
Kirchenchor statt Rockkonzert
von Katharina „Lyssa“ Borchert
Als meine Eltern die ersten Austauschschüler zu uns nach Haus einluden, war ich zwölf und sofort beeindruckt von ihren Geschichten aus der großen weiten Welt. Und von den lustigen Doktorhüten, die zurückgekehrte deutsche Schüler von ihrem Schulabschluss in den USA mitbrachten. Das wollte ich auch, komme was wolle. Mit 15 bewarb ich mich für ein Austauschjahr und verliebte mich parallel in einen amerikanischen Austauschstudenten vietnamesischer Abstammung, der aus Seattle kam und dort in einer Band spielte. Ein echter Vorläufer der wenige Jahre darauf mit Vehemenz auch nach Europa überschwappenden Grunge-Bewegung.
Mein Musiker trug natürlich maßgeblich dazu bei, mein Amerika-Bild zu prägen. Während mein Lateinlehrer vor seiner zehnten Klasse „gaudeamus igitur“ rezitierte oder uns die Weihnachtsgeschichte auf Latein auswendig lernen ließ, träumte ich von langen Nächten in siffigen Clubs, vom Nebel der Atlantikküste, Ausflügen nach Kanada, Festivals in San Francisco und hitzigen Diskussionen über Gott und die Welt in kleinen Coffee Shops. Ich hätte nie erwartet, in meinem Austauschjahr vor allem über Gott und nur sehr selten über die Welt zu diskutieren und San Francisco erst gegen Ende meines Aufenthaltes zu besuchen.
Der wohl aufregendste Moment vor Antritt des Austauschs ist der, an dem man endlich die Unterlagen mit den Informationen zu seinen Gasteltern und seinem künftigen Aufenthaltsort in der Hand hält. Ich war nur kurz enttäuscht, als auf dem Formular „Kansas“ und nicht irgendein Küstenstaat stand. Bestimmt hatte auch Kansas viel zu bieten. Außerdem erwiesen sich meine Gasteltern als ungewöhnlich jung. Mein Gastvater war damals 24, meine Gastmutter gerade 22 und sie hatten eine 3jährige Tochter. Ich war knapp 16 und hatte sehr coole Cousinen im Alter meiner künftigen „Eltern“, mit denen man viel Spaß haben konnte. Meine Zukunft erschien mir rosig. Dass die beiden Jungeltern das genaue Gegenteil von gelassen, interessiert und spaßorientiert sein würden und ziemlich harte Zeiten auf mich warteten, konnte ich nicht ahnen.
Doch schon kurz nach meiner Ankunft stießen meine wolkigen Träume recht unsanft mit der Realität zusammen. Natürlich waren die Gasteltern zunächst sehr nett, aber ich fand schnell heraus, dass sie konservativer und spießiger waren als alles, was ich bis dahin kennengelernt hatte. Meine eigenen, gut doppelt so alten Eltern waren wilde Hippies im Vergleich mit den junge Amerikanern. Rockmusik war streng verboten (goodbye clubs), ebenso nicht-christliches Fernsehen (goodbye MTV) oder Kino (goodbye Hollywood) oder selbst unbegleitetes Ausgehen (goodbye social life). Erlaubt waren Kirchgänge mehrmals in der Woche, Ausflüge mit kirchlichen Jugendgruppen, Erbauungsfernsehen und natürlich der Besuch einer sehr streng baptistischen Privatschule, auf der mich die Gasteltern angemeldet hatten. Goodbye Miniröcke, welcome hochgeschlossene Blusen. Und das nach 16 Jahren antiautoritärer Erziehung. Außerdem musste ich bald feststellen, dass meine Gastfamilie gar kein Interesse an einer Austauschschülerin hatte, sondern viel eher ein Au-pair-Mädchen gebraucht hätte. Bereits nach vier Wochen oblag mir der größte Teil der Haushaltsführung. Nach der Schule ging ich mit der kleinen Tochter zwei Stunden in den Park, erledigte dann die Einkäufe, den Abwasch und machte die Wäsche. Die Leistungen meiner Gastmutter beschränkten sich auf die Beschaffung von Fast Food oder das gelegentliche Erwärmen von Heinz-Dosensuppen. Nach acht Wochen kommunizierte sie fast nur noch schriftlich mit mir, indem sie mir Montags einen Zettel mit meinen Aufgaben an den Kühlschrank heftete und darauf im Laufe der Woche zusätzlich meine Unzulänglichkeiten notierte (der zweite Teil war regelmäßig noch länger als der erste). Mein Gastvater arbeitete nachts als Sanitäter und hielt sich wohlweislich aus dem heraufziehenden Zickengewitter heraus.
Warum ich das überhaupt so lange mitgemacht habe, kann ich rückblickend auch nicht mehr genau sagen. Ich war eben noch sehr jung, zu jung für diese Art von zwischenmenschlichem Terror. Außerdem waren die Menschen in der Kirche und der kleinen Schule wirklich sehr nett, nahmen mich mit offenen Armen auf und ich war als einziger „legal alien“ viel schneller integriert als ich das von den Schülern an großen staatlichen Schulen gehört hatte. Ich wollte also niemanden enttäuschen und es möglichst allen recht machen, was sich als ebenso noble wie dämliche Geste entpuppen sollte. Denn ich tauge genausowenig zur demütigen Märtyrerin wie meine Tyrannin zur Gastmutter.
Der Showdown war unvermeidlich, fiel aber erschreckend kurz aus. Als ich drei Tage vor Weihnachten von der Schule in das gar nicht heimatliche Ersatzzuhause zurückkehrte, ließ sich die Haustür nur schwer öffnen, weil diverse Gepäckstücke den Weg versperrten. Meine Gepäckstücke. Liebevoll von der Gastmutter gepackt, die mir kurz mitteilte, man gedenke Weihnachten lieber ohne ausländische Störenfriede zu verbringen, man habe daher vorsorglich beim Packen behilflich sein wollen und sei auch gern bereit, mich irgendwo hinzufahren. Wohin genau sei ihnen egal.
Mit leichter Panik in der Stimme rief ich die zuständige Betreuerin der Austauschorganisation an und war kurz erleichtert, als ich ihre fröhliche Stimme am Telefon hörte. Doch was sie sagte, trug nicht eben zu meiner Festtagsstimmung bei: „Kathy, darling, ich fliege jetzt gleich in den Skiurlaub nach Colorado. Das Taxi steht quasi schon vor der Tür. Das mit der Familie ist natürlich tragisch, aber ich kann auch erst helfen, wenn ich wieder da bin. Anfang Januar also.“ Dann flötete sie noch kurz „happy holidays“ und legte auf. Und nun? Eine frühzeitige Rückkehr nach Deutschland schien mir ebenso unvorstellbar wie Heiligabend im Obdachlosenheim. Alles etwas viel für eine 16jährige, selbst für eine recht unerschrockene, und nun so absolut das Gegenteil von dem, was ich mir unter „meinem“ Weihnachten in den USA vorgestellt hatte.
Mein Musiker trug natürlich maßgeblich dazu bei, mein Amerika-Bild zu prägen. Während mein Lateinlehrer vor seiner zehnten Klasse „gaudeamus igitur“ rezitierte oder uns die Weihnachtsgeschichte auf Latein auswendig lernen ließ, träumte ich von langen Nächten in siffigen Clubs, vom Nebel der Atlantikküste, Ausflügen nach Kanada, Festivals in San Francisco und hitzigen Diskussionen über Gott und die Welt in kleinen Coffee Shops. Ich hätte nie erwartet, in meinem Austauschjahr vor allem über Gott und nur sehr selten über die Welt zu diskutieren und San Francisco erst gegen Ende meines Aufenthaltes zu besuchen.
Der wohl aufregendste Moment vor Antritt des Austauschs ist der, an dem man endlich die Unterlagen mit den Informationen zu seinen Gasteltern und seinem künftigen Aufenthaltsort in der Hand hält. Ich war nur kurz enttäuscht, als auf dem Formular „Kansas“ und nicht irgendein Küstenstaat stand. Bestimmt hatte auch Kansas viel zu bieten. Außerdem erwiesen sich meine Gasteltern als ungewöhnlich jung. Mein Gastvater war damals 24, meine Gastmutter gerade 22 und sie hatten eine 3jährige Tochter. Ich war knapp 16 und hatte sehr coole Cousinen im Alter meiner künftigen „Eltern“, mit denen man viel Spaß haben konnte. Meine Zukunft erschien mir rosig. Dass die beiden Jungeltern das genaue Gegenteil von gelassen, interessiert und spaßorientiert sein würden und ziemlich harte Zeiten auf mich warteten, konnte ich nicht ahnen.
Doch schon kurz nach meiner Ankunft stießen meine wolkigen Träume recht unsanft mit der Realität zusammen. Natürlich waren die Gasteltern zunächst sehr nett, aber ich fand schnell heraus, dass sie konservativer und spießiger waren als alles, was ich bis dahin kennengelernt hatte. Meine eigenen, gut doppelt so alten Eltern waren wilde Hippies im Vergleich mit den junge Amerikanern. Rockmusik war streng verboten (goodbye clubs), ebenso nicht-christliches Fernsehen (goodbye MTV) oder Kino (goodbye Hollywood) oder selbst unbegleitetes Ausgehen (goodbye social life). Erlaubt waren Kirchgänge mehrmals in der Woche, Ausflüge mit kirchlichen Jugendgruppen, Erbauungsfernsehen und natürlich der Besuch einer sehr streng baptistischen Privatschule, auf der mich die Gasteltern angemeldet hatten. Goodbye Miniröcke, welcome hochgeschlossene Blusen. Und das nach 16 Jahren antiautoritärer Erziehung. Außerdem musste ich bald feststellen, dass meine Gastfamilie gar kein Interesse an einer Austauschschülerin hatte, sondern viel eher ein Au-pair-Mädchen gebraucht hätte. Bereits nach vier Wochen oblag mir der größte Teil der Haushaltsführung. Nach der Schule ging ich mit der kleinen Tochter zwei Stunden in den Park, erledigte dann die Einkäufe, den Abwasch und machte die Wäsche. Die Leistungen meiner Gastmutter beschränkten sich auf die Beschaffung von Fast Food oder das gelegentliche Erwärmen von Heinz-Dosensuppen. Nach acht Wochen kommunizierte sie fast nur noch schriftlich mit mir, indem sie mir Montags einen Zettel mit meinen Aufgaben an den Kühlschrank heftete und darauf im Laufe der Woche zusätzlich meine Unzulänglichkeiten notierte (der zweite Teil war regelmäßig noch länger als der erste). Mein Gastvater arbeitete nachts als Sanitäter und hielt sich wohlweislich aus dem heraufziehenden Zickengewitter heraus.
Warum ich das überhaupt so lange mitgemacht habe, kann ich rückblickend auch nicht mehr genau sagen. Ich war eben noch sehr jung, zu jung für diese Art von zwischenmenschlichem Terror. Außerdem waren die Menschen in der Kirche und der kleinen Schule wirklich sehr nett, nahmen mich mit offenen Armen auf und ich war als einziger „legal alien“ viel schneller integriert als ich das von den Schülern an großen staatlichen Schulen gehört hatte. Ich wollte also niemanden enttäuschen und es möglichst allen recht machen, was sich als ebenso noble wie dämliche Geste entpuppen sollte. Denn ich tauge genausowenig zur demütigen Märtyrerin wie meine Tyrannin zur Gastmutter.
Der Showdown war unvermeidlich, fiel aber erschreckend kurz aus. Als ich drei Tage vor Weihnachten von der Schule in das gar nicht heimatliche Ersatzzuhause zurückkehrte, ließ sich die Haustür nur schwer öffnen, weil diverse Gepäckstücke den Weg versperrten. Meine Gepäckstücke. Liebevoll von der Gastmutter gepackt, die mir kurz mitteilte, man gedenke Weihnachten lieber ohne ausländische Störenfriede zu verbringen, man habe daher vorsorglich beim Packen behilflich sein wollen und sei auch gern bereit, mich irgendwo hinzufahren. Wohin genau sei ihnen egal.
Mit leichter Panik in der Stimme rief ich die zuständige Betreuerin der Austauschorganisation an und war kurz erleichtert, als ich ihre fröhliche Stimme am Telefon hörte. Doch was sie sagte, trug nicht eben zu meiner Festtagsstimmung bei: „Kathy, darling, ich fliege jetzt gleich in den Skiurlaub nach Colorado. Das Taxi steht quasi schon vor der Tür. Das mit der Familie ist natürlich tragisch, aber ich kann auch erst helfen, wenn ich wieder da bin. Anfang Januar also.“ Dann flötete sie noch kurz „happy holidays“ und legte auf. Und nun? Eine frühzeitige Rückkehr nach Deutschland schien mir ebenso unvorstellbar wie Heiligabend im Obdachlosenheim. Alles etwas viel für eine 16jährige, selbst für eine recht unerschrockene, und nun so absolut das Gegenteil von dem, was ich mir unter „meinem“ Weihnachten in den USA vorgestellt hatte.


Eay
am 9. Jun, 13:03