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Das eine Mal

von Casino
Wir hatten einen langen Tanz davor, und ich war richtig schnell dabei, obwohl die Zeiten etwas hart waren. Die Uhrzeiten, meine Tage in der Druckerei begannen immer im Morgengrauen, er war immer da, immer schon vorher, meine ich, mit riesigen schweren Tüten von Reichelt kommend, baumgroß und stark, während ich Kisten um Kisten voller großer Briefumschläge auf die langen Kantinentische stapeln musste. Mein Knastjob dort war das Etikettieren und Eintüten von über 10.000 frisch gedruckten DED-Briefen, viermal im Jahr, pauschal mit 1000 DM bezahlt. Gut bezahlt, das einzige Staatsgehalt meiner Laufbahn.

Dieser Mann war ein Koch, er trug die ersten kleinkarierten Kochhosen, die ich je aus der Nähe gesehen habe, er hatte langes schwarzes Haar, das schon ganz leicht auf dem Rückzug war und seine Stimme war sehr bauchlastig morgens: Na, n Kaffee? Nicaragua Kaffee, und den trinken die da immer noch, sehr schwarz und schneller im Blut als gut ist. Der Laden wurde schnell voll vormittags, Drucker, die Sachbearbeiter, der Fahrer, die ich alle schon seit Jahren kannte, die sich alle noch viel länger kannten, vertraut und sehr, sehr lustig beinander. Ich arme Studentin saß da und etikettierte mit einem Affenzahn und wartete dabei auf diese Blicke aus der Küchenecke, kugelrunde klare Blicke. Gegen 10 Uhr vormittags, nach dem Frühstück, wenn die Kantine wieder leer war, holte er meistens seinen Tabak raus und bot mir nur mit seinen Augenbrauen eine an. Hey, Schwarzer Krauser war das. Der Mann sprach schnell und fluchte viel, wenn ihm was nicht passte: Dio cane. Es gab ziemlich viel zu tun, zwischen Kartoffeln schälen und Stapel so gut sortieren, dass man sie nach dem Eintüten noch sortiert zur Infopost transportieren konnte, beider Arbeit also Handarbeit, Bewegung, Körper, mit langen Armen und traumwandlerisch sicheren Händen. Im Kopf kommt man da von Höckchen zu Stöckchen, und natürlich würde ich wie immer wieder verschwinden und er bleiben, und wir sprangen wild durch unsere Leben, diese Gespräche, in denen noch was anderes ans Licht will, das dann beim Lachen freikommt, bei irgendeinem Kartoffelschälwitzchen. Das blaue tiefe Vorher.

Gnagnagna. Und so weiter. Es ist eine alte Geschichte, eine wahre schöne kleine Geschichte über die Anziehung zwischen Gegensätzen, die dann manchmal auf das allerschönste ineinanderfallen, aber noch beim Schreiben habe ich bemerkt: Es ist nicht die Anziehung, die diese Geschichten so gern gelesen macht, es ist die Ausnahme, das rare Gelingen einer Begegnung dieser Art. Wir wissen ja, für was der viele Platz zwischen dem Einen und dem Anderen eigentlich gut sein könnte: Phantasie, Neugier oder Angst, also die Gefühle mit dem größtem natürlichen Raumbedarf. Aber es ist natürlich nichts davon da, in Wirklichkeit, in der Großstadt, nur so eine totalitäre Form von Ahnungslosigkeit. Wie lebt der Gegenentwurf zu meinem Leben, sagen wir mal: Der Mann?, die kinderlose Karrierefrau, gerne auch der Betriebsberater, Bauarbeiter, Makler, Pfarrer, also die richtig fremden Existenzen. Ich könnte mein Leben damit zubringen, von einer Kitabekanntschaft zur nächsten zu wechseln, du kannst die Kinder mitbringen, oder mich immer mit derselben Theaterfreundin durch die Kantinen zu futtern, ein echter Kontakt über soziale, berufliche und finanzielle Grenzen hinweg ist nicht machbar, weil es gar keinen Rahmen dafür gibt jenseits von Studijobs und vielleicht Fortbildungsmaßnahmen des Arbeitsamtes. Oder atemberaubenden Zufällen, die sich dann aber aus richtigen Augenblicken, richtigen Sätzen und einem metaphysischen good-hair-day zusammensetzen müssen. Wie neulich,da war dann der Herr Schmüdt in der VW-Werkstatt, der mir für nix die Lampen anmachte. Für Geschichten von diesen anderen Lebensarten immer wieder zu empfehlen: Frau Goettle, neulich von praschl wiedergelesen.
Das eigene Leben ist nur eines unter vielen möglichen. Viel interessanter, als sich immer nur darauf zu konzentrieren, ist der Blick über den Tellerrand auf die vielen anderen Existenzen – Menschen, die völlig anders sind, aber doch immer wieder unsere Wege kreuzen.
Das Hotel Mama liegt in vorzüglicher Lage oben auf dem Prenzlauer Berg, hat
eine rund-um-die-Uhr-Service und beherrscht den Umgang mit Meutereien,
kaputten Socken und Tiefkühlerbsen gleichermaßen gut.
mindestens haltbar 05/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 10
ISSN 1816-8159
Autor: Casino
Titel: Das eine Mal
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