
The times they are a-changin'
von Anke Gröner
Seit einer Woche grübele ich über dem Wort „beständig“, rolle es in meinem Kopf hin- und her und lande immer nur wieder bei: Das einzig Beständige ist die Unbeständigkeit.
Ich wollte früher Designerin werden, dann Bundeskanzlerin, dann Lehrerin, dann irgendwie gar nichts (no future), dann Ehefrau und Mutter, dann glücklicher Single (das muss doch gehen), und heute bin ich soweit zu sagen: Ich guck einfach mal, was kommt. Einzige Beständigkeit: Alles ändert sich. Na super. Bringt mich auch nicht weiter.
Genauso unbeständig: die Sicht auf die Beständigkeit anderer. Früher fand ich die Vorstellung grauenhaft, mit 18 schon zu wissen, was man in zehn Jahren so machen wird. Die Planungen meiner Mitschüler zu Abiturzeiten, an die ich mich lebhaft erinnere: „Ich werde Bankkauffrau, mit spätestens 25 hab ich zwei Kinder, und mit 30 muss das Haus fertig sein.“ Fand ich fürchterlich. Aber auf einmal, als ich selbst suchend durch die Zwanziger wuselte, habe ich mich manchmal nach dieser Gewissheit gesehnt, so mit sich und seinen Plänen im Reinen zu sein. Der Wunsch nach Beständigkeit war immer dann da, wenn mein Konto leer war und sofort wieder verschwunden, wenn ich meine Karriereplanung mal wieder innerhalb von fünf Minuten neu definiert hatte.
Bin ich die einzige, die so unbeständig ist? In ihren Wahrnehmungen, Vorstellungen, Plänen? Ich glaube nicht. Ich glaube, jeder Mensch ist unbeständig, und jedes Beharren auf einem festgelegten Status Quo eine ganz dumme Idee. Oder nicht? Wo wären wir heute, wenn wir uns vor ewig langer Zeit schon für eine Richtung entschieden hätten, in die die Menschheit wandern soll?
Wir hätten uns zum Beispiel vor 2.000 Jahren schon auf ein paar nette Grundformen des Zusammenlebens einigen können. Die zehn Gebote waren ein guter Anfang. Allein sich an das Gebot „Du sollst nicht töten“ zu halten, wäre eine prima Sache gewesen. Andere Ideen waren auch nicht so übel: Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung ... die Menschheit hat viele schöne Ansätze gehabt, und wenn wir in der Lage gewesen wären, beständig auf dem Guten aufzubauen, hätten wir heute vielleicht weniger Stress.
Andererseits: Sind diese Ideen nicht erst dadurch entstanden, dass es einen Wunsch nach Veränderung gab? Sollten die zehn Gebote nicht willkürliches Verhalten in sinnvolle Bahnen lenken? Sollte die Demokratie nicht weniger freie Staatsformen ablösen? Sollte die Gleichberechtigung nicht die Besserstellung von bisher benachteiligten Gruppen bewirken?
Ist das Festhalten an Althergebrachtem vielleicht das Dümmste, was wir tun können? Vielleicht hätten wir heute noch Sonnengötter und die Inquisition und „Zahnärzte“, die auf Jahrmärkten ohne Betäubung Backenzähne ziehen, und die Sklaverei und die feste Überzeugung, die Erde sei eine Scheibe. Ist vielleicht die Unfähigkeit zur, nein, die bewusste Entscheidung gegen die Beständigkeit das, was uns Menschen voranbringt?
Wenn ich meine gesunde Halbbildung und die quergelesenen Biografien in meinem Bücherregal heranziehe, glaube ich immer mehr daran, dass der Wunsch nach Veränderung eine viel größere Triebfeder für die menschliche Weiterentwicklung ist als der Wunsch, an etwas festzuhalten. Aber ist das für mich persönlich genauso erstrebenswert wie für meine sechs Milliarden Mitbürger? Hat mich meine eigene Unbeständigkeit vorangebracht?
Ich glaube, dass alles, was in meinem Leben passiert, einen Sinn hat. Und manches wäre nicht passiert, wenn ich nicht so unbeständig gewesen wäre. Ich wäre meinem heutigen Lebensgefährten nicht begegnet, wenn ich nicht aus meiner Heimatstadt weggezogen wäre. Ich hätte viele Menschen nicht kennengelernt, wenn ich nicht Kontakt zu anderen Menschen abgebrochen hätte. Ich hätte nicht meinen derzeitigen Beruf, wenn ich brav zu Ende studiert hätte. Ich würde anders wohnen, anders essen, andere Filme gucken, wenn ich mich nicht dauernd verändert hätte, seit ich halbwegs selbständig denken kann. Und ich bin inzwischen der Meinung, dass meine Unbeständigkeit das Beste ist, was mir passieren kann. Ich muss keine Angst mehr haben, vom Weg abzukommen, denn neben diesem einen Weg liegen viele weitere Wege, die auch zum Ziel führen. Und selbst das ändert sich dauernd. Ich finde Unbeständigkeit inzwischen sehr spannend.
Aber vielleicht ändert sich das morgen schon wieder.
Ich wollte früher Designerin werden, dann Bundeskanzlerin, dann Lehrerin, dann irgendwie gar nichts (no future), dann Ehefrau und Mutter, dann glücklicher Single (das muss doch gehen), und heute bin ich soweit zu sagen: Ich guck einfach mal, was kommt. Einzige Beständigkeit: Alles ändert sich. Na super. Bringt mich auch nicht weiter.
Genauso unbeständig: die Sicht auf die Beständigkeit anderer. Früher fand ich die Vorstellung grauenhaft, mit 18 schon zu wissen, was man in zehn Jahren so machen wird. Die Planungen meiner Mitschüler zu Abiturzeiten, an die ich mich lebhaft erinnere: „Ich werde Bankkauffrau, mit spätestens 25 hab ich zwei Kinder, und mit 30 muss das Haus fertig sein.“ Fand ich fürchterlich. Aber auf einmal, als ich selbst suchend durch die Zwanziger wuselte, habe ich mich manchmal nach dieser Gewissheit gesehnt, so mit sich und seinen Plänen im Reinen zu sein. Der Wunsch nach Beständigkeit war immer dann da, wenn mein Konto leer war und sofort wieder verschwunden, wenn ich meine Karriereplanung mal wieder innerhalb von fünf Minuten neu definiert hatte.
Bin ich die einzige, die so unbeständig ist? In ihren Wahrnehmungen, Vorstellungen, Plänen? Ich glaube nicht. Ich glaube, jeder Mensch ist unbeständig, und jedes Beharren auf einem festgelegten Status Quo eine ganz dumme Idee. Oder nicht? Wo wären wir heute, wenn wir uns vor ewig langer Zeit schon für eine Richtung entschieden hätten, in die die Menschheit wandern soll?
Wir hätten uns zum Beispiel vor 2.000 Jahren schon auf ein paar nette Grundformen des Zusammenlebens einigen können. Die zehn Gebote waren ein guter Anfang. Allein sich an das Gebot „Du sollst nicht töten“ zu halten, wäre eine prima Sache gewesen. Andere Ideen waren auch nicht so übel: Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung ... die Menschheit hat viele schöne Ansätze gehabt, und wenn wir in der Lage gewesen wären, beständig auf dem Guten aufzubauen, hätten wir heute vielleicht weniger Stress.
Andererseits: Sind diese Ideen nicht erst dadurch entstanden, dass es einen Wunsch nach Veränderung gab? Sollten die zehn Gebote nicht willkürliches Verhalten in sinnvolle Bahnen lenken? Sollte die Demokratie nicht weniger freie Staatsformen ablösen? Sollte die Gleichberechtigung nicht die Besserstellung von bisher benachteiligten Gruppen bewirken?
Ist das Festhalten an Althergebrachtem vielleicht das Dümmste, was wir tun können? Vielleicht hätten wir heute noch Sonnengötter und die Inquisition und „Zahnärzte“, die auf Jahrmärkten ohne Betäubung Backenzähne ziehen, und die Sklaverei und die feste Überzeugung, die Erde sei eine Scheibe. Ist vielleicht die Unfähigkeit zur, nein, die bewusste Entscheidung gegen die Beständigkeit das, was uns Menschen voranbringt?
Wenn ich meine gesunde Halbbildung und die quergelesenen Biografien in meinem Bücherregal heranziehe, glaube ich immer mehr daran, dass der Wunsch nach Veränderung eine viel größere Triebfeder für die menschliche Weiterentwicklung ist als der Wunsch, an etwas festzuhalten. Aber ist das für mich persönlich genauso erstrebenswert wie für meine sechs Milliarden Mitbürger? Hat mich meine eigene Unbeständigkeit vorangebracht?
Ich glaube, dass alles, was in meinem Leben passiert, einen Sinn hat. Und manches wäre nicht passiert, wenn ich nicht so unbeständig gewesen wäre. Ich wäre meinem heutigen Lebensgefährten nicht begegnet, wenn ich nicht aus meiner Heimatstadt weggezogen wäre. Ich hätte viele Menschen nicht kennengelernt, wenn ich nicht Kontakt zu anderen Menschen abgebrochen hätte. Ich hätte nicht meinen derzeitigen Beruf, wenn ich brav zu Ende studiert hätte. Ich würde anders wohnen, anders essen, andere Filme gucken, wenn ich mich nicht dauernd verändert hätte, seit ich halbwegs selbständig denken kann. Und ich bin inzwischen der Meinung, dass meine Unbeständigkeit das Beste ist, was mir passieren kann. Ich muss keine Angst mehr haben, vom Weg abzukommen, denn neben diesem einen Weg liegen viele weitere Wege, die auch zum Ziel führen. Und selbst das ändert sich dauernd. Ich finde Unbeständigkeit inzwischen sehr spannend.
Aber vielleicht ändert sich das morgen schon wieder.




Ebola
am 22. Jun, 19:17
Aber vielleicht die der Wunsch nach Veränderung gerade das einzig Beständige.
Der Sinn von dem Du erzählst relativiert sich. Denn auch wenn Du diese Dinge nicht getan hättest, wärst Du weiter als damals.
Du hast Recht. Man sollte vor Veränderungen keine Angst haben.