Definitionssache

von Arnd Fischer
Es war keine schlechte Idee von einigen amerikanischen Buchautoren, ihre Leser anlässlich der Fußball-WM mit einem "survival guide" für Deutschland auszustatten, in dem quasi überlebenswichtige Erkenntnisse referiert werden wie die, dass nicht alle Deutschen in der Lederhose durch die Straßen laufen und dass durchaus auch am Nachmittag Dinge im Fernsehen gezeigt werden könnten, bei denen der Durchschnittsamerikaner schameserrötet, wohingegen er sich wegen der jenseits des Atlantiks schon im Kinderprogramm laufenden Blut- und Gewaltorgien hierzulande bis nach 22 Uhr gedulden muss.

Aber was sie alle miteinander vergessen haben, die Herrschaften Deutschlandkenner, das sind ein paar Tipps zum Thema "Deutschland und die Zukunftstechnologien". Dabei wäre gerade dieses Thema wichtig gewesen bei Hinweisen zu einem Land, das von Technologie lebt, weil es über zu
konkurrenzfähigen Preisen verkäufliche Rohstoffe nicht verfügt.

Zum Beispiel Fernsehen, dafür müssen wir hier Gebühren bezahlen. Das versteht im Ausland kein Mensch. Da heißt es dann "Ja, für die Satellitenschüssel" oder "Ja, Kabelgebühren" oder "Ja, Pay-TV", und man müht sich ab, den Leuten klar zu machen, dass nichts von alledem zutrifft, sondern dass der pure Besitz eines Rundfunkempfängers ausreicht, um eine Gebührenpflicht von 17 Euro nulldrei im Monat auszulösen. Einfach so, weil man Rundfunk empfangen könnte. Das ist schon an Deutsche ausgesprochen schwierig zu vermitteln, was soll da erst ein Ausländer, der sich hier zu Gast bei Freunden aufhält, davon halten?

Noch schwieriger wird die Angelegenheit dann allerdings dadurch, dass der deutsche Gesetzgeber über das Konstrukt eines Rundfunkstaatsvertrages zwischen den Bundesländern (versuchen Sie das mal in Englisch rüberzubringen!) nunmehr nicht nur Radios und Fernseher mit Rundfunkgebühr belegt, sondern auch "neuartige Rundfunkempfangsgeräte" wie zum Beispiel Computer. Oder Mobiltelefone, wenn sie UMTS-fähig sind. Vielleicht reicht auch schon, dass sie GPRS-fähig sind, das ist noch nicht ganz raus.
Auf jeden Fall steht man vor dem Problem, erklären zu müssen, dass man in Deutschland durchaus einen Webserver zum Rundfunkempfänger deklarieren kann, ohne notwendigerweise einer amtsärztlichen Untersuchung zugeführt zu werden.

Nun bin ich kein Fürsprecher amerikanischer Fernsehverhältnisse, es ist auch in Ordnung, wenn man die Ausstrahlung von Nachrichten, Fernsehkrimis, Wagner-Opern und chinesischen Autorenfilmen mittels zentral erhobener Abgaben finanziert, aber statt dem Bürger hinterher zu spionieren, ob er nicht heimlich einen Server oder ein Telefon betreibt und so gebührenpflichtig sein könnte, wäre es womöglich ehrlicher - und praktischer - eine Mediengebühr von allen gleich mit der Steuer einzuziehen. Das würde nämlich den Kohl auch nicht mehr fett machen, weil sowieso schon - wieder ein Fakt, der unseren auswärtigen Freunden vorenthalten wird - 80 Prozent der Weltliteratur über Steuern in Deutsch erscheint.
Man würde erwarten, dass Konsens darüber besteht, was ein Computer oder ein Radio ist. Aber Erwartungen werden oft enttäuscht, und im Gegensatz zu dem, was man wollte, bekommt man manchmal etwas ganz anderes. Nicht immer ist es besser.
ist Mathematiker und kann deshalb nicht kopfrechnen. Er wohnt in Lübeck und bloggt seit reichlich einem Jahr hier über Politik, Privates und Projektalltag. Gegen Bezahlung löst er Probleme, Windows kostet allerdings extra.
mindestens haltbar 06/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 11
ISSN 1816-8159
Autor: Arnd Fischer
Titel: Definitionssache
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am 22. Jun, 09:23

Ganz recht, Herr Fischer. Ich habe heute auch schon einen hervorragenden Kommentar in einem populären Weblog gelesen, der die Unverfrorenheit der Grünen anprangert.

am 22. Jun, 10:03

Und das völlig zu Recht, wie ich finde. Aber Zufälle gibts...


am 22. Jun, 10:57

Schön das Bekenntnis zum gebührenfinanzierten Medienmachen. Ich halte es nach wie vor für einen großen Vorzug, dass wir uns das leisten. Und die Realität der Qualitäten in Rundfunk und Fersehen scheint das nachdrücklich zu bekräftigen. Um so ärgerlicher ist allerdings, dass das Prinzip der Werbefreiheit beständig aufgeweicht und zerbröselt wird; schließlich gibt es ja augenblicklich nicht einen einzigen FIFA WM 2006 Anpfiff ohne nachdrücklichen Hinweis auf die zu benutzende Telefonverbindung, die zu besuchende Fastfoodbude, die zu saufende Bier- bzw. alkoholfreie Erfrischungsgetränkesorte. Im Gegensatz dazu ist die Krämerei wegen empfangsfähigen Comouter Pippifax, finde ich. Meldet doch eh keiner an.