
Fast fünf
von Ole Cordsen
Nur blasses Licht durchdringt die kleinen Fenster, die sich hoch an der Seitenwand befinden. Ein schräger Strahl, in dem Staubflocken tanzen, erhellt dezent den Würfel voller Nichts. Vier kahle Wände, beige, aus Sandsteinbrocken vor hunderten von Jahren zusammengefügt, umwölben unbeirrlich diese Kammer. Ein Nussbaumsekretär, ein Stuhl, ein Feldbett. Kein Bild, kein Ausblick, karge Einsamkeit. Über der Eichentür ein goldnes Kreuz. Hierhin hat sich Eugène zurückgezogen. Fernab von allem, seit dem, was geschah. Er sitzt, den Kopf gesenkt, den Rücken krumm, das Kinn nur schwach gestützt von den Handflächen. Fünf Monate, doch immer noch die Bilder. Die ewig gleiche, bittere Wiederkehr. Verwaschnes wie an einer Kinderschürze, Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht.
Im Jetzt passiert nichts außer stummem Sitzen, dem tumben Schleichen rundherum im Kreis. Die Zukunft hat sich vorerst krank gemeldet - sie atmet flach, die Knie so weich wie Pudding, kaum Kraft, den Blick nach vorn zu wenden. Zu gegenwärtig die Vergangenheit. Alles, was ist, läuft auf der hirninternen Leinwand. Es ist ein düstrer Film in Dauerschleife, der sich selbst in die Klosterräume schleicht, in die Eugène abrupt geflohen ist, voll Hoffnung, im Rückzug Ruhe vor sich selbst zu finden, Ruhe vor dem eigenen Neuronenbrodeln, dem aufwühlenden Geflirre schmerzvoller Sequenzen. Die dunkle Vorahnung, während er aus den Zugfenstern in die Nacht starrte, ihr Gesicht, das sie abwandte, als er sie zur Begrüßung küssen wollte, das seltsame Schweigen, eisige Mauern, die aus dem Nichts hochgeschossen waren. Die riesigdüstre Kirche im Rücken der Straße, die braunen Locken neben ihrem Kissen, die nicht von ihm und nicht von ihr abstammen konnten.
Plötzlich Sequenzen aus der Zeit davor noch. Strahlende Bilder ungetrübten Glücks. Das Albern, Schäkern, Kitzeln, Küssen, Prickeln, im Gras im Park, im Dämmerlicht bei ihr. Doch liegt auf allem monochromer Schleier, der Blick, er gleitet jäh zurück ins Jetzt. Die Klosterkammer, blasses Licht, der Sandstein. Dann schiebt er Fingernagelhaut zurück. Jeder Moment hat mehr als eine Ebene. Selbst wenn die Welt ganz still steht, kann im Geist die Erde beben, wilder Sandsturm toben, Synapsenachterbahn in voller Fahrt sekundenschnell den Mond fünfmal umrunden, in Bilder tauchen, reisen ohne Ziel. Die Zeit verschmilzt hier Morgen, Jetzt und Gestern. Eugène, er sitzt noch krumm auf seinem Stuhl. Allmählich scheint ihm Rückzug kaum noch fruchtbar, das Nichts um ihn verstärkt die Bilderflut des Gestern weit mehr als ihm möglich schien. Das Handeln im Moment statt ihn zu träumen, mit Tatendrang die forsche Flucht nach vorn, um sich die Gegenwart zurückzuholen, mit „ist“ und „wird“ das „war“ hinfort zu treiben, Erlittnes mit Erlebnissen verjagen. „So sei es“, haucht Eugène und ballt die Fäuste, beinah perplex, gesprochnes Wort zu hören, steht auf und öffnet zögerlich die Tür, schleicht leise durch den sanft gewölbten Kreuzgang, und sagt: „Jetzt fängt ein neues Leben an.“ Fast fünf ist es, noch früh genug zu gehen.
Im Jetzt passiert nichts außer stummem Sitzen, dem tumben Schleichen rundherum im Kreis. Die Zukunft hat sich vorerst krank gemeldet - sie atmet flach, die Knie so weich wie Pudding, kaum Kraft, den Blick nach vorn zu wenden. Zu gegenwärtig die Vergangenheit. Alles, was ist, läuft auf der hirninternen Leinwand. Es ist ein düstrer Film in Dauerschleife, der sich selbst in die Klosterräume schleicht, in die Eugène abrupt geflohen ist, voll Hoffnung, im Rückzug Ruhe vor sich selbst zu finden, Ruhe vor dem eigenen Neuronenbrodeln, dem aufwühlenden Geflirre schmerzvoller Sequenzen. Die dunkle Vorahnung, während er aus den Zugfenstern in die Nacht starrte, ihr Gesicht, das sie abwandte, als er sie zur Begrüßung küssen wollte, das seltsame Schweigen, eisige Mauern, die aus dem Nichts hochgeschossen waren. Die riesigdüstre Kirche im Rücken der Straße, die braunen Locken neben ihrem Kissen, die nicht von ihm und nicht von ihr abstammen konnten.
Plötzlich Sequenzen aus der Zeit davor noch. Strahlende Bilder ungetrübten Glücks. Das Albern, Schäkern, Kitzeln, Küssen, Prickeln, im Gras im Park, im Dämmerlicht bei ihr. Doch liegt auf allem monochromer Schleier, der Blick, er gleitet jäh zurück ins Jetzt. Die Klosterkammer, blasses Licht, der Sandstein. Dann schiebt er Fingernagelhaut zurück. Jeder Moment hat mehr als eine Ebene. Selbst wenn die Welt ganz still steht, kann im Geist die Erde beben, wilder Sandsturm toben, Synapsenachterbahn in voller Fahrt sekundenschnell den Mond fünfmal umrunden, in Bilder tauchen, reisen ohne Ziel. Die Zeit verschmilzt hier Morgen, Jetzt und Gestern. Eugène, er sitzt noch krumm auf seinem Stuhl. Allmählich scheint ihm Rückzug kaum noch fruchtbar, das Nichts um ihn verstärkt die Bilderflut des Gestern weit mehr als ihm möglich schien. Das Handeln im Moment statt ihn zu träumen, mit Tatendrang die forsche Flucht nach vorn, um sich die Gegenwart zurückzuholen, mit „ist“ und „wird“ das „war“ hinfort zu treiben, Erlittnes mit Erlebnissen verjagen. „So sei es“, haucht Eugène und ballt die Fäuste, beinah perplex, gesprochnes Wort zu hören, steht auf und öffnet zögerlich die Tür, schleicht leise durch den sanft gewölbten Kreuzgang, und sagt: „Jetzt fängt ein neues Leben an.“ Fast fünf ist es, noch früh genug zu gehen.




Neo-Bazi
am 11. Mai, 14:54
am 11. Mai, 14:58
Exzellent geschrieben. Und das mit dem Einbruch in ein GEfängnis bei der Flucht dachte ich auch. Toll.