0212 - Bruchstücke

Dreizehn Fragmente über das Bruchstück.

Oliver Gassner
Nur scheinbar zusammenhanglos sind die Fragmente zum Thema "Bruchstücke", die Oliver Gassner notiert hat: Was hat Dracula mit TCP/IP zu tun? Und warum ist Tagebuchführen schwerer als Bloggen? Und: Werden Träume wahr?
Eins.
Ich bin unfähig Tagebuch zu führen. Ich habe es versucht. Mehrfach und auf Papier. Spätestens am zweiten Tag standen auf dem Papier Gedanken, die ich nur hatte, weil da Papier war. Nicht weil ich das ohnehin gedacht hätte. Das Tagebuch war dann wohl eigentlich übers Tagebuchschreiben und somit nutzlos. Ein reines Dokument seines eigenen Feedbacks. Tagebuch-Bloggen hab ich auch nicht lange durchgehalten. Aber normal bloggen, das geht. Manchmal schmuggle ich Tagebuchnotizen ein.

Zwei.
Die Wikipedia sagt unter anderem:
Der Ausdruck Fragment (v. lat.: frangere brechen) bezeichnet:
das Bruchstück eines ehemals Ganzen,
etwas Unvollendetes, insbesondere ein nicht abgeschlossenes Kunstwerk,
als literarische Gattung [in der Romantik] ein[n] bewusst unabgeschlossene[n] Gedankenentwurf

Also: In der Romantik, als man mit dem organischen, gewachsenen und als vollkommen gedachten klassischen Kunstwerk brach. In der Romantik, als die Industrialisierung langsam durchschlug, als mit Feuerbach und Hegel die Basis für Marx gelegt wurde und mit dem Wissenschaftler Frankenstein die Science Fiction begann, und die Biotechnologie, die Wissenschaftsethik. Und der Horrorroman. (Der allerdings nicht mit "Frankenstein" von Mary Shelley.)

Drei.
Ich vergesse. Ich vergesse Leute, Dinge, Ereignisse, Namen. Ich schreibe viel zu wenig auf. Eine ganze Schublade ist voller Kalender. Aber ich verstehe die Abkürzungen nicht. Nicht mehr. Auch die Abkürzungen im Traumtagebuch, das ich geführt habe, sind mir schleierhaft. Traumtagebuch? Ich war irritiert von Deja-Vu-Erlebnissen. Situationen, in denen ich dachte: Das hast du schon mal erlebt, das hast du vielleicht sogar mal geträumt. Also: Träume aufschreiben. Kann man trainieren. Geht ganz gut. Der Notizblock muss neben dem Bett liegen. Oder der PDA. Die Deja-Vu-Erlebnisse sind noch da, Psychologen sagen: Das sind Kurzschlüsse im Hirn. Im Augenblick des Erlebens macht das Gehirn sozusagen einen Zeitsprung und konstruiert das gerade Erlebte als Erinnerung von 'irgendwann früher'. Das Traumtagebuch hat jedenfalls keine prophetischen Fähigkeiten enttarnt und ich muss nicht in einem parapsychologischen Forschungslabor weggesperrt werden.

Vier.
Den Roman "Dracula" von Bram Stoker aus dem Jahr 1897 sollte man lesen. Das ist ein Buch ohne Erzähler. Ein Roman montiert aus Tagebuchaufzeichnungen, aus Telegrammen (also: Chats), aus Briefen, aus einem phonographischen Tagebuch eines Arztes (also sozusagen: der erste Tagebuch-Podcaster), aus Zeitungsausschnitten. Eine multimediale, multiperspektivische Collage von Materialen, die davon handelt, wie die Hauptfiguren sich treffen und, erst, als sie ihre Materialien bündeln erkennen können, wer und was sie da bedroht. Noch besser: Dracula bekommt mit, dass eine Hauptfigur das ganze Material aus Kurzschrift transkribiert und abtippt und versucht das Manuskript zu zerstören (das ja genau das Buch ist, das wir hier vor uns haben), er hat Erfolg - aber es gibt eine Kopie im Safe. Haben wir nochmal Glück gehabt.

Fünf.
gamma//magie/Schwarz auf Weiß /nenne Ich /beim Namen //steine /reißen Nägel /aus dem Fels/ Lawinen voraus // horizonte / in Sicht/in der Enge / schneidet sich /eine der Parallelen /ins eigene Fleisch//

Sechs.
Schwer zu sagen, wie viele Blogeinträge ich im letzten Jahr geschrieben habe. Seit dem ersten Juli 2005 bin ich Pro-Blogger. In einem der Blogs sind es sicher über 2000 Einträge. Die Datenbank musste zwischendurch umgestellt werden und die Zählung stimmt nicht mehr ganz. Kann ich mich an alle diese Einträge erinnern? Nein. Hab ich schon was doppelt gebloggt? Ich glaube: bisher nicht.

Sieben.
Kurven// so träumen / wie leben / immer in kurven // nie ganz sicher /was ist /und was nicht // hat das telefon geklingelt /schläfst du schon /hat jemand nicht gerade etwas gesagt /wo ich bin /und warum // leben / wie träumen /in kurven /

Acht.
William Burroughs und Brion Gysin schlagen in den 60er-Jahren in ihrem Buch "The Third Mind" neue Herangehensweisen an die Erstellung von literarischen Texten vor. Sie greifen Zufallsmethoden der Dada-Bewegung wieder auf und kreieren die 'Cut-Up'-Methode. Grob gesagt: Zerschneide eine Zeitungsspalte in vier Teile, kombiniere die vier Stücke auf alle möglichen Arten und schreibe jeweils den entstehenden Text ab. So wird die Textproduktion und die Zahl der möglichen Wort- und Begriffskombinationen, nun, sozusagen: So wird das Entstehen von Gedanken, vom Gehirn und seinen Beschränkungen abgekoppelt. Die Texte werden durch ihre (scheinbare) Zerstörung: befreit.


Neun.
fragmente //nur noch mit bleistift /wage ich worte/ auf billigpapier/ vielleicht war gestern schon/ dichten/ luxus.// meine erstkläßlerschrift / krame ich hervor / nicht hereinzufallen / auf große worte.// müde / schreibt sichs am besten / traum und wort / beider ursache / vermag ich nicht anzugeben. // ungelesen / fügt sich in meinem regal / buch an buch /schutzlose rücken. // an meiner wand / ein stadtplan von paris / die seine / und quasimodos buckel


Zehn.
In den 90-ern habe ich begonnen mit Copy-Art, mit computergenerierten Semi-Zufallstexten, mit algorithmisch-zufälligen Cut-Up-Methoden zu experimentieren. Ab 1996 dann mit Konstrukten in HTML, die aus Zufallstexten, Grafik, E-Mails und einer möglichst undurchschaubaren aber relativ genau kalkulierten Navigation kombiniert waren.


Elf.
In den Fliegen, mit Angst, darüber nachdenken. Zu aufmüpfig für einen Tod. Rilke. Vielleicht Kaffee. Vielleicht Kaffee. Vielleicht Kaffee. Vielleicht. Das Ökosystem funktioniert weiter. Von der Wand ein Glück, daß sie nicht eine Verstehensmöglichkeit postuliert. Regen auf Bibliotheken. Einnisten. Ich klage an. Wen. In the volume. If the volume. If the volume. If the reader opens this page. In der Wand, an meinen Fingernägeln: zwei Menschen gemeinsam wie gut, daß Blut. Meine ich nicht: Ein Wald flammt kalt im Flugtraum.
Im Greyhounddepot ist es, die Wahrheit zuzugeben: Es stürbe sich verloren. Wie sie da ist kartographiert, genormt, definiert. Am Tag einen Satz. Das Wort kündet ihnen einen Tod. Jeder braucht einen Tod ... unserer Grammatik ... Eine Banane. Auch Illusionen haben Erkenntniswert.

Zwölf.
Das Internetprotokoll, oder besser gesagt, das Transport Control Protocol (TCP) des Internets, basiert auf der Idee, Daten nicht kontinuierlich über eine Leitung zu übertragen, sondern die Daten in kleine Datenpakete aufzusplitten, die Informationen darüber enthalten, wie sie wieder zu einer kompletten Datei zusammengesetzt werden können. Ein Mocken einer E-Mail düst also über Tokio in die USA, einer über London und einer über Südafrika. Erst im Zielrechner wird alles wieder zusammengebaut.

Dreizehn.
Split Second // Das Wort spaltet das Gehirn. Stochastik ist die Lehre über die Vorhersagbarkeit von Ereignissen. Die Anzahl der möglichen Ereignisse muss bekannt sein. Das beschränkt die Stochastik auf die Lösung übersichtlicher Probleme. Das Wort spaltet das Gehirn. Die Chaosforschung, oder besser: die Analyse dynamischer Systeme, beschäftigt sich mit mathematischen Modellen der Wirklichkeit, bei denen geringste Abweichungen der Startparameter dafür sorgen, dass die Ergebnisse nach nur wenigen Iterationen in der Auswirkung extrem differieren. Das heißt: Messung und Iteration sind keine geeigneten Methoden zur Beherrschung der Welt. Jede ungenaue Messung ist keine Messung, jedes gerundete Rechenergebnis ist kein Rechenergebnis. Das Wort spaltet das Gehirn.

*1964, freier Journalist, Autor, Creative Writing Coach, Netizen. Treibt sich seit über 16 Jahren in globalen Netzen rum. Bloggt seit 1999. Unterstützt Einzelkunden, Vereine und Firmen bei Onlineprojekten. Und bloggt in viel zu vielen Blogs alles, was nicht bei drei in der Trashcan ist.

Blog: http://typo.twoday.net

Die Welt zu Gast am Spieß

Maximilian "Merlix" Buddenbohm
Typische Nationalgerichte auf der Fußball WM: Von Deutschen, Fleischspießen und dem Rest der Welt.
In der Public-Viewing-Area zur WM in Hamburg, wo sich zu den Spielen bis zu 70.000 Menschen aufhalten, gibt es aus jedem teilnehmenden Land einen Stand, an dem Essen verkauft wird. Gedacht war sicherlich daran, daß die Nationen ein jeweils typisches Gericht anbieten, was natürlich eine exotische, bunte Mischung erwarten ließ. Man könnte sich bei so etwas einmal um die Welt essen, wenn alle paar Schritte ein anderer Ausschnitt aus einer Küchenkultur vorgestellt wird. Das typische Gericht ist aber, wie man bei einem Rundgang schnell merkt, in jedem Land ein Fleischspieß. Ein gewöhnlicher Fleischspieß mit Geflügel, Schwein oder Rind, jeweils per Schild als „Original“ angepriesen, also original angolanisch, australisch, tunesisch usw. Man staunt.

Da das nun bestimmt nicht mit den tatsächlichen kulinarischen Traditionen übereinstimmt, muß man sich fragen, wie es zu so etwas kommen kann. Sicherlich kommt nur Höflichkeit als Erklärung in Frage. Ich nehme an, die jeweiligen Köche haben sich vor der Reise Gedanken gemacht und nachgefragt, was Deutsche wohl gerne essen. „Viel Fleisch!“ wird die Antwort gewesen sein, verbunden mit dem Hinweis, daß wir im Sommer geradezu zwanghaft grillen, ja, daß hier Sommersonnentage ohne Grillfleisch geradezu verlorene Tage sind. Und weil die WM eine betont freundschaftliche Veranstaltung ist, wollten die Gäste alle nett sein und uns viel Fleisch grillen. So steht man staunend vor den Spießen und fragt sich, was daran landestypisch sein soll. Versuche lehren: Gegrilltes Fleisch schmeckt eindeutig genau wie gegrilltes Fleisch. Weltweit. Der Grill scheint das eigentlich menschheitsverbindende Kulturgut zu sein. Es scheint auch international gleich, dass der Mensch am Grill immer ein Mann ist und dass man nicht einfach bekommen kann, was man möchte, sondern dass er nach geheimnisvollem Insiderwissen Fleisch zuteilt.

Sogar die Länder, die zunächst ohne eigenen Grill begonnen haben, zogen angesichts dieser Übermacht ringsum nach einigen Tagen nach, seitdem tropft auch bei Korea und Japan schmelzendes Fett auf Kohle: „Original koreanischer Spieß“.

Vier Länder nur blieben standhaft und verweigerten sich dem Grill. Zum einen ausgerechnet der Gastgeber selbst, der die immerhin tatsächlich deutsche Erfindung Currywurst gewählt hat, um seine Küche zu repräsentieren, zum anderen etwa Portugal. Portugal grillt auch – aber kein Fleisch, sondern Sardinen, und die nicht einmal am Spieß. Welch Eigenständigkeit! Sie stehen damit auch in bester Tradition einer Kolonialmacht, denn der eher infernalische Geruch der gegrillten Fische nebelt etwa zehn andere Stände mit ein, die können machen was sie wollen, bei ihnen schmeckt alles nach verbranntem Fisch. Die Franzosen ein paar Meter weiter verweigern sich komplett der Massenkultur und verkaufen nur eine edle Käseauswahl und Austern, die Italiener wiederum hängen ganz alten Klischees nach und verkaufen ausschließlich Pizza.

Wie der fußballinteressierte Mensch bemerkt, sind die vier Verweigerer des kulinarischen Gruppendrucks die letzten vier Mannschaften im Turnier. Womit wieder erwiesen wäre: Wenn man zu spießig ist, kommt man auch nicht weiter.
Jahrgang 1966, bloggt seit 2004 als "Merlix" über seine Herzdame und anderes. Lebt in Hamburg und arbeitet als Controller. Um sich auch mit vernünftigen und logischen Dingen zu beschäftigen, ist er nebenbei freiberuflicher Astrologe.

Flamencobruchstücke

jupe
Der Tänzer Israel Galvan bringt neue Bewegungsformen in den Flamencotanz ein. Für seine Arbeit bekam er die höchste Auszeichnung, die ein spanischer Tänzer gewinnen kann, den Premio Nacional de Danza.
Israel Galvan, der zweiunddreißigjährige Tänzer aus Sevilla, ist umstritten, bewegt sich anders als alle anderen, bricht den Flamenco auf und setzt ihn neu wieder zusammen. Als er vor ein paar Wochen zum ersten Mal in Deutschland ein Workshop gab, machte ich mich auf den Weg, den Tänzer, der lieber Fußballer geworden wäre, zu treffen um von ihm zu lernen. Als ich endlich im Zug Richtung München saß, war ich aufgeregter als sonst.

Zum ersten und leider bisher auch einzigen Mal hatte ich vor ein paar Jahren die Gelegenheit, ihn live tanzen zu sehen. Damals in Granada wusste ich noch gar nichts von ihm. Ich ging in die Vorführung, weil eine Flamencoversion des Ballettfilms „die roten Schuhe“ gezeigt wurde. Und obwohl ich den Film noch nie gesehen hatte, wusste ich um seinen Legendencharakter. Und obwohl ich noch nie etwas von Israel Galvan gehört hatte, wusste ich: er ist der Sohn der beiden Flamencotanz-Legenden José Galván und Eugenia de Los Reyes.


„Ich komme aus einer Künstlerfamilie, meine Kindheit war schon eine besondere, ich habe viel in der Nacht gelebt, ich war oft mit meinen Eltern unterwegs, wenn sie Auftritte hatten.“
(Israel Galvan im Interview mit Susanne Zellinger, zu lesen im Flamencomagazin anda, Nr 64, 2006)

Israel Galvan hat einen krausen, schütteren Bart und mittelbraunes, kurzes Haar. Auch schütter. Seine Figur erinnert an eine Birne, wenn er in diesen seltsamen Karottenhosen auf der Bühne posiert und sich mit weichen, gleichzeitig aber unendlich exakten Bewegungen von einem Bild zu nächsten bewegt. Oder er bleibt stehen und wartet. Oder verschwindet zwischenzeitlich komplett von der Bühne.
Damals in Granada war ich verwirrt. Der Flamenco, den er zeigte, hatte so wenig mit jenem Flamenco zu tun, den ich untertags bei den Workshops beigebracht bekam. Der Tanzschulen-Flamenco war streng, systematisch, wild und laut. Aber das was Israel Galvan zeigte, war gleichzeitig auch noch weich und leise, weniger streng und doch exakt zugleich.

Ich erkannte, dass das, was ich lernte, wohl nur die ersten paar Vokabel einer Sprache sein konnten, mit der Israel Galvan auf poetisch-radikale Weise von seinen Gedanken erzählte. Modern zwischen den einzelnen Posen, die gleichzeitig aber an alte, vergilbte schwarz-weiß-Aufnahmen vergangener Zeiten erinnerten. Er ist kein Flamencotänzer, wie man ihn aus spanischen Tourismusspots kennt. Dafür fehlen ihm die öligen, schwarzen Locken. Die Figur müsste schlanker sein, statt der Karottenhosen wäre ein Anzug besser. Und der krause Bart müsste weg. Schon rein optisch bricht er mit dem gängigen Bild vom Flamenco. Und mit seinen Posen und Schritten bewegt er sich scheinbar noch ein größeres Stück weiter weg vom wilden, schnaubenden Flamencomacho auf der Bühne – nur um doch wieder bei den Wurzeln zu landen.

„Ich werde als der Älteste der neuen Flamencogeneration bezeichnet, weil meine Posen und Bewegungen jenen von den ganz alten Meistern des Flamenco sehr ähnlich sind. Aber das erkennen die wenigsten. Nur wenige erinnern sich so weit zurück.“ (Israel Galvan beim Abendessen in München, Mai 2006)

Und dieser Gegensatz ist es, der die Leute nervös macht, wenn sie ihn tanzen sehen. Er irritiert, weil er Bewegungsabläufe in den Flamenco bringt, die man nirgendwo anders sehen kann. Gleichzeitig gelingt es ihm damit aber, eine tiefe, ehrliche, berührende Form des Tanzes zu zeigen. Er polarisiert, weil er sich nicht gleich im ersten Takt an die manchmal strengen Flamencoregeln hält. Vielleicht macht er das erst im zweiten Takt. Oder zehnten. Oder gar nicht. Man weiß nicht sofort, was er macht und viele meinen daher: „Das ist nicht Flamenco!“. Mich berührt seine Art, den Flamenco zu interpretieren. Er findet seine eigenen Sätze, mit denen er seine Geschichten erzählt. Seine Sprache ist der Flamenco, aber er plappert nicht bereits vorgefertigte Standardsätze nach. Für mich ist er wie ein Ruhepol im Schrittgewitter eines rauschenden Flamencotanzes, weil er nicht den anderen TänzerInnen hinterher hechelt sondern seinen eigenen, eigenwilligen Weg geht. Und damit bin ich nicht alleine, denn als er im vergangenen Jahr die höchste Auszeichnung bekam, die in Spanien ein Tänzer gewinnen kann, den Premio Nacional de Danza, war endlich der Jubel der Fans lauter als die Nörglerei der altmodischen, angeblichen Flamencopuristen.

Und als ich vor ein paar Wochen im Zug nach München daran dachte, dass ich in ein paar Stunden ein kleines Stück seiner Choreographien lernen würde, war ich aufgeregter als sonst.
Julia Petschinka hat in Wien Physik studiert und in Spanien Flamenco gelernt. Sie arbeitet in einem Quantenphysik-Projekt und schreibt Flamencokritiken, unter anderem. Letztendlich ist sie auf der Suche nach Harmonie zwischen ihrem Kopf und ihren Füssen. Seit fast zwei Jahren bloggt sie hier über Naturwissenschaft und Flamenco. Seit neuestem auch da über Wissenschaftskommunikation.

Sommer, Sonne, Sauerkraut

Richard Gleim
Auf einer Bank am Ende der Kö mit Blick auf einen längs dünner Algenfäden Wassersträhnen plätschernden Brunnen saß ein kleiner Chinese. Fast schlohweißes Haar. Er kann gut 70 Jahre alt sein.
In den Ohren steckten Stöpsel, von denen aus dünne Kabel zu einem iPod führten, den er in einer seiner kleinen, zierlichen, faltigen Hände hielt.

Dieses Männchen schaukelte ein wenig zur Musik und das Mienenspiel in seinem knittrigen, beweglichen Gesicht, welches häufig in dieses geheimnisvolle wissende, asiatische Grinsen überging, verriet innere Freude. So musste ich als Europäer es interpretieren.

Ein fast glatzköpfiger Mann offensichtlich arabischer Herkunft setzte sich neben ihn und begann, auf ihn einzureden. Der Chinese grinste. Er grinste und grinste und wackelte manchmal wie vor Freude mit dem Kopf und ließ seine Hände Kapriolen schlagen.

Erst als er nach einer ganzen Weile die Stöpsel aus seinen Ohren nahm, stellte ich fest, dass er gar nicht verstanden haben konnte, was sein Nachbar ihm erzählte. Da der eine Chinese ist der andere arabischer Herkunft und sie sich in ihren jeweiligen Heimatsprachen nicht verständigen konnten, sprachen sie Deutsch. D.h. nur der Araber redete. Der Chinese nickte mit dem Kopf und grinste bestätigend und ein wenig belustigt.

Nach etwa einer viertel Stunde, in der der sprechende Mann pausenlos erzählt hatte, was er wie als Essen zubereitete und wo er dieses und jenes jeweils kaufte, stand dieser auf und meinte jetzt etwas gehetzt wirkend. "Jetzt muss ich aber" und ging eilends von dannen.

Der Chinese wand sich hell lachend mir, der ich auf der Nachbarbank saß, zu und wiederholte mit hoher, feiner Stimme in exzellentem Deutsch: "Jetzt muss ich aber. Jetzt muss ich aber." Und nach einer kleinen Kunstpause: "Sauerkraut kaufen" gestikulierte aufgeregt mit den Armen, steckte die Stöpsel wieder in seine Ohren, schaukelte ein wenig und grinste geheimnisvoll wissend.
gnogongo.twoday.net - Weblog von Richard Gleim.

Wir sind so verdammt abgebrüht.

Jens Scholz
Als Kind wollten wir die Welt verändern, doch niemand nahm uns Ernst. Als Erwachsene stehen wir gern über den Dingen. Sind wir wirklich so verdammt abgebrüht?
1980 war ich in der sechsten Klasse. Wir wohnten in der Nähe von Alzenau, das ist nicht weit von Kahl, wo ein Atomkraftwerk steht und unsere Klasse hatte für eine Projektarbeit zum Thema Atomkraft etwa vier Wochen Zeit bekommen. Daher zogen wir zu viert durch die umliegenden Dörfer und befragten mit einem Kassettenrekorder bewaffnet irgendwelche Leute auf der Straße. Die Frage war naiv und natürlich würde man sie eigentlich anders stellen müssen: „Sind sie für oder gegen Atomkraft?“. Ich habe ein paar Einträge in meinen alten Tagebüchern gefunden. Ich habe damals in sehr kurzen Sätzen geschrieben, fast Telegrammartig, aber sie zeigen mir, dass wir dieses Projekt und unseren Anteil daran sehr Ernst genommen haben. Auch naiv war die Vorstellung, guter Journalismus sei es, so genau wie möglich zu sein, was dazu führte, dass wir akribisch an die achtzig Seiten Gespräche vom Band abtippten – inklusive aller „Äh’s“ und „öhöm’s“. Damals schrieb ich auf, dass ich „keine Angst davor habe, dass da in den nächsten Jahren was passiert, aber wenn es hier irgendwann richtig viele Atomkraftwerke gibt, will ich lieber nicht mehr in Deutschland sein“. Ich erinnere mich daran, wie unverständlich es für mich gewesen ist, dass die Erwachsenen sich solche Dinger ausdenken und hinstellen konnten. Eine der Schauboxen erklärte, wie ein Supergau funktionieren könnte. Und da stand, dass es in den USA schon fast einen gegeben hatte, im Mailer von Three Miles Island.

Am 26. April 1986 gab es ihn dann wirklich, denn es explodierte ein Reaktor in Chernobyl.

1986 wohnten wir in Pforzheim und ich war in der zehnten Klasse. Meine Tagebucheinträge von damals waren das typische Gejammer pubertärer, unsportlicher und zu kleiner Jungs mit Brille. Und dazwischen ein paar belustigte Einträge darüber, wie bescheuert das Geschreibsel ist, weil es sich ja anhört wie pubertäres Gejammer. Ich habe damals immer mal wieder vergessen, ein Datum aufzuschreiben, aber es war wohl Anfang Mai. Montag wahrscheinlich, denn ich schrieb darüber, dass, so langweilig das Wochenende gewesen ist, es heute in der Schule überhaupt nicht langweilig war, da es nur ein Thema gab: Tschernobyl (warum man das wohl heute anders schreibt?). Ich schrieb „Eigentlich wäre es mir lieber, wenn es langweilig geblieben wäre. Wenn Herr B. mich aus Latein geworfen oder Herr S. mir meine verhauene Mathearbeit zurückgegeben hätte. Jetzt kommt langsam heraus, was die Russen da eigentlich gemacht haben. Aber was soll denn der Scheiß? Wir haben weiß der Geier wie viele Atomkraftwerke hier rumstehen, glauben die wirklich, das kann hier nicht passieren?“ Damals demonstrierten viele Schüler, wir hörten Weltuntergangsmusik von Pink Floyd und U2 sangen genau das was wir dachten. Wir schauten uns jede Nachrichtensendung an, um am nächsten Tag wieder zu diskutieren und wir waren sauer darüber, festzustellen, wie verflucht ignorant, wie ungeheuer bigott, wie verlogen, wie geld- und machtgeil diese Erwachsenen sind, die sich einen Scheißdreck um unsere Zukunft zu scheren schienen.

Heute blogge ich und schreibe gerne mal ironische Essays und zynische Bemerkungen zur Weltpolitik. Ich lese darüber, wie naiv und albern man Gutmenschen wie Bono und Herbert Grönemeyer findet und wie man sich süffisant darüber belustigt, wenn jemand die Welt verbessern will. Man überbietet sich mit Abgebrühtheit und Coolness. Niemand kann es uns Recht machen: Ist man unbekannt, braucht man ja nur drauf warten, dass er scheitert, ist er bekannt, kann man die Nase rümpfen über den satten Millionär, der uns die Welt erklären will. Wo wir doch alles besser wissen. Man steht über all diesen Dingen wie Idealen, Utopien und Solidarität, man ergeht sich in Abgesängen an das so genannte Gute im Menschen, wo auch immer das mal gewesen sein soll, denn jeder ist doch korrupt und käuflich und wenn nicht, dann nur, weil man es einfach noch nicht herausgefunden hat.

Wollen wir so sein? Postmodern und immer auf der sicheren Metaebene, von der aus man schon vorher weiß, dass man ohnehin nichts ändern kann? Ist das so wirklich die Lösung? Sich einfach dadurch aus der Verantwortung zu stehlen, in dem man die schon längst vollzogene Resignation und das klein Beigeben mit angeberischem Besserwissen übertüncht? Sind das die Spießer, denen wir uns intellektuell überlegen fühlen oder ist nicht vielmehr das spießig sein von heute, wenn wir dumm und zynisch über alles Lachen, was zu ändern man in Wirklichkeit zu bequem ist?

Wir sind so verdammt abgebrüht. Und wenn unsere Kinder uns Schaukästen hinstellen und erklären, was vielleicht in fünf oder sechs Jahren passieren könnte und wenn unsere Kinder uns Scheiße finden, weil genau das passiert ist und wir immer noch nicht unsere Ärsche hochbekommen, dann sollten wir vielleicht mal zuhören anstatt sie für naiv oder pubertär zu erklären, nur um uns wieder selbst so großartig und abgebrüht zu fühlen.

Denn in Wirklichkeit sind wir nicht abgebrüht.

Wir sind so verdammt feige.
ist durchschnittlich alle drei Jahre umgezogen und lebte in den letzten 37 Jahren in fünf verschiedenen Bundesländern. Im Moment hat er seinen Hut in Neu-Isenburg gleich bei Frankfurt am Main abgelegt. Beruflich macht er seit über zehn Jahren irgendwas mit Internet, aber eigentlich würde er gerne Filmmusik komponieren oder eindlich mal eine gute deutsche Fernsehserie produzieren. Sein Weblog, das er seit 2001 vollschreibt, ist seit dieser Klowand-Geschichte ganz gut besucht.

Hauptsache, Tor - egal für wen

Andrea "Chronistin" Sturm
Man muss kein WM-Spiel gewinnen, um Spaß am Fußball zu haben - ja, man muss nicht einmal eines spielen. Ansichten und Begegnungen aus dem Wiener Zuschauerraum.
Erster Fußball-WM-Sonntag 2006, 17 Uhr. Wir befinden uns in einem Wiener Heurigenlokal. Eine Szene wie aus einem Tourismusprospekt - rotbackige Dirndlträgerinnen mit ansehnlichem Vorbau tragen riesige Tabletts mit Heurigem durch den Gastgarten, während ein paar Meter weiter Roland Neuwirth mit seinen Extremschrammeln, nunja - extrem schrammelt. Dass gleichzeitig irgendwo ein paar hundert Kilometer weiter Mexiko gegen den Iran spielt, ist den Heurigenbesuchern offenbar völlig egal. Zumindest könnte man das glauben, bis man das finstere Hinterzimmer findet, in dem ein altersschwacher Fernseher mit schlecht eingestellter Zimmerantenne ein heftiges Schneetreiben zeigt, in dem man mit ein bisschen Phantasie bunte Gestalten und manchmal sogar einen Ball erahnen kann.

"Mexikooo" ruft eine Zuschauerin begeistert - der Mann neben ihr erklärt hingegen, dem Iran die Daumen zu drücken. Sein Arbeitskollege sei nämlich Iraner, und die Jungs da am Spielfeld seien "ganz klasse Burschen". Und damit ist der größte Vorteil der Österreicher beim WM-Schauen schon erklärt: Wir spielen diesmal gar nicht mit. Ätsch! Anstatt mit einem Team zu fiebern, das auf den Titel ohnehin wenig Chancen hätte, suchen wir uns von Spiel zu Spiel die Mannschaft zum Anfeuern heraus, die uns besser gefällt - sei es aufgrund von spielerischen Qualitäten oder wegen schöner Urlaubserlebnisse in ebendiesem Land, wegen netter Arbeitskollegen, angesichts hervorragender Sänger im Stadion oder auch nur wegen der Trikotfarbe - und manche vergeben ihre Sympathiepunkte sogar an die hübscheren Waden. Und scheidet die favorisierte Mannschaft aus - was soll's, wir suchen uns einfach eine neue.

Natürlich werden die meisten Spiele nicht in düsteren Hinterzimmern gesehen - Wien ist voller Großbildleinwände und Flachbildschirme, und vor jedem einzelnen finden sich interessierte Zuschauer ein. In völlig entspannter Atmosphäre. Kein Zittern und Beben, kein düsteren Drohungen gegen unfähige Trainer und bösartige Schiedsrichter, keine endlosen Berechnungen, wer wann wie hoch gegen wen gewinnen muss, damit die eigene Mannschaft im nächsten Spiel auf den "richtigen" Gegener trifft - wir haben keine Mannschaft. Also ist jede Mannschaft, die schön spielt, unsere Mannschaft. Und wir sind nicht kleinlich dabei...

Vor einem der Großbildschirme im innerstädtischen Flex. England spielt gegen Schweden. Der männliche Teil eines Pärchens schreit angesichts einer schönen englischen Ballakrobatik begeistert auf. Seine weibliche Hälfte: "Aber wir hatten doch ausgemacht, wir sind für Schweden!?" - Er: "Oh, sorry, das hab ich vergessen."

Vor einem kleinen Lokal in der Stadt. Im Gastgarten sitzen zwei Männer und schauen sinnend in ihr Bier. Drinnen läuft ein Fernseher, und man hört am Tonfall des Sprechers, dass etwas Wichtiges passiert sein muss. "Tor!" ruft einer der beiden, ohne sich nach dem Fernseher umzudrehen. "Für wen?" fragt der andere. "Brasilien, wahrscheinlich." Der andere nickt: "Is eh wurscht. Hauptsache, Tor."

Irgendwo an der südöstlichen Wiener Peripherie. Ein eher unscheinbares Lokal mit einem riesigen Bildschirm, der auch aus dem vollbesetzten Gastgarten eingesehen werden kann. Italien spielt gegen Ghana, und unter den Gästen ist ein eindeutiger Italien-Fan-Überhang auszumachen. Keiner ist für Ghana, außer dem dunkelhäutigen Mann an der Bar, der schlecht Englisch und gar kein Deutsch spricht. Der lässt bei jeder ghanesischen Ballberührung einen Jauchzer hören, und ein tiefes, von Kopfschütteln begleitetes "Oh-oh-oh", wenn die Italiener sich mit Ball dem ghanesischen Strafraum nähern. Er lebt so malerisch mit, dass das gesamte Lokal kippt - noch in der ersten Halbzeit jubeln alle Anwesenden für Ghana, sogar die Gruppe mit den italienischen Trikots und dem Campari auf den Tisch. Genützt hat's nix, aber nett war es.

Nur eine Mannschaft darf mit wenig österreichischem Rückhalt rechnen: Die Deutsche. Denn so gut Klinsmann seine Jungs auch trainiert hat - jedes Tor, das in den deutschen Kasten geht, erinnert den Österreicher ein bisschen an "unser" magisches Tor von 1978. Heute noch nennt man Würstelbuden in Großleinwand-Schaustätten "Cordo-Bar", und jeder grinst bei dem Anblick. Und das einzige, das dann die gute Stimmung trüben kann, ist ein vorbeispazierender Deutscher, der hämisch murmelt: "Und was war mit den Faröern?"
sieht ihre Wortwerkstatt als Künstler-WG im Netz. Vorteil: Man braucht keinen Putz-Plan. Klassisch gebloggt wird im dagbok.

Patchworkgesellschaft

nberlin
Beständigkeit, Familie, Sicherheit – was ist aus den alten Werten geworden? Abgelöst von Schnellebigkeit und Globalisierung, Flexibilität und Unstetigkeit wurden sie ersetzt – durch die Patchworkgesellschaft.
Es gab Zeiten, da waren Familien noch Familien, Gemeinden noch Gemeinden und die Definitionen von Ländern und Nationalitäten waren eindeutig. Es gab zu der Zeit eine klare Vorstellung von Karriere und Werdegang und alles lief kollektiv linear vor sich hin. Das war für manchen langweilig und beengend, aber trotz allem gaben diese Richtlinien Sicherheit und ließen nicht viele Fragen offen, darüber wer man ist und was man werden möchte.

Man hatte Vater, Mutter, Opa, Oma und vielleicht noch Geschwister, machte seinen Abschluss an der Schule, fand einen Ausbildungs- oder Studienplatz, hielt ein paar „nicht Herrenjahre“ durch und war eine gemachte Person. Danach kam dann meist nichts mehr. Man arbeitete bis zur Rente, die man dann auch weitere 20-30 Jahre bekam und starb dann mehr oder weniger zufrieden, um auf den Friedhof der Gemeinde beerdigt zu werden.

Heute ist alles anders. Es gibt kaum mehr Familien, oder sagen wir es anders es gibt Familien aber das sind meist Patchworkfamilien. Frau mit Kind trifft Mann mit Kind. Oder Mann mit Kind trifft Frau ohne Kind. Oder die Oma Nachbarin wird adoptiert, weil sie keine Enkelkinder hat und die Kinder der allein erziehenden Mutter, dringend eine Oma bräuchten, die aber tot ist oder in Nicaragua lebt.


Auch kann es sein das ein Kind mehrere Geschwister, Omas, Väter und Mütter aus verschiedenen Beziehungen hat. Biologie war gestern, heute sind es Beziehungsabschnitte der Eltern die Familie definieren.
Man lebt selten nur noch einen Ort. Fast Niemand wird noch irgendwo geboren und begraben. Viele ziehen um, zu Ort A wegen der Beziehung, zu Ort B wegen der Universität und zu Ort C wegen dem Beruf.

Nichts ist mehr linear. Alles läuft im Zickzack und bruchstückartig ab. Wer etwas will, muss flexibel sein, in allen Bereichen. So sind die alternde Mutter oder die Freunde kein Grund mehr vor Ort zu bleiben. Den Studienplatz oder Ausbildungsplatz kriegt man meist auch nicht mehr im Heimatort. Wer etwas werden will, muss seine Gemeinde verlassen. Wer erfolgreich sein will, darf keine Rücksicht auf unflexible Menschen in seinem Umfeld nehmen, denn Auslandserfahrungen und Flexibilität sind die Pfeiler unserer globalisierten Welt geworden.

Sozial verankertes Verhalten kann sich heute niemand mehr leisten. Es sei denn er/sie verzichtet auf Karriere oder Beschäftigung. Da aber der Sozialstaat auch gerade abgeschafft wird, sieht eine unflexible Zukunft verdammt düster aus.

Vielleicht sind wir auch selber Schuld und nicht nur die Konzerne, die erwarten, dass wir unser ganzes Leben nach ihnen ausrichten. Wir sind verblendet von der Werbung, den Musterlebensläufen. Von der Modellfrau, die eine Karriere hat, niedliche Kinder, die sie nebenher aufzieht, drei Hobbys ausübt , sozial engagiert ist und dann natürlich auch noch Romeo an ihrer Seite hat, der ihr jede Nacht vor dem Einschlafen einen Minnegesang darbietet.

Glauben wir das echt? Sind wir so bescheuert? Wer das alles hat, hat doch in Wirklichkeit gar nichts. Er/Sie hat Bruchstücke von Allem, aber nichts richtig. Oft hat die Liebe nur ein kurzes Haltbarkeitsdatum, die Modellfigur wird durch Fettabsaugen unterstützt und die Kinder gehen früh in psychotherapeutische Beratung, weil sie sich entwurzelt und durch den ständigen Wechsel von Orten und Bezugspersonen verwirrt fühlen.

Vielleicht beenden wir auch zu schnell Beziehungen und Karrieren, weil sie mit dem medialen Bild so gar keine Ähnlichkeit haben. Wir glauben, wir müssen das alles haben. Wenn der Partner nur ein guter Elternteil ist und einem treu und ergeben ist, reicht das nicht, er/sie muss auch die sexuelle Erfüllung sein und abends noch singen.
Das kann tut er/sie aber nicht, weil er/sie müde ist vom Arbeiten, vom letzten Flug oder vom Kinder betreuen, also wird er/sie schneller als man gucken kann ausgetauscht.

Wie, der Partner will ihnen nicht nach Timbuktu folgen? Nicht seine Arbeit, seine Familie und seine Hobbys aufgeben? Angsthase! Ausgetauscht!
So Einen/so Eine trifft man auch woanders. Ach ja, da war doch was - er/sie ist der ErzeugerIn der Kinder, hat ihnen durch schwere Zeiten geholfen, die Großmutter betreut, tja Pech, wenn etwas aus ihnen werden soll, kann man auf solche Sachen keine Rücksicht nehmen.

Die Kinder weinen, weil sie nicht schon wieder neu eingeschult werden möchten, Papa, Mama oder Oma vermissen werden? Wie gut, dass die Kinder kein Mitspracherecht haben. Die Oma ist krank geworden? Dann stecken wir sie doch in ein Pflegeheim, von dem Gehalt, das man bald in Timbuktu verdient, wird man ihr auch das Beste vor Ort bezahlen können. So gute Pflege könnte man selber kaum leisten. Oma sollte dankbar sein! Ja, auch die Kinder sollten dankbar sein, denn sie bekommen fast mühelos schon früh wichtige Auslandserfahrung, Fremdsprachen und das richtige Quäntchen an Flexibilität eingeimpft!
Während früher stabile Verhältnisse als Sicherheit angesehen wurden ist es heute genau andersrum. Flexibilität ist Sicherheit. Jeder, der auf Stabilität pocht, ist dem Untergang geweiht.

Problem nur: Die Evolution hängt mal wieder hinterher. Der Mensch ist darauf nicht optimiert. Wir erleben bei jedem Wechsel einen Kulturschock. Unsere Gehirne, unser Körper und unsere Psyche rebelliert bei ständigen Wechsel und sozialer Entwurzelung. Wir sind immer noch soziale Gewohnheitstiere, aber diese Eigenschaften sollten wir schnell ablegen, wenn wir in der globalisierten Welt überleben möchten.

Der moderne Karrieremensch ist also ein egoistischer Einzelgänger. Er hat keine Familie, kein Zuhause, keine sozialen und gesellschaftlichen Verpflichtungen.

Ist das menschlich? Ist Menschlichkeit nicht das miteinander? Werden wir so nicht zu einer allzeit auszuwechselnden Schraube in der Maschinerie der Konzerne und deren Globalisierung?

Müssen wir alles aufgeben, um Alles und gleichzeitig Nichts zu sein? Muss unser Lebenslauf im Zickzack verlaufen? Müssen wir losgelöst sein von allem, was mal wichtig war? Klar kann das auch toll sein, besonders für junge Menschen, man kann viel erleben, viele Länder sehen, Erfahrungen rund um den Globus sammeln, aber wenn man älter wird, Kinder bekommen möchte, oder vielleicht auch nicht mehr so gesund ist, was ist dann?

Ist man dann nicht mehr brauchbar? Wertlos, weil unflexibel? Ist jeder Mensch ab 30/40/50/60 ein Wegwerfartikel? Überholt und nicht mehr funktional? Lassen wir uns nicht alle verblenden? Sehen das große Geld und vergessen das Stabilität, Liebe und Glück auch wichtige Komponenten zur Zufriedenheit sind?

Wir verkaufen uns, verkaufen was uns ausmacht, verkaufen unsere Familie, unseren Lebenslauf. Alles ist käuflich geworden. Alles vergänglich.

Ein Leben ist nur noch ein Augenaufschlag. Schnell vergessen, bloß keine tiefen Bindungen aufbauen, es könnte hinderlich sein, wehtun und die Produktivität hemmen. Ewige Liebe - wer will das heute noch? Familie, Kinder wer kann sich das heute noch leisten?
Doch wer kriegt da noch Kinder? Wer kümmert sich um die Kinder, Alten oder anders Hilfebedürftigen? Niemand! Soziales Abseits! Kinder bekommen nur noch Leute, die keine Karriere zu erwarten haben, Pflege wird immer mehr zu einen Ding, das Kirchen oder sonstige karitativen Einrichtungen übernehmen. Nur wem alles egal ist, aus dem wird etwas.

Das Problem dabei, man muss sich auch selber egal sein! Denn was ist, wenn man selber mal Hilfe oder Liebe braucht? Dann ist da niemand, und so schnell wie man aufgestiegen ist, stürzt man auch wieder ab. Kein soziales Netz, das einen auffängt. Nichts. Wir sind alle Seiltänzer geworden. Solange man in Form ist, mag das eine spaßige Sache sein, aber was ist, wenn man mal ein Glas Wasser braucht, oder sich den Knöchel verstaucht? Auch mit Geld kann man sich nur begrenzt Hilfe leisten, und wenn man dann noch den Seiltänzerjob verliert, dann hört das mit der bezahlten Hilfe auch bald auf. Es ist erwiesen, das nicht allein Medikamente und hygienische Behandlung von Wunden zu Heilung führen. Oft ist es auch die Psyche, die an der Heilung maßgeblich beteiligt ist.

Wie gut kann bezahlte Fürsorge sein? Und gilt der Spruch: „Liebe heilt alle Wunden“? Wie sieht es mit bezahlter Liebe aus? Kann man die überhaupt kaufen? Jemand, der einem die Stirn küsst und einem in lieben Worten zuspricht das bald alles wieder gut sein wird? Wir werden alle Prostituierte! Ohne zu Hause, ohne Freunde, ohne Familie und wenn dann weit entfernt und verstreut über dem Globus. Wie will man da noch Geborgenheit spüren? Wie will man sich da unterstützen? Okay, es gibt Internet, Telefon und Videochats. Aber ist ein Kuss auf einem Bildschirm oder eine Umarmung per Chat das Gleiche? Wärmt es die Seele? Spürt man das auf der Haut? Ist die Beaufsichtigung der Kinder/der Eltern, die teuer ist, besser als wenn es in der Familie/Gemeinde aus Liebe gemacht würde? Ist der Trend, sich nicht mehr begraben zu lassen, sondern sich als Staub in die Meere oder in die Luft verstreuen zu lassen, nicht ein Sinnbild unserer Gesellschaft? Heimatlos über die Welt verstreut? Vergänglich ohne Erinnerung an das Dasein? Sofort verschwunden nach dem Tod?


Wo bleiben das Glück und die Zufriedenheit? Ist Glück finanzieller Erfolg? Ignorieren wir dabei nicht unsere essentiellen Bedürfnisse, das Menschsein? Wir leben in einem Land in dem Trinkwasser die Toilette runter fließt, Cellulose, die auf Kosten der Regenwälder hergestellt wurde, zum Arsch abwischen genutzt wird, ein Land, in dem die Fettleibigkeit langsam zum Problem wird und nicht der Hunger, ein Land, in dem fast niemand obdachlos ist, ein Land, in dem ein durchschnittlicher Single oder Hartz IV- Empfänger 2000 KW Strom im Jahr für sein Elektrogeräte verbraucht. Wer will uns einreden, dass wir uns soziale Systeme, kostenlose Schul- und Universitätssysteme, Rente und das Gesundheitssysteme nicht mehr leisten können, verkaufen müssen um zu überleben? Wir können uns frei entscheiden und es besteht kein Zwang!

Es ist genug Geld da! Doch das Kollektiv ist verschwunden, jeder denkt nur noch an sich, die Politiker, die Angestellten, alle denken nur: „ ich, ich, ich“ und lassen sich blenden von den kurzfristigen Vorteilen. Doch was ist später? Was ist, wenn sie alt und hilfsbedürftig werden? Was ist mit der nachkommenden Generation von jungen Menschen, die keine Bildung mehr bekommen, wer soll dieses Land in die Zukunft tragen? Klar, wer Geld hat, kann sich privat Bildung leisten, aber so wenige Kinder wie es in der Elite gibt, kann das wohl nicht die Antwort sein!? Die Renten werden auf Grund der Alterspyramide wegfallen, ich werde schon keine Rente mehr bekommen, darf aber jetzt noch einzahlen, obwohl es schon schwierig genug für mich war, überhaupt einen Einstieg in die Arbeitswelt zu bekommen. Staatliche Studienplätze gibt es auch immer weniger und zukünftig soll man dafür auch noch bezahlen.
Wie soll das funktionieren? Es ist alles zu kurzfristig gedacht, zu bruchstückhaft.
Mich reizt der Gedanke, aus dem System auszusteigen und kein Geld mehr einzuzahlen, um den Menschen, die das entschieden und hergeleitet haben, dann im Alter ins Gesicht zu lachen und zu sagen: „ So wie du mir so ich dir!“ Sie haben mich nicht unterstützt, also warum sollte ich sie unterstützen? Sie sind krank, alt, dachten, ich würde ihnen Rente bezahlen? Wieso sollte ich ihnen helfen? Ich habe jahrelang gekämpft, mich selbst ernährt, Kredite aufgenommen, die ich bis heute noch abbezahle und gleichzeitig in einen Rentenfond eingezahlt, aus dem ich nie einen Pfennig sehen werde. Was wollen sie von mir? Haben sie mich nicht schon genug ausgebeutet?
Jetzt liegen sie da in den Scherben des Systems, welches sie zerstört haben, ich hoffe, sie fühlen sich wohl und liegen gut! Ich halte mich an ihr Vorbild und kümmere mich um mich selbst!

Sie waren mir ein guter Lehrer!
betreibt ihren Gemischtwarenblog "Nadine in Berlin" seit über einem Jahr und schreibt über das Leben und das Universum und den Rest... tiefsinnig, sinnfrei, persönlich, lustig und kritisch.

Eulen nach Athen und Schokolade in die Schweiz tragen

Jens-Rainer Wiese
Kennen Sie den Ovomaltine-Riegel? Nur wer den ohne mit der Wimper zu zucken verspeist, sollte ein Gesuch auf Einbürgerung stellen dürfen!
In jungen Jahren besuchte ich zum ersten Mal die Schweiz und meinte, naiv und unerfahren, „Eulen nach Athen“ zu tragen sei was für Luschen, Schokolade aus Deutschland den Schweizern näher zu bringen, sei die wahre Herausforderung der modernen Zeit! Ich hatte zehn bunte Tafeln der Marke „Ritter-Sport“ gewählt, Sie wissen schon, diese quadratische, mit unterschiedlichen Füllungen. Rot war mit Marzipan, Grün mit Pfefferminz und Weiss, der absolute Gourmet-Traum, war mit Jogurtcreme gefüllt! Ich erlebte ein Fiasko. Die Schweizer mochten, wenn überhaupt nur Dunkelblau, das war die Nugat-Füllung.

Wenn Schokolade sportlich ist

Der schwäbische Schokoladenhersteller Alfred Ritter in Waldenbuch bei Stuttgart war übrigens eine dahinsiechende Schokoladenfabrik wie viele andere in Deutschland, bis man auf die geniale Idee kam, das Schokolade „quadratisch, praktisch, gut“ zu sein habe, damit das „Pralinentanten-Image“ abstreifte und sich der neuen Fitness-Generation öffnete. Sport-Schokolade wurde ein Verkaufsschlager.

Bruchstücke verschwinden leicht

Ich wohnte ein paar Jahre in der Nähe der Ritter-Schokoladenfabrik und kaufte beim Pförtner regelmässig Bruch. Den gab es nur von den gefüllten Sorten, weil die so extrem kompliziert herzustellen sind und dabei leicht zu Bruch gehen. Vollmilch geht hingegen nicht kaputt. Also ein Kilo Jogurt, Pfefferminz oder Marzipan für neun Mark, das war ein fairer Preis, da waren schnell ein paar Kilo beieinander. Und dann geschah regelmässig das grosse „Kühlschrankwunder“. Lagerte ich meine Bruchschokolade im gemeinschaftlich genutzten WG-Kühlschrank, hatte sie sich regelmässig nach max. 1-2 Tagen Aufenthaltsdauer von allein in Luft aufgelöst! Gleichzeitig war der sonstige Appetit meiner Mitbewohner merkwürdig reduziert. Da konnten noch so leckere Speisen am Abend auf den Tisch kommen, keiner hatte richtig Hunger.

Der Schokoladengeschmack der Schweizer ist anders, lernte ich später. Die stehen mehr auf Ragusa-Riegel und weniger auf Vollmilch.

Der Biss des Schweigens

Aber es gibt auch andere Extreme in der Schweiz. Ein für Deutsche absolut nicht nachvollziehbarer Genuss ist zum Beispiel der „Ovomaltine-Riegel“. Er besteht nachweisslich nur aus fest gepresstem Ovomaltine-Pulver. Ein Biss hinein, und du schweigst erst mal eine ganze Weile, weil Dir die Spucke zum Reden fehlt, so staubtrocken ist dieses Riegel. Beim Schweizer Militär ist er Teil der Feldnahrung, denn man kann ihn prima in heisser Milch anrühren. Aber essen? Geht das nicht gegen die Genfer Konventionen?

Der amerikanische Schokoladenhersteller Hershey lieferte der US-Army während des 1. Golfkriegs einen ganz ähnlichen Schokoriegel, genannt „Desert-Bar“, der auch bei 60 Grad Celsius noch nicht zu schmelzen begann. Die Begeisterung der Truppe über die 144.000 ausgelieferten Riegel hielt sich sehr in Grenzen. Von einer weiteren kommerziellen Produktion hat man Abstand genommen. Schade eigentlich. Vielleicht wäre das Ding ja in der Schweiz ein Mega-Erfolg geworden?
Der Autor lebt seit 5 Jahren als Deutscher mit seiner Familie in der Schweiz und berichtet auf seiner Blogwiese über eigene Erlebnisse bei den Schweizern, sowie über sprachliche Beobachtungen.

Ein Stück Weg

Missmary
Haben Sie schon einmal Menschen beobachtet? Im Zug, zwischen Wels und Linz vielleicht? Missmary tut das mit Vorliebe und überlegt sich zu ihren Mitreisenden gern kleine Geschichten.
Jetzt sahen sie ihn schon wieder so komisch an. Was dachten die sich eigentlich dabei? Früher, da hätte es so etwas nicht gegeben. Seine Mutter hatte ihn gelehrt, was sich gehörte und was nicht – und in Zügen unverhohlen auf fremde Menschen zu starren gehörte eindeutig zu zweiterer Gruppe von Verhaltensweisen. Nun, was kümmerte es ihn; man gewöhnte sich schließlich an alles. Trotzig streckte er dem Teenager, der ihm gegenüber saß, die Zunge heraus, so dass dieser schnell wegschaute, aus dem Fenster, in die oberösterreichische Steppe - als ob es da etwas zu sehen gegeben hätte.

Als er in Linz aus dem Zug stieg, spürte er instinktiv, dass es Probleme geben würde. Er konnte zwar noch nicht sagen, welcher Art diese sein würden; doch irgendjemand oder irgendetwas, dessen war er sich sicher, würde dem reibungslosen Ablauf des Umsteigens im Wege stehen.

Kaum hatte er den Bahnsteig betreten, schon schloss sich eine grobe Hand um sein rechtes Handgelenk. Er fuhr herum und sah sich einem Polizisten gegenüber – nun, Polizist war vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Der Uniformierte, der ihn umklammert hielt, war wohl eher ein Polizistchen. Er war klein, sehr sogar, blass und unscheinbar. Hätte er keine Uniform getragen, hätte man ihn glatt übersehen können. Der feste Griff wollte so gar nicht zur schmächtigen Erscheinung des Gesetzeshüters passen, sein verlegenes Lächeln noch weniger. Er lächelte zurück, was hätte er auch sonst tun sollen. Schließlich wollte er Harmlosigkeit vermitteln, und was konnte harmloser sein als ein Lächeln? Der Polizist schien etwas unsicher; sein Blick huschte – möglichst unauffällig, wie er hoffte – zur Gegend seines Gürtels, um sicherzugehen, dass das, was sich darunter abspielte, nicht sofort ersichtlich war.

„Was bringt sie nach Linz?“ (welch blöde Frage, setzte er in Gedanken hinzu, als ob er kein Polizist auf der Jagd nach kriminellen „Elementen“ (wie immer dachte er „Elemente“ in Anführungszeichen), sondern ein zufällig am Bahnsteig getroffener alter Bekannter wäre.) Gutaussehende Männer machten ihn immer nervös; dieser hier trug sogar die gleiche Markenjeans wie er, was ihn noch nervöser machte. Gemeinsamkeiten ließen ihn immer sofort auf eine mögliche Zukunft zu Zweit spekulieren; er ertappte sich meist an der Stelle, an der sie – er selbst und der schöne Unbekannte, nebeneinander auf dem schwarzen IKEA Sofa sitzend - zu ZIB 3 Spaghetti aus demselben Teller aßen. Auch jetzt wäre er, als er zu dieser Stelle seines altbekannten Tagtraumes kam, am liebsten sich selbst gegenüber im Boden versunken.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass sein Gegenüber noch immer nicht geantwortet hatte. Wahrscheinlich hatte er die Frage ebenfalls als äußerst unangemessen empfunden. Das war’s dann wohl gewesen, schließlich war allgemein bekannt, dass der erste Eindruck der wichtigste war. Er räusperte sich: „Wir wurden darauf hingewiesen, dass Sie bereits den ganzen Tag zwischen Wels und Linz pendeln“, sagte er fest und sah sein Gegenüber abwartend an. Dieser erwiderte jedoch nichts, sondern kratzte sich am Kinn und starrte in die Luft. Unwillkürlich folgte der Polizist seinem Blick, konnte aber nichts entdecken, das seine Aufmerksamkeit verdient hätte. „Und wir“, begann er wieder und ärgerte sich über das „wir“ im selben Moment, in dem er es aussprach, „sind auch davon unterrichtet worden, dass Sie sich… ähm… seltsam verhalten haben. In diesem Zug, meine ich – ich will Ihnen hier nichts unterstellen, keinesfalls, nein, ich erkenne einen rechtschaffenen Mann, wie Sie einer sind, schließlich schon von weitem. Als Polizist entwickelt man ein Gespür für solche Dinge, müssen Sie wissen. Aber, es ist, also es ist unsere Pflicht, Hinweisen aus der Bevölkerung nachzugehen. Wenn Sie mir also bitte einfach nur Ihren Namen verraten würden, und vielleicht noch einen Ausweis hätten… Ich bin sicher, wir haben schnell alle Missverständnisse aus der Welt geschafft und sie können Ihre Reise fortsetzen.“ Nach wie vor würdigte ihn der Mann keines Blickes; inzwischen hatte er begonnen, „Hang on Sloopy“ zu pfeifen. Er traf den Ton nicht ganz, aber es war unzweifelhaft „Hang on Sloopy“. „Mögen Sie die McCoys?“, fragte der Polizist, und als er selbst auf diese einfache Frage keine Antwort bekam, spürte er, wie sich ein dünner Film kalten Schweißes auf seinem Rücken bildete. Es war doch immer wieder dasselbe. Jeden Tag, gleich nach dem Aufstehen, stellte er sich, wie ihm sein Persönlichkeitstrainer geraten hatte, nackt vor den Badezimmerspiegel und sagte sich (wider besseren Wissens): „Ich bin.“ Er konnte fast psychisch spüren, wie er Zentimeter um Zentimeter kleiner wurde, als sein in den vergangenen Wochen mühevoll erarbeitetes Selbstbewusstsein in sich zusammenstürzte. Beim Versuch, das sperrige Funkgerät mit der linken Hand aus der rechten Hosentasche zu ziehen, während er mit der rechten immer noch das Handgelenk des Fremden umklammert hielt, ließ er es auf den Bahnsteig fallen. Die Batterie kollerte heraus und rollte über den leicht abschüssigen Bahnsteig, bis sie zwischen den Gitterstäben eines Kanaldeckels verschwand, wo sie wenige Sekunden später mit einem leisen „Tock“ am Boden aufschlug. Der Polizist richtete sich wieder auf und sah sich vorsichtig um. Wie hätte er sich gewünscht, von allen angestarrt zu werden! Stattdessen erntete er keine Beachtung, Menschen kamen und gingen, schleppten Reisetaschen über den Bahnsteig oder zerrten zeternde Kleinkinder hinter sich her. Von Zeit zu Zeit ging jemand sehr dicht an ihm vorbei, doch niemand schien Notiz zu nehmen. Wieder einmal begann der Polizist, ernsthaft an der eigenen Existenz zu zweifeln. Ganz plötzlich ließ er das Handgelenk los, als wäre es glühend heiß. „Nichts für ungut!“, flüsterte er und rannte mit großen Schritten in die Richtung, in der er den Dienstwagen abgestellt zu haben glaubte; inmitten des dichten Bahnhofsgedränges fühlte er sich sehr einsam.

Unser Mann? Der blieb am selben Fleck stehen, bis er das Lied fertiggepfiffen hatte; dann dreht er sich um und kaufte ein Ticket nach Wels.
fährt gern Zug und stattet die Menschen, denen sie begegnet, mit fiktiven Lebensgeschichten aus. Manchmal schreibt sie diese auf - ganz heimlich, still und leise in ihrem persönlichen Blog, oder heute zur Abwechslung einmal hier.

Das Spiel

lieblingsbank
Eine Reise an die Grenzlinie ist eine seltsame Sache. Sobald sie begonnen hat, kann sie auch schon wieder vorbei sein; sie ist kurz, schnell und intensiv, eine Karussellfahrt - du bist mein siebter Sinn ...
Ich gehe im Park spazieren und setzte mich auf eine Bank. Da sitzt sie plötzlich neben mir. Wir verstehen uns gut. Sehr gut sogar. Plötzlich bemerken wir, dass wir auf einem Karussell sitzen. Erstaunt, wer es wohl eingeschaltet hat, genießen wir die Fahrt. Es macht sehr viel Spaß. Es ist wie fliegen. Das Karussell wird schneller. Es macht noch mehr Spaß. Es drückt uns richtig eng zusammen. Das Karussell wird noch schneller. Jetzt wird’s etwas zu eng. Es wird noch schneller. Uns wird’s zu eng. Es grenzt an Schmerz. Noch schneller, es ist nicht mehr zum Aushalten. Schmerz ... es ist zu schnell. Wir werden beide herausgeschleudert. Ich lande wieder auf dem Weg im Park. Sie landet wieder auf einer Bank und es sitzt wieder ein Fremder neben ihr. Sie fährt wieder Karussell. Ich finde die Bank nicht mehr ...




Dieser Artikel ist bereits im Weblog des Autors erschienen.
Für mich ist es eine besondere Bank. Verbringe auf ihr täglich schon so manche Zeit, gute Zeit. Ich erzähl ihr viele Dinge. Bestimmt weiß sie auch was von dir! Es ist ein sehr schöner Ort, dort wo sie steht. Sie weiß viel von mir. Muss sie mal loben für das lange Zuhören. Vielleicht ist es gut so, dass sie nicht reden kann. Schlecht für mich, kann mich nicht mit ihr unterhalten. Aber dazu hab ich ja dich! Sie ist eben "nur" eine Bank, aber eine ganz besondere!

Wer anderen eine Grube gräbt...

Andreas Wenig
"Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" lautet eine bekannte Weisheit. Eine Geschichte vom Graben, im (sprich)wörtlichen Sinne, und davon, dass es wichtig ist, rechtzeitig damit aufzuhören.
Er gräbt und gräbt um endlich einen Raum zu schaffen in dem genug Platz für alle seine Träume ist. Grad hatte er das Gefühl der Platz könne reichen um jemanden hinein zu bitten. Gedacht getan und siehe da, der Raum war groß genug, nur leider hatte er nicht damit gerechnet, dass sie die kleine Luke ganz hinten in der Ecke öffnen würde. Alles was er in den letzten eineinhalb Jahren abgetragen hatte lagerte dort und sickerte nun unaufhaltsam in den Raum zurück. Die Enttäuschung, der Schreck und die Last erstickten alle Hoffnungen. Der Kummer war so groß, dass er erwachte. Dankbar für die Vorwarnung fing er an die Luke am Ende der Höhle sorgfältig abzudichten. Er wusste es würde ihn ein weiteres Jahr kosten, aber das sollte es ihm wert sein. Als das Jahr vergangen war träumte dem Maulwurf der Raum sei sicher genug und endlich lud er sie ein. Als sie aber in der Höhle ankam war er so nervös, dass er ohne es zu bemerken mit seinen großen Schaufeln an der abgesicherten Stelle einen kleinen Riss verursachte. Da wollte die Maulwurfdame unbedingt wissen was sich hinter der Mauer verbarg. In Panik geraten erwachte er und fing umgehend an ein schönes großes Fenster an der gesicherten Stelle einzubauen. Er wusste es würde viel Zeit brauchen um das Fenster dort zu platzieren, doch er wollte es so. Als das Fenster eingebaut war und alles in neuem Glanz erstrahlte beschloss er sofort loszuziehen und die Maulwurfdame seines Herzens zu sich einzuladen. Es dauerte nicht lange, da fand er sie. Sie sah seine kräftigen Schaufeln und seine vor Aufregung funkelnden Augen und war ganz entzückt aber er bekam kein Wort heraus. Ganz merkwürdig röchelte er vor ihr herum. Er hatte fast vier Jahre lang seine Stimmbänder nicht benutzt und nun bekam er keinen Ton heraus. Er sah wie sie enttäuscht von dannen zog und dachte still bei sich:
"Wer anderen eine Grube gräbt ..."



Dieser Artikel ist bereits im Weblog des Autors erschienen.
alias Dr. Wahllos hat 1992/93 nach langer Odyssee in Kiel zur Landung angesetzt. Östereich, Spanien, die USA, Chile, Frankreich und Italien waren Stationen seines Nomadenlebens. Ein leidenschaftliches aber planloses Studium neigt sich nun dem Ende zu. Gestreift wurden die Fächer Deutsch und Französisch. Zu einem offiziellen Abschluss wird es in den Fächern Kunst und Sport kommen. Ein Lehrerdasein mit künstlerischen Nebentätigkeiten soll die nächsten Jahre ausfüllen. Der "reh volutionäre" Dr. Wahllos hat im Oktober 2005 mit dem Schreiben angefangen und wird mit Freude dabei bleiben, siehe auch: http://rehvolution.twoday.net/.

Eyes On - Mc Donald's

Christine Schranz
Mc Donald’s soll ein neues Design bekommen: Die geplante architektonische Neuorientierung soll unter dem Motto hip und gemütlich – „wie ein iPod“ stehen. Ein nahe liegender Vergleich, Big Mac und mp3 Player haben schließlich von Haus aus sehr viel gemeinsam.
studiert zurzeit Anglistik in Wien und arbeitet an mindestenshaltbar; sie mag verrückte Ideen, interessante Menschen und das in Worte Verwandeln von Momentaufnahmen, die manchmal in ihrem Weblog That's Life zu finden sind.

Eyes On - die Frauentrag-WM

Christine Schranz
Anfang Juli war es wieder so weit: Die finnische Weltmeisterschaft im Frauen-Tragen wurde ausgetragen. Das berühmte Ereignis beruht auf der Tradition, dass es in dieser Gegend üblich war, Frauen aus der Nachbarschaft zu entführen. Der diesjährige Sieger heißt Margo Uusorg.
studiert zurzeit Anglistik in Wien und arbeitet an mindestenshaltbar; sie mag verrückte Ideen, interessante Menschen und das in Worte Verwandeln von Momentaufnahmen, die manchmal in ihrem Weblog That's Life zu finden sind.