln: zwei Menschen gemeinsam wie gut, daß Blut. Meine ich nicht: Ein Wald flammt kalt im Flugtraum.
Im Greyhounddepot ist es, die Wahrheit zuzugeben: Es stürbe sich verloren. Wie sie da ist kartographiert, genormt, definiert. Am Tag einen Satz. Das Wort kündet ihnen einen Tod. Jeder braucht einen Tod ... unserer Grammatik ... Eine Banane. Auch Illusionen haben Erkenntniswert.

Zwölf.
Das Internetprotokoll, oder besser gesagt, das Transport Control Protocol (TCP) des Internets, basiert auf der Idee, Daten nicht kontinuierlich über eine Leitung zu übertragen, sondern die Daten in kleine Datenpakete aufzusplitten, die Informationen darüber enthalten, wie sie wieder zu einer kompletten Datei zusammengesetzt werden können. Ein Mocken einer E-Mail düst also über Tokio in die USA, einer über London und einer über Südafrika. Erst im Zielrechner wird alles wieder zusammengebaut.

Dreizehn.
Split Second // Das Wort spaltet das Gehirn. Stochastik ist die Lehre über die Vorhersagbarkeit von Ereignissen. Die Anzahl der möglichen Ereignisse muss bekannt sein. Das beschränkt die Stochastik auf die Lösung übersichtlicher Probleme. Das Wort spaltet das Gehirn. Die Chaosforschung, oder besser: die Analyse dynamischer Systeme, beschäftigt sich mit mathematischen Modellen der Wirklichkeit, bei denen geringste Abweichungen der Startparameter dafür sorgen, dass die Ergebnisse nach nur wenigen Iterationen in der Auswirkung extrem differieren. Das heißt: Messung und Iteration sind keine geeigneten Methoden zur Beherrschung der Welt. Jede ungenaue Messung ist keine Messung, jedes gerundete Rechenergebnis ist kein Rechenergebnis. Das Wort spaltet das Gehirn.

Nur scheinbar zusammenhanglos sind die Fragmente zum Thema "Bruchstücke", die Oliver Gassner notiert hat. Sie führen uns vom Tagebuch über die Literaturgeschichte zum multimedialen Horror-Roman, einmal quer durchs Internet, zu Textexperimenten aus den letzten 40 Jahren und hoffentlich auch wieder zurück.
*1964, freier Journalist, Autor, Creative Writing Coach, Netizen. Treibt sich seit über 16 Jahren in globalen Netzen rum. Bloggt seit 1999. Unterstützt Einzelkunden, Vereine und Firmen bei Onlineprojekten. Und bloggt in viel zu vielen Blogs alles, was nicht bei drei in der Trashcan ist.

Blog: http://typo.twoday.net
mindestens haltbar 07/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 12
ISSN 1816-8159
Autor: Oliver Gassner
Titel: Dreizehn Fragmente über das Bruchstück.
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am 2. Aug, 10:02

what the bleepd do we know? die quantenphysiker und buddhisten lassen grüßen. das wort schafft das gehirn:==))


am 10. Mai, 23:06

das ist toll, danke für die so gute reflektion über das unvollendete