
Liebe Eva Herman ...
Wir, die Feministinnen einer vermeintlich emanzipiert aufgewachsenen Generation, sehnen uns nämlich nach einer Neuauflage des öffentlichen Disputs um den Feminismus, und mit öffentlich meine ich nicht bloß die Feuilletons großer Zeitungen. Wir brauchen etwas, an dem wir uns reiben können. Wir brauchen Gegner, die unsere Freundinnen mit ihren Ansichten auf die Palme treiben, damit sie in Scharen zu uns überlaufen. Und ich rechne es Ihnen hoch an, daß ausgerechnet Sie sich dazu durchgerungen haben, diese anstrengende Aufgabe zu übernehmen. Und dann auch gleich so gründlich.
Es war jetzt lange genug très chic, keine Feministin zu sein und Diskussionen zu diesem Thema anzufangen mit: „Ich bin zwar emanzipiert und auch für Gleichberechtigung und so, aber ich bin keine Feministin.“ Feminismus war etwas, das unsere Mütter befiel - wenn wir Glück hatten. Feminismus schien für viele nichts weiter zu beinhalten als Emma statt Amica zu abbonieren und die alten Birkenstockschuhe nicht bloß bei der Gartenarbeit zu tragen. Feminismus war für meine ohnehin wenig politischen Altersgenossinnen gleichbedeutend mit etwas angestaubte Jungfern in lila Latzhosen, die eine generationsbedingte Wut auf Männer hatten.
Wir hingegen, wir haben die Emanzipation ja schon mit der Muttermilch aufgesogen und konnten vermeintlich sorgenfrei in unsere gloriose Zukunft starten, privat ebenso wie beruflich. Deshalb glaubten wir auch lange, uns eine Art unpolitische „Sex and the City“-Emanzipation leisten zu können, die nicht über die Bettkante hinausreichte. Wir wollten alles, bloß nicht so biestig und verbittert wirken wie uns die alte Garde der Feministinnen erschien. Deshalb beschränkten wir uns freiwillig auf unser Äußeres und zogen die von unseren Müttern verbrannten BHs nicht nur wieder an, sondern polsterten sie auch noch gründlich aus. Womöglich gleich dauerhaft beim Chirurgen. Wir waren in den letzten Jahren noch sexistischer als die Männer und hielten das allen Ernstes für emanzipiert. Diese spaßorientierte Kurzsichtigkeit hat allenfalls die sexuelle Toleranz unserer Gesellschaft und das Bankkonto von Manolo Blahnik vorangebracht, nicht aber die echte Gleichberechtigung von Mann und Frau.
Und jetzt kommen Sie und einige Feuilleton-Edelfedern und wollen uns eine „schöpfungsgewollte Aufteilung“ verkaufen, für die Sie abwechselnd den „Schöpfungsauftrag“ und eine romantisierte Biologismusvariante heranziehen. Ich kann nur hoffen, daß möglichst viele Frauen Ihren Artikel lesen und dann schreiend in unsere offenen Feministinnenarme gerannt kommen. „Der Mann steht in der Schöpfung als der aktive, kraftvolle, starke und beschützende Part, die Frau dagegen als der empfindsamere, mitfühlende, reinere und mütterliche Teil.“ Wir scheinen in völlig unterschiedlichen Welten zu leben. Ich fühle mich nämlich nicht so viel reiner als meine männlichen Mitbürger und auf die mütterlichen Anwandlungen warte ich schon sehr lange vergeblich. Und ich kenne jede Menge Männer und Frauen, auf die Ihre Aussagen ebenso wenig zutreffen. Die genannten Merkmale sind keine unumstößlichen biologische Gegebenheiten, ähnlich wie kurze Beine, sondern reichlich angestaubte Geschlechterklischees.
Ihrer Meinung nach ist der Verstoß gegen die in Jahrtausenden erprobte Rollenverteilung die Ursache vielerlei gesellschaftlichen Übels. „Eine Frau, die über die ihr von der Natur zugedachten Aufgaben hinaus in Konkurrenz treten will zu dem Männlichen, wird und kann in keiner der beiden Richtungen wirklich stark sein.“ Von der Natur zugedachte Aufgaben? Seit wann interessiert uns die natürliche Ordnung? Wir fliegen quer um den Erdball und auf den Mond. Wir haben U-Boote und Genmais, aber die Frau soll plötzlich zu ihrer natürlichen Bestimmung als hauptberufliche Gebärerin zurückfinden. Kommt Ihnen das nicht selbst ein wenig komisch vor?
Dem widernatürlichen Karrieredrang der modernen Frau schieben Sie allerhand Mißstände in die Schuhe, und zwar nur dem Handeln der Frau allein. Wenn Männer ihre Familien verlassen, um mit einer 20 Jahre jüngeren Blondine auf Mallorca als Partyveranstalter neu anzufangen, ist das natürlich die Schuld der Frau. Denn „Denn mit diesem Handeln, auch das ist nur logisch, lähmen wir jede starke Männlichkeit in unseren Partnern, ... Wenn die Frau zur Konkurrentin des Mannes wird, spürt er weder Bindung noch Verantwortung für sie.“ Zu behaupten, etwas sei logisch, macht es noch nicht zwangsläufig logisch, sondern versperrt meist nur den Blick auf andere Denkansätze.
Aber Sie haben offensichtlich ein Faible für apodiktische Aussagen (wie bedauerlich, daß Frauen nicht auf den Heiligen Stuhl dürfen): „Hieraus muß unweigerlich folgern, daß sie keinem der genannten Bereiche in seinen Ansprüchen gerecht werden kann. Weder in der Karriere noch in der Küche ist die Frau voll handlungsfähig, Partner und Kind kommen ebenfalls zu kurz.“ Ja und was bitte machen Männer seit Jahrtausenden? Küche und Partner zugunsten des Berufes vernachlässigen. Zwei Absätze später stellen Sie fest, daß beinahe die Hälfte aller Kinder bei der Einschulung deutliche Defizite in motorischer, sprachlicher oder kognitiver Hinsicht aufweist. Und warum? Wegen fehlender Bemutterung natürlich. Fehlende Bevaterung kommt ja schon im Wortschatz gar nicht vor. Und schließlich ziehen Sie Bilanz: „... nach fast einem halben Jahrhundert Feminismus und Frauenemanzipation. Es werden so viele Ehen geschieden wie noch nie zuvor.“
Den Kampf um Gleichberechtigung erklären Sie für gescheitert und die für Sie einzig logische Schlußfolgerung daraus ist, daß die Frau zurück zu ihrer „natürlichen“ Position an Herd und Wiege muß. Logik kann ich darin leider nicht erkennen. Wäre es nicht mindestens ebenso „logisch“ zu befinden, daß der Kampf um Gleichberechtigung noch lange nicht zu Ende gekämpft ist und man gerade jetzt verstärkt die Männer in die Pflicht nehmen muß? Was hindert sie daran zu kochen oder den Kindern abends eine Geschichte vorzulesen?
Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ zitiert in der Ausgabe vom 2.4.2006 eine Studie, wonach selbst partnerschaftlich organisierte Ehen im Laufe der Zeit klassische Rollenmodelle entwickeln. Selbst wenn die Frau mehr arbeitet und mehr verdient, tut der Mann irgendwann nichts mehr im Haushalt. Bildung hat dabei den größten Einfluß auf die Wahrscheinlichkeit der egalitären Rollenverteilung. Es ist also nicht alles Biologie, sondern sehr viel mehr Soziologie. Und wer auf den Mond fliegen und Atomstrom produzieren kann, sollte doch wohl auch in der Lage sein, tradierte Rollenverhältnisse aufzubrechen und neu zu gestalten. Wir haben nicht gegen unsere Natur gehandelt, sondern wir haben uns einfach noch nicht genug Mühe gegeben bei der Durchsetzung dieser Ideale. Wir sind bequem geworden auf halber Strecke. Aber dank Ihres Artikels, könnte sich das schon sehr bald ändern.


sabbeljan
am 11. Mai, 16:13
am 12. Mai, 11:00
Ich verzweifle auch gelegentlich angesichts der Gleichgültigkeit der Frauen, die es für emanzipiert halten, wenn sie abends beim Prosecco über "Männe" lästern, am nächsten Tag aber wieder klaglos neben dem Beruf 90% der Hausarbeit machen und "Männe" das Bier kalt stellen.