Vom permanenten Wechsel

von Torsten Müller
"Alles fließt, nichts bleibt" - sagt Heraklit, und er ist darin in den letzten fast 2500 Jahren vielfach bestätigt worden. Heute in unserer schnelllebigen (westlichen) Welt hätten wir noch sehr viel mehr Grund, dies anzunehmen - sie verändert sich schneller als die meisten Menschen es erfassen, geschweige denn begreifen und verstehen können. Sie produziert im Moment viel mehr Fragen als Antworten - das Ungewohnte ist das Normale.

Insofern scheint es merkwürdig, dass es vielen Menschen zu begreifen schwer fällt und selbst Staaten Mühe haben, sich darauf einzustellen, dass die einzige wirkliche Konstante (und Chance!) der permanente Wechsel und Umbruch ist. Viele Menschen neigen zur Gewöhnung und Verwurzelung. Es denkt und lebt und handelt sich wohl scheinbar leichter, wenn man Sachverhalte und Gegebenheiten feststellt und festnagelt und glaubt, sie dadurch beständig machen zu können. Man wirft gern einen Anker, hoffend, dass er irgendwo greift, bildet also Begriffe, Theorien, Modelle, entdeckt sogar Gesetzmäßigkeiten, lässt darüber abstimmen, schreibt Werte fest und Regeln, erklärt
Verbindlichkeiten, positioniert sich ... Solche Anker relativer Beständigkeit sind beispielsweise eine Vorstellung von Gott und (in der westlichen Welt) christliche Werte (für sehr einfache Menschlein
selbst der Papst), der Optimismus, Moral und Sitte, die Ehe, aber auch Dinge wie materieller Besitz, Luxus, Markenglaube, Demokratie- und Fortschrittsglaube, politische Überzeugungen, Nationalgefühl,
Tradition ... In all diesen Dingen ankert und ruht gelegentlich unser Bewusstsein in der Vorstellung, sie seien unter anderem beständig. Und je älter man wird, umso mehr Anker hat man geworfen, umso konservativer wird man also, mit umso geringerer Geschwindigkeit kann und will man am permanenten Wechsel teilnehmen und umso größer ist die Enttäuschung, wenn solch ein beständig geglaubter Wert sich in der Tat als unbeständig erweist, wenn er veraltet oder zerfällt.

Damit will ich nichts gegen die Erkenntnis und ihre Ergebnisse an sich gesagt haben, gegen Werte, Beurteilungen und Positionierungen, eine individuelle Weltsicht. Aber der schnelle Wechsel verlangt eben auch eine permanente, nie stillstehende Neubewertung, Neuorientierung und gegebenen Falls auch eine Kurskorrektur. Beständig werden heißt genau genommen sich wandeln, oder besser gesagt: sich entwickeln, jeden Tag, jede Stunde. Welche Auswirkungen es haben kann, wenn beispielsweise ein Staat mit der Geschwindigkeit des permanenten Wechsels nicht mehr mithalten kann, sieht man aktuell in Deutschland.

Man sollte tatsächlich Kindern in der Schule diese Grunderkenntnis vermitteln. Alles fließt, nichts bleibt.
Was Heraklit bereits vor 2500 Jahren erkannt hat, ist heute vielleicht wahrer als je zuvor: Alles fließt, das einzig Beständige ist der permanente Wechsel.
, Im-Tiefen-Schwimmer und erklärter Pessimist, versucht in "Wir Hyperboreer", einen eigenwilligen Blick auf die Welt hinter dem Alltäglichen zu werfen. Er besteht darauf, dass dies kein Blog ist, aber was es stattdessen ist, kann er auch nicht sagen.
mindestens haltbar 06/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 11
ISSN 1816-8159
Autor: Torsten Müller
Titel: Vom permanenten Wechsel
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