
Totes Leben, dreimal die Woche
von Rationalstürmer
Jemand hat mir gesagt, dass man die Toten nicht gleich beerdigen darf. Dass sie Zeit brauchen, ihre letzten Dinge zu erledigen. Dass die Gestorbenen früher auf den Bauernhöfen in Oberbayern drei Tage aufgebahrt wurden, weil die Leute das damals noch wussten. Es müssen wohl nicht unbedingt drei Tage sein, aber man soll ihnen ein bisschen Zeit geben.
Ich weiß nicht, ob der Mensch unter dem weißen Tuch, den ich letzte Woche gesehen habe, diese Zeit bekommen hat. Mitten im Park ist dieses Leben zu Ende gegangen. Ganz nah bei ein paar Bäumen, als hätte der Tod sich dahinter verborgen, seine Sense bereitgehalten und seine Schnitterarbeit einfach verrichtet, als dieser Mensch an ihm vorbeikam. Ich weiß auch nicht, ob dieses Leben einem Mann oder einer Frau gehört hat. Ich habe nur das Tuch gesehen und dass sich darunter ein Leib abgezeichnet hat. Gut fünfzig Meter vor dieser Stelle gabelt sich der Weg, den ich jetzt, nach diesem viel zu langen Winter, endlich wieder laufe. Ich bin einigermaßen eingerostet, und es ist ein bisschen zu viel an mir dran. Dagegen arbeite ich, dreimal die Woche, und immer laufe ich diesen Weg. Aber jetzt ist das nicht mehr meine kiesknirschende Auslaufstrecke, jetzt ist es der Weg, der mich zu einem toten Menschen geführt hat. Mit bis in die Schläfen pochendem Blut, schweißnass, Sauerstoff von Atemzug zu Atemzug in Kohlendioxid umwandelnd. Lebendig.
Dieses beendete Leben dort unter dem Tuch, das der Notarzt nicht mehr retten konnte, vor dem Polizisten jetzt radfahrende Kinder mit ausgestrecktem Arm beschützten, was wird es sich wohl gedacht haben im letzten Augenblick? Hat es überhaupt etwas gedacht? Hatte es noch die Zeit, sich diesen allerletzten Gedanken bewusst zu machen? Hat es sich an die Brust gefasst wie im Fernsehen, bevor es in sich zusammensackte, umfiel? War es noch einigermaßen jung wie ich, eines von vielen sich genussvoll quälenden Joggerleben? Gibt es jemand, der vergeblich gewartet hat an diesem Abend? Der geweint hat um diesen verlorenen Menschen, als ihm die Nachricht überbracht wurde?
Mitten im Leben, heißt es immer. Ja, mitten im Leben. Umgeben vom unverschämt völlernden Frühlingsgrün dieses Parks, so prall und verschwenderisch, dass man es beinahe Sünde nennen möchte. Im Lärm feierabendfußballspielender Angestellter. Vorbei, einfach so. Während vielleicht nur einen Steinwurf weiter zwei andere Leben einander unter den letzten Strahlen der Abendsonne geküsst haben und ich heftig schnaufend meine Schritte machte. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, einatmen, aus.
Zuhause unter der Dusche habe ich mich fest zusammengenommen und nur den Schweiß von mir herunter gewaschen. Ich blieb lange stehen und spürte dem Wasserstrahl nach, der viel zu heiß über meinen Kopf lief, dankbar dafür, den Schmerz fühlen zu dürfen und zu sehen, wie meine Haut sich rötete. Und dankbar dafür, dass ich davon erzählen konnte. Jemand hat mir außerdem gesagt, dass dieses tote Leben bestimmt noch da sei, auch bei mir, auch jetzt. Dass ich es nicht fortwaschen müsste. Etwas davon ist bei mir geblieben. Ich treffe es dreimal die Woche.
Ich weiß nicht, ob der Mensch unter dem weißen Tuch, den ich letzte Woche gesehen habe, diese Zeit bekommen hat. Mitten im Park ist dieses Leben zu Ende gegangen. Ganz nah bei ein paar Bäumen, als hätte der Tod sich dahinter verborgen, seine Sense bereitgehalten und seine Schnitterarbeit einfach verrichtet, als dieser Mensch an ihm vorbeikam. Ich weiß auch nicht, ob dieses Leben einem Mann oder einer Frau gehört hat. Ich habe nur das Tuch gesehen und dass sich darunter ein Leib abgezeichnet hat. Gut fünfzig Meter vor dieser Stelle gabelt sich der Weg, den ich jetzt, nach diesem viel zu langen Winter, endlich wieder laufe. Ich bin einigermaßen eingerostet, und es ist ein bisschen zu viel an mir dran. Dagegen arbeite ich, dreimal die Woche, und immer laufe ich diesen Weg. Aber jetzt ist das nicht mehr meine kiesknirschende Auslaufstrecke, jetzt ist es der Weg, der mich zu einem toten Menschen geführt hat. Mit bis in die Schläfen pochendem Blut, schweißnass, Sauerstoff von Atemzug zu Atemzug in Kohlendioxid umwandelnd. Lebendig.
Dieses beendete Leben dort unter dem Tuch, das der Notarzt nicht mehr retten konnte, vor dem Polizisten jetzt radfahrende Kinder mit ausgestrecktem Arm beschützten, was wird es sich wohl gedacht haben im letzten Augenblick? Hat es überhaupt etwas gedacht? Hatte es noch die Zeit, sich diesen allerletzten Gedanken bewusst zu machen? Hat es sich an die Brust gefasst wie im Fernsehen, bevor es in sich zusammensackte, umfiel? War es noch einigermaßen jung wie ich, eines von vielen sich genussvoll quälenden Joggerleben? Gibt es jemand, der vergeblich gewartet hat an diesem Abend? Der geweint hat um diesen verlorenen Menschen, als ihm die Nachricht überbracht wurde?
Mitten im Leben, heißt es immer. Ja, mitten im Leben. Umgeben vom unverschämt völlernden Frühlingsgrün dieses Parks, so prall und verschwenderisch, dass man es beinahe Sünde nennen möchte. Im Lärm feierabendfußballspielender Angestellter. Vorbei, einfach so. Während vielleicht nur einen Steinwurf weiter zwei andere Leben einander unter den letzten Strahlen der Abendsonne geküsst haben und ich heftig schnaufend meine Schritte machte. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, einatmen, aus.
Zuhause unter der Dusche habe ich mich fest zusammengenommen und nur den Schweiß von mir herunter gewaschen. Ich blieb lange stehen und spürte dem Wasserstrahl nach, der viel zu heiß über meinen Kopf lief, dankbar dafür, den Schmerz fühlen zu dürfen und zu sehen, wie meine Haut sich rötete. Und dankbar dafür, dass ich davon erzählen konnte. Jemand hat mir außerdem gesagt, dass dieses tote Leben bestimmt noch da sei, auch bei mir, auch jetzt. Dass ich es nicht fortwaschen müsste. Etwas davon ist bei mir geblieben. Ich treffe es dreimal die Woche.




Burnster
am 1. Jun, 15:23
Allerdings gibt es in diesem Fall ja einen begründeten Anlass dazu.
Und so oder so: Super Text. Und notieren, bitte:
Wenn man nicht am Leben wäre, wäre der Tod nur halb so interessant.
Sankt Burnster, der (Unaus-)Gewogene.
am 1. Jun, 19:37
Da sag ich nur: Ein stolzer Schütz in seinen schönsten Jahren / Er wurde weggeputzt von dieser Erd." Als Wilderer bleibt mir ja praktisch gar nix anderes übrig. Merci fia de Bleame aufs Grab.
am 20. Jun, 09:09
Abseits dieser schönen Geschichte:
Aus meiner Sicht ist diese Zeit für die Lebenden wichtig. Auch wenn das heute nahezu in Vergessenheit geraten ist. Wenn Sie mal einen Tag bei einem toten Verwandten gesessen und beobachtet haben, wie sich dieser über Stunden von einem scheinbar Schlafenden in einen offensichtlich Toten verwandelt, wissen Sie das.