
Delta Blues
Zum Glück nahmen meine Eltern die Ankündigung, ich würde jetzt in die Wildnis verschwinden in der Hoffnung, von einem Einheimischen eine Woche lang in einem hölzernen Einbaumboot durch den Sumpf gerudert zu werden, mit größtmöglicher Gelassenheit zur Kenntnis. "Meld dich, wenn du wieder da bist." Einzig ein besorgter Kollege meines Vaters fühlte sich verpflichtet, nachdem ich nicht auf seine Warnungen hören wollte, den Windhoeker Anwalt anzurufen und mit diplomatischen Verwicklungen zu drohen, falls ich verloren gehen sollte.
Das beeindruckte natürlich wenig und so stieg ich schließlich in die kleinste Linienmaschine der Namib Air, deren sechs Sitze nur zur Hälfte belegt waren. Größer hätte die Kiste für das kleine Rollfeld in Maun auch nicht sein dürfen, sonst hätten wir die Wellblechhütte am Ende gerammt, die damals noch als Zollhäuschen diente. Die Einreise klappte problemlos, dauerte aber etwas länger, weil die Zollbeamtin zuerst ihre kleine Tochter stillen mußte. Aber sie hatte ja noch drei Kinder rumwuseln, die für Entertainment während der Wartezeit sorgten.
In Maun suchte ich erst ein Hotel und dann einen Guide, wobei sich das eine auf wundersame Weise mit dem anderen verbinden ließ, denn der Mann an der Rezeption hatte einen Cousin, der wiederum an der Rezeption des Nachbarhotels stand, und dessen Halbbruder usw. Egal, jemand kannte jemanden, der im Delta lebte, sich entsprechend gut dort auskannte, mit Englischbröckchen um sich werfen konnte und tatsächlich grad in der Stadt war. So lernte ich Josef kennen, der mich gegen Verpflegung und ein geringes Entgelt fünf Tage lang in seinem Mokoro, dem traditionellen hölzernen Einbaumboot, durchs Delta staken wollte.
Ich kaufte auf seine Anweisung hin kiloweise Reis und ein bißchen Kleinkram. Das sollte reichen, denn er wollte allabendlich mit einer Reuse frischen Fisch fangen und ihn dann in einem eisernen Dreifußtopf überm offenen Feuer kochen. Vielleicht hätte ich noch mehr gekauft, wenn ich gewußt hätte, daß er den Fisch samt Schuppen, Gräten und Innereien zusammen mit dem Reis in den Topf warf und ich jeden Abend geraume Zeit mit dem Auseinanderpulen von Fischteilen verbringen würde. Aber hey, ich wollte ja unbedingt ein Abenteuer und keine Pauschaltour mit Cocktails im Sonnenuntergang.
Allzuviel paßte eh nicht in so ein schmales Boot, wie ich sehr früh am nächsten Morgen feststellen mußte. Dafür ist das leichte, flache Boot das ideale Transportmittel im Delta, wo sich flache, sumpfige und sehr bewachsene Gewässer mit klaren, schnellen Flüssen abwechseln. Man gelangt überall hin, bewegt sich dank "Stockantrieb" nahezu geräuschlos vorwärts und stört weder Flora noch Fauna dauerhaft. Und selbst die Hauptflüsse sind noch flach genug, um den langen Stock in den Boden zu drücken und sich damit vorwärts zu stoßen.
Zumindest trieb Josef uns damit zügig voran. Mein einziger Versuch (vorsichtshalber mit leerem Boot) endete in einem sinnlosen Kreisverkehr, den ich nur durch einen Sprung ins Wasser unterbrechen konnte. Ich mußte das störrische Biest dann unter Josefs gehässigem Gelächter schwimmend an Land ziehen. Zum Glück wies er mich erst später auf die Krokodilgefahr hin. "But I look, no croc there when you swim boat back."
Krokodile sind nur eine der Gefahren im Delta. Mindestens ebenso gefährlich sind die auf den ersten Blick eher gemütlich wirkenden Flußpferde. Die Weibchen schließen sich tagsüber mit ihren Jungen zu Gruppen zusammen, liegen dann still im Wasser, so daß nur noch die Augen rausgucken und werden sehr ungemütlich, wenn sie bei ihrer Siesta gestört werden. Man trifft im Delta viele Überlebende von Hippo-Angriffen, denen Arme oder Beine fehlen. Und man hört auch immer wieder von ahnungslosen Touristen, die ihre Zelte genau in der Futterschneise der Flußpferde aufschlagen und dann nachts zu Tode getrampelt werden, wenn die Hippos an Land kommen um zu fressen.
Aber ich war ja keine ahnungslose Touristin, sondern in Begleitung von Josef, der hoffentlich wusste was er da tat. "Oh, ve must quickly turn around, there is much hippo and hippo is not friendly today." Manchmal kamen mir zwar leichte Zweifel, etwa als ich nachts von komischen Geräuschen wach wurde und Josef mich beruhigte, bloß um mir dann am nächsten Morgen die Spuren eines Löwen unweit unseres Schlafplatzes zu zeigen.
Wir steuerten jede Nacht eine andere kleine, unbewohnte Insel an, rollten unsere Schlafsäcke aus und machten ein Feuer, um Tee und den frisch gefangenen Fisch in toto zu kochen - wobei sich die Gräten übrigens ganz wunderbar als Zahnstocher nutzen lassen. Am nächsten Morgen erkundeten wir dann die Insel oder eine andere in der Nachbarschaft zu Fuß. Josef scheuchte mich stundenlang in der zunehmenden Hitze durch häufig mannshohes Gras und geriet dabei noch nicht mal ins Schwitzen, während ich jeden Moment tot umzufallen glaubte - Geierfutter, obwohl ich damals mehrmals in der Woche 10km lief und ziemlich fit war. Immerhin sagte er mir zum Abschluß aufmunternd: "You is pretty fast for tall white women."
Aber Josef war nicht nur schnell, er sah natürlich auch viel mehr als ich. Er wies mich auf die Gazellen- und Pavianherden hin, fand und erklärte Spuren, über die ich vermutlich einfach nur japsend hinweggelaufen wäre. Als wir am dritten Tag mehrere Kaffernbüffel im etwa 150 Meter entfernten Gebüsch stehen sahen, zweifelte ich wieder mal an meiner großartigen Abenteueridee. Schließlich sind die leise schnaubenden und scheinbar friedlich grasenden Bullen über drei Meter lang und wiegen rund 900 Kilo. In freier Wildbahn weitaus beeindruckender als etwa Bambis zarter Papa.
Ich traute mich kaum noch zu atmen und fragte Josef, was wir tun müßten, falls sie auf uns zulaufen sollten. "Oh, dey is verrry fast." - "So what do we do?" - "You must also rrun very fast. Then you climb de little tree over there. Then buffalo come, kill tree and then you die. It is really simple." Klar, wäre ich allein nie drauf gekommen. Für so etwas braucht man einen erfahrenen Guide. Aber Sterben war ohnehin eines der Lieblingsthemen von Josef. Als ich ihn nach der Mamba, einer sehr giftigen Schlangenart, fragte und danach, was im Fall eines Bisses zu tun sei, bekam ich als Antwort: "Oh, you sit down, then you tell me who I must greet, I remember and then you die."
Unsere Nachmittage verliefen weniger blutrünstig, sofern wir nicht auf Hippos ("they bite off arm, verrrry quickly") oder Krokodile ("they take you under water and then you die, but not quickly") stießen. Wir glitten langsam mit dem Mokoro durch den Sumpf, vorbei an riesigen Seerosenfeldern, durch glasklare Flüsse mit kleinen Fischen oder hielten uns am Rand versteckt und beobachteten Reiher bei der Jagd. Das Okavango-Delta ist dank seines weltweit einzigartigen Vogelreichtums der Traum eines jeden Ornithologen.
Da ich so gut wie gar nichts über die einheimischen Vögel wusste und mich vorher auch nie besonders dafür interessiert hatte, kramte ich in den ersten zwei Tagen immer wieder mein Bestimmbuch hervor, das die Musterschülerin in mir mitgenommen hatte. Josef blätterte anstandshalber mit, befand aber schließlich völlig zurecht: "Must look more in sky, less in book." Ich hab seither nie wieder einen Blick reingeworfen.
Ohne Bestimmbuch genoß ich an den weiteren Nachmittagen vor allem das langsame Dahingleiten über glitzernde Wasserflächen, die Ruhe und Einsamkeit, denn wir begegneten nur selten einem anderen Menschen, die Abgeschiedenheit von der Welt und von meinem normalen Alltag und immer wieder staunend die unglaubliche Schönheit dieser Gegend. Außerdem erzählte Josef viel über die Lebensweise der Menschen, über die Probleme zwischen den Fischern im Delta und den Viehzüchtern in den Savannen außerhalb, über die AIDS-Kranken in den Städten, über seine Probleme eine Frau zu finden, seit ihm seine letzte weggelaufen war usw.
An unserem letzten gemeinsamen Tag nahm er mich mit in sein Heimatdorf und stellte mir seine weitläufige Verwandtschaft vor, die so ziemlich die gesamte Dorfbevölkerung zu umfassen schien. Es gab Fisch, Maisbrei, in der Sonne getrocknete Raupen, die wie Erdnüsse schmeckten und irgendein gefährliches alkoholisches Getränk, das wochenlang in Kalebassen unter der Erde vergoren wird. Ich verschenkte meine letzten Lebensmittel, Kleidung und den Schlafsack und wurde irgendwie das Gefühl nicht los, daß mich alle für eine etwas ungewöhnliche, aber ganz gute Partie hielten.
Am Flughafen dann wieder die Prozedur mit der stillenden Zollbeamtin. Aber als ich endlich aufs Rollfeld trat, war gar nichts wie vorher. Zumindest war kein Flugzeug der Namib Air zu sehen. Stattdessen trat ein Typ mit staubigem Cowboy-Hut und beigefarbenen Kniestrümpfen auf mich zu und sagte: "Hi, you must be Katharina. Ah'm John and ah'm your pilot for today, kiddo."
Es stellte sich heraus, daß ich der einzige Linienfluggast des Tages war und die Namib Air keine Lust hatte, ihre sechssitzige Maschine extra meinetwegen aus Windhoek einzufliegen. Also hatten sie John engagiert, der irgendwann vor einer halben Ewigkeit mal aus Australien gekommen war, um als Ingenieur in einer Diamantmine zu arbeiten. Er hatte sich schließlich eine kleine Farm im Süden Namibias gekauft und nutzte seinen zweisitzigen Flieger normalerweise, um Kontrollflüge über seine Farm zu machen und gelegentlich eben auch, um im Auftrag Touristen durch die Gegend zu chauffieren.
Ich krabbelte in das winzige Flugzeug, und er drückte mir eine Lunchbox in die Hand: "Mah wife does the in-flight catering." Kurz nach dem Abheben mußte ich aber schon das Sandwich gegen eine Karte tauschen, denn John kannte sich in dieser Gegend nicht so richtig gut aus. "You know how to read a map, right kiddo?" Also flogen wir bis kurz vor Windhoek recht tief und orientierten uns mit Hilfe einer ganz normalen Straßenkarte, was angesichts der wenigen Straßen zum Glück nicht sonderlich schwierig war.
Ich hab auch nur einen einzigen Fleck beim Essen in der Karte hinterlassen, irgendwo östlich von Otjiwarongo, wo es eh kaum Straßen gibt. Der Sehnsuchtsfleck, den diese Reise in meinem Herz hinterlassen hat, ist wesentlich größer.


Thinkabout
am 1. Mai, 20:26