Nebenbei

von Morast
Das Jetzt ist nur ein Augenblick zwischen Gestern und Morgen, nur ein Sekundenbruchteil, der sich im nächsten Moment schon in die schier unendliche Reihe vergangener Gegenwarten eingliedert. Und doch häufen sich in unseren modernisierten Breiten die Versuche, das Jetzt zu behalten, es zu vergrößern, optimal zu nutzen, der Gegenwart Bestand zu geben. Nicht soll länger Vergangenheit und Zukunft den Großteil des Daseins ausfüllen. Nein, das Jetzt ist entscheidend. Lebe den Augenblick! Genieße den Moment!

Die Lösung liegt im "Nebenbei".

Im Zug von A nach B sitzend fällt es mir schwer, mich stundenlang nur dem Zugfahren hinzugeben. Ich zeichne nebenbei, schreibe nebenbei. Ich lese nebenbei. Oder lerne. Zusätzlich esse ich noch etwas. Und höre Musik. Oder telefoniere.

Die moderne Technik, die täglich größer werdende Masse universell einsetzbarer Lebenserleichterungsprodukte, macht es möglich: Mit Headset und portablen Winziggeräten bin ich nicht länger Zwei-Hand-Beschränkungen unterworfen, sondern kann das Jetzt mit zahllosen, nebenbei ausgeführten Tätigkeiten befüllen, die Gegenwart bis zum Zerreißen dehnen.
Aus meinen Kopfhörern dringen Nachrichten. Auf einem briefmarkengroßen Bildschirm flimmert mir ein Podcast entgegen, während ich nebenbei mit meinem Mobiltelefon Fotos schieße, den Tag plane, das Internet besuche, meinen Wecker stelle, Kurznachrichten schreibe, spiele oder per GPS meinen Standort bestimme. Und nebenbei male ich abstruse Kringel auf ein leeres Blatt, weil ich noch immer eine Hand freihabe.

Moderne Geräte sind Inkarnationen des Nebenbeis. Sie zerren das Jetzt, bis es knirscht. Und ich stehe lächelnd daneben und fülle die Speicherkarte mit Momentaufnahmen, die ich mir nie wieder anschauen werde.

Das Nebenbei wird zur Hauptsache, wenn Hauptsächlichkeiten nebenbei erledigt werden. Während ich mich rasiere, kann ich nebenbei mein Haar fönen, Blogs lesen und mir hin und wieder Teile meines Frühstücks ins Gesicht stopfen. Dass Musik im Hintergrund läuft, brauche ich nicht zu erwähnen.
FastFood und GetränkeToGo bilden Grundpfeiler der Nebenbei-Gesellschaft. Nebenbei noch eine Mahlzeit zu sich nehmen. Nebenbei noch einen dringend benötigten Kaffee trinken. Das Umhertragen bedruckter Pappbecher mit ehemals heißen Flüssiginhalten gehört inzwischen so sehr zum Stadtbild, dass noch nicht einmal Umweltschützer und Gesundheitsfanatiker sich beschwerend über den erhöhten Kaffeekonsum und die damit erhöhte Müllproduktion äußern.

Die Durchorganisation des täglichen Lebens gewinnt an Bedeutung. Hilfreiche Kalenderprogramme, die uns mit warnenden PopUps an tägliche Termine erinnern, bestücken Handys und Computer jeder Art. Die Kreation täglich zu aktualisierender To-Do-Listen wurde längst zur Normalität. Nie boten sich so viele Möglichkeiten, jede einzelne vorbeigleitende Sekunde zu strukturieren und zu planen.
Plötzlich sieht es so aus, als wäre es möglich, Unmengen von Zeit zu sparen und nebenbei noch Weihnachtsgeschenke oder Sättigungsmahlzeiten zu besorgen.

Das Hier und Jetzt bläht sich auf zu einem Ballon der Tätig- und Möglichkeiten. Plötzlich existiert eine Gegenwart, die mehr ist als nur ein winziger Augenblick. Was die Werbung in den letzten Jahren zum ultimativen Lebensmotto deklarierte, scheint zu funktionieren: Lebe den Moment.

Doch das ist kein "Leben". Wir füllen jeden Moment bis zum Erbrechen mit Sein, mit Tätig-Sein, mit unzähligen Nebenbeis, die uns das Gefühl schenken, etwas zu leisten. Wir zelebrieren das "Nebenbei" und vernachlässigen dabei die "Hauptsache".

Die Nichtigkeiten, die unser Dasein bestimmen, die jede Sekunde vollstopfen, sind ohne Bestand. Wann saß ich zum letzten Mal nur da und hörte Musik? Ohne jedes Nebenbei? Wann widmete ich mich zum letzten Mal einer einzigen Sache mit völliger Hingabe?
Ich werde mich in wenigen Tagen nicht mehr daran erinnern können, welchen Blog, welche Nachrichtenschlagzeile, ich heute las, welcher Musik ich im Zug lauschte, wann ich mich rasierte und ob ich gleichzeitig den Fön laufen ließ. Ich werde mich nicht an die zahllosen Nebenbeis erinnern können, mit denen ich jeden Augenblick meines Lebens vollständig ausstopfen wollte, an die unzähligen Kleinigkeiten, die mich beschäftigten.

Doch ich weiß, dass ich in naher Zukunft mich des heutigen Tages entsinnen werde, des Augenblicks, in dem ich alles Nebenbei hinter mir ließ und den Computer ausschaltete. Ich werde mich daran erinnern, wie die Augen schloss und einer einzigen Hauptsache frönte: warme Klänge, die aus den Lautsprechern wehten.
Um den Moment zu genießen, muss man ihn nur füllen, vollstopfen. Mittels moderner Technik kreieren wir zahllose Nebenbeis und verhelfen der flüchtigen Gegenwart zu längerem Bestehen.
veröffentlicht Gedanken und Geschichten in seinem Weblog und zeichnet außerdem einen Comic für jeden Tag.
mindestens haltbar 06/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 11
ISSN 1816-8159
Autor: Morast
Titel: Nebenbei
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am 21. Jun, 20:04

Wahre Worte, die ich so ohne weiteres unterschreiben würde.
Aber das ist wohl etwas, was man sich viel zu selten bewusst macht.


am 22. Jun, 12:21

ein guter gedanke. lebe im jetzt - das ist die hauptsache.


am 22. Jun, 16:26

Ich glaube durch diese vielen Nebenbeimöglichkeiten entstanden auch Syndrome wie ADS, wer ist es denn noch gewöhnt länger als 30 Sekunden eine Sache zu machen? Es ist echt schade, denn so kriegt man von Allen höchstens die Hälfte mit, was bei Musik besonders verschwenderisch ist... (gibt es was schöneres, ausser Liebe machen?)