Plädoyer für den Durchschnitt

von derbaron
Generationen poetisch veranlagter Schöngeister verklären seit Jahr und Tag eine Sache, die, wenn man sie flüchtig betrachtet, kaum jemandem auffallen würde, die aber, sobald man sie festhält und analysiert, zu einer vermeintlichen Bedeutsamkeit anwachsen kann, deren Dimension gewaltig, jedenfalls aber unverhältnismäßig groß verglichen mit der Sache selbst erscheinen kann - den Moment.

Der Moment als bedeutungsschwangerer Ausgangspunkt der Geschichte, der letztere völlig anders verlaufen hätte lassen, wenn der Moment im Augenblick des Seins mit einem anderen Inhalt gefüllt gewesen wäre. Der oft zitierte Flügelschlag des Schmetterlings, der durch sein momentanes Geschehen monumentale Auswirkungen auf die Geophysik der Erde haben soll. Der Moment der Zeugung, in dem ausgerechnet die eine von Millionen Samenzellen mit dem Ei verschmilzt, die Ihr Leben in allen wichtigen Details festlegt. Der Moment der Geburt, der, wenn man Astrologen glauben darf, sämtliche Charakterzüge eines Menschen bestimmt. Und schließlich der Momentanverbrauch Ihres Pkw, der Sie just in dem Moment zu ärgern beliebt, in dem Sie auf den Boardcomputer Ihres Armaturenbrettes blicken.

Romantisch veranlagte Menschen werden nun diesen automobilen Einschub bedauern. Jenen sei der Moment absoluten Glücks gegönnt, den man mit dem liebsten Menschen seiner Wahl an einem Strand sitzend den Sonnenuntergang betrachtend verbringen kann.

Allen diesen Augenblicken ist eines gemeinsam. Sie werden massiv überschätzt. Momente sind extrem kurze Zeitabschnitte, die so verlaufen können oder auch anders. In ihnen steckt verglichen mit dem Rest des Tages so wenig das Gesamtergebnis beeinflussende Größe, daß man auf einen Einzelmoment getrost verzichten kann, da dieser an der Weltgeschichte gar nichts ändert. Wichtig ist einzig und allein die Anhäufung aller Momente zu einem sinnvollen Ganzen sowie die daran anschließende Durchschnittsbildung.

Steigen Sie an der Kreuzung kräftig aufs Gaspedal Ihres Boliden - die Romantiker unter Ihnen mögen verzeihen, daß an dieser Stelle noch einmal das Automobilbeispiel bemüht wird - um Ihren Kreuzungsnachbarn abzuhängen und ihm so zu zeigen, wer der tollere Hecht ist, so schnellt der Treibstoff-Momentanverbrauch in erschreckend demotivierende Höhen. Sobald Sie nach dem Betanken Ihre mathematischen Grundkenntnisse hervorgekramt haben, erkennen Sie jedoch, daß Ihr Auto im Durchschnitt so sparsam war wie bisher.

"Ja, aber ohne Drehmoment hätten Sie den Gegner nie abgehängt", höre ich die Motorenexperten in diesem Moment verlauten. "Das stimmt", entgegne ich, allerdings setze ich jenen die Riege der Sprachwissenschafter entgegen, die ersteren Kraft Ihres Wissens binnen Kurzem verdeutlichen, daß zwischen Moment und Moment ein semantischer Unterschied besteht, worauf die Motorenexperten verstummen.

Der Glücksmoment beim Sonnenuntergang mag schön sein, ja - was darauf folgt ist jedoch meist viel Alkohol, die Nacht und Kopfweh hinterher. Aus dem Urlaub heimgekehrt wird dann zurückgeblickt und ein knappes Resümee gezogen, das zwischen naja und wunderschön schwankt, denn Teil der Erinnerungen sind auch Momente des Zurückschickens ungenießbarer Mahlzeiten, die Sie in Touristenlokalen zu verspeisen beabsichtigt hatten. Was bleibt ist der Durchschnitt über alles und das durchaus zu Recht.

Schließlich ist es auch völlig egal, welche Samenzelle mit dem Ei verschmilzt, denn spätestens in dem Moment, in dem Ihre Tochter selbständig zu denken beginnt, setzt ein Normierungsprozeß ein, der jegliche momentbedingte Individualisierung zunichte macht, denn Ihre Tochter trägt ab diesem Augenblick nur mehr das dem Durchschnitt angepaßte Einheitsgewand einer bestimmten Modemarke, verfällt dem Durchschnittsmusikgeschmack durchschnittlicher Radiosender und nimmt mehr als durchschnittliche Burschen mit nach Hause, um Ihnen diese als potentielle Schwiegersöhne unterzujubeln.

Der Moment also ist nichts weiter als das in seine Moleküle zerlegte Teil des Ganzen. Im Durchschnitt liegt jedoch das Leben. Werfen Sie den Schöngeist über Board. Willkommen in der Ernüchterung.
Die Essenz des Lebens suchen viele im Moment – ein völlig falscher Ansatz, denn: Allein der Durchschnitt hat Bedeutung.
Der Baron wurde zu spät, nämlich 1 Jahr nach Woodstock geboren. Er lebt abseits der Welt in Wien. Aufgrund seines trockenen Jobs als Techniker verfügt er über Gedankenüberschüsse, die er aus therapeutischen Gründen in seinem Weblog namens "My Castle is my Home" zwischenlagert.
mindestens haltbar 05/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 09
ISSN 1816-8159
Autor: derbaron
Titel: Plädoyer für den Durchschnitt
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am 11. Mai, 12:26

Völlig in Ordnung, die Sache mit dem Durchschnitt. Auch die Ernüchterung ist ein begrüßenswerter Zustand, solange er nicht überdurchschnittlich oft in einer Zelle eintritt.


am 11. Mai, 20:29

Sie fuchteln aber wild mit dem Messer herum.Zerlegen Höhepunkte und Tiefpunkte gleichermaßen um eine Gerade ziehen zu dürfen >>>
"Wichtig ist einzig und allein die Anhäufung aller Momente zu einem sinnvollen Ganzen sowie die daran anschließende Durchschnittsbildung."
Wenn es ihnen um das Kunstwerk geht haben sie natürlich mein absolutes Verständnis.Linien haben eine bestechende Schönheit -
Anderenfalls, also wenn es Ihnen um die Aufklärung geht, liegen sie meines Erachtens daneben, denn für mich stellt sich die Sache etwas anders dar.
Seit einiger Zeit habe ich den Verdacht, daß alles gleichzeitig passiert und somit immer JETZT ist.

am 12. Mai, 18:15

"...dass alles gleichzeitig passiert..." parallel? ich wäre sehr an einer ausführlicheren erklärung dieses gedankens interessiert!


am 12. Mai, 08:45

Jetzt verstehe ich auch, warum sie ihre Kunstsammlung ausschließlich aus Beständen eines schwedischen Möbelhauses aufgebaut haben ...


am 12. Mai, 09:51

mit ihrem Beitrag ist es Ihnen gelungen mir jegliche Romantik des Momentes zu rauben ! Wie konnten Sie nur ! Bis dato glaubte ich in meinem Leben gab es Momente die das Leben erst Lebenswert gemacht haben, jetzt aber bin ich in der Ernüchterung aufgewacht ! Danke ;-)


am 25. Mai, 20:50

Die Definition der Begrifflichkeit „Moment“ ist immer eine subjektive und somit grundsätzlich ein selbst erzeugtes geistiges Phänomen des Einzelnen.

Der Flügelschlag eines Schmetterlings ist ein Flügelschlag… nicht mehr und nicht weniger. Sowie ich „Schöngeist“ anfange, diesen Flügelschlag schön zu finden, oder ihn innerhalb der geophysischen Matrix bewerten zu wollen… ist er einfach nicht mehr der Flügelschlag, den ich mir ohne Assoziation und Bewertung einfach nur mal angesehen habe. Und ein Sonnenuntergang ist einfach nur ein Sonnenuntergang…

„Werfen Sie den Schöngeist über Bord“… und versuchen Sie einmal Ihre eigene Realität – die auch grundsätzlich subjektiv ist - einfach nur mal ohne Bewertung und Assoziation anzusehen.. dann bleibt einen Moment viel, viel weniger als der „subjektiv repräsentative“ Durchschnitt.


am 29. Jul, 07:55




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