beständigkeit und kunst – eine betrachtung aus dem hermetischen raum

von david ramirer
was hat ein ehemaliger bawag-generaldirektor mit einer großen menge an künstlern gemeinsam? richtig: nicht sehr viel – und doch gibt es einen schnittpunkt: das zugestehen von geld. 6,8 millionen euro sind recht viel geld für eine abfertigung. auf künstlerseite kann es andererseits dazu kommen, dass eine dose, gefüllt mit künstlerscheisse nach einigen jahren 30.000 euro am freien kunstmarkt einbringt. an diesem kleinen schnittpunkt zwischen den ansonsten sehr fremden professionen hängt sich eine große menge an proletarischer kunstkritik auf: wieso bekommt jemand für etwas geld, was ich auch kann? und noch dazu so viel geld.

erst neulich bekam ich auf einer party eine kunstdebatte über dieses thema unmittelbar mit: das alphamännchen in der debatte verteidigte seinen standpunkt u.a. mit den worten: „die kritzeleien vom arnulf rainer bringe ich auch zusammen“.
mich verwunderte diese argumentation ein wenig, da es arnulf rainer inzwischen bereits so gut wie in die österreichische „goldkiste“ geschafft hat.
die „goldkiste“ ist der ort, an dem alle kunst endet, vor allem in österreich. der weg ist immer der gleiche: zunächst wird die kunst gemacht und von kaum jemandem gemocht, verstanden oder gekauft. im laufe der zeit – und hier kommt die beständigkeit ins spiel – in der der künstler trotzdem seine bilder und projekte umsetzt und herzeigt, werden alle diese bastionen mehr oder weniger im sturm genommen. seine bilder werden zunächst einmal von manchen gemocht, schrittweise sogar zu verstehen gesucht, und durch fortgesetzte penetration des publikums und des marktes ergibt sich dann auch der marktwert, der jährlich steigt.
als höhe- und gleichzeitiger tiefpunkt einer karriere in österreich ist die „goldkiste“ anzusehen, in die es ein künstler in 99% der fälle erst nach seinem tode hineinschafft. ein beispiel: egon schiele. der mann ist zu lebzeiten wegen seiner zeichnungen im gefängnis gesessen. heute gehört er zu den wesentlichen zeugnissen unserer „großen österreichischen kultur“. er sitzt also in der goldkiste, als eine moderne form des strafvollzuges anzusehen.

arnulf rainer ist kurz davor, in diese kiste hineinzusteigen. im ausland ist er längst (verdient) weit über dem range schieles als zeichner eingeordnet. bei uns aber muss er bisweilen immer noch auf parties als ein beispiel für scharlatanerie herhalten.
irgendwie ist das aber ein zeichen dafür, dass seine kunst in österreich noch lebendige reaktionen hervorzurufen imstande ist. ganz zu ende ist es, wenn wer in der goldkiste drin ist: dann erübrigt sich nämlich in österreich jede diskussion über den künstler. aus dem hermetischen raum, den niemand betreten will wurde dann ein invers-hermetischer raum, den keiner betreten darf.

wenn mann oder frau in der goldkiste sitzt, dann ist jedes taschentuch wertvoll, auf das ein paar tintenkleckse gefallen sind, dann werden häferln mit dem wort „franzl“ im geburtshaus zum verkauf angeboten. man ist dann quasi mittels der beständigkeit „am ziel“ und angenommen von der österreichischen öffentlichkeit. man hat nicht viel davon – denn wenn man nicht ohnehin schon tot ist, stirbt man als künstler in dieser umarmung recht schnell, und die kunst gleich mit. denn so paradox es klingt: die ablehnung und die kritik des publikums fördert die beständige gegenarbeit und das hermetische wachstum der kunstpflanze. wo kritik aufbrandet, da ist etwas zu tun, da ist etwas zu verändern. im moment, wo alle besucher friedlich nickend alles annehmen, was da kommt, kann man die sachen zusammenpacken und heimgehen.

die umarmung des publikums in österreich ist tödlich. beständig.
was haben ehemalige bawag-generaldirektoren und manche künstler gemeinsam? beide schwimmen im geld. künstler allerdings bewohnen statt des penthouse doch eher eine art hermetische gefängniszelle, die sich bisweilen auch invertiert.
lebt seit 1970 in wien und malt, fotografiert und zeichnet. manchmal schreibt er auch. bisweilen ist er auch am klavier hörbar. als blogger tätig unter provok.antville.org und davidramirer.twoday.net. derzeit arbeitet er an einem umfangreichen collagenprojekt.
mindestens haltbar 06/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 11
ISSN 1816-8159
Autor: david ramirer
Titel: beständigkeit und kunst – eine betrachtung aus dem hermetischen raum
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