Wie dem Held das Wunder blüht

von Mek Wito
Es nerven mich nicht viele Dinge. Ich bin oftmals ein sehr pflegeleichter Mensch. Aber wenn es zum Hosenkauf kommt, dann kann ich schon mal leicht launisch werden. Dieses stundenlange Herumgeistern zwischen Hosenbügelständern, immer bei den kleinen Maßen anfangend, da ich mich jedes Mal aufs Neue so schlank und sportlich wähne, merke ich immer zu spät, dass ich beim größten Maß angelangt bin und immer noch nicht hineinpasse. Hosen kaufen dauert bei mir eine halbe Stunde. Danach bin ich stinkig. Stinkig und übelst gelaunt. Übelst.

Und so lief ich an jenem sonnigen Wintertag mit hängendem Gemüt in Begleitung eines Freundes vom Karoviertel zurück in die Schanze, über die U-Bahnbrücke beim Schlachthof. Es hätte kalte Regentropfen wehen können, schräg ins Gesicht, und immer noch wäre das Wetter freundlicher gewesen als ich, an jenem sonnigen Nachmittag.

Über Kleiderläden schimpfend und Hosen verfluchend überholten wir eine junge Familie auf der Brücke. Zwei kleine Mädchen und eine junge Mutter. Es gab eine Diskussion unter den jungen Frauen, das kleinste Mädchen, eine freche Rotznase, jammerte. Das andere Mädchen saß auf einem Schlitten, das linke Bein steif von sich gestreckt, war wohl gebrochen, hielt Krücken in der Hand und weinte.
Wir waren gerade am Schlitten vorbeigelaufen als es plötzlich schepperte. Und nochmals schepperte. Und anschließend metallisch klirrte. Im Weiterlaufen drehte ich meinen Kopf um und beobachtete, wie die drei Frauen durch die Stangen des Brückengeländers starrten. Die Krücken des verletzten Mädchens waren ihr dermaßen ungeschickt entglitten, dass sie beide durch das Brückengeländer hindurchgefallen waren, und auf einem Metallrost unterhalb der Brücke, das wohl Selbstmörder davon abhalten sollte, sich auf die Gleise zu begeben, gelandet.
Meine Laune verbesserte sich ein wenig. Keine Ahnung von Schnee und Eis, diese Norddeutschen, sagte ich zu meinem Begleiter und lächelte gequält.
Aber dann hörte ich die junge Mutter zu ihren Mädchen sagen: "Das war jetzt aber wirklich dumm von euch. Jetzt müssen wir warten bis Papa von der Arbeit kommt."

Das traf mich. Irgendwo ganz tief drinnen. Ich schaute geradeaus und ein Licht schien mir zu scheinen. Ich kann jetzt nicht mehr genau sagen, was ich in jenem Moment gesehen hatte. War es eine Vision meinerselbst in einem Fledermauskostüm? Der unbesiegbare Mek-Man? Oder trug ich eines dieser sexy rot-blauen Spinnenkostüme?
Wäre ich halbwegs bei Verstand gewesen, dann hätte ich daran gedacht wie unbequem sich dieses Spinnenkostüm über meine Bauchröllchen gespannt hätte und was für ein Anblick, SpiderMek mit eingezogenem Bauch, vor Atemnot ganz grün und blau von Hochhausfassade zu Wolkenkratzerwand Spinnenweblianen schwingend und hinter jedem Worldtradecenter kurz den Gürtel locker schnallend um dann weiterzuschwingen. Neh. Ich hätte allerdings auch an diese tolle Fledermausklamotte gedacht, sehr reizvoll, der Sixpackbauch aus schwarzem Hartplastik... aber ich schweife ab.

Stattdessen drehte ich mich langsam um und trat breiten Schrittes, in Zeitlupe, auf die aufgebrachte Frauenrunde zu.
"Was haben wir denn für ein Problem, hübsches Mädchen?"
Das eingegipste Mädchen starrte mich großäugig an und brachte kein Wort hervor. Sie war von meiner Erscheinung derartig überwältigt, dass ich einige kurze Sekunden bei dem Gedanken verharrte, ob ich heute früh nicht doch vielleicht meinen Superheldenmantel mit der Winterjacke verwechselt hatte. Ich wagte es jedoch nicht, an mir herunterzusehen. Ich musste entschlossen wirken. Nachdem dem Mädchen der Mund aufzufallen drohte, sprang die junge Mutter ein:
"Lisa, sag dem netten Herrn was los ist."
Das Mädchen antwortete nicht. Dafür meldete sich die kleine Rotzschwester zu Wort, mit ebenso rotziger Stimme:
"Klara hat die Krücken fallen lassen und die liegen jetzt da unten."
"Nicht wahr", sagte jetzt das eingegipste Mädchen, das sofort die Fassung zurückbekommen hatte, "DU hast sie mir aus der Hand gerissen."
"Nichtwahr!"
"Wohlwahr!"
"Nichtwahr!"
"Wohlwahr!"
Ich schritt ein um den Hausfrieden zu wahren:
"Aber Mädels, das ist doch kein Grund zum Streit. Ich hole euch die Krücken, dann ist alles wieder gut."
"Boah", sagte die Rotznase zu ihrer älteren Schwester, "hast DU ein Glück."
Ich lief zum Brückengeländer hin. Es reichte mir bis zum Kinn. Spätestens als ich die Lage der Krücken sah, die noch einen Meter unterhalb der begehbaren Fläche der Brücke auf einem zwei Meter breiten Metallrost lagen, das nur äußerst notdürftig verschraubt über dem Abgrund hing, unter dem jeden Moment die U-Bahn vorbeizischen konnte, bereute ich meine heldenhaften Worte. Zur Frauenrunde hatten sich mittlerweile ein paar ältere Schaulustige gesellt. Supermek konnte jetzt nicht schlappmachen. Meinen Begleiter sah ich durch mein speziales Superheldenauge im Hinterkopf sich schon ins Fäustchen lachen. Nein, jetzt nicht. Jetzt durfte ich die Welt nicht im Stich lassen.
Und so hievte ich mich in einer dermaßen schwungvollen Bewegung über dieses kinnhohe Geländer hinweg, dass ich dabei selbst ins Staunen geriet. Wie ein jugendlicher Tiger schwang ich mich über diese mörderisch hohe Balustrade.
Auf halbem Wege jedoch spürte ich einen wüsten Stich in meiner Seite. Ich wälzte mich gerade über die Kante, als der Stich meinen ganzen Körper durchzog. Von oben rechts, bei meinem Auge, bis unten Links zu meinem großen Zeh. Ein Blitz, ein Riss, als hätte mich der böse Mutant mitten ins Herz getroffen. Schwer verwundet und blutend landete ich mit einem sportlichen Satz auf der anderen Seite des Eisengitters. Die Schaulustigen auf der Brücke stöhnten auf. Ich schaute an mir herab. Keine Fleischwunden, keine Kratzer. Glück gehabt. Vor selbstloser Bescheidenheit strahlend, atmete ich tief ein und schätzte die Beständigkeit des unter mir liegenden Metallrostes ein. Vorsichtig stieg ich den Meter in die Tiefe und setzte behutsam den ersten Fuß auf das Rost. Ich drückte ein wenig, es gab nicht nach, federte nicht einmal. Beide Hände noch am Geländer setzte ich den zweiten Fuß auf. Als ich dann merkte, dass das Metall unter meinen Füßen gar nicht mal so unstabil war wie es aussah, ließ ich das Geländer los. Ja, klar, das Metallrost musste ja einen lebensmüden Sturz vor die Gleise aushalten. Also hält es lebensmüde Helden auch.

Als ich dann zu den ersten wankelnden Schritten in Richtung Krücken ansetzte, hörte ich es. DAS, das kommen musste, weil es, wie in jedem schlechten Film auch, einfach kommen muss. Das Rauschen. Das metallische Rauschen mit diesem unheimlichen Geisterton, wenn sie durch die Kurven fährt. Die U-Bahn. Ich weiß, es klingt sehr konstruiert. Ist es auch. Die U-Bahn kam nämlich gar nicht. Deshalb lasse ich es weg. Ich hätte noch lieber von einer Dampflok erzählt, die unter meinen Füßen hindurchgerauscht wäre und mich in einem Bruchteil einer Sekunde zu einem Räucherwürstchen, oder nein, in einen Räucherstier verwandelt hätte. Aber das glaubt mit ja eh keiner. Kein dramatisches Heldentum mehr, in dieser traurigen Welt von elektrisch betriebenen Wägelchen. Wie auch immer, die U-Bahn kam jedenfalls - nicht, und ich musste ganz langweilig die anderthalb Meter zu den Krücken hin laufen, sie vom Boden heben und zurückkehren. Auf dem Rückweg allerdings mit einer weitaus ernsteren Miene.
Eigentlich hätte ich mir die Krücken ja gerne auf den Rücken gebunden, wäre damit wieder über das Gitter geklettert und hätte sie feierlich dem verwundeten Mädchen überreicht, aber ich hatte kein Seil dabei, das trage ich viel zu selten mit mir herum, zudem wäre es mir auch ein wenig albern vorgekommen. Echte Helden sind bescheiden. So steckte ich die Krücken durch die Gitterstäbe hindurch und sofort kam die Rotznase herbeigelaufen, riss mir die Krücken aus der Hand und lief ohne ein einziges Wort des Dankes wieder weg, zu Mutter und Schwester.

Auf der Brücke hatte sich mittlerweile eine beachtliche Menschenmenge versammelt. Nun stieg ich wieder auf die Brücke hoch, und schon spürte ich den scharfen Stich wieder quer durch meinen Körper. So stand ich ein zweites Mal vor dem kinnhohen Geländer. Nur auf der falschen Seite. Den Stich würde ich kein zweites Mal aushalten, da musste in meinem Leib etwas wirklich gerissen sein. Aber die Menschenmenge sah mich erwartungsvoll an, tausende von Augen waren auf mich gerichtet. Nur mein Begleiter stand auf der anderen Seite der Brücke, gegen das Geländer gelehnt, die Arme verschränkt, und kicherte.
Jetzt hatte ich keine Wahl mehr, ich musste noch einmal. Und weil ein Indianer keinen Schmerz spürt, und ein echter Held erst recht nicht, hievte ich mich ein zweites Mal über die Balustrade. Der hinterhältige Stich schoss sofort wieder durch meinen Leib, aber ein Indianer fühlt keinen Schmerz, wie ein junger Tiger zog ich mich über die Kante, als mein rechter Arm sich schon gelähmt anfühlte, weil der Stich jetzt alle äußeren Körperteile erreichte, aber ein Indianer fühlt keinen Schmerz, und so ließ ich mich auf der anderen, richtigen Seite herab, viel zu hoch das Teil, ich musste mich festhalten, der Stich ging vom Herz aus in allen Richtungen meines Körpers, Schmerz lass nach - Indianer!
Und landete sanft mit beiden Beinen auf dem festen Boden der Brücke. Die Menschenmenge staunte.
Ich vergewisserte mich noch schnell mit einem prüfenden Blick, ob die Krücken das verletzte Mädchen auch erreicht hatten. Hatten sie. Und so konnte ich ruhigen Gewissens wieder meines Weges laufen. Auf Dankesworte wartete ich nicht. Echte Helden tragen den Ruhm schließlich im Herzen.

Mein Begleiter lachte, als wir in Richtung Schlachthof liefen, was-für-ein-Held ich doch gewesen sei. Und das alles bloß, weil die junge Mutter so einen hübschen Hintern gehabt habe. Oh, das hatte ich verpasst. Nein, versicherte ich ihm, das sei wirklich bloße Nächstenliebe gewesen. Eifrig zurückblickend konnte ich die junge Mutter leider nicht mehr sehen. Zu dicht stand die Menschenmenge beieinander.

Zuhause angekommen, erreichen wir jetzt endlich das eigentliche Thema dieser Geschichte, weil die Redaktion von Mindestenshaltbar ja irgendwas "Wunderbares" haben wollte. Und die Heldentat an sich ist nun wirklich nichts Wunderbares, sondern lediglich die Pflicht eines jeden jungen Helden. Nein, das Wunderbare war, dass ich nach Hause kam und zwei Briefe aus dem Postfach fischte. Zwei Briefe, die mein Herz erfreuten, weil sich darin zwei Einladungen auf Bewerbungsgespräche befanden, auf die ich wirklich ganz fest gehofft hatte. Das musste eine Belohnung des Himmels für meine erlittenen Qualen gewesen sein.
Daraufhin beschloss ich, so schnell wie möglich einen nächsten Versuch zum Hosenkauf zu unternehmen. Glück hält meistens länger an, wenn man es schonmal hat. Und meine Tat an jenem Nachmittag war nun wirklich dermaßen eine gute Tat, dass das Konto bei Fraue Fortuna ohne Zweifel bis zum Rand hin voll gewesen sein muss.
Dachte ich. Als ich zwei Wochen später im Kleiderladen stand, mich durch die Regale schlich und mich in den Kabinen in viel zu enge Hosen zwängte, wurde ich eines Besseren belehrt.

Ich gucke heute noch immer hoffnungsvoll in alle Richtungen, Strasse rauf und Strasse runter, nach bedürftigen Menschen, wenn ich das Haus verlasse um in die Einkaufsstrasse zu fahren. Manchmal lasse ich mir auch ein wenig Zeit, gehe erst noch in den Laden, ein wenig Gemüse zu kaufen, hoffe auf alte Omas an der Ampel. Aber nichts mehr. Nichts. Allen scheint es gut zu gehen. Jedenfalls immer wenn ich Hosen kaufen muss.
Super-Mek wird zum Helden aus Nächstenliebe und fischt Wunderbares aus dem Briefkasten - aber der Hosenkauf wird trotzdem um nichts leichter.
Südtiroler Kuhhirte und gelernter Hausbesetzer in Rente, lebt in Hamburg und versucht es immer wieder, sich an die Elbe zu setzen um die ultimative Liebesgeschichte zu schreiben. Bis es soweit ist, schreibt er auf Mequito.org über Basilikumzucht, Hängegeranien und andere dunkle Abgründe der Seele.
mindestens haltbar 03/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 05
ISSN 1816-8159
Autor: Mek Wito
Titel: Wie dem Held das Wunder blüht
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am 16. Mrz, 14:44

wieviele gute taten braucht man denn, um auf anhieb zur richtigen hose zu greifen? ;-)


am 22. Mrz, 10:24

Hammer Geschichte! Ich bin gelegen vor Lachen, danke... Wirklich großartig!