
Montagmorgen, recht früh.
von Maike
I
Rosa schaltet müde das Radio ein. Ihr 10jähriger Sohn sitzt am Küchentisch und isst ein glänzendes Nutellabrot. Sie steht am Fenster und beobachtet ihn. Er bemerkt sie gar nicht.
Ernst schaut er, während er kaut und mit der linken Hand durch eine Zeitschrift über Computerspiele blättert, Dinge liest, von denen sie nichts versteht. Ab und zu nimmt er einen vorsichtigen Schluck von seinem heißen Kakao. Die Küche duftet süß danach.
Nervös baumeln seine Beine unter dem Stuhl hin und her. Gerne möchte Rosa ihren Sohn streicheln, die störrische Strähne glatt drücken, die ihm am Hinterkopf immer absteht, möchte in seinem Haar einen sanften Kuss pflanzen, der sich unsichtbar auf dem Scheitel festsetzt und der ihren Sohn den ganzen Tag beschützt.
Aber wenn sie es versucht, dreht er sich weg, schmollend behauptend, kein kleiner Junge mehr zu sein, um ihr damit genau das Gegenteil zu beweisen.
Rosa packt ein Pausenbrot in seinen Rucksack, drängt zum Aufbruch. Er seufzt sich zur Türe, den Blick nach unten gerichtet, öffnet sie ein wenig und entschwindet fast unmerklich - als sei er ein kleiner Geist.
Draussen an der Bushaltestelle holt er das Pausenbrot hervor und wirft es zögernd in den Mülleimer. Er fühlt sich schlecht dabei, aber er mag keine Mettwurst und ein Mädchen, das Mettwurst mag, und dem er das Brot schenken könnte, kennt er auch nicht.
Als der Bus vor ihm hält, macht er einen großen Schritt die Treppe hinauf, dann setzt er sich auf den Einzelplatz vorne rechts beim Fahrer, blickt konzentriert durch die senkrechte Windschutzscheibe hinaus auf die Strasse und steuert in Gedanken den schweren Bus. Schnell vergisst er die Menschen um sich herum und seine Hände umfassen ein imaginäres Lenkrad, während seine Füße unsichtbare Pedale betätigen.
Später, in der kleinen Pause, werden ihn ein paar Jungs aus der zehnten Klasse abpassen und ihm das Handy wegnehmen, das ihm seine Mutter letzte Woche gekauft hat. Seine neuen Turnschuhe haben sie sich schon gestern geholt.
II
Der Wecker klingelt. Lili gelingt es nur mit sehr viel Mühe, ihn auszuschalten. Sie seufzt leise und hält sich den schweren Kopf. Durch ihre Venen schleichen Reste eines Amphetaminderivats, THC-Wölkchen und eine erhebliche Menge Alkohol. Erschöpft reibt sie sich die Augen, Wimperntusche und Lidschatten färben ihre Finger dunkel. Mit einer zitternden Hand ertastet sie unbeholfen die Cola, die neben dem Bett steht und nimmt ein paar glucksende Schlucke.
Die Cola ist viel zu warm und Lili ärgert sich über die längst entwichene Kohlensäure. Schlecht gelaunt streckt sie ihren Körper in die Länge als sei er eine rostige Feder, macht dazu eigenartige Geräusche, dann boxt sie ihren Freund, der neben ihr liegt und immer noch schläft, grob in die Seite, um ihn zu wecken.
Nur sehr langsam richtet er sich auf, lächelt stoppelbärtig, ist noch weich vom Schlaf und von der Nacht und versucht, sie zärtlich auf der nackten Schulter gutenmorgenzuküssen. Er verfehlt Lili nur knapp und sackt zurück aufs Kissen. Seine Hände umfassen die Zipfel des Bezugs, als böten sie ihm Halt, er guckt genau auf ein Brandloch, das gestern noch nicht da war.
Lili fällt es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Zitternd sitzt sie am Bettrand und starrt auf ihre rot lackierten Fußnägel. Mit der linken Hand hält sie die Bong fest, die wacklig auf ihren viel zu dünnen Oberschenkeln steht, mit der rechten zündet sie das Feuerzeug. Beruhigend blubbert der Rauch durchs Wasser, reist durch die Windungen der Pfeife, dreht eine Lungenflügelrunde und steigt langsam hinauf zur Zimmerdecke, wo er sich festsetzt. Gleich muss sie zur Berufsschule. Nächste Woche sind Prüfungen und wenn sie sich bis dahin zusammenreisst, keine Fehlstunden mehr aufweist, dann wird sie vielleicht sogar noch zugelassen.
Ihr liegt nichts daran, Bürokauffrau zu sein, aber wenigstens kann sie nach der Prüfung erst einmal in Ruhe lotterleben und zusammen mit ihrem Freund Drogen verkaufen. Lächelnd schlurft sie ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen.
Am Nachmittag wird ihr Freund in einem Zug von Holland nach Deutschland sitzen. Männer vom Bundesgrenzschutz werden die Türe seines Abteils öffnen. Zu seinen Füssen wird sich eine Tasche befinden, in der zwischen ein paar Sportsachen sehr viel Kokain versteckt ist. Die Beamten werden es finden.
III
Die U-Bahn rast durch die dunklen Verzweigungen unter der Stadt. Vesna hat die ganze Nacht lang in der Fabrik gearbeitet und Tablettenblister in Kartons verpackt. Sie mag es, dass hier noch nicht Tag ist, nie richtig Tag werden wird, und lässt sich durch die Schächte fahren.
Um sie herum sitzen viele müde Morgenmenschen, dazwischen überdrehte Schulkinder. Ein Ranzen wird ihr in die Seite gerammt und sie schließt die Augen.
Ihre Finger schmerzen und an ein paar Stellen pocht es unter ausgefransten Pflastern. Draußen hasten Betonwände vorbei. Obwohl Vesna bei der Arbeit Schutzhandschuhe trägt, hat sie längst Hände voller schmerzhafter Druckstellen und sie träumt von der Versetzung an einen anderen Platz in der Verpackungskette, während sie Nacht um Nacht Hormone und Beipackzettel in Schachteln vereint. Sie denkt an Karl, den Vorarbeiter. Wenn er ihre Schicht betreut, fühlt sie sich besser. Oft kommt er an ihrem Platz vorbei, lässt ein Karamellbonbon in die Tasche ihres Kittels fallen und erzählt ihr etwas Lustiges. Ab und zu lädt er sie auf einen Kaffee in der Kantine ein. Dann pusten sie gemeinsam Zigarettenrauch hinauf in eine der kargen Lampenschalen und lesen sich gegenseitig aus der Bildzeitung vor. Sein weicher Blick und die Sanfheit seiner Worte berühren sie manchmal fast wie eine zärtliche Geste und oft zuckt ihr Mund unsicher, wenn sie ihn anschaut und lächeln möchte.
Ihr Mann hingegen sieht ihr nicht mehr in die Augen. Vesna zweifelt schon seit langer Zeit an seiner Liebe - und mittlerweile auch an ihrer. Meist spürt sie traurige Wut und Hilflosigkeit, wenn sie an ihn denkt. Schwere Gefühle, die ihre Sehnsucht nach ihm überlagern, ihr im Nacken sitzen und ihren Kopf schmerzen lassen. Oft bringen sie sogar ihre Hände zum Zittern.
Früher ging sie sofort nach der Arbeit nach Hause. Heute macht sie sich wie jeden Morgen auf den Weg in den Park im Norden der Stadt, um auf einer Decke sitzend in Ruhe den Tag zu begrüßen. Sachte streicht sie mit den Händen über das frisch gemähte, kantige Gras, beobachtet die türkischen und thailändischen Familien, die, sobald es warm geworden ist, ihr Leben nach draußen verlagern. Ins Licht blinzelnd zögert sie die Zeit hinaus, bis sie mit dem Fahrstuhl in den zwölften Stock ihres Wohnblocks hinauffahren muss, wo ihr Mann vor dem Fernseher sitzt, sie nicht schlafen lässt und stattdessen mit groben Worten herumkommandiert, bis sie sich irgendwann kraftlos und voller Angst im Schlafzimmer einschließt.
Am Mittag wird Vesna die Wohnung betreten und ihren Mann vorfinden, der gegen acht Uhr morgens einen Hirnschlag erlitten hat, als er gerade im Halbschlaf neben die Klobrille pinkelte. Vesna wird sich über ihn beugen, ihm wenigstens die Unterhose wieder richtig anziehen und dann den Krankenwagen rufen.
IV
Ellen steht im Badezimmer vorm Spiegel und lässt sich von einer süsslichen Parfumwolke berieseln. Sie ist aufgeregt: in zwei Wochen wird sie heiraten und gleich hat sie einen Termin beim besten Coiffeur der Stadt, um ihre Hochzeitsfrisur generalzuproben. Neue künstliche Nägel tanzen an ihren Fingern, die zwischen den vielen Lippenstiften den richtigen heraussuchen als könnten sie Farben ertasten und verursachen ein leises Klackern. Ihre Haare sind passend zum neuen Haarteil gefärbt, vier Kilo hat sie abgenommen.
Ellen legt sich eine Hand auf die Hüfte, biegt den Hals ein wenig zur Seite und lächelt sich an. Sie erinnert sich an den Nachmittag, den sie letzte Woche mit einer Fotografin verbracht hat, um für schöne Portraits in Unterwäsche zu posieren. Ellen ist sich sicher, ihrem zukünftigen Mann mit den Bildern eine grosse Freude zu bereiten - zumal die Fotos viel schöner geworden sind als die, die ihre beste Freundin letztes Jahr von sich anfertigen ließ.
Kritisch drückt sie die Haut an ihrem rechten Oberschenkel zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen und gibt sich erst zufrieden, als sie auch bei schmerzhaftem, wiederholtem Kneifen keine Anzeichen von Cellulite erkennen kann. Abdrücke bleiben zurück, verblassen nur langsam. Wie früher, als sich die Frauen ins Gesicht kniffen, um kokett errötet zu sein. Ellen fährt mit dem Rougepinsel die Kanten ihrer Wangenknochen entlang, summt den Hochzeitsmarsch, um auf Zehenspitzen zum Kleiderschrank zu schreiten. Der Saum ihres Satinbademantels schlägt kleine Wellen, raschelt sachte.
Gedankenverloren wählt sie etwas zum Anziehen aus.
Ihr Freund wird ihren Namen annehmen. Sie streut diese Tatsache gerne in Gespräche ein, sowie die sich daraus ergebende Behauptung, ihn ihm Griff zu haben – in der Hoffnung, irgendwann selbst daran zu glauben. Mittlerweile wirkt ihr Lachen dabei fast echt.
Wenigstens ihre Arbeitskollegen sind überzeugt von ihrer heilen Welt. Immerhin wird sie jeden Tag mehrmals von ihrem Freund angerufen und säuselt in unangemessener Lautstärke und höheren Tonleitern abgenutzte Ich-liebe-dichs ins Telefon. Letzte Woche holte er sie sogar mit dem neuen Auto ab. Ein paar Kollegen kamen staunend hinaus mit auf dem Parkplatz und schauten ihnen hinterher, wie sie zum Pastor und dem Traugespräch davonbrausten.
Seither glaubt sie sogar fast wieder ein bisschen an Gott, ganz bestimmt aber an ihre Musikauswahl für den Gottesdienst und die genaue Abfolge der vorzulesenden Texte.
Am liebsten hätte sie dem Pastor ein eng beschriebenes DIN A 4 Blatt gegeben, auf dem alles gestanden hätte, was in ihre ganz persönliche Predigt gehörte.
Ellen zieht einen warmen Blazer an. Bevor sie die Wohnung verlässt, holt sie die Prosecco-Flasche aus dem Kühlschrank und nimmt daraus einen großen Schluck. Dann fährt sie mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage. Schon von weitem sieht sie ihre Diddl-Maus, die mit vergilbten Saugnäpfen hinten rechts an der Fensterschbeibe klebt.
Ein paar Stunden später wird sie mit aufwändiger Hochsteckfrisur beim Verlassen des Friseurs über dessen Türschwelle stolpern. Die Bänder ihres rechten Fusses werden dabei reissen.
Auf dem Weg ins Krankenhaus wird sich Ellen Gedanken darüber machen, ob es wohl Krücken mit Strassbesatz gibt.
Rosa schaltet müde das Radio ein. Ihr 10jähriger Sohn sitzt am Küchentisch und isst ein glänzendes Nutellabrot. Sie steht am Fenster und beobachtet ihn. Er bemerkt sie gar nicht.
Ernst schaut er, während er kaut und mit der linken Hand durch eine Zeitschrift über Computerspiele blättert, Dinge liest, von denen sie nichts versteht. Ab und zu nimmt er einen vorsichtigen Schluck von seinem heißen Kakao. Die Küche duftet süß danach.
Nervös baumeln seine Beine unter dem Stuhl hin und her. Gerne möchte Rosa ihren Sohn streicheln, die störrische Strähne glatt drücken, die ihm am Hinterkopf immer absteht, möchte in seinem Haar einen sanften Kuss pflanzen, der sich unsichtbar auf dem Scheitel festsetzt und der ihren Sohn den ganzen Tag beschützt.
Aber wenn sie es versucht, dreht er sich weg, schmollend behauptend, kein kleiner Junge mehr zu sein, um ihr damit genau das Gegenteil zu beweisen.
Rosa packt ein Pausenbrot in seinen Rucksack, drängt zum Aufbruch. Er seufzt sich zur Türe, den Blick nach unten gerichtet, öffnet sie ein wenig und entschwindet fast unmerklich - als sei er ein kleiner Geist.
Draussen an der Bushaltestelle holt er das Pausenbrot hervor und wirft es zögernd in den Mülleimer. Er fühlt sich schlecht dabei, aber er mag keine Mettwurst und ein Mädchen, das Mettwurst mag, und dem er das Brot schenken könnte, kennt er auch nicht.
Als der Bus vor ihm hält, macht er einen großen Schritt die Treppe hinauf, dann setzt er sich auf den Einzelplatz vorne rechts beim Fahrer, blickt konzentriert durch die senkrechte Windschutzscheibe hinaus auf die Strasse und steuert in Gedanken den schweren Bus. Schnell vergisst er die Menschen um sich herum und seine Hände umfassen ein imaginäres Lenkrad, während seine Füße unsichtbare Pedale betätigen.
Später, in der kleinen Pause, werden ihn ein paar Jungs aus der zehnten Klasse abpassen und ihm das Handy wegnehmen, das ihm seine Mutter letzte Woche gekauft hat. Seine neuen Turnschuhe haben sie sich schon gestern geholt.
II
Der Wecker klingelt. Lili gelingt es nur mit sehr viel Mühe, ihn auszuschalten. Sie seufzt leise und hält sich den schweren Kopf. Durch ihre Venen schleichen Reste eines Amphetaminderivats, THC-Wölkchen und eine erhebliche Menge Alkohol. Erschöpft reibt sie sich die Augen, Wimperntusche und Lidschatten färben ihre Finger dunkel. Mit einer zitternden Hand ertastet sie unbeholfen die Cola, die neben dem Bett steht und nimmt ein paar glucksende Schlucke.
Die Cola ist viel zu warm und Lili ärgert sich über die längst entwichene Kohlensäure. Schlecht gelaunt streckt sie ihren Körper in die Länge als sei er eine rostige Feder, macht dazu eigenartige Geräusche, dann boxt sie ihren Freund, der neben ihr liegt und immer noch schläft, grob in die Seite, um ihn zu wecken.
Nur sehr langsam richtet er sich auf, lächelt stoppelbärtig, ist noch weich vom Schlaf und von der Nacht und versucht, sie zärtlich auf der nackten Schulter gutenmorgenzuküssen. Er verfehlt Lili nur knapp und sackt zurück aufs Kissen. Seine Hände umfassen die Zipfel des Bezugs, als böten sie ihm Halt, er guckt genau auf ein Brandloch, das gestern noch nicht da war.
Lili fällt es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Zitternd sitzt sie am Bettrand und starrt auf ihre rot lackierten Fußnägel. Mit der linken Hand hält sie die Bong fest, die wacklig auf ihren viel zu dünnen Oberschenkeln steht, mit der rechten zündet sie das Feuerzeug. Beruhigend blubbert der Rauch durchs Wasser, reist durch die Windungen der Pfeife, dreht eine Lungenflügelrunde und steigt langsam hinauf zur Zimmerdecke, wo er sich festsetzt. Gleich muss sie zur Berufsschule. Nächste Woche sind Prüfungen und wenn sie sich bis dahin zusammenreisst, keine Fehlstunden mehr aufweist, dann wird sie vielleicht sogar noch zugelassen.
Ihr liegt nichts daran, Bürokauffrau zu sein, aber wenigstens kann sie nach der Prüfung erst einmal in Ruhe lotterleben und zusammen mit ihrem Freund Drogen verkaufen. Lächelnd schlurft sie ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen.
Am Nachmittag wird ihr Freund in einem Zug von Holland nach Deutschland sitzen. Männer vom Bundesgrenzschutz werden die Türe seines Abteils öffnen. Zu seinen Füssen wird sich eine Tasche befinden, in der zwischen ein paar Sportsachen sehr viel Kokain versteckt ist. Die Beamten werden es finden.
III
Die U-Bahn rast durch die dunklen Verzweigungen unter der Stadt. Vesna hat die ganze Nacht lang in der Fabrik gearbeitet und Tablettenblister in Kartons verpackt. Sie mag es, dass hier noch nicht Tag ist, nie richtig Tag werden wird, und lässt sich durch die Schächte fahren.
Um sie herum sitzen viele müde Morgenmenschen, dazwischen überdrehte Schulkinder. Ein Ranzen wird ihr in die Seite gerammt und sie schließt die Augen.
Ihre Finger schmerzen und an ein paar Stellen pocht es unter ausgefransten Pflastern. Draußen hasten Betonwände vorbei. Obwohl Vesna bei der Arbeit Schutzhandschuhe trägt, hat sie längst Hände voller schmerzhafter Druckstellen und sie träumt von der Versetzung an einen anderen Platz in der Verpackungskette, während sie Nacht um Nacht Hormone und Beipackzettel in Schachteln vereint. Sie denkt an Karl, den Vorarbeiter. Wenn er ihre Schicht betreut, fühlt sie sich besser. Oft kommt er an ihrem Platz vorbei, lässt ein Karamellbonbon in die Tasche ihres Kittels fallen und erzählt ihr etwas Lustiges. Ab und zu lädt er sie auf einen Kaffee in der Kantine ein. Dann pusten sie gemeinsam Zigarettenrauch hinauf in eine der kargen Lampenschalen und lesen sich gegenseitig aus der Bildzeitung vor. Sein weicher Blick und die Sanfheit seiner Worte berühren sie manchmal fast wie eine zärtliche Geste und oft zuckt ihr Mund unsicher, wenn sie ihn anschaut und lächeln möchte.
Ihr Mann hingegen sieht ihr nicht mehr in die Augen. Vesna zweifelt schon seit langer Zeit an seiner Liebe - und mittlerweile auch an ihrer. Meist spürt sie traurige Wut und Hilflosigkeit, wenn sie an ihn denkt. Schwere Gefühle, die ihre Sehnsucht nach ihm überlagern, ihr im Nacken sitzen und ihren Kopf schmerzen lassen. Oft bringen sie sogar ihre Hände zum Zittern.
Früher ging sie sofort nach der Arbeit nach Hause. Heute macht sie sich wie jeden Morgen auf den Weg in den Park im Norden der Stadt, um auf einer Decke sitzend in Ruhe den Tag zu begrüßen. Sachte streicht sie mit den Händen über das frisch gemähte, kantige Gras, beobachtet die türkischen und thailändischen Familien, die, sobald es warm geworden ist, ihr Leben nach draußen verlagern. Ins Licht blinzelnd zögert sie die Zeit hinaus, bis sie mit dem Fahrstuhl in den zwölften Stock ihres Wohnblocks hinauffahren muss, wo ihr Mann vor dem Fernseher sitzt, sie nicht schlafen lässt und stattdessen mit groben Worten herumkommandiert, bis sie sich irgendwann kraftlos und voller Angst im Schlafzimmer einschließt.
Am Mittag wird Vesna die Wohnung betreten und ihren Mann vorfinden, der gegen acht Uhr morgens einen Hirnschlag erlitten hat, als er gerade im Halbschlaf neben die Klobrille pinkelte. Vesna wird sich über ihn beugen, ihm wenigstens die Unterhose wieder richtig anziehen und dann den Krankenwagen rufen.
IV
Ellen steht im Badezimmer vorm Spiegel und lässt sich von einer süsslichen Parfumwolke berieseln. Sie ist aufgeregt: in zwei Wochen wird sie heiraten und gleich hat sie einen Termin beim besten Coiffeur der Stadt, um ihre Hochzeitsfrisur generalzuproben. Neue künstliche Nägel tanzen an ihren Fingern, die zwischen den vielen Lippenstiften den richtigen heraussuchen als könnten sie Farben ertasten und verursachen ein leises Klackern. Ihre Haare sind passend zum neuen Haarteil gefärbt, vier Kilo hat sie abgenommen.
Ellen legt sich eine Hand auf die Hüfte, biegt den Hals ein wenig zur Seite und lächelt sich an. Sie erinnert sich an den Nachmittag, den sie letzte Woche mit einer Fotografin verbracht hat, um für schöne Portraits in Unterwäsche zu posieren. Ellen ist sich sicher, ihrem zukünftigen Mann mit den Bildern eine grosse Freude zu bereiten - zumal die Fotos viel schöner geworden sind als die, die ihre beste Freundin letztes Jahr von sich anfertigen ließ.
Kritisch drückt sie die Haut an ihrem rechten Oberschenkel zwischen Daumen und Zeigefinger zusammen und gibt sich erst zufrieden, als sie auch bei schmerzhaftem, wiederholtem Kneifen keine Anzeichen von Cellulite erkennen kann. Abdrücke bleiben zurück, verblassen nur langsam. Wie früher, als sich die Frauen ins Gesicht kniffen, um kokett errötet zu sein. Ellen fährt mit dem Rougepinsel die Kanten ihrer Wangenknochen entlang, summt den Hochzeitsmarsch, um auf Zehenspitzen zum Kleiderschrank zu schreiten. Der Saum ihres Satinbademantels schlägt kleine Wellen, raschelt sachte.
Gedankenverloren wählt sie etwas zum Anziehen aus.
Ihr Freund wird ihren Namen annehmen. Sie streut diese Tatsache gerne in Gespräche ein, sowie die sich daraus ergebende Behauptung, ihn ihm Griff zu haben – in der Hoffnung, irgendwann selbst daran zu glauben. Mittlerweile wirkt ihr Lachen dabei fast echt.
Wenigstens ihre Arbeitskollegen sind überzeugt von ihrer heilen Welt. Immerhin wird sie jeden Tag mehrmals von ihrem Freund angerufen und säuselt in unangemessener Lautstärke und höheren Tonleitern abgenutzte Ich-liebe-dichs ins Telefon. Letzte Woche holte er sie sogar mit dem neuen Auto ab. Ein paar Kollegen kamen staunend hinaus mit auf dem Parkplatz und schauten ihnen hinterher, wie sie zum Pastor und dem Traugespräch davonbrausten.
Seither glaubt sie sogar fast wieder ein bisschen an Gott, ganz bestimmt aber an ihre Musikauswahl für den Gottesdienst und die genaue Abfolge der vorzulesenden Texte.
Am liebsten hätte sie dem Pastor ein eng beschriebenes DIN A 4 Blatt gegeben, auf dem alles gestanden hätte, was in ihre ganz persönliche Predigt gehörte.
Ellen zieht einen warmen Blazer an. Bevor sie die Wohnung verlässt, holt sie die Prosecco-Flasche aus dem Kühlschrank und nimmt daraus einen großen Schluck. Dann fährt sie mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage. Schon von weitem sieht sie ihre Diddl-Maus, die mit vergilbten Saugnäpfen hinten rechts an der Fensterschbeibe klebt.
Ein paar Stunden später wird sie mit aufwändiger Hochsteckfrisur beim Verlassen des Friseurs über dessen Türschwelle stolpern. Die Bänder ihres rechten Fusses werden dabei reissen.
Auf dem Weg ins Krankenhaus wird sich Ellen Gedanken darüber machen, ob es wohl Krücken mit Strassbesatz gibt.


WilderKaiser
am 15. Mai, 14:48