
Das Gegenteil
Jeder, der schreibt, hat ein Buch oder einen Autor, der ihn zum Schreiben animiert hat. Plötzlich stellt man fest, dass sich ein völlig neuer Horizont eröffnet. Dass man all die Dinge, die man erlebt, plötzlich in eine Form bringen kann, dass man ein Ventil für die Sehnsüchte und Geheimnisse findet, die man sonst nur still mit sich herum trägt. Dummerweise trägt man aber dieses Bild des wortgewaltigen Idols mit sich rum, und im Gegensatz zu einem, der im Regal der Bibliothek einen halben Meter belegt, hat man selber allerhöchstens mal einen netten Aufsatz in der Schule geschrieben, der von der Deutschlehrerin mit einem lobenden „sehr schöne Sprache“ unterschrieben wurde. Ich war das komplette Gegenteil eines Autors. Ich konnte nichts, wusste nichts über Sprache, Stil oder Spannungsbogen. Das einzige was ich hatte, war der Wille, auch mal so ein Buch aus sich heraus brechen zu können, wie der verehrte Autor.
Im Grunde ist man leer und gleichzeitig voll. Man bemüht sich, etwas zu schreiben, eine Form zu finden, aber über all dem was man schreibt, schwebt die unantastbare Schreibe des Autors, der einen dazu gebracht hat, einen Stift in die Hand zu nehmen. Man ist Nichts, der andere ist Gott. Und weil es leichter ist zu kopieren, als eine eigene Form zu finden, wird der eigene Stil immer mehr eine Kopie des anderen. Aber selbst das wollte mir bei Henry Miller nicht gelingen. Mir fehlte einfach alles, aber vor allem seine Erfahrungen. Weder hatte ich Sex gehabt, noch hatte ich seinen kalten, beliebigen Sex. Ich hatte keine Arbeit, geschweige denn eine Arbeit kurz vor der Gosse und ich lebte obendrein auch noch in der warmen und weichen Welt des Großbürgertums meiner Eltern mit eigenem Zimmer und Fernseher. Ranzige Wohnungen mit Kakerlaken – Fehlanzeige. Kampf ums Geld – nie gehabt. Statt billiger Anzüge trug ich Armani Pullover. Ich war das komplette Gegenteil dessen, was Henry Miller war, aber das wollte ich nicht begreifen, denn ich dachte, dass man alles schreiben kann, wenn man nur will und sich in die Situation hinein versetzt.
Als Schriftsteller musste man in meiner Vorstellung alles sein können. Eine Frau, ein Kind, ein Tier, ein Vater, eine Mutter, ein alter Mann, ein Arbeiter, ein Millionär, ein Mörder und ein Arzt. Es gibt keine Grenzen, es gibt nichts, was man nicht sein könnte. Wie ein Schauspieler, der nur für sich spielt und sein Spiel in einem Text beschreibt. Man ist kein Gegenteil mehr, sondern hebt sich völlig auf, lebt die Rollen, die Leben, die man beschreiben will und glaubt ab einem bestimmten Zeitpunkt vielleicht selber, dass man das alles ist. Wenn sich die Welt des Schreibens auftut, ist das wie eine Offenbarung, als ob ein Vorhang, der einem bisher die Sicht versperrt hat, plötzlich weggerissen wird und sich vor den eigenen Augen ein unendlicher Horizont auftut, von dem man weiß, dass dessen Erkundung eine halbe Ewigkeit, vielleicht aber ein ganzes Leben in Anspruch nehmen wird.
Gleichzeitig änderte sich bei mir mit dieser vermeintlichen Erkenntnis etwas in meinem Leben. Ich sah nicht nur plötzlich, dass ich etwas anderes sein wollte, sondern dass etwas in mir wohnte, was die Freunde nicht hatten und auch nicht teilen konnten. Wenn ich darüber sprach, wie sich die Dinge und Sichtweisen plötzlich verändert hatten, stieß ich meist auf Unverständnis. Es war schwer zu erklären und noch schwerer war es, festzustellen, dass die Freunde einem nicht mehr folgen wollten und sich über das, was man für sich entdeckt hatte, auch lustig machen. Zum ersten Mal teilten sich das Leben und der gemeinsame Horizont, der bis dahin aus Albernheiten, Musik, ersten Übungen als Raucher in der halb zerfallenen, hölzernen Schutzhütte und anderem Spaß bestanden hatte. Während meine Freunde durchaus gewillt waren, diesen Zustand noch ein paar Jahre bei zu behalten, eventuell bereichert durch ein paar Mädels, erschien es mir, dass man die Dinge nun ERNSTER sehen müsse, weil ich dachte, dass ab sofort alles in meinem Leben aus der Sicht eines späteren Schriftstellers betrachtet werden müsse. Für Albernheiten war da kein Platz mehr, und ich musste schmerzlich lernen, dass eine einzige unterschiedliche Erfahrung dazu ausreicht, dass sich das Leben, was man kannte, in das komplette Gegenteil verändert. Die Freunde kamen seltener und wenn man sich traf, wurde meine gedankliche Schwermütigkeit mit einem Augenrollen kommentiert.
Wenn sich die Welt in das Gegenteil dessen verändert, was man vorher kannte, dann ist man hilflos. Hilfloser, als jemand der glaubte, die Welt plötzlich mit den Augen eines Schriftstellers sehen und erkennen zu können und der dann feststellen muss, dass man mit all diesen Erkenntnissen vor die Wand fährt, kann man selten sein. Wenn all die Erklärungsmodelle des verehrten Autors nicht mehr greifen, merkt man, wie sehr man einer idealisierten Vorstellung auf den Leim gegangen ist und wie sehr der oben genannte Spruch von Georg Christoph Lichtenberg stimmt. Kopieren ist schon schlimm, aber selbst wenn man versucht, das Gegenteil dessen zu sein, was andere sind, ist man nur die negative Kopie dessen, was man nicht sein wollte. In der Kunst ist diese Erkenntnis doppelt schlimm, denn die Erkenntnis impliziert die Frage, wie viel von einem selber eigentlich in seiner Arbeit steckt. Ist all das, was man tut, Ausdruck des eigenen Schaffens, oder ist es nur der Ausdruck der Ablehnung dessen, was man nie sein wollte?
Henry Miller ist nicht nur wegen seiner expliziten Beschreibungen über Sexualität berühmt geworden. Diese mochten damals eine Novum sein, ein Bruch mit allem, was einen Schriftsteller damals auszeichnete, aber heute wird auf manchem Privatsender nachmittags mehr Sex geboten, als in einem Buch von Miller. Er ist berühmt geworden, weil es ihm egal war, was andere Leute über ihn und seine Art zu schreiben dachten. Er ist berühmt geworden, weil er nicht das Gegenteil von etwas war, sondern weil er einfach das aufgeschrieben hatte, was ihn, und nur ihn bewegte. Er scherte sich einen Dreck darum, was andere Leute dachten, er wollte die Menschen mit der Nase in den Dreck stoßen, in dem er lebte.
Die Erfahrung, plötzlich anders zu denken, als die Menschen, mit denen ich bisher meine Gedanken teilte, war genauso einschneidend, wie der Moment, als ich Henry Miller entdeckte. Ich habe lange gebraucht, um festzustellen, dass die Kluft zwischen dem, was ich gerne schreiben wollte, zu dem, was ich schreiben konnte, was mich authentisch machte, so groß wie der Grand Canyon war. Ich war mit 15 kein Schriftsteller und ich war noch weit davon entfernt, einer zu sein. Ich weiß auch heute nicht, ob ich einer bin, auch wenn ich seitdem ein ganzes Stück klüger geworden bin und weiß, dass es einem nicht hilft, nur das Gegenteil von etwas zu sein, was man nicht sein will.




sandra
am 1. Jun, 15:21
Kopf hoch und weitermachen. Es ist in der Tat schwer, seinen eigenen Weg zu finden, ohne einfach nur das Gegenteil zu machen. Sei dies als Schriftsteller, Musiker oder einfach nur Individuum. Das Bewusstsein dessen ist meiner Meinung nach ein erster Schritt...!
am 1. Jun, 18:01
Hah, danke. Das was ich da aufgeschrieben habe, waren lose Gedanken, die in den Jahren, in denen ich mich mit dem Schreiben befasse, zu unterschiedlichen Zeiten gemacht habe. Das mit dem Schreiben klappt mittlerweile ganz gut :)