
Flamencobruchstücke
von jupe
Israel Galvan, der zweiunddreißigjährige Tänzer aus Sevilla, ist umstritten, bewegt sich anders als alle anderen, bricht den Flamenco auf und setzt ihn neu wieder zusammen. Als er vor ein paar Wochen zum ersten Mal in Deutschland ein Workshop gab, machte ich mich auf den Weg, den Tänzer, der lieber Fußballer geworden wäre, zu treffen um von ihm zu lernen. Als ich endlich im Zug Richtung München saß, war ich aufgeregter als sonst.
Zum ersten und leider bisher auch einzigen Mal hatte ich vor ein paar Jahren die Gelegenheit, ihn live tanzen zu sehen. Damals in Granada wusste ich noch gar nichts von ihm. Ich ging in die Vorführung, weil eine Flamencoversion des Ballettfilms „die roten Schuhe“ gezeigt wurde. Und obwohl ich den Film noch nie gesehen hatte, wusste ich um seinen Legendencharakter. Und obwohl ich noch nie etwas von Israel Galvan gehört hatte, wusste ich: er ist der Sohn der beiden Flamencotanz-Legenden José Galván und Eugenia de Los Reyes.
„Ich komme aus einer Künstlerfamilie, meine Kindheit war schon eine besondere, ich habe viel in der Nacht gelebt, ich war oft mit meinen Eltern unterwegs, wenn sie Auftritte hatten.“ (Israel Galvan im Interview mit Susanne Zellinger, zu lesen im Flamencomagazin anda, Nr 64, 2006)
Israel Galvan hat einen krausen, schütteren Bart und mittelbraunes, kurzes Haar. Auch schütter. Seine Figur erinnert an eine Birne, wenn er in diesen seltsamen Karottenhosen auf der Bühne posiert und sich mit weichen, gleichzeitig aber unendlich exakten Bewegungen von einem Bild zu nächsten bewegt. Oder er bleibt stehen und wartet. Oder verschwindet zwischenzeitlich komplett von der Bühne.
Damals in Granada war ich verwirrt. Der Flamenco, den er zeigte, hatte so wenig mit jenem Flamenco zu tun, den ich untertags bei den Workshops beigebracht bekam. Der Tanzschulen-Flamenco war streng, systematisch, wild und laut. Aber das was Israel Galvan zeigte, war gleichzeitig auch noch weich und leise, weniger streng und doch exakt zugleich.
Ich erkannte, dass das, was ich lernte, wohl nur die ersten paar Vokabel einer Sprache sein konnten, mit der Israel Galvan auf poetisch-radikale Weise von seinen Gedanken erzählte. Modern zwischen den einzelnen Posen, die gleichzeitig aber an alte, vergilbte schwarz-weiß-Aufnahmen vergangener Zeiten erinnerten. Er ist kein Flamencotänzer, wie man ihn aus spanischen Tourismusspots kennt. Dafür fehlen ihm die öligen, schwarzen Locken. Die Figur müsste schlanker sein, statt der Karottenhosen wäre ein Anzug besser. Und der krause Bart müsste weg. Schon rein optisch bricht er mit dem gängigen Bild vom Flamenco. Und mit seinen Posen und Schritten bewegt er sich scheinbar noch ein größeres Stück weiter weg vom wilden, schnaubenden Flamencomacho auf der Bühne – nur um doch wieder bei den Wurzeln zu landen.
„Ich werde als der Älteste der neuen Flamencogeneration bezeichnet, weil meine Posen und Bewegungen jenen von den ganz alten Meistern des Flamenco sehr ähnlich sind. Aber das erkennen die wenigsten. Nur wenige erinnern sich so weit zurück.“ (Israel Galvan beim Abendessen in München, Mai 2006)
Und dieser Gegensatz ist es, der die Leute nervös macht, wenn sie ihn tanzen sehen. Er irritiert, weil er Bewegungsabläufe in den Flamenco bringt, die man nirgendwo anders sehen kann. Gleichzeitig gelingt es ihm damit aber, eine tiefe, ehrliche, berührende Form des Tanzes zu zeigen. Er polarisiert, weil er sich nicht gleich im ersten Takt an die manchmal strengen Flamencoregeln hält. Vielleicht macht er das erst im zweiten Takt. Oder zehnten. Oder gar nicht. Man weiß nicht sofort, was er macht und viele meinen daher: „Das ist nicht Flamenco!“. Mich berührt seine Art, den Flamenco zu interpretieren. Er findet seine eigenen Sätze, mit denen er seine Geschichten erzählt. Seine Sprache ist der Flamenco, aber er plappert nicht bereits vorgefertigte Standardsätze nach. Für mich ist er wie ein Ruhepol im Schrittgewitter eines rauschenden Flamencotanzes, weil er nicht den anderen TänzerInnen hinterher hechelt sondern seinen eigenen, eigenwilligen Weg geht. Und damit bin ich nicht alleine, denn als er im vergangenen Jahr die höchste Auszeichnung bekam, die in Spanien ein Tänzer gewinnen kann, den Premio Nacional de Danza, war endlich der Jubel der Fans lauter als die Nörglerei der altmodischen, angeblichen Flamencopuristen.
Und als ich vor ein paar Wochen im Zug nach München daran dachte, dass ich in ein paar Stunden ein kleines Stück seiner Choreographien lernen würde, war ich aufgeregter als sonst.
Zum ersten und leider bisher auch einzigen Mal hatte ich vor ein paar Jahren die Gelegenheit, ihn live tanzen zu sehen. Damals in Granada wusste ich noch gar nichts von ihm. Ich ging in die Vorführung, weil eine Flamencoversion des Ballettfilms „die roten Schuhe“ gezeigt wurde. Und obwohl ich den Film noch nie gesehen hatte, wusste ich um seinen Legendencharakter. Und obwohl ich noch nie etwas von Israel Galvan gehört hatte, wusste ich: er ist der Sohn der beiden Flamencotanz-Legenden José Galván und Eugenia de Los Reyes.
„Ich komme aus einer Künstlerfamilie, meine Kindheit war schon eine besondere, ich habe viel in der Nacht gelebt, ich war oft mit meinen Eltern unterwegs, wenn sie Auftritte hatten.“ (Israel Galvan im Interview mit Susanne Zellinger, zu lesen im Flamencomagazin anda, Nr 64, 2006)
Israel Galvan hat einen krausen, schütteren Bart und mittelbraunes, kurzes Haar. Auch schütter. Seine Figur erinnert an eine Birne, wenn er in diesen seltsamen Karottenhosen auf der Bühne posiert und sich mit weichen, gleichzeitig aber unendlich exakten Bewegungen von einem Bild zu nächsten bewegt. Oder er bleibt stehen und wartet. Oder verschwindet zwischenzeitlich komplett von der Bühne.
Damals in Granada war ich verwirrt. Der Flamenco, den er zeigte, hatte so wenig mit jenem Flamenco zu tun, den ich untertags bei den Workshops beigebracht bekam. Der Tanzschulen-Flamenco war streng, systematisch, wild und laut. Aber das was Israel Galvan zeigte, war gleichzeitig auch noch weich und leise, weniger streng und doch exakt zugleich.
Ich erkannte, dass das, was ich lernte, wohl nur die ersten paar Vokabel einer Sprache sein konnten, mit der Israel Galvan auf poetisch-radikale Weise von seinen Gedanken erzählte. Modern zwischen den einzelnen Posen, die gleichzeitig aber an alte, vergilbte schwarz-weiß-Aufnahmen vergangener Zeiten erinnerten. Er ist kein Flamencotänzer, wie man ihn aus spanischen Tourismusspots kennt. Dafür fehlen ihm die öligen, schwarzen Locken. Die Figur müsste schlanker sein, statt der Karottenhosen wäre ein Anzug besser. Und der krause Bart müsste weg. Schon rein optisch bricht er mit dem gängigen Bild vom Flamenco. Und mit seinen Posen und Schritten bewegt er sich scheinbar noch ein größeres Stück weiter weg vom wilden, schnaubenden Flamencomacho auf der Bühne – nur um doch wieder bei den Wurzeln zu landen.
„Ich werde als der Älteste der neuen Flamencogeneration bezeichnet, weil meine Posen und Bewegungen jenen von den ganz alten Meistern des Flamenco sehr ähnlich sind. Aber das erkennen die wenigsten. Nur wenige erinnern sich so weit zurück.“ (Israel Galvan beim Abendessen in München, Mai 2006)
Und dieser Gegensatz ist es, der die Leute nervös macht, wenn sie ihn tanzen sehen. Er irritiert, weil er Bewegungsabläufe in den Flamenco bringt, die man nirgendwo anders sehen kann. Gleichzeitig gelingt es ihm damit aber, eine tiefe, ehrliche, berührende Form des Tanzes zu zeigen. Er polarisiert, weil er sich nicht gleich im ersten Takt an die manchmal strengen Flamencoregeln hält. Vielleicht macht er das erst im zweiten Takt. Oder zehnten. Oder gar nicht. Man weiß nicht sofort, was er macht und viele meinen daher: „Das ist nicht Flamenco!“. Mich berührt seine Art, den Flamenco zu interpretieren. Er findet seine eigenen Sätze, mit denen er seine Geschichten erzählt. Seine Sprache ist der Flamenco, aber er plappert nicht bereits vorgefertigte Standardsätze nach. Für mich ist er wie ein Ruhepol im Schrittgewitter eines rauschenden Flamencotanzes, weil er nicht den anderen TänzerInnen hinterher hechelt sondern seinen eigenen, eigenwilligen Weg geht. Und damit bin ich nicht alleine, denn als er im vergangenen Jahr die höchste Auszeichnung bekam, die in Spanien ein Tänzer gewinnen kann, den Premio Nacional de Danza, war endlich der Jubel der Fans lauter als die Nörglerei der altmodischen, angeblichen Flamencopuristen.
Und als ich vor ein paar Wochen im Zug nach München daran dachte, dass ich in ein paar Stunden ein kleines Stück seiner Choreographien lernen würde, war ich aufgeregter als sonst.
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