Ein Stück Weg

von Missmary
Jetzt sahen sie ihn schon wieder so komisch an. Was dachten die sich eigentlich dabei? Früher, da hätte es so etwas nicht gegeben. Seine Mutter hatte ihn gelehrt, was sich gehörte und was nicht – und in Zügen unverhohlen auf fremde Menschen zu starren gehörte eindeutig zu zweiterer Gruppe von Verhaltensweisen. Nun, was kümmerte es ihn; man gewöhnte sich schließlich an alles. Trotzig streckte er dem Teenager, der ihm gegenüber saß, die Zunge heraus, so dass dieser schnell wegschaute, aus dem Fenster, in die oberösterreichische Steppe - als ob es da etwas zu sehen gegeben hätte.

Als er in Linz aus dem Zug stieg, spürte er instinktiv, dass es Probleme geben würde. Er konnte zwar noch nicht sagen, welcher Art diese sein würden; doch irgendjemand oder irgendetwas, dessen war er sich sicher, würde dem reibungslosen Ablauf des Umsteigens im Wege stehen.

Kaum hatte er den Bahnsteig betreten, schon schloss sich eine grobe Hand um sein rechtes Handgelenk. Er fuhr herum und sah sich einem Polizisten gegenüber – nun, Polizist war vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Der Uniformierte, der ihn umklammert hielt, war wohl eher ein Polizistchen. Er war klein, sehr sogar, blass und unscheinbar. Hätte er keine Uniform getragen, hätte man ihn glatt übersehen können. Der feste Griff wollte so gar nicht zur schmächtigen Erscheinung des Gesetzeshüters passen, sein verlegenes Lächeln noch weniger. Er lächelte zurück, was hätte er auch sonst tun sollen. Schließlich wollte er Harmlosigkeit vermitteln, und was konnte harmloser sein als ein Lächeln? Der Polizist schien etwas unsicher; sein Blick huschte – möglichst unauffällig, wie er hoffte – zur Gegend seines Gürtels, um sicherzugehen, dass das, was sich darunter abspielte, nicht sofort ersichtlich war.

„Was bringt sie nach Linz?“ (welch blöde Frage, setzte er in Gedanken hinzu, als ob er kein Polizist auf der Jagd nach kriminellen „Elementen“ (wie immer dachte er „Elemente“ in Anführungszeichen), sondern ein zufällig am Bahnsteig getroffener alter Bekannter wäre.) Gutaussehende Männer machten ihn immer nervös; dieser hier trug sogar die gleiche Markenjeans wie er, was ihn noch nervöser machte. Gemeinsamkeiten ließen ihn immer sofort auf eine mögliche Zukunft zu Zweit spekulieren; er ertappte sich meist an der Stelle, an der sie – er selbst und der schöne Unbekannte, nebeneinander auf dem schwarzen IKEA Sofa sitzend - zu ZIB 3 Spaghetti aus demselben Teller aßen. Auch jetzt wäre er, als er zu dieser Stelle seines altbekannten Tagtraumes kam, am liebsten sich selbst gegenüber im Boden versunken.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass sein Gegenüber noch immer nicht geantwortet hatte. Wahrscheinlich hatte er die Frage ebenfalls als äußerst unangemessen empfunden. Das war’s dann wohl gewesen, schließlich war allgemein bekannt, dass der erste Eindruck der wichtigste war. Er räusperte sich: „Wir wurden darauf hingewiesen, dass Sie bereits den ganzen Tag zwischen Wels und Linz pendeln“, sagte er fest und sah sein Gegenüber abwartend an. Dieser erwiderte jedoch nichts, sondern kratzte sich am Kinn und starrte in die Luft. Unwillkürlich folgte der Polizist seinem Blick, konnte aber nichts entdecken, das seine Aufmerksamkeit verdient hätte. „Und wir“, begann er wieder und ärgerte sich über das „wir“ im selben Moment, in dem er es aussprach, „sind auch davon unterrichtet worden, dass Sie sich… ähm… seltsam verhalten haben. In diesem Zug, meine ich – ich will Ihnen hier nichts unterstellen, keinesfalls, nein, ich erkenne einen rechtschaffenen Mann, wie Sie einer sind, schließlich schon von weitem. Als Polizist entwickelt man ein Gespür für solche Dinge, müssen Sie wissen. Aber, es ist, also es ist unsere Pflicht, Hinweisen aus der Bevölkerung nachzugehen. Wenn Sie mir also bitte einfach nur Ihren Namen verraten würden, und vielleicht noch einen Ausweis hätten… Ich bin sicher, wir haben schnell alle Missverständnisse aus der Welt geschafft und sie können Ihre Reise fortsetzen.“ Nach wie vor würdigte ihn der Mann keines Blickes; inzwischen hatte er begonnen, „Hang on Sloopy“ zu pfeifen. Er traf den Ton nicht ganz, aber es war unzweifelhaft „Hang on Sloopy“. „Mögen Sie die McCoys?“, fragte der Polizist, und als er selbst auf diese einfache Frage keine Antwort bekam, spürte er, wie sich ein dünner Film kalten Schweißes auf seinem Rücken bildete. Es war doch immer wieder dasselbe. Jeden Tag, gleich nach dem Aufstehen, stellte er sich, wie ihm sein Persönlichkeitstrainer geraten hatte, nackt vor den Badezimmerspiegel und sagte sich (wider besseren Wissens): „Ich bin.“ Er konnte fast psychisch spüren, wie er Zentimeter um Zentimeter kleiner wurde, als sein in den vergangenen Wochen mühevoll erarbeitetes Selbstbewusstsein in sich zusammenstürzte. Beim Versuch, das sperrige Funkgerät mit der linken Hand aus der rechten Hosentasche zu ziehen, während er mit der rechten immer noch das Handgelenk des Fremden umklammert hielt, ließ er es auf den Bahnsteig fallen. Die Batterie kollerte heraus und rollte über den leicht abschüssigen Bahnsteig, bis sie zwischen den Gitterstäben eines Kanaldeckels verschwand, wo sie wenige Sekunden später mit einem leisen „Tock“ am Boden aufschlug. Der Polizist richtete sich wieder auf und sah sich vorsichtig um. Wie hätte er sich gewünscht, von allen angestarrt zu werden! Stattdessen erntete er keine Beachtung, Menschen kamen und gingen, schleppten Reisetaschen über den Bahnsteig oder zerrten zeternde Kleinkinder hinter sich her. Von Zeit zu Zeit ging jemand sehr dicht an ihm vorbei, doch niemand schien Notiz zu nehmen. Wieder einmal begann der Polizist, ernsthaft an der eigenen Existenz zu zweifeln. Ganz plötzlich ließ er das Handgelenk los, als wäre es glühend heiß. „Nichts für ungut!“, flüsterte er und rannte mit großen Schritten in die Richtung, in der er den Dienstwagen abgestellt zu haben glaubte; inmitten des dichten Bahnhofsgedränges fühlte er sich sehr einsam.

Unser Mann? Der blieb am selben Fleck stehen, bis er das Lied fertiggepfiffen hatte; dann dreht er sich um und kaufte ein Ticket nach Wels.
Ein Polizist, ein seltsamer Unbekannter und ein Leser treffen einander am Bahnsteig. Ein Stück Leben wie es sein könnte.
fährt gern Zug und stattet die Menschen, denen sie begegnet, mit fiktiven Lebensgeschichten aus. Manchmal schreibt sie diese auf - ganz heimlich, still und leise in ihrem persönlichen Blog, oder heute zur Abwechslung einmal hier.
mindestens haltbar 07/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 12
ISSN 1816-8159
Autor: Missmary
Titel: Ein Stück Weg
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