
Lachgesicht
von Titania Carthaga
"Ich muss los", sagst du, in der Tür stehend. Kommst auf mich zu, küsst mich. Einmal, zweimal. Viele Male. Der Duft des Aftershaves nun an meinen Wangen. Er wird mich in diesen Tag begleiten, unterdessen du im Auto sitzen wirst auf dem Weg zu Terminen. "Stop, warte!", rufe ich, als ich deine Schritte treppab höre, "der Finger!" Du lachst, die Stufen wieder heraufsteigend. "Hast du einen Stift? Schnell." Du suchst die Jackettinnentasche ab, freudigblitzend lächelnd. Die Mine des Kugelschreibers versagt beim ersten Versuch, beim zweiten, dritten aber malt er auf der Haut deiner Fingerkuppe das Lachgesicht nach, das fast schon gänzlich verlöscht ist, abgewaschen vom Wasser, von Seifen. Du wolltest es unbedingt behalten, es auf keinen Fall abwaschen, damit du in öden Terminen sitzend darauf blicken kannst, vor dich hin lächelnd - völlig egal, ob dich jemand so sieht - und vielleicht genau das provozierend: dass jemand bei sich denken mag, was grinst der denn so blöde. "Meine Haut ist so dünn geworden, seit ich dich kenne" sagst du mir. Und erklärst mir, wie sehr schön doch die Verschiebung der Perspektive sei, in vermeintlich hochwichtigen Terminen zu sitzen und dabei an ganz anderes zu denken, weil der Blick auf das Lachgesicht fällt und alles andere relativiert.
Dieser Artikel ist bereits im Weblog der Autorsin erschienen.
Dieser Artikel ist bereits im Weblog der Autorsin erschienen.


Morast
am 8. Jun, 15:40
am 9. Jun, 09:33
Dank Dir. Es freut mich, wenn die Geschichte Dir gefallen hat. (Und jede Geschichte hat bekanntlich Vorlagen ;o) )