
The never ending Tour
von Modeste
18 sein. Nachts vor irgendwelchen Clubs sitzen, eine Bierflasche in der Hand, rauchen und auf jemanden warten, der vielleicht gar nicht kommt. Irgendeiner Band zuhören, die vielleicht mal berühmt wird, und vielleicht auch nicht, und an der Decke des Clubs hing der Schweiß der ganzen Nacht in dicken Tropfen. Man wusste, dass man sich geekelt hätte, wenn man nicht längst im Innern einer großen Seifenblase gesessen hätte, die pinkfarben, bunt schillernd und irisierend einige Zentimeter über dem Boden schwebte, und man selbst schwerelos mittendrin. Langsam wurde die Sonne heller als die Bogenlampen längs der Straße, und man ging mit irgendwem zu irgendwem anders, weiterfeiern, und dann war es Nachmittag oder wurde schon wieder dunkel. Dann ging man nach Haus.
„Da bist du ja wieder“, begrüßte mich mein Vater und schmierte mir dicke Scheiben Rosinenbrot mit Butter. Dann schälte er mir Äpfel, es gab Buttermilch, und mit angezogenen Füßen saß ich ihm gegenüber und ließ ein paar Satzbrocken fallen. Die letzte Nacht. Der Club. Wer mit wem gekommen und gegangen war, und was war oder hätte sein können.
„Früher war da auch ein Club“, erzählte mein Vater, und ganz in der Nähe, um die Ecke sozusagen, hätte sein kleiner Bruder ein Zimmer bei einer Witwe gehabt. Ab und zu besuchte er den Bruder, dann durfte er auf dem Sofa der Witwe schlafen. Auf dem Fensterbrett saß eine ausgestopfte Katze und sah ihn an. Abends waren beide ab und zu in dem Club, in dessen Räumen später mein Lieblingsclub aufmachen sollte, und ganz in der Nähe hatte mein Vater im Schlepptau seines Freundes H. das erste Mal Bob Dylan gehört, der in einem anderen Club spielte, den es auch nicht mehr gab.
Wahnsinnig jung war Bob Dylan damals, irrsinnig dünn, und Locken hatte er, die ganze Stadt damit einzuwickeln. Als er in die Mundharmonika blies, wurde die Freundin meines Vaters fast taub, aber mein Vater war hingerissen, denn Freiheit und Rebellion, und lauter schöne, wilde Träume standen auf der Bühne und sangen von Zeiten, die sich ändern.
Ab und zu wurde Bob Dylan ein bisschen sonderbar, dann verstand mein Vater Bob Dylan nicht, aber seine Alben kaufte er trotzdem. Auch die nächste Freundin meines Vaters mochte Bob Dylan nicht, und meine Mutter mochte ihn auch nicht, die mein Vater schließlich heiraten sollte, und so ging er weiter mit seinem Freund H. zu Bob Dylan oder mit seinem kleinen Bruder.
Das sei damals überhaupt alles anders gewesen, versuchte mir mein Vater zu erklären und schnitt mir eine Apfelkrone. Alle seine Freunde seien für oder gegen irgendwas gewesen und hätten nicht einfach nur so gefeiert wie wir. Sein Bruder zum Beispiel wurde Maoist, und sein Freund H. wollte so eine Art Anarchismus einführen. Als aber sein Bruder dann doch bei den GRÜNEN eintrat und Volvo fuhr, und sein Freund H. irgendwie Staatsanwalt wurde, ging mein Vater immer noch zu Bob Dylan, und als er schon Vater war, nahm er mich einmal testweise mit.
Alt und grau ist Bob Dylan inzwischen geworden und so eine Art Orakel dazu. Auch mein Vater ist ein bißchen grau, und hat sich alle Alben von Bob Dylan ein zweites Mal gekauft, auf CD nämlich, und hört die alten Langspielplatten nur noch sehr selten. In dem Club, in dem mein Vater das erste Mal Bob Dylan live hat spielen hören, ist heute aber ein Fitnesstudio, und auch der Club, in dem ich damals ständig war, vor zehn Jahren, ist längst verschwunden, und wenn ich heimkomme, schmiert nicht mehr mein Vater Brote und schält mir Obst.
Aber morgen nacht werde ich wieder ausgehen, mit einer Bierflasche in der Hand werde ich vor einem Club sitzen, und irgendeine Band spielt, die vielleicht einmal berühmt wird oder auch nicht. Wenn es hell wird, werde ich nach Hause gehen, und wenn Bob Dylan das nächste Mal in Deutschland spielt, dann kauft mein Vater eine Karte und geht hin.
„Da bist du ja wieder“, begrüßte mich mein Vater und schmierte mir dicke Scheiben Rosinenbrot mit Butter. Dann schälte er mir Äpfel, es gab Buttermilch, und mit angezogenen Füßen saß ich ihm gegenüber und ließ ein paar Satzbrocken fallen. Die letzte Nacht. Der Club. Wer mit wem gekommen und gegangen war, und was war oder hätte sein können.
„Früher war da auch ein Club“, erzählte mein Vater, und ganz in der Nähe, um die Ecke sozusagen, hätte sein kleiner Bruder ein Zimmer bei einer Witwe gehabt. Ab und zu besuchte er den Bruder, dann durfte er auf dem Sofa der Witwe schlafen. Auf dem Fensterbrett saß eine ausgestopfte Katze und sah ihn an. Abends waren beide ab und zu in dem Club, in dessen Räumen später mein Lieblingsclub aufmachen sollte, und ganz in der Nähe hatte mein Vater im Schlepptau seines Freundes H. das erste Mal Bob Dylan gehört, der in einem anderen Club spielte, den es auch nicht mehr gab.
Wahnsinnig jung war Bob Dylan damals, irrsinnig dünn, und Locken hatte er, die ganze Stadt damit einzuwickeln. Als er in die Mundharmonika blies, wurde die Freundin meines Vaters fast taub, aber mein Vater war hingerissen, denn Freiheit und Rebellion, und lauter schöne, wilde Träume standen auf der Bühne und sangen von Zeiten, die sich ändern.
Ab und zu wurde Bob Dylan ein bisschen sonderbar, dann verstand mein Vater Bob Dylan nicht, aber seine Alben kaufte er trotzdem. Auch die nächste Freundin meines Vaters mochte Bob Dylan nicht, und meine Mutter mochte ihn auch nicht, die mein Vater schließlich heiraten sollte, und so ging er weiter mit seinem Freund H. zu Bob Dylan oder mit seinem kleinen Bruder.
Das sei damals überhaupt alles anders gewesen, versuchte mir mein Vater zu erklären und schnitt mir eine Apfelkrone. Alle seine Freunde seien für oder gegen irgendwas gewesen und hätten nicht einfach nur so gefeiert wie wir. Sein Bruder zum Beispiel wurde Maoist, und sein Freund H. wollte so eine Art Anarchismus einführen. Als aber sein Bruder dann doch bei den GRÜNEN eintrat und Volvo fuhr, und sein Freund H. irgendwie Staatsanwalt wurde, ging mein Vater immer noch zu Bob Dylan, und als er schon Vater war, nahm er mich einmal testweise mit.
Alt und grau ist Bob Dylan inzwischen geworden und so eine Art Orakel dazu. Auch mein Vater ist ein bißchen grau, und hat sich alle Alben von Bob Dylan ein zweites Mal gekauft, auf CD nämlich, und hört die alten Langspielplatten nur noch sehr selten. In dem Club, in dem mein Vater das erste Mal Bob Dylan live hat spielen hören, ist heute aber ein Fitnesstudio, und auch der Club, in dem ich damals ständig war, vor zehn Jahren, ist längst verschwunden, und wenn ich heimkomme, schmiert nicht mehr mein Vater Brote und schält mir Obst.
Aber morgen nacht werde ich wieder ausgehen, mit einer Bierflasche in der Hand werde ich vor einem Club sitzen, und irgendeine Band spielt, die vielleicht einmal berühmt wird oder auch nicht. Wenn es hell wird, werde ich nach Hause gehen, und wenn Bob Dylan das nächste Mal in Deutschland spielt, dann kauft mein Vater eine Karte und geht hin.


Frau Fragmente
am 22. Jun, 16:17
Aber diesen Text, den mag ich sehr!
am 23. Jun, 11:05
Das kann ich so unterschreiben.