
Ball gut, alles gut
von Herrn Poodle
Heino, wie zumindest ich weiß, bist Du glühender Fußball-Fan. Freust Du Dich schon wie ein Schneekönig auf die WM?
Du kannst fragen. Natürlich freue ich mich, wer freut sich nicht? Zumal ich nicht viel zum Freuen hatte in letzter Zeit, das weißt Du ja. Job verloren wegen Umstrukturierung und so, Schulden bis zum Anschlag, dazu die leidige Gallengeschichte, so langsam wird es also mal wieder höchste Eisenbahn. Schließlich ist man Mensch und der Mensch muss sich ab und zu freuen, sonst kann er sich ja gleich die Kugel geben. Die WM war schon immer klasse, und wenn man sie dazu noch im eigenen Land hat, ist das natürlich oberklasse. Freust Du Dich etwa nicht?
Tut mir leid, aber ich stelle die Fragen – Du antwortest lediglich. Nächste Frage: Einige Spiele werden hier in Stuttgart stattfinden. Wird man Dich im Stadion begrüßen dürfen?
Leider nicht, Karten kann ich mir natürlich keine leisten. Die Firma, wo die Roswitha arbeitet, die hat sich einen ganzen Stapel geschnappt, eine Zeitlang dachte ich, vielleicht komme ich so an eine ran. War aber nichts, die verteilten sie nicht an poplige Angestellte, sondern an obere Ränge und Geschäftspartner. Werden wohl eine Menge Business-Nasen in den Stadien herumhängen, wie es aussieht. Champagnerglas in der einen Hand, Lachshäppchen in der anderen. Trotzdem stinkt es mir, nicht live dabei zu sein. Ich werde wohl mit dem Schlossplatz vorlieb nehmen, da stellen sie Leinwände auf.
Ja, heißt es. Ein kleines Entgegenkommen an den Mob. Wo die Abermillionen Betrunkener ihre Notdurft verrichten werden, ist aber noch unklar. Seltsam eigentlich, nicht? Viel Bier, viel Pipi – das weiß doch jedes Kind.
Es gibt einen Kloführer, der sich per Handy abrufen lässt. Ob es das bringt, wird man sehen. Apropos Bier: Die Brauereien kotzen ohne Ende, weil nur offizielle Sponsoren Bier ausschenken dürfen, Anheuser und so. Von der Plörre muss man wahrscheinlich noch mehr pissen als sonst.
Es werden sicher eine Menge Hyundais herumstehen, vielleicht könnte man die ja … aber lassen wir das.
Hyundais?
Hyundais, ja. Die sind Sponsoren, also muss man ihre Autos bestaunen. Hie und da jedenfalls. Nicht Mercedesse und Porsches wie gewohnt. Und ansonsten ist eben Dauerfernsehen angesagt, nehme ich an?
Klar, Zeit habe ich ja genug. Die Roswitha hat mir letzte Woche ein T-Shirt geschenkt, mit einer großen sieben drauf und drüber steht Barthel, dazu noch eine Kappe in den Deutschlandfarben, astreine Klamotten, die werde ich zum Zugucken immer anziehen.
Aha. Ist das nicht ein bisschen kindisch?
Kann gut sein, aber für mich gibt’s nun mal kein Halten, wenn Fußball läuft. Ausnahmezustand sozusagen. Ich hoffe nur, dass die Glotze nicht mittendrin den Geist aufgibt, das wäre ein echter Alptraum.
Der Innenminister würde am liebsten die Bundeswehr aufmarschieren lassen, einzelne Abgeordnete wollten den Bundestrainer ins Parlament vorladen, wo er sein Konzept erläutern sollte, auch Kaiser Franz, immerhin OK-Chef, lässt keine Gelegenheit aus, Klinsmann öffentlich herunterzuputzen, die Torwart- wird zur nationalen Schicksalsfrage und jeder kleine Würstchenverkäufer wird penibel durchleuchtet. Sind das deutliche Indizien für eine totale Hysterie?
Sehe ich nicht so. Sicher, der Beckenbauer labert viel, wenn der Tag lang ist, aber es gibt eben keinen, der soviel von Fußball versteht wie er, abgesehen vom Blatter Sepp vielleicht. Und wir stehen sozusagen im Mittelpunkt der Welt, alle schauen auf uns. Stell Dir doch mal vor, was los wäre, wenn der Würstchenverkäufer ein verkleideter Islamheini wäre, der sich mitsamt seiner Bude in die Luft sprengt. Oder ein Flugzeug ins Stadion rauscht. Nein, das ist schon okay so, Sicherheit gehört eben dazu. Und mit dem Klinsi, also ich weiß ja nicht. Warum muss der unbedingt in Amerika hocken? Und dass er den Kahn herausgenommen hat, verstehe ich nicht, wo wären wir denn heute ohne den Olli? Ich hoffe nur, dass die demnächst mal den Müll hier wegbringen, bei uns liegen immer noch Berge vor der Tür und stinken vor sich hin, wie sieht denn das aus? Ein Land will die WM ausrichten und bekommt noch nicht mal den Müll weggeschafft, nur weil ein paar faule Säcke wochenlang streiken?
Was ich nie verstanden habe: Deine konkrete Lebenssituation wird doch in keiner Weise von einem Spielergebnis beeinflusst, was um alles in der Welt treibt Euch Fußballfans also wahlweise in höchste Euphorie oder tiefste Depression?
Also das mit der Lebenssituation finde ich jetzt zu abstrakt. Es geht um das Gefühl, nichts anderes. Daran gibt‘s nichts zu verstehen, man fühlt es entweder oder nicht. Für mich ist das wie eine Schlacht, entweder gewinnen wir sie oder wir verlieren sie. Und ich gewinne eben lieber.
Den Eindruck hatte ich leider auch schon öfter. Leute wie die Brasilianer etwa, die sind ja noch halbwegs erträglich: Halbnackige, die Samba tanzen, der Rest trommelt. Der deutsche Block holt kollektiv Luft, brummt bedrohlich und würgt dann wie mit letzer Kraft ein dumpfes »Sieg! Sieg!« aus sich heraus. Geht ihm einer ab dabei?
Jetzt mach aber mal einen Punkt, ja? Soll ich etwa Samba tanzen? Der Deutsche an sich ist eben kein Sambatänzer, der hat den Rhythmus nicht im Blut. So ein Spiel ist ja auch kein Spaß, da hängt schließlich eine ganze Menge dran.
So? Was denn?
Gute Frage. Keine Ahnung, wie ich das ausdrücken soll. Es hat mit Ehre zu tun und mit Stolz.
Stolz auf was? Es spielen zwei Mannschaften gegeneinander, und die Mitglieder der einen haben dieselbe Staatsbürgerschaft wie Du – durchweg Millionäre, mit denen Dich sonst nicht das geringste verbindet. Mitspielen tust Du auch nicht, sondern schaust nur zu. Worauf genau bist Du also stolz?
Stolz auf unser Land. Kannst Du nichts mit anfangen, wie? Ich schon: Ich bin immer noch stolz, Deutscher zu sein. Der Brasilianer ist stolz, der Franzose ebenfalls, also warum sollte ich nicht auch stolz sein? Wer will schon einem Verlierervolk angehören? Ich jedenfalls nicht. Außerdem war das schon immer so. Es gibt Momente im Leben, da gehören wir alle zusammen, keiner fragt nach dem Einkommen oder dem wieso und warum. Das verstehst Du eben nicht.
Richtig, drum haben wir das Interview ja überhaupt gemacht. Letzte Frage: Wer wird Weltmeister?
Wir natürlich. Alles andere wäre eine Katastrophe.
Du kannst fragen. Natürlich freue ich mich, wer freut sich nicht? Zumal ich nicht viel zum Freuen hatte in letzter Zeit, das weißt Du ja. Job verloren wegen Umstrukturierung und so, Schulden bis zum Anschlag, dazu die leidige Gallengeschichte, so langsam wird es also mal wieder höchste Eisenbahn. Schließlich ist man Mensch und der Mensch muss sich ab und zu freuen, sonst kann er sich ja gleich die Kugel geben. Die WM war schon immer klasse, und wenn man sie dazu noch im eigenen Land hat, ist das natürlich oberklasse. Freust Du Dich etwa nicht?
Tut mir leid, aber ich stelle die Fragen – Du antwortest lediglich. Nächste Frage: Einige Spiele werden hier in Stuttgart stattfinden. Wird man Dich im Stadion begrüßen dürfen?
Leider nicht, Karten kann ich mir natürlich keine leisten. Die Firma, wo die Roswitha arbeitet, die hat sich einen ganzen Stapel geschnappt, eine Zeitlang dachte ich, vielleicht komme ich so an eine ran. War aber nichts, die verteilten sie nicht an poplige Angestellte, sondern an obere Ränge und Geschäftspartner. Werden wohl eine Menge Business-Nasen in den Stadien herumhängen, wie es aussieht. Champagnerglas in der einen Hand, Lachshäppchen in der anderen. Trotzdem stinkt es mir, nicht live dabei zu sein. Ich werde wohl mit dem Schlossplatz vorlieb nehmen, da stellen sie Leinwände auf.
Ja, heißt es. Ein kleines Entgegenkommen an den Mob. Wo die Abermillionen Betrunkener ihre Notdurft verrichten werden, ist aber noch unklar. Seltsam eigentlich, nicht? Viel Bier, viel Pipi – das weiß doch jedes Kind.
Es gibt einen Kloführer, der sich per Handy abrufen lässt. Ob es das bringt, wird man sehen. Apropos Bier: Die Brauereien kotzen ohne Ende, weil nur offizielle Sponsoren Bier ausschenken dürfen, Anheuser und so. Von der Plörre muss man wahrscheinlich noch mehr pissen als sonst.
Es werden sicher eine Menge Hyundais herumstehen, vielleicht könnte man die ja … aber lassen wir das.
Hyundais?
Hyundais, ja. Die sind Sponsoren, also muss man ihre Autos bestaunen. Hie und da jedenfalls. Nicht Mercedesse und Porsches wie gewohnt. Und ansonsten ist eben Dauerfernsehen angesagt, nehme ich an?
Klar, Zeit habe ich ja genug. Die Roswitha hat mir letzte Woche ein T-Shirt geschenkt, mit einer großen sieben drauf und drüber steht Barthel, dazu noch eine Kappe in den Deutschlandfarben, astreine Klamotten, die werde ich zum Zugucken immer anziehen.
Aha. Ist das nicht ein bisschen kindisch?
Kann gut sein, aber für mich gibt’s nun mal kein Halten, wenn Fußball läuft. Ausnahmezustand sozusagen. Ich hoffe nur, dass die Glotze nicht mittendrin den Geist aufgibt, das wäre ein echter Alptraum.
Der Innenminister würde am liebsten die Bundeswehr aufmarschieren lassen, einzelne Abgeordnete wollten den Bundestrainer ins Parlament vorladen, wo er sein Konzept erläutern sollte, auch Kaiser Franz, immerhin OK-Chef, lässt keine Gelegenheit aus, Klinsmann öffentlich herunterzuputzen, die Torwart- wird zur nationalen Schicksalsfrage und jeder kleine Würstchenverkäufer wird penibel durchleuchtet. Sind das deutliche Indizien für eine totale Hysterie?
Sehe ich nicht so. Sicher, der Beckenbauer labert viel, wenn der Tag lang ist, aber es gibt eben keinen, der soviel von Fußball versteht wie er, abgesehen vom Blatter Sepp vielleicht. Und wir stehen sozusagen im Mittelpunkt der Welt, alle schauen auf uns. Stell Dir doch mal vor, was los wäre, wenn der Würstchenverkäufer ein verkleideter Islamheini wäre, der sich mitsamt seiner Bude in die Luft sprengt. Oder ein Flugzeug ins Stadion rauscht. Nein, das ist schon okay so, Sicherheit gehört eben dazu. Und mit dem Klinsi, also ich weiß ja nicht. Warum muss der unbedingt in Amerika hocken? Und dass er den Kahn herausgenommen hat, verstehe ich nicht, wo wären wir denn heute ohne den Olli? Ich hoffe nur, dass die demnächst mal den Müll hier wegbringen, bei uns liegen immer noch Berge vor der Tür und stinken vor sich hin, wie sieht denn das aus? Ein Land will die WM ausrichten und bekommt noch nicht mal den Müll weggeschafft, nur weil ein paar faule Säcke wochenlang streiken?
Was ich nie verstanden habe: Deine konkrete Lebenssituation wird doch in keiner Weise von einem Spielergebnis beeinflusst, was um alles in der Welt treibt Euch Fußballfans also wahlweise in höchste Euphorie oder tiefste Depression?
Also das mit der Lebenssituation finde ich jetzt zu abstrakt. Es geht um das Gefühl, nichts anderes. Daran gibt‘s nichts zu verstehen, man fühlt es entweder oder nicht. Für mich ist das wie eine Schlacht, entweder gewinnen wir sie oder wir verlieren sie. Und ich gewinne eben lieber.
Den Eindruck hatte ich leider auch schon öfter. Leute wie die Brasilianer etwa, die sind ja noch halbwegs erträglich: Halbnackige, die Samba tanzen, der Rest trommelt. Der deutsche Block holt kollektiv Luft, brummt bedrohlich und würgt dann wie mit letzer Kraft ein dumpfes »Sieg! Sieg!« aus sich heraus. Geht ihm einer ab dabei?
Jetzt mach aber mal einen Punkt, ja? Soll ich etwa Samba tanzen? Der Deutsche an sich ist eben kein Sambatänzer, der hat den Rhythmus nicht im Blut. So ein Spiel ist ja auch kein Spaß, da hängt schließlich eine ganze Menge dran.
So? Was denn?
Gute Frage. Keine Ahnung, wie ich das ausdrücken soll. Es hat mit Ehre zu tun und mit Stolz.
Stolz auf was? Es spielen zwei Mannschaften gegeneinander, und die Mitglieder der einen haben dieselbe Staatsbürgerschaft wie Du – durchweg Millionäre, mit denen Dich sonst nicht das geringste verbindet. Mitspielen tust Du auch nicht, sondern schaust nur zu. Worauf genau bist Du also stolz?
Stolz auf unser Land. Kannst Du nichts mit anfangen, wie? Ich schon: Ich bin immer noch stolz, Deutscher zu sein. Der Brasilianer ist stolz, der Franzose ebenfalls, also warum sollte ich nicht auch stolz sein? Wer will schon einem Verlierervolk angehören? Ich jedenfalls nicht. Außerdem war das schon immer so. Es gibt Momente im Leben, da gehören wir alle zusammen, keiner fragt nach dem Einkommen oder dem wieso und warum. Das verstehst Du eben nicht.
Richtig, drum haben wir das Interview ja überhaupt gemacht. Letzte Frage: Wer wird Weltmeister?
Wir natürlich. Alles andere wäre eine Katastrophe.




AJ
am 28. Apr, 12:13