
Hauptsache, Tor - egal für wen
von Andrea "Chronistin" Sturm
Erster Fußball-WM-Sonntag 2006, 17 Uhr. Wir befinden uns in einem Wiener Heurigenlokal. Eine Szene wie aus einem Tourismusprospekt - rotbackige Dirndlträgerinnen mit ansehnlichem Vorbau tragen riesige Tabletts mit Heurigem durch den Gastgarten, während ein paar Meter weiter Roland Neuwirth mit seinen Extremschrammeln, nunja - extrem schrammelt. Dass gleichzeitig irgendwo ein paar hundert Kilometer weiter Mexiko gegen den Iran spielt, ist den Heurigenbesuchern offenbar völlig egal. Zumindest könnte man das glauben, bis man das finstere Hinterzimmer findet, in dem ein altersschwacher Fernseher mit schlecht eingestellter Zimmerantenne ein heftiges Schneetreiben zeigt, in dem man mit ein bisschen Phantasie bunte Gestalten und manchmal sogar einen Ball erahnen kann.
"Mexikooo" ruft eine Zuschauerin begeistert - der Mann neben ihr erklärt hingegen, dem Iran die Daumen zu drücken. Sein Arbeitskollege sei nämlich Iraner, und die Jungs da am Spielfeld seien "ganz klasse Burschen". Und damit ist der größte Vorteil der Österreicher beim WM-Schauen schon erklärt: Wir spielen diesmal gar nicht mit. Ätsch! Anstatt mit einem Team zu fiebern, das auf den Titel ohnehin wenig Chancen hätte, suchen wir uns von Spiel zu Spiel die Mannschaft zum Anfeuern heraus, die uns besser gefällt - sei es aufgrund von spielerischen Qualitäten oder wegen schöner Urlaubserlebnisse in ebendiesem Land, wegen netter Arbeitskollegen, angesichts hervorragender Sänger im Stadion oder auch nur wegen der Trikotfarbe - und manche vergeben ihre Sympathiepunkte sogar an die hübscheren Waden. Und scheidet die favorisierte Mannschaft aus - was soll's, wir suchen uns einfach eine neue.
Natürlich werden die meisten Spiele nicht in düsteren Hinterzimmern gesehen - Wien ist voller Großbildleinwände und Flachbildschirme, und vor jedem einzelnen finden sich interessierte Zuschauer ein. In völlig entspannter Atmosphäre. Kein Zittern und Beben, kein düsteren Drohungen gegen unfähige Trainer und bösartige Schiedsrichter, keine endlosen Berechnungen, wer wann wie hoch gegen wen gewinnen muss, damit die eigene Mannschaft im nächsten Spiel auf den "richtigen" Gegener trifft - wir haben keine Mannschaft. Also ist jede Mannschaft, die schön spielt, unsere Mannschaft. Und wir sind nicht kleinlich dabei...
Vor einem der Großbildschirme im innerstädtischen Flex. England spielt gegen Schweden. Der männliche Teil eines Pärchens schreit angesichts einer schönen englischen Ballakrobatik begeistert auf. Seine weibliche Hälfte: "Aber wir hatten doch ausgemacht, wir sind für Schweden!?" - Er: "Oh, sorry, das hab ich vergessen."
Vor einem kleinen Lokal in der Stadt. Im Gastgarten sitzen zwei Männer und schauen sinnend in ihr Bier. Drinnen läuft ein Fernseher, und man hört am Tonfall des Sprechers, dass etwas Wichtiges passiert sein muss. "Tor!" ruft einer der beiden, ohne sich nach dem Fernseher umzudrehen. "Für wen?" fragt der andere. "Brasilien, wahrscheinlich." Der andere nickt: "Is eh wurscht. Hauptsache, Tor."
Irgendwo an der südöstlichen Wiener Peripherie. Ein eher unscheinbares Lokal mit einem riesigen Bildschirm, der auch aus dem vollbesetzten Gastgarten eingesehen werden kann. Italien spielt gegen Ghana, und unter den Gästen ist ein eindeutiger Italien-Fan-Überhang auszumachen. Keiner ist für Ghana, außer dem dunkelhäutigen Mann an der Bar, der schlecht Englisch und gar kein Deutsch spricht. Der lässt bei jeder ghanesischen Ballberührung einen Jauchzer hören, und ein tiefes, von Kopfschütteln begleitetes "Oh-oh-oh", wenn die Italiener sich mit Ball dem ghanesischen Strafraum nähern. Er lebt so malerisch mit, dass das gesamte Lokal kippt - noch in der ersten Halbzeit jubeln alle Anwesenden für Ghana, sogar die Gruppe mit den italienischen Trikots und dem Campari auf den Tisch. Genützt hat's nix, aber nett war es.
Nur eine Mannschaft darf mit wenig österreichischem Rückhalt rechnen: Die Deutsche. Denn so gut Klinsmann seine Jungs auch trainiert hat - jedes Tor, das in den deutschen Kasten geht, erinnert den Österreicher ein bisschen an "unser" magisches Tor von 1978. Heute noch nennt man Würstelbuden in Großleinwand-Schaustätten "Cordo-Bar", und jeder grinst bei dem Anblick. Und das einzige, das dann die gute Stimmung trüben kann, ist ein vorbeispazierender Deutscher, der hämisch murmelt: "Und was war mit den Faröern?"
"Mexikooo" ruft eine Zuschauerin begeistert - der Mann neben ihr erklärt hingegen, dem Iran die Daumen zu drücken. Sein Arbeitskollege sei nämlich Iraner, und die Jungs da am Spielfeld seien "ganz klasse Burschen". Und damit ist der größte Vorteil der Österreicher beim WM-Schauen schon erklärt: Wir spielen diesmal gar nicht mit. Ätsch! Anstatt mit einem Team zu fiebern, das auf den Titel ohnehin wenig Chancen hätte, suchen wir uns von Spiel zu Spiel die Mannschaft zum Anfeuern heraus, die uns besser gefällt - sei es aufgrund von spielerischen Qualitäten oder wegen schöner Urlaubserlebnisse in ebendiesem Land, wegen netter Arbeitskollegen, angesichts hervorragender Sänger im Stadion oder auch nur wegen der Trikotfarbe - und manche vergeben ihre Sympathiepunkte sogar an die hübscheren Waden. Und scheidet die favorisierte Mannschaft aus - was soll's, wir suchen uns einfach eine neue.
Natürlich werden die meisten Spiele nicht in düsteren Hinterzimmern gesehen - Wien ist voller Großbildleinwände und Flachbildschirme, und vor jedem einzelnen finden sich interessierte Zuschauer ein. In völlig entspannter Atmosphäre. Kein Zittern und Beben, kein düsteren Drohungen gegen unfähige Trainer und bösartige Schiedsrichter, keine endlosen Berechnungen, wer wann wie hoch gegen wen gewinnen muss, damit die eigene Mannschaft im nächsten Spiel auf den "richtigen" Gegener trifft - wir haben keine Mannschaft. Also ist jede Mannschaft, die schön spielt, unsere Mannschaft. Und wir sind nicht kleinlich dabei...
Vor einem der Großbildschirme im innerstädtischen Flex. England spielt gegen Schweden. Der männliche Teil eines Pärchens schreit angesichts einer schönen englischen Ballakrobatik begeistert auf. Seine weibliche Hälfte: "Aber wir hatten doch ausgemacht, wir sind für Schweden!?" - Er: "Oh, sorry, das hab ich vergessen."
Vor einem kleinen Lokal in der Stadt. Im Gastgarten sitzen zwei Männer und schauen sinnend in ihr Bier. Drinnen läuft ein Fernseher, und man hört am Tonfall des Sprechers, dass etwas Wichtiges passiert sein muss. "Tor!" ruft einer der beiden, ohne sich nach dem Fernseher umzudrehen. "Für wen?" fragt der andere. "Brasilien, wahrscheinlich." Der andere nickt: "Is eh wurscht. Hauptsache, Tor."
Irgendwo an der südöstlichen Wiener Peripherie. Ein eher unscheinbares Lokal mit einem riesigen Bildschirm, der auch aus dem vollbesetzten Gastgarten eingesehen werden kann. Italien spielt gegen Ghana, und unter den Gästen ist ein eindeutiger Italien-Fan-Überhang auszumachen. Keiner ist für Ghana, außer dem dunkelhäutigen Mann an der Bar, der schlecht Englisch und gar kein Deutsch spricht. Der lässt bei jeder ghanesischen Ballberührung einen Jauchzer hören, und ein tiefes, von Kopfschütteln begleitetes "Oh-oh-oh", wenn die Italiener sich mit Ball dem ghanesischen Strafraum nähern. Er lebt so malerisch mit, dass das gesamte Lokal kippt - noch in der ersten Halbzeit jubeln alle Anwesenden für Ghana, sogar die Gruppe mit den italienischen Trikots und dem Campari auf den Tisch. Genützt hat's nix, aber nett war es.
Nur eine Mannschaft darf mit wenig österreichischem Rückhalt rechnen: Die Deutsche. Denn so gut Klinsmann seine Jungs auch trainiert hat - jedes Tor, das in den deutschen Kasten geht, erinnert den Österreicher ein bisschen an "unser" magisches Tor von 1978. Heute noch nennt man Würstelbuden in Großleinwand-Schaustätten "Cordo-Bar", und jeder grinst bei dem Anblick. Und das einzige, das dann die gute Stimmung trüben kann, ist ein vorbeispazierender Deutscher, der hämisch murmelt: "Und was war mit den Faröern?"
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