
Mundus vult decipi
von KleinesF
Draußen – unten – Drumherum – taumelt die Welt in ihrem Tran durch das Sonnensystem, grölend wie ein Fußballstadion und taub für meine Bemühungen, den stetigen Wandel positiv zu beeinflussen. Denn, so sagte man mir, nur der Wandel sei beständig, und alles müsse besser werden. Derzeit kommt es mir allerdings vor, als wäre nur das Gefühl der Ohnmacht beständig. Und die Angst. Und alles geht den Bach runter.
Doch der Reihe nach.
Früher, Dreikäsehoch-im-Wunderland-Früher, da dachte ich noch, wir leben in einem schönen Land, Kühe weiden friedlich in eine Richtung, Demokratie macht alle gleich, und die Regierungsgeschäfte würden von alten, aber schlauen Menschen mit Bart geführt, die gleichsam wie der Weihnachtsmann einen Weg einschlagen, der uns alle zu Glück und Wohlstand führt. Wenn ein neues, besseres Gesetz gemacht werden sollte, dann würden sich ein paar Rechtsgelehrte und ein paar echt coole Fachleute hinsetzen und Regeln entwerfen, die letztlich allen nützen. Und ich glaubte, was in den Nachrichten kam. Was da nicht berichtet wurde, war nicht passiert.
Und wie läuft es wirklich? Ich saß vor kurzem in einer größeren Gesprächsrunde von Unternehmens- und Ministeriumsvertretern zur Reform und zur Erörterung bestimmter Regelungen eines Gesetzes. Rauch stand breit und schwer über den Köpfen. Plötzlich fuhr der Chefjurist eines großen Unternehmens den Referenten des zuständigen Ministeriums lautstark vor aller Augen und Ohren an, warum denn eine bestimmte Klausel noch im Gesetzentwurf stand, obwohl er doch ausdrücklich darum gebeten habe, diese zu entfernen.
Der Rauch war verweht, und meine Ohren zerbröselten wie Glas, denn Referenten des Ministeriums waren für mich bis dahin Respektspersonen, die man nicht öffentlich bloßstellt. Außerdem war die Klausel absolut ausgewogen und vorteilhaft, und hätte dem Endkunden, dem Bürger, wie es das europäische Recht vorschreibt, mehr Wettbewerb, effizientere Strukturen und niedrigere Preise beschert – worauf er nicht nur durch europäische Richtlinien, sondern im übrigen auch objektiv ein Recht hat, da die früher aufgebauten Strukturen, mit denen diese Unternehmen jetzt Geld verdienen, mit seinen Steuergeldern bezahlt worden waren. Ein gutes Gesetzesteil also, mittel- und langfristig auch für den Standort Deutschland.
Inzwischen, keine zwei Wochen später, stelle ich fest, dass die Vorschrift aus dem Gesetzentwurf, der in den Bundestag zur Abstimmung geht, verschwunden ist. Mitsamt einiger Verbraucherschutzregelungen, die die Unternehmen ebenfalls Geld gekostet und den Vertrieb behindert hätten. Ohne weitere Argumente. Purer Druck aus der Wirtschaft.
Einige große Konzerne nehmen sogar Einfluss auf die Gestaltung von Koalitionsverträgen, bringen teilweise in letzter Sekunde die von ihnen gewünschten Formulierungen unter. Wenn man den aktuellen einmal unter Berücksichtigung dieses Wissens durchliest, z. B. in den Kapiteln Energie, Verteidigung oder Telekommunikation, ahnt man dunkel, wo die Reise mit manchen Formulierungen hin gehen könnte.
Wenn Gesetze auf diese Weise entstehen, wundert es wohl keinen, wenn in manchem Erdbeerjoghurt keine Erdbeere drin ist, sondern aromatisierte, gefärbte Pflanzenreste. Oder dass Energie nicht billiger wird. Oder warum ganz Deutschland sich auf Tabletten verlässt. Demokratie also.
So in der Wahrnehmung für Zusammenhänge geschärft, erscheint die Tagesschau heute in anderem Licht. Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten von Freiheit spricht, bekomme ich Angst, dass der industriell-militärische Komplex dahinter stecken könnte. Denn zu viele Arbeitsplätze könnten möglicherweise an der Waffenindustrie hängen. Gleiches gilt für einen Hollywoodfilm, in dem aufrechte Soldaten oder Maschinengewehre Probleme lösen. Ich frage mich dann, wer hat diese Imagewerbung finanziert? Wenn nun Winterreifen Pflicht werden sollen, und die Tagesschau dazu Bilder von abrutschenden Lastern zeigt, dann denke ich, ein gelungener Coup von Reifenfirmen und Versicherern. Wenn die Nachrichten einen Bericht über das Leid in Afrika bringen, denke ich, für welche sozialen Kürzungen sollen wir nun wieder friedlicher gestimmt werden? Wenn ein rechtsradikaler Übergriff als Toppthema kommt, obwohl es jeden Tag seit Jahrzehnten schlimme Dutzende dieser Taten gibt, dann ist schon klar, wer vor die Kameras drängt, und wer da welches Süppchen kochen will. Wenn sich einer hinstellt und schreit, die Preise seien zu hoch, und er appelliere an die Konzerne, dann denke ich, was für ein Heuchler. Wenn allgemein von Reformen geredet wird, weiß sowieso schon jeder, es geht an die eigene Geldbörse. Die gleichen Mechanismen vermute ich überall, bei der Zwangssteuer GEZ, bei Genmais wie bei Robbie Williams oder Mutter Theresa. Hat der Vatikan Kondomfabriken? Wer hat Interesse daran, dass ich mich für Hitler schuldig fühlen soll? Ich könnte endlos mit Beispielen weitermachen, egal aus welchem Bereich.
Konzerne haben Interessen. Menschen haben Interessen. Die aus all diesem erwachsende Folgerung wäre, dass eben nicht der Wandel Bestand hat, sondern nur ein Prinzip, dem sich alles, jede Moral und jeder Kodex, unterzuordnen hat: Gier. Die Erkenntnis, dass letztlich jede öffentliche Äußerung sich auf das dahinter stehende Interesse, Geld, reduzieren lässt, kann desillusionierend und entmutigend sein. Sie kann einen bis ins Kleinste verfolgen. Das Wissen darum kann zu Ohnmachtgefühlen führen.
Die Frage, die sich mir zwangsläufig angesichts ganztägiger Verarschung durch die Informationsflut stellt, ist, wie kann ich das alles an mir abprallen lassen, mir meine Stärke bewahren, und trotzdem Spaß am Leben haben, wenn sich letztlich nichts Echtes, nichts Wahres, sondern nur echt hohle Hülsen finden lassen? Muss ich meinen Fernseher aus dem Fenster schmeißen und meinen Job kündigen? Muss ich Zyniker werden und alles lächerlich finden? Soll ich die geistig Armen besuchen, da nur sie wissen, wie man Seligkeit schreibt? Muss ich mich den ganzen Tag wehren, weil ich es nicht schaffe, zu verdrängen oder zu ignorieren? Don Quijote grüßt schon höflich.
Der Drang zum Geld, der Wille zur Macht, erwächst zumeist letztlich aus Angst. Angst treibt zum Handeln an. Und unsere, meine Angst wird mit verunsichernden Informationen ständig und überall geschürt. Angst aus anderer Perspektive ist aber auch sehr menschlich, und zeigt Schwäche. Menschliche Schwäche wiederum ist liebenswert. Vielleicht ist also die Lösung, das alles als menschlich und liebenswert zu betrachten, was ich so abstoßend finde. Einen freundlichen Blick drauf zu werfen. Oder es zumindest so sein zu lassen, wie es ist, ohne der Deutschen Krankheit, dem Jammern, zu verfallen. Ich möchte das für mich Echte und Wahre herausfiltern, Selbstbewusstsein ausbauen und Verantwortung übernehmen, damit ich etwas Verlässliches habe, und nicht – auch ein Deutscher Trend – Verantwortung auf die anderen, die Politiker, die Wirtschaft, die Gesellschaft schieben. Ich möchte das Mögliche erreichen und so Zufriedenheit entwickeln.
Vielleicht führen ja Angst und Gier vieler Menschen dazu, dass sie besonderes leisten und es allen dadurch letztlich besser geht. Vielleicht geht das System also gar nicht den Bach runter, sondern lief schon immer so, beständig. Es lief möglicherweise sogar nie besser.
Doch der Reihe nach.
Früher, Dreikäsehoch-im-Wunderland-Früher, da dachte ich noch, wir leben in einem schönen Land, Kühe weiden friedlich in eine Richtung, Demokratie macht alle gleich, und die Regierungsgeschäfte würden von alten, aber schlauen Menschen mit Bart geführt, die gleichsam wie der Weihnachtsmann einen Weg einschlagen, der uns alle zu Glück und Wohlstand führt. Wenn ein neues, besseres Gesetz gemacht werden sollte, dann würden sich ein paar Rechtsgelehrte und ein paar echt coole Fachleute hinsetzen und Regeln entwerfen, die letztlich allen nützen. Und ich glaubte, was in den Nachrichten kam. Was da nicht berichtet wurde, war nicht passiert.
Und wie läuft es wirklich? Ich saß vor kurzem in einer größeren Gesprächsrunde von Unternehmens- und Ministeriumsvertretern zur Reform und zur Erörterung bestimmter Regelungen eines Gesetzes. Rauch stand breit und schwer über den Köpfen. Plötzlich fuhr der Chefjurist eines großen Unternehmens den Referenten des zuständigen Ministeriums lautstark vor aller Augen und Ohren an, warum denn eine bestimmte Klausel noch im Gesetzentwurf stand, obwohl er doch ausdrücklich darum gebeten habe, diese zu entfernen.
Der Rauch war verweht, und meine Ohren zerbröselten wie Glas, denn Referenten des Ministeriums waren für mich bis dahin Respektspersonen, die man nicht öffentlich bloßstellt. Außerdem war die Klausel absolut ausgewogen und vorteilhaft, und hätte dem Endkunden, dem Bürger, wie es das europäische Recht vorschreibt, mehr Wettbewerb, effizientere Strukturen und niedrigere Preise beschert – worauf er nicht nur durch europäische Richtlinien, sondern im übrigen auch objektiv ein Recht hat, da die früher aufgebauten Strukturen, mit denen diese Unternehmen jetzt Geld verdienen, mit seinen Steuergeldern bezahlt worden waren. Ein gutes Gesetzesteil also, mittel- und langfristig auch für den Standort Deutschland.
Inzwischen, keine zwei Wochen später, stelle ich fest, dass die Vorschrift aus dem Gesetzentwurf, der in den Bundestag zur Abstimmung geht, verschwunden ist. Mitsamt einiger Verbraucherschutzregelungen, die die Unternehmen ebenfalls Geld gekostet und den Vertrieb behindert hätten. Ohne weitere Argumente. Purer Druck aus der Wirtschaft.
Einige große Konzerne nehmen sogar Einfluss auf die Gestaltung von Koalitionsverträgen, bringen teilweise in letzter Sekunde die von ihnen gewünschten Formulierungen unter. Wenn man den aktuellen einmal unter Berücksichtigung dieses Wissens durchliest, z. B. in den Kapiteln Energie, Verteidigung oder Telekommunikation, ahnt man dunkel, wo die Reise mit manchen Formulierungen hin gehen könnte.
Wenn Gesetze auf diese Weise entstehen, wundert es wohl keinen, wenn in manchem Erdbeerjoghurt keine Erdbeere drin ist, sondern aromatisierte, gefärbte Pflanzenreste. Oder dass Energie nicht billiger wird. Oder warum ganz Deutschland sich auf Tabletten verlässt. Demokratie also.
So in der Wahrnehmung für Zusammenhänge geschärft, erscheint die Tagesschau heute in anderem Licht. Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten von Freiheit spricht, bekomme ich Angst, dass der industriell-militärische Komplex dahinter stecken könnte. Denn zu viele Arbeitsplätze könnten möglicherweise an der Waffenindustrie hängen. Gleiches gilt für einen Hollywoodfilm, in dem aufrechte Soldaten oder Maschinengewehre Probleme lösen. Ich frage mich dann, wer hat diese Imagewerbung finanziert? Wenn nun Winterreifen Pflicht werden sollen, und die Tagesschau dazu Bilder von abrutschenden Lastern zeigt, dann denke ich, ein gelungener Coup von Reifenfirmen und Versicherern. Wenn die Nachrichten einen Bericht über das Leid in Afrika bringen, denke ich, für welche sozialen Kürzungen sollen wir nun wieder friedlicher gestimmt werden? Wenn ein rechtsradikaler Übergriff als Toppthema kommt, obwohl es jeden Tag seit Jahrzehnten schlimme Dutzende dieser Taten gibt, dann ist schon klar, wer vor die Kameras drängt, und wer da welches Süppchen kochen will. Wenn sich einer hinstellt und schreit, die Preise seien zu hoch, und er appelliere an die Konzerne, dann denke ich, was für ein Heuchler. Wenn allgemein von Reformen geredet wird, weiß sowieso schon jeder, es geht an die eigene Geldbörse. Die gleichen Mechanismen vermute ich überall, bei der Zwangssteuer GEZ, bei Genmais wie bei Robbie Williams oder Mutter Theresa. Hat der Vatikan Kondomfabriken? Wer hat Interesse daran, dass ich mich für Hitler schuldig fühlen soll? Ich könnte endlos mit Beispielen weitermachen, egal aus welchem Bereich.
Konzerne haben Interessen. Menschen haben Interessen. Die aus all diesem erwachsende Folgerung wäre, dass eben nicht der Wandel Bestand hat, sondern nur ein Prinzip, dem sich alles, jede Moral und jeder Kodex, unterzuordnen hat: Gier. Die Erkenntnis, dass letztlich jede öffentliche Äußerung sich auf das dahinter stehende Interesse, Geld, reduzieren lässt, kann desillusionierend und entmutigend sein. Sie kann einen bis ins Kleinste verfolgen. Das Wissen darum kann zu Ohnmachtgefühlen führen.
Die Frage, die sich mir zwangsläufig angesichts ganztägiger Verarschung durch die Informationsflut stellt, ist, wie kann ich das alles an mir abprallen lassen, mir meine Stärke bewahren, und trotzdem Spaß am Leben haben, wenn sich letztlich nichts Echtes, nichts Wahres, sondern nur echt hohle Hülsen finden lassen? Muss ich meinen Fernseher aus dem Fenster schmeißen und meinen Job kündigen? Muss ich Zyniker werden und alles lächerlich finden? Soll ich die geistig Armen besuchen, da nur sie wissen, wie man Seligkeit schreibt? Muss ich mich den ganzen Tag wehren, weil ich es nicht schaffe, zu verdrängen oder zu ignorieren? Don Quijote grüßt schon höflich.
Der Drang zum Geld, der Wille zur Macht, erwächst zumeist letztlich aus Angst. Angst treibt zum Handeln an. Und unsere, meine Angst wird mit verunsichernden Informationen ständig und überall geschürt. Angst aus anderer Perspektive ist aber auch sehr menschlich, und zeigt Schwäche. Menschliche Schwäche wiederum ist liebenswert. Vielleicht ist also die Lösung, das alles als menschlich und liebenswert zu betrachten, was ich so abstoßend finde. Einen freundlichen Blick drauf zu werfen. Oder es zumindest so sein zu lassen, wie es ist, ohne der Deutschen Krankheit, dem Jammern, zu verfallen. Ich möchte das für mich Echte und Wahre herausfiltern, Selbstbewusstsein ausbauen und Verantwortung übernehmen, damit ich etwas Verlässliches habe, und nicht – auch ein Deutscher Trend – Verantwortung auf die anderen, die Politiker, die Wirtschaft, die Gesellschaft schieben. Ich möchte das Mögliche erreichen und so Zufriedenheit entwickeln.
Vielleicht führen ja Angst und Gier vieler Menschen dazu, dass sie besonderes leisten und es allen dadurch letztlich besser geht. Vielleicht geht das System also gar nicht den Bach runter, sondern lief schon immer so, beständig. Es lief möglicherweise sogar nie besser.




MC Winkel
am 21. Jun, 21:58