Wir sind so verdammt abgebrüht.

von Jens Scholz
1980 war ich in der sechsten Klasse. Wir wohnten in der Nähe von Alzenau, das ist nicht weit von Kahl, wo ein Atomkraftwerk steht und unsere Klasse hatte für eine Projektarbeit zum Thema Atomkraft etwa vier Wochen Zeit bekommen. Daher zogen wir zu viert durch die umliegenden Dörfer und befragten mit einem Kassettenrekorder bewaffnet irgendwelche Leute auf der Straße. Die Frage war naiv und natürlich würde man sie eigentlich anders stellen müssen: „Sind sie für oder gegen Atomkraft?“. Ich habe ein paar Einträge in meinen alten Tagebüchern gefunden. Ich habe damals in sehr kurzen Sätzen geschrieben, fast Telegrammartig, aber sie zeigen mir, dass wir dieses Projekt und unseren Anteil daran sehr Ernst genommen haben. Auch naiv war die Vorstellung, guter Journalismus sei es, so genau wie möglich zu sein, was dazu führte, dass wir akribisch an die achtzig Seiten Gespräche vom Band abtippten – inklusive aller „Äh’s“ und „öhöm’s“. Damals schrieb ich auf, dass ich „keine Angst davor habe, dass da in den nächsten Jahren was passiert, aber wenn es hier irgendwann richtig viele Atomkraftwerke gibt, will ich lieber nicht mehr in Deutschland sein“. Ich erinnere mich daran, wie unverständlich es für mich gewesen ist, dass die Erwachsenen sich solche Dinger ausdenken und hinstellen konnten. Eine der Schauboxen erklärte, wie ein Supergau funktionieren könnte. Und da stand, dass es in den USA schon fast einen gegeben hatte, im Mailer von Three Miles Island.

Am 26. April 1986 gab es ihn dann wirklich, denn es explodierte ein Reaktor in Chernobyl.

1986 wohnten wir in Pforzheim und ich war in der zehnten Klasse. Meine Tagebucheinträge von damals waren das typische Gejammer pubertärer, unsportlicher und zu kleiner Jungs mit Brille. Und dazwischen ein paar belustigte Einträge darüber, wie bescheuert das Geschreibsel ist, weil es sich ja anhört wie pubertäres Gejammer. Ich habe damals immer mal wieder vergessen, ein Datum aufzuschreiben, aber es war wohl Anfang Mai. Montag wahrscheinlich, denn ich schrieb darüber, dass, so langweilig das Wochenende gewesen ist, es heute in der Schule überhaupt nicht langweilig war, da es nur ein Thema gab: Tschernobyl (warum man das wohl heute anders schreibt?). Ich schrieb „Eigentlich wäre es mir lieber, wenn es langweilig geblieben wäre. Wenn Herr B. mich aus Latein geworfen oder Herr S. mir meine verhauene Mathearbeit zurückgegeben hätte. Jetzt kommt langsam heraus, was die Russen da eigentlich gemacht haben. Aber was soll denn der Scheiß? Wir haben weiß der Geier wie viele Atomkraftwerke hier rumstehen, glauben die wirklich, das kann hier nicht passieren?“ Damals demonstrierten viele Schüler, wir hörten Weltuntergangsmusik von Pink Floyd und U2 sangen genau das was wir dachten. Wir schauten uns jede Nachrichtensendung an, um am nächsten Tag wieder zu diskutieren und wir waren sauer darüber, festzustellen, wie verflucht ignorant, wie ungeheuer bigott, wie verlogen, wie geld- und machtgeil diese Erwachsenen sind, die sich einen Scheißdreck um unsere Zukunft zu scheren schienen.

Heute blogge ich und schreibe gerne mal ironische Essays und zynische Bemerkungen zur Weltpolitik. Ich lese darüber, wie naiv und albern man Gutmenschen wie Bono und Herbert Grönemeyer findet und wie man sich süffisant darüber belustigt, wenn jemand die Welt verbessern will. Man überbietet sich mit Abgebrühtheit und Coolness. Niemand kann es uns Recht machen: Ist man unbekannt, braucht man ja nur drauf warten, dass er scheitert, ist er bekannt, kann man die Nase rümpfen über den satten Millionär, der uns die Welt erklären will. Wo wir doch alles besser wissen. Man steht über all diesen Dingen wie Idealen, Utopien und Solidarität, man ergeht sich in Abgesängen an das so genannte Gute im Menschen, wo auch immer das mal gewesen sein soll, denn jeder ist doch korrupt und käuflich und wenn nicht, dann nur, weil man es einfach noch nicht herausgefunden hat.

Wollen wir so sein? Postmodern und immer auf der sicheren Metaebene, von der aus man schon vorher weiß, dass man ohnehin nichts ändern kann? Ist das so wirklich die Lösung? Sich einfach dadurch aus der Verantwortung zu stehlen, in dem man die schon längst vollzogene Resignation und das klein Beigeben mit angeberischem Besserwissen übertüncht? Sind das die Spießer, denen wir uns intellektuell überlegen fühlen oder ist nicht vielmehr das spießig sein von heute, wenn wir dumm und zynisch über alles Lachen, was zu ändern man in Wirklichkeit zu bequem ist?

Wir sind so verdammt abgebrüht. Und wenn unsere Kinder uns Schaukästen hinstellen und erklären, was vielleicht in fünf oder sechs Jahren passieren könnte und wenn unsere Kinder uns Scheiße finden, weil genau das passiert ist und wir immer noch nicht unsere Ärsche hochbekommen, dann sollten wir vielleicht mal zuhören anstatt sie für naiv oder pubertär zu erklären, nur um uns wieder selbst so großartig und abgebrüht zu fühlen.

Denn in Wirklichkeit sind wir nicht abgebrüht.

Wir sind so verdammt feige.
Als Kind konnten wir die Dinge, die in der Welt nicht in Ordnung sind, klar benennen. Aber niemand nahm uns Ernst. Als Jugendliche waren wir frustriert, als wir erkannten, dass wir gegen eine übermächtige Ignoranz kämpften. Als Erwachsene stehen wir über diesen Dingen. Sind wir so abgebrüht? Eine Reise durch die Bruchstücke meiner Erinnerungen führt zu einem anderen Fazit.
ist durchschnittlich alle drei Jahre umgezogen und lebte in den letzten 37 Jahren in fünf verschiedenen Bundesländern. Im Moment hat er seinen Hut in Neu-Isenburg gleich bei Frankfurt am Main abgelegt. Beruflich macht er seit über zehn Jahren irgendwas mit Internet, aber eigentlich würde er gerne Filmmusik komponieren oder eindlich mal eine gute deutsche Fernsehserie produzieren. Sein Weblog, das er seit 2001 vollschreibt, ist seit dieser Klowand-Geschichte ganz gut besucht.
mindestens haltbar 07/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 12
ISSN 1816-8159
Autor: Jens Scholz
Titel: Wir sind so verdammt abgebrüht.
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am 9. Jul, 12:00

Ja feige und bequem! Schöner Text! ;-)

am 9. Jul, 23:18



“und kinder sind ja viel klüger und weiser als die erwachsenen. und damals war ja alles viel schöner. und unsere generation war ja die beste überhaupt. wir kinder wollten ja immer nur weltfrieden. wir waren auch total informiert und kritisch und überhauptnicht brainwashed. ”

*bruch*

ich hab keine ahnung warum sich alte leute immer selbst über ihre vergangenheit belügen. ist doch total peinlich.


am 10. Jul, 18:56

umgekehrt wird der schuh draus:
ich höre heute ständig, daß früher alles besser war und die heutige jugend konsumgeil und faul ist und ansprüche stellt, aber nichts tun will. das gegenteil ist der fall, wir hören unseren kindern genauso nicht zu wie uns damals nicht zugehört wurde.


am 13. Jul, 19:47

Zum zuhören braucht man Zeit. Die sollte man sich nehmen...die Zeit ist sowieso ne komische Sache...sie läuft dahin und man kann sie doch nicht festhalten.

In Korsika läuft das anders, nämlich mit Dynamit. Wenn sich dort ein Fremder einkauft (Grundstück) und dann dort baut, dann kann es gut sein, dass sein neues Haus kurz vor der Vollendung explodiert. Dort wird was getan, auch wenn auf die subtile Art und Weise.