Stinkende Brühe und große Gefühle

von Julia „Emma“ Schröder
Das mit der Sicherheit ist heute ein ganz großes Ding. Lethargisch erstarren wir in der Vergangenheit und verkleben mit der Gegenwart, um ja nicht mit dem Gesicht voran in die Zukunft zu fallen. Aufschieben, verschieben, abwarten – am liebsten würden wir eine Sicherheitskopie unseres Ist-Zustandes ziehen, auch wenn der noch so durchschnittlich ist. Hauptsache, es geht nichts schief. Ein Plädoyer für mehr Löwenherz, Entscheidungswillen und Mut zu tiefen Tälern.

Verdammter Mist. Ich habe es doch gewusst. Klebrig tropft die braune zähe Masse am Rand des Küchentisches auf den Holzfußboden und frisst sich in die unversiegelten Fasern. Pudding aus einem großen Topf in eine kleine Schüssel umzufüllen geht fast immer daneben. Noch in der Sekunde, in der ich den Topf hochnehme, pest ein Gedanke mit 200 Sachen durch mein Hirn: „Das kann nicht gut gehen.“ In der nächsten Sekunde klatschen die ersten braunen Kleckse neben die Schüssel. Von 70 Versuchen gelingen zehn, 60 gehen daneben. Mal ist der Pudding ein Vorsatz, ein Versprechen, ein steiler Abhang beim Skifahren und oft ein Verlieben. Die Vergangenheit müsste lehren, die Zukunft warnen, doch die Chance auf einen positiven Ausgang verlockt mich immer wieder – es könnte auch gut gehen. Und für die 70 Vorfreuden und das Hochgefühl der zehn gelungenen Versuche nehme ich die 60 Bruchlandungen gern in Kauf. Idiotisch oder optimistisch?

Ich küsse ihn einfach. Er zuckt zurück und guckt mich an, wie eine Brieftaube ein Postpaket: „Das sollten wir besser lassen", murmelt er. Könnte jetzt bitte ein Baukran auf mich fallen? Dann würde er in einer Woche an meinem Grab stehen und bereuen, was er mir gerade antut. Mit hochrotem Kopf wende ich mich ab, flüstere „Entschuldige, ich dachte, ich hatte gehofft ...“. Im selben Moment schwöre ich mir, dass ich das nie wieder mache, niemals. Im nächsten Moment weiß ich, dass es notwendig war, um mir die zähen Monate und am Ende das niederschmetternde Kompliment, ein echt guter Kumpel zu sein, zu ersparen. Ich fühle mich, als hätte jemand mit einem Atlas auf mein Herz eingedroschen, und doch weiß ich schon jetzt: Ich würde es wieder tun. Wer Gefühle auf Sparflamme hält, weil er sich gestern die Finger verbrannt hat, nimmt sein Glück nicht in die Hand – und das ist nichts für mich.

Zu oft habe ich gezögert, der Vergangenheit nachgetrauert, Versprechungen gemacht und auf die Zukunft verwiesen. Und dann ist der Pudding vergossen, sind Menschen gestorben, Kinder in Brunnen gefallen und Hoffnungen begraben. Entscheidungen provozieren Fehler, doch das ständige Vermeiden von Fehlern fühlt sich für mich taub an, nach emotionalem Stillstand. Und der lässt ein Plätschern zu, aber niemals hohe Wellen schlagen. Wer ständig im Slalom um die Entscheidungshütchen herumläuft, rennt irgendwann gegen einen Pfeiler, weil er ständig auf den Boden statt nach vorne guckt.
Mit vielen Entscheidungen wate ich bis zum Hals durch eine stinkende Brühe voll Enttäuschung und Schmerz. Nach ein paar Metern fange ich an zu schwimmen, ziehe mich an Land und beginne von neuem. Klar ist das anstrengend. Und doch besser, als mir selber ständig einzureden, dass eigentlich alles prima ist, um Entscheidungen aufzuschieben und nicht die Dinge zu tun, die eigentlich wichtig sind. Denn es sind die Momente, in denen man sich aus Faulheit, Feigheit oder einfach Angst vormacht: „Nein, ich bin nicht verliebt in dich.“ „Nee, das macht mir wirklich nichts aus.“ „Doch doch, unsere Beziehung ist eigentlich – toll.“ „Na ja, eigentlich ist mein Job gar nicht so schlecht.“ „Klar komme ich dich mal besuchen, wenn du wegziehst.“ Oder: „Stimmt, das müssen wir unbedingt mal machen.“

Und dann ist es zu spät. Dann ist die Chance vorbeigelaufen, dann hat sich der andere leise verabschiedet, geht in eine andere Stadt, eine andere Freundschaft oder ins Jenseits. Und der Moment ist verstrichen, in dem man sein Leben hätte ändern können, in dem man jemandem hätte nah sein können. Der Moment, in dem man hätte platzen können vor Glück. Für diese Gefühlsjubelei nehme ich den Fall in die stinkende Brühe der Niederlage in Kauf. Auch wenn nur fünf von 70 Versuchen gelingen sollten.
„Jetzt nur keinen Fehler begehen“ – wer so lebt, macht die größten, verpasst das Beste und paddelt im lähmenden Brei des ewigen Mittelmaßes.
(31), verdankt ihren Rufnamen TV-Granate Emma Peel, die sie mit fünf Jahren zu ihrem Vorbild ernannte. Würde die Hamburgerin mit holländischem Einschlag nicht als Redakteurin arbeiten, hörte man sie Nacht für Nacht auf verrauchten Barbühnen Jazz singen. In ihrem Blog Dagteller schreibt sie über Nichtigkeiten und Wichtigkeiten.
mindestens haltbar 05/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 09
ISSN 1816-8159
Autor: Julia „Emma“ Schröder
Titel: Stinkende Brühe und große Gefühle
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am 12. Mai, 16:16

Ich denke, das ist das schönste und wahrste und passenste, was ich in letzter Zeit las.


am 15. Mai, 12:49

wunderbar, einfach wunderbar!


am 15. Mai, 21:44

Ja, verdammt nochmal! Ja! Und wenn nur einer von 70 Versuchen gelingen sollte. Ich unterschreib das mit meinem Blut.


am 16. Mai, 00:21

Du hast natürlich völlig Recht. Doch es braucht ein gewaltiges Selbstvertrauen, nach dem 57. vergeblichen Versuch noch den 58. zu wagen. Vielleicht sollte Klinsis Truppe diesen Text lesen, dann könnte sie auch Weltmeister werden.


am 16. Mai, 00:52

Emotionale Intelligenz ist wunderbar. Danke, daß ich das wieder mal lesen durfte. Mir wären persönlich die fünf Versuche zu wenig ;-).

J.

btw: van Veen würde Dich auch entzücken!


am 16. Mai, 12:32

Wahr gesprochen, doch ich habe schon längst damit gebrochen. Das Problem ist nur, man muss Chancen auch erkennen, bevor man sie ergreifen kann.
Aber eins kann ich versichern: Manchmal ist das Gras tatsächlich grüner auf der anderen Seite des Zaunes.


am 16. Mai, 13:18

Nur so kann man wirklich leben. Alles andere ist bloßes existieren. Fast jeder Zaun ist zu schaffen, man muß nur hin und wieder den Rucksack voraus werfen.


am 16. Mai, 14:24

Beatmaster, sanbra - herzlichen Dank!!

Rationalstürmer - das nenne ich Einsatz! Schön, das zu lesen.

Matt - ein Versuch wäre es vielleicht wert, wer hat Klinsis Mailadresse??

Joshuatree - ich habe zu danken. Ich befürchte, von van Veen kenne ich bisher nur den Namen, das lässt sich aber ändern.

cabman - auch das stimmt. Und doch muss man sich manchmal „nur" einen Schubs geben und das Wasser aus den Augen wischen, um den Fuß auf die andere Zaunseite zu setzen.

Opa - ein wunderbares Bild mit dem Rucksack, ganz genau so.


am 19. Mai, 19:29

Danke für den klaren Artikel. Mehr von Dir!


am 28. Mai, 21:54

Liebe Julia,
vielen Dank für diesen tollen Artikel :)


am 18. Jan, 20:28

Einfach super geschrieben, woher holst Du nur immer diese passenden Vergleiche.