
Auf einem Porzellandalmatiner in den Sonnenuntergang
von Katharina „Lyssa“ Borchert
Man kann grundsätzlich zwei Arten von Kitsch unterscheiden: guten Kitsch und schlimmen Kitsch. Der eigene Kitsch ist natürlich immer der gute, der Kitsch anderer Leute fällt häufig genug in die zweite Kategorie. Wirklich gefährlich sind aber nur solche Exponate, die von den Besitzern nicht als Kitsch erkannt und häufig für viel Geld als vermeintlich edle Wohnungseinrichtung erworben werden. Mir fallen da spontan die lebensgroßen Porzellandalmatiner ein, die sich vor allem im Ruhrgebiet lange großer Beliebtheit erfreut haben. Aber solange man offen zu seinem Kitschfaible steht, darf man hemmungslos darin schwelgen. Ich gehe gerne mit gutem Beispiel voran, auch wenn der Kitsch und ich erst auf Umwegen zueinander fanden.
Mein Elternhaus war weitestgehend kitschfrei eingerichtet, sieht man mal von der Asservatenkammer ab. So lautet der Name der hauseigenen Bar, in der bis heute Geschenke von geschmacksverirrten Freunden ausgestellt werden, sofern sie nicht unsichtbar verwahrt werden können. Die Wohnungen der diversen älteren Damen hingegen, die zwischenzeitlich als Babysitter fungierten, waren eher das Gegenteil: Gelsenkirchener Barock in Reinkultur.
Mein absoluter Favorit war das Schlafzimmer von Tante B., einer nicht näher verwandten Nenntante. Über dem mit reichlich Schnörkeln verzierten, dunklen Holzbett hing ein riesiges Gemälde in einem mit noch viel mehr Schnörkeln geschmückten Goldrahmen. Das Bild zeigte den erwachsenen Jesus umgeben von kleinen, dicken Engeln und wolligen Schafen mit treudoofem Blick. Der Künstler hatte sein Faible für Pastellfarben so geschickt mit einem David-Hamilton-Weichzeichnereffekt kombiniert, daß man vor Schreck starr vor dem Bild stehen blieb, was regelmäßig als Ausdruck des Wohlgefallens fehlinterpretiert wurde. Dieses Erweckungserlebnis hat mich schon früh von allen Spielarten des Gelsenkirchener Barocks kuriert.
Mit 16 landete ich für ein Jahr im Mittleren Westen der USA, der Hochburg des Landhausstils. Die bevorzugten Wohnfarben dort waren taubenblau, altrosa, wollweiß und blaßgrün. Dazu wurde reichlich staubsammelnder Schnickschnack serviert, der wohl an die gute alte Zeit der ersten Siedler erinnern sollte. An damals, als bekanntlich alles noch besser war, als man seinen Nachbarn ungestraft erschießen konnte, wenn er zuviel Lärm machte und kleine Kinder noch zu ruhigen, gottesfürchtigen Menschen erzogen wurden. Man begegnete reichlich geblümten Vorhängen mit üppigen Rüschen, farbenfrohen Quilts, Kreuzstichbildchen mit frommen Sprüchen, erdfarbenem Töpfergut und kleinen Püppchen mit der typischen Siedlerkleidung. Da ich in ständigem Konflikt mit dem engen Weltbild und den strengen Moralvorstellungen der Siedler und ihrer wilden Nachkommen stand, übte auch diese Form von Kitsch keinerlei Reiz auf mich aus.
Den Zugang zum Kitsch hat mir vermutlich meine kurze Romanze mit der katholischen Kirche eröffnet. Als Protestant lebt man ja in einer sehr vergeistigten, ritual- und schmuckfreien Welt, mehr als ein schlichtes Holzkreuz ist eigentlich nicht vorgesehen. Die Gottesdienste meiner Kindheit fanden in einem typischen Nachkriegssakralbau statt, der mehr einer staubigen Schulaula denn einem Gotteshaus ähnelte. Mit zwölf entschied ich mich, Sonntags morgens einfach 200 Meter weiter die Straße runter die prunkvolle katholische Kirche zu besuchen. Eine Offenbarung - wenngleich eher visueller denn religiöser Natur.
Gold, überall Gold und dicke Posaunenengel, eine riesige Orgel, bunte Fenster, in denen sich das Morgenlicht glitzernd brach, ein edel behangener Geistlicher und nicht jemand, der Birkenstockschuhe zum Vollbart trug und in Kirchentagsseligkeit „Danke für diesen guten Morgen“ auf der Gitarre vortrug. Dazu diverse gut gekleidete Meßdiener, die mit allerhand goldenem Gerät hantierten und schließlich noch der betörende Weihrauchgeruch. Fortan ging ich sonntags ausschließlich zu den Katholiken, ließ Weihrauchschwaden aus meinem Zimmer wabern (Marke: Drachenblut) und sammelte Heiligenbildchen und Ikonen.
Meine Begeisterung ebbte allerdings schnell wieder ab, als mir klar wurde, daß meine Zukunft als Frau in dieser Kirche eine sehr schweigsame sein würde und ich weder vorehelichen Sex haben noch je so ein goldbesticktes Mäntelchen tragen dürfte. Die Vorliebe für Gold und Sakralkitsch blieb mir jedoch erhalten. Deshalb rahmen goldene Engelskonsolen mit weinroten Kerzen darauf die Tür zu meinem Schlafzimmer, die Gardinen im Schlafzimmer sind ebenfalls Weinrot mit Gold geschmückt und selbst im weinroten Badezimmer hängt ein goldgerahmter Spiegel.
Die letzten Spuren meiner Ikonenleidenschaft finden sich im Büro. Auf die Darstellung von Heiligen im Schlafzimmer habe ich mit Rücksicht auf mein Sexualleben verzichtet. Ich habe noch keinen Mann kennengelernt, der sich in der Horizontalen wirklich verausgaben konnte, während ihm Jesus und die Heilige Jungfrau interessiert über die Schulter schauen. Mit der sonstigen opulenten Zimmerausstattungen kommen Männer meist erstaunlich gut klar. Sie fühlen sich allerdings häufig animiert, mich mit kitschigen Geschenken zu beglücken, die leider nur sehr selten etwas mit meiner Art von Kitsch zu tun hat.
Sie greifen dann gern auf den in Läden mit lustigen Namen angebotenen Romantikkitsch zurück und verstehen nicht, daß ich mir eine neue, streng geheime Handynummer zulege, bloß weil sie mir eine Diddl-Sternzeichentasse geschenkt haben. Oder daß ich prinzipiell keine halben Herzen mit „Du fehlst mir“-Aufdruck mit ins Bett nehme und leider auch nicht auf Schäfchenpostkarten mit ganz-ganz-niedlichen Sprüchen antworte. Ich finde es auch nicht romantisch, mir eingequetscht zwischen betrunkenen Stadtrandbewohnern das Feuerwerk zum Kirschblütenfest anzugucken und mir bei jedem „Ooooh“ etwas Bier in den Ausschnitt kippen zu lassen.
Mein klitzekleiner romantischer Kern, der Teil also, der mich von einer scharfzüngigen Frau in ein rehäugiges Geschöpf verwandelt, ist unter einer eisenharten Schutzschicht verborgen, der man nur mit viel Phantasie und Kreativität beikommt. Diddl und sein putzigen Freunde sind dabei eher hinderlich. Es lohnt sich also, beizeiten den Unterschied zwischen gutem und schlechtem Kitsch zu lernen.
Mein Elternhaus war weitestgehend kitschfrei eingerichtet, sieht man mal von der Asservatenkammer ab. So lautet der Name der hauseigenen Bar, in der bis heute Geschenke von geschmacksverirrten Freunden ausgestellt werden, sofern sie nicht unsichtbar verwahrt werden können. Die Wohnungen der diversen älteren Damen hingegen, die zwischenzeitlich als Babysitter fungierten, waren eher das Gegenteil: Gelsenkirchener Barock in Reinkultur.
Mein absoluter Favorit war das Schlafzimmer von Tante B., einer nicht näher verwandten Nenntante. Über dem mit reichlich Schnörkeln verzierten, dunklen Holzbett hing ein riesiges Gemälde in einem mit noch viel mehr Schnörkeln geschmückten Goldrahmen. Das Bild zeigte den erwachsenen Jesus umgeben von kleinen, dicken Engeln und wolligen Schafen mit treudoofem Blick. Der Künstler hatte sein Faible für Pastellfarben so geschickt mit einem David-Hamilton-Weichzeichnereffekt kombiniert, daß man vor Schreck starr vor dem Bild stehen blieb, was regelmäßig als Ausdruck des Wohlgefallens fehlinterpretiert wurde. Dieses Erweckungserlebnis hat mich schon früh von allen Spielarten des Gelsenkirchener Barocks kuriert.
Mit 16 landete ich für ein Jahr im Mittleren Westen der USA, der Hochburg des Landhausstils. Die bevorzugten Wohnfarben dort waren taubenblau, altrosa, wollweiß und blaßgrün. Dazu wurde reichlich staubsammelnder Schnickschnack serviert, der wohl an die gute alte Zeit der ersten Siedler erinnern sollte. An damals, als bekanntlich alles noch besser war, als man seinen Nachbarn ungestraft erschießen konnte, wenn er zuviel Lärm machte und kleine Kinder noch zu ruhigen, gottesfürchtigen Menschen erzogen wurden. Man begegnete reichlich geblümten Vorhängen mit üppigen Rüschen, farbenfrohen Quilts, Kreuzstichbildchen mit frommen Sprüchen, erdfarbenem Töpfergut und kleinen Püppchen mit der typischen Siedlerkleidung. Da ich in ständigem Konflikt mit dem engen Weltbild und den strengen Moralvorstellungen der Siedler und ihrer wilden Nachkommen stand, übte auch diese Form von Kitsch keinerlei Reiz auf mich aus.
Den Zugang zum Kitsch hat mir vermutlich meine kurze Romanze mit der katholischen Kirche eröffnet. Als Protestant lebt man ja in einer sehr vergeistigten, ritual- und schmuckfreien Welt, mehr als ein schlichtes Holzkreuz ist eigentlich nicht vorgesehen. Die Gottesdienste meiner Kindheit fanden in einem typischen Nachkriegssakralbau statt, der mehr einer staubigen Schulaula denn einem Gotteshaus ähnelte. Mit zwölf entschied ich mich, Sonntags morgens einfach 200 Meter weiter die Straße runter die prunkvolle katholische Kirche zu besuchen. Eine Offenbarung - wenngleich eher visueller denn religiöser Natur.
Gold, überall Gold und dicke Posaunenengel, eine riesige Orgel, bunte Fenster, in denen sich das Morgenlicht glitzernd brach, ein edel behangener Geistlicher und nicht jemand, der Birkenstockschuhe zum Vollbart trug und in Kirchentagsseligkeit „Danke für diesen guten Morgen“ auf der Gitarre vortrug. Dazu diverse gut gekleidete Meßdiener, die mit allerhand goldenem Gerät hantierten und schließlich noch der betörende Weihrauchgeruch. Fortan ging ich sonntags ausschließlich zu den Katholiken, ließ Weihrauchschwaden aus meinem Zimmer wabern (Marke: Drachenblut) und sammelte Heiligenbildchen und Ikonen.
Meine Begeisterung ebbte allerdings schnell wieder ab, als mir klar wurde, daß meine Zukunft als Frau in dieser Kirche eine sehr schweigsame sein würde und ich weder vorehelichen Sex haben noch je so ein goldbesticktes Mäntelchen tragen dürfte. Die Vorliebe für Gold und Sakralkitsch blieb mir jedoch erhalten. Deshalb rahmen goldene Engelskonsolen mit weinroten Kerzen darauf die Tür zu meinem Schlafzimmer, die Gardinen im Schlafzimmer sind ebenfalls Weinrot mit Gold geschmückt und selbst im weinroten Badezimmer hängt ein goldgerahmter Spiegel.
Die letzten Spuren meiner Ikonenleidenschaft finden sich im Büro. Auf die Darstellung von Heiligen im Schlafzimmer habe ich mit Rücksicht auf mein Sexualleben verzichtet. Ich habe noch keinen Mann kennengelernt, der sich in der Horizontalen wirklich verausgaben konnte, während ihm Jesus und die Heilige Jungfrau interessiert über die Schulter schauen. Mit der sonstigen opulenten Zimmerausstattungen kommen Männer meist erstaunlich gut klar. Sie fühlen sich allerdings häufig animiert, mich mit kitschigen Geschenken zu beglücken, die leider nur sehr selten etwas mit meiner Art von Kitsch zu tun hat.
Sie greifen dann gern auf den in Läden mit lustigen Namen angebotenen Romantikkitsch zurück und verstehen nicht, daß ich mir eine neue, streng geheime Handynummer zulege, bloß weil sie mir eine Diddl-Sternzeichentasse geschenkt haben. Oder daß ich prinzipiell keine halben Herzen mit „Du fehlst mir“-Aufdruck mit ins Bett nehme und leider auch nicht auf Schäfchenpostkarten mit ganz-ganz-niedlichen Sprüchen antworte. Ich finde es auch nicht romantisch, mir eingequetscht zwischen betrunkenen Stadtrandbewohnern das Feuerwerk zum Kirschblütenfest anzugucken und mir bei jedem „Ooooh“ etwas Bier in den Ausschnitt kippen zu lassen.
Mein klitzekleiner romantischer Kern, der Teil also, der mich von einer scharfzüngigen Frau in ein rehäugiges Geschöpf verwandelt, ist unter einer eisenharten Schutzschicht verborgen, der man nur mit viel Phantasie und Kreativität beikommt. Diddl und sein putzigen Freunde sind dabei eher hinderlich. Es lohnt sich also, beizeiten den Unterschied zwischen gutem und schlechtem Kitsch zu lernen.


Maude
am 18. Apr, 16:48