
Erst ausziehen, dann treu werden
von Arne Völker
Umgezogen bin ich oft in meinem Leben, seit ich meinen Aufenthaltsort selbst bestimme. Man könnte sogar sagen, ich sei sehr oft umgezogen. Nämlich aus Berlin nach München nach Berlin nach Köln nach Berlin nach Hamburg nach Berlin. Und zwischen München und Köln noch in Berlin von West nach Ost, und dabei vorher auch noch von Charlottenburg nach Neukölln.
Irgendwann bin ich nach Zürich gezogen. Das ist über sechs Jahre her, und ich lebe immer noch da. Warum bin ich gerade dieser Stadt treu geworden? Sicher nicht, weil in Zürich alles so teuer ist. Weil ich zum Preis zweier Berliner Kinokarten jetzt nur noch alleine ins Kino gehen könnte. Obwohl: Ich gehe ja trotzdem nicht alleine. Die andere Kinokarte kann ich von viel weniger Minuten Arbeit bezahlen, die ist nämlich auch teuer geworden.
Ich bin nicht treu geworden, weil ich es schon immer war. Etwa, weil ich nie woanders gewesen wäre als an dem Ort, wo ich geboren bin. Obwohl: In Zürich sind sehr viele Menschen nicht geboren. Und nicht alle, die aus einem Land stammen, leben auch in Zürich wieder am gleichen Ort. Sondern sie mischen sich. Das macht Zürich zu einem der angenehmsten Orte auf der Welt, um dort Ausländer zu sein. Ich bin nicht treu geworden, weil in Zürich alle meine Sprache sprechen. Aber alle hier verstehen meine Sprache. Während ich selber nur dann alles verstehe, wenn ich mich auf die Mundart der Menschen hier konzentriere. Sonst darf ich, wie bei einer Fremdsprache, einfach abschalten davon, zwangsläufig alles zu verstehen. Und genieße in Cafés einen sanften Teppich aus Stimmen, statt kein fremdes Gespräch überhören zu können.
Ich bin nicht treu geworden, weil Zürich so spektakulär wäre. Man kennt Zürich nicht weltweit als Vorposten der Freiheit. Man nennt Zürich nicht die Stadt der Liebe. Zürich ist auch nicht die Traumfabrik der Welt. In Zürich singt man nicht davon: “If you can make it there you’ll make it anywhere.” In Zürich macht man stattdessen einfach mal. Und hat bereits Erfolg, während man anderswo noch vom Durchbruch träumen müsste.
Ich bin nicht treu geworden, weil man in Zürich vor grossen Gefühlen platzt. Im Gegenteil: Der Zürcher singt nicht mal von ihnen. Das lässt er andere Schweizer machen, deren Mundart als wärmer und heimeliger gilt. Und doch kann jeder Zürcher mitsingen und -seufzen, wenn Plüsch auf Berndeutsch singt: “U i ha Heiweh nach de Bärge, nach em Schoggi und em Wy, nach de Wälder nach de Seeä u nach em Schnee...”, auch wenn der Text im Grunde voll gegen urbanes Leben ist. Aber gegen das sind die Zürcher im Grunde ja selber in ihrer Klein-Groß-Stadt, die so kaufkräftig ist, dass die internationale Leitkultur trotzdem auf Tournee vorbeikommt.
Wäre ich Mitte Zwanzig, würde ich vermutlich einen gewissen Hunger vermissen, diesen amerikanischen Traum davon, aus der Gosse in den Olymp aufzusteigen. Für das sind die Menschen hier zu satt. Ich inzwischen auch, mit Ende Dreissig, und vielleicht auch darum ganz gerne sesshaft. Wahrscheinlich habe ich auch deshalb keine Angst mehr davor, ein Kind in diese Welt zu setzen. Das hier vielleicht ja sogar tatsächlich so etwas wie Heimat bekommt.
PS: Berlin, sei mir nicht böse. Ich komm dich doch besuchen, so oft ich kann. Und trage ganz oft dein T-Shirt: i.ch-b.in/berlin.
Irgendwann bin ich nach Zürich gezogen. Das ist über sechs Jahre her, und ich lebe immer noch da. Warum bin ich gerade dieser Stadt treu geworden? Sicher nicht, weil in Zürich alles so teuer ist. Weil ich zum Preis zweier Berliner Kinokarten jetzt nur noch alleine ins Kino gehen könnte. Obwohl: Ich gehe ja trotzdem nicht alleine. Die andere Kinokarte kann ich von viel weniger Minuten Arbeit bezahlen, die ist nämlich auch teuer geworden.
Ich bin nicht treu geworden, weil ich es schon immer war. Etwa, weil ich nie woanders gewesen wäre als an dem Ort, wo ich geboren bin. Obwohl: In Zürich sind sehr viele Menschen nicht geboren. Und nicht alle, die aus einem Land stammen, leben auch in Zürich wieder am gleichen Ort. Sondern sie mischen sich. Das macht Zürich zu einem der angenehmsten Orte auf der Welt, um dort Ausländer zu sein. Ich bin nicht treu geworden, weil in Zürich alle meine Sprache sprechen. Aber alle hier verstehen meine Sprache. Während ich selber nur dann alles verstehe, wenn ich mich auf die Mundart der Menschen hier konzentriere. Sonst darf ich, wie bei einer Fremdsprache, einfach abschalten davon, zwangsläufig alles zu verstehen. Und genieße in Cafés einen sanften Teppich aus Stimmen, statt kein fremdes Gespräch überhören zu können.
Ich bin nicht treu geworden, weil Zürich so spektakulär wäre. Man kennt Zürich nicht weltweit als Vorposten der Freiheit. Man nennt Zürich nicht die Stadt der Liebe. Zürich ist auch nicht die Traumfabrik der Welt. In Zürich singt man nicht davon: “If you can make it there you’ll make it anywhere.” In Zürich macht man stattdessen einfach mal. Und hat bereits Erfolg, während man anderswo noch vom Durchbruch träumen müsste.
Ich bin nicht treu geworden, weil man in Zürich vor grossen Gefühlen platzt. Im Gegenteil: Der Zürcher singt nicht mal von ihnen. Das lässt er andere Schweizer machen, deren Mundart als wärmer und heimeliger gilt. Und doch kann jeder Zürcher mitsingen und -seufzen, wenn Plüsch auf Berndeutsch singt: “U i ha Heiweh nach de Bärge, nach em Schoggi und em Wy, nach de Wälder nach de Seeä u nach em Schnee...”, auch wenn der Text im Grunde voll gegen urbanes Leben ist. Aber gegen das sind die Zürcher im Grunde ja selber in ihrer Klein-Groß-Stadt, die so kaufkräftig ist, dass die internationale Leitkultur trotzdem auf Tournee vorbeikommt.
Wäre ich Mitte Zwanzig, würde ich vermutlich einen gewissen Hunger vermissen, diesen amerikanischen Traum davon, aus der Gosse in den Olymp aufzusteigen. Für das sind die Menschen hier zu satt. Ich inzwischen auch, mit Ende Dreissig, und vielleicht auch darum ganz gerne sesshaft. Wahrscheinlich habe ich auch deshalb keine Angst mehr davor, ein Kind in diese Welt zu setzen. Das hier vielleicht ja sogar tatsächlich so etwas wie Heimat bekommt.
PS: Berlin, sei mir nicht böse. Ich komm dich doch besuchen, so oft ich kann. Und trage ganz oft dein T-Shirt: i.ch-b.in/berlin.


rafael
am 27. Aug, 23:59
RW