Is ja nur Internet

von Katharina „Lyssa“ Borchert
Vor zehn Jahren etwa, fast noch in der Steinzeit also, war das Internet bevölkert von wunderschönen Frauen mit vollen Lippen, blonden Haaren und Idealmaßen, die von unerschrockenen Helden mit vollem Haar, kantigen Gesichtszügen und Sixpack in Webchats mit komischen Namen umworben wurden. Durchschnittsgesichtern mit Cellulite am Schenkel oder drohendem Doppelkinn war der Zutritt scheinbar verboten. Selbst in Kontaktanzeigen präsentierten sich fast nur Traumgestalten. Im Laufe der letzten drei Jahre aber sind die Pappkameraden in die Dan-Brown-Thriller umgezogen und der virtuelle Raum wird plötzlich von echten Menschen bevölkert.

Diese echten Menschen geben in Netzwerken ihren richtigen Namen und ihren tatsächlichen Beruf an, stellen häufig sogar ein Bild dazu, und plötzlich fällt auf, dass nicht alle aussehen wie George Clooney. Und dass es immer noch verdammt viele Versicherungsfachangestellte gibt, während man vor Jahren glauben musste, alle hätten Millionen mit ihren wahnsinnig erfolgreichen Start-ups verdient und würden jetzt von ihren Yachten irgendwo im Mittelmeer chatten, während man selbst als einziger seiner Generation noch in der Vorstadt-Studentenbutze hockte.

Die echten Menschen schreiben außerdem regelmäßig mehr oder minder offen in Blogs über ihren Alltag und berichten dabei längst nicht nur Dinge, die einem Superhelden-Image zuträglich wären. Und auch das tun sie immer häufiger unter ihrem richtigen Namen mit vollständigem Impressum und reichhaltig bebildert. Leider schießen inzwischen etliche weit über das Ziel hinaus und vergessen dabei, dass das Internet keine bunt animierte Spielwiese ist, die irgendwo weitab der eigenen Realität stattfindet und ohne Auswirkungen auf das sonstige Leben bleibt.

Sie fotografieren wildfremde Menschen auf der Straße, ohne nach deren Einwilligung zu fragen, und amüsieren sich dann im Netz über das sonderbare Aussehen der Fotografierten. Die dermaßen Bloßgestellten stolpern durch eine dummen Zufall über ihr Bild und schicken den Anwalt ihres Vertrauens los. Die Hobbyfotografen wundern sich dann ganz doll. Aber man hat doch niemanden beleidigen wollen. Alles nur ein harmloser Scherz. Das sagen bevorzugt auch diejenigen, die im Internet an jedes Bein pinkeln, das am Horizont auftaucht, bei einem persönlichen Treffen dann aber bitte liebgehabt werden wollen. Is ja nur Internetz, gell.

Andere fotografieren, als gäbe es ab morgen keine Gelegenheit mehr dazu und als seien Persönlichkeitsrechte eine absurde Erfindung von Science Fiction Autoren. Die Freundin nackt am Strand, die Kinder ebenso unbekleidet in der Badewanne, die Nachbarin im Bikini auf dem Balkon, sich selbst mit den besten Freunden sturzbesoffen im Karneval. Und diese ungemein witzigen Bilddokumente, für die Privatdetektive früher monatelang auf der Lauer gelegen hätten, stellen sie dann öffentlich einsehbar bei flickr & Co. zur Schau.

Lustigerweise machen das vor allem Menschen, die zuhause blickdichte Vorhänge haben und ihre Nummer schon vor Jahren aus dem Telefonbuch streichen ließen. Leute, die es für unzumutbar halten, sich ein vollständiges Impressum zuzulegen, von wegen Privatsphäre und so. Natürlich würden sie die Nacktfotos der Freundin nicht auf dem Schreibtisch im Büro rumliegen lassen, das könnte ja der Chef sehen, aber das hier, das ist doch nur Internet.

Ich übertreibe heute maßlos, finden Sie? Ich sollte vielleicht mal mit jemandem wegen meiner paranoiden Tendenzen reden? Es macht sich doch sowieso niemand die Mühe, ein bisschen zu googeln und mal eine halbe Stunde bei flickr zu stöbern? Sie vertrauen da ganz unbesorgt auf Ihr Glück und die Wahrscheinlichkeitsrechnung? Ach so, dann schnallen Sie sich im Auto vermutlich auch nicht an und verbringen Ihren Urlaub am liebsten im Jemen.
So mancher verrät im Internet mehr von sich, als er seinem besten Freund je erzählen würde. Wer aber meint, dass virtuell und real meilenweit voneinander entfernt liegen, hat die Rechnung ohne Suchfunktionen gemacht, die jede peinliche Kleinigkeit in Sekundenschnelle zu Tage fördern.
Wahlhamburgerin mit chronischem Fernweh, die sehr zum Leidwesen ihrer Eltern der anständigen Juristerei entsagt hat, um nicht immer ganz anständige Geschichten zu schreiben. Die Liebe zum Lesen und Schreiben ging eine Allianz mit der Begeisterung fürs Internet ein, woraus das Weblog "Lyssas Lounge" als öffentliche Chronik großer und kleiner Alltagsgeschichten entstand.
mindestens haltbar 03/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 06
ISSN 1816-8159
Autor: Katharina „Lyssa“ Borchert
Titel: Is ja nur Internet
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am 3. Apr, 11:11

Allen Ernstes: Bilder von Kindern sollten generell verboten/untersagt/no-go! erklärt werden Ich halte das für sehr bedenklich, wenn »Eltern« ihre Kinder im Internet vorzeigen wie andere ihre Hunde, Katzen oder ähnliches Getier oder die neugezüchtete Rose, deren Selbstbestimmungsrecht ignorieren um ihr eigenes Selbstbewusstsein aufzupumpen...
Widerlich.

am 9. Apr, 14:11

Ist nichts anderes als Geltungsbewusstsein: sieh her wir ham was erreicht!

Das war nirgends und niemals anders und wird sich auch nie ändern. Nur das jetzt statt der erzählerei eben das bild dazukommt!


am 26. Apr, 17:50

Gratuliere, Lyssa. Dieser Text hat eine tolle Dramatik, v.a. als Audiodatei. lese gerne wieder was von dir!