
Wir hoffen, Sie haben Recht, Herr Williams.
von Martina Kink
Clara. So heißt mein Schutzengel. Das hat mir eine durchgeknallte New Yorker Wahrsagerin erklärt, die Engel zwar auch nicht sehen kann, sich aber trotzdem damit auskennt. Meine linke Gehirnhälfte drehte sich sofort kopfschüttelnd weg: „Natüürlich. Engelchen.“ Normalerweise würde ich zustimmen, ich bin ein pragmatischer Mensch, esoterisch werde ich nur, wenn ich mir überhaupt nicht mehr zu helfen weiß. Schutzengel aber gefällt mir ausgesprochen gut. Engel. Wie nett.
Clara also ist seit meiner Geburt bei mir, um auf mich aufzupassen. Das bekommt sie einigermaßen hin, bisher ist mir nicht viel Schlimmes passiert. Als Kind bin ich mal überfahren worden, Ende 20 kam ein Blaulicht-Blinddarm-Durchbruch dazu, letzten Winter BMW gegen Baum. Keine Ahnung, wo Clara sich rumgetrieben hat, vielleicht wollte sie sich auch nur einen hübschen Assistenzarzt anlachen. Ich habe alles überlebt, da will ich mal nicht so sein. Ob Schutzengel auch für Liebesgeschichten zuständig sind, weiß ich nicht. In dem Fall müssten wir nochmal reden.
Jetzt mach ich mir natürlich so meine Gedanken. Wie die wohl aussieht? Hoffentlich trägt sie keine weißen Wallegewänder, weiß macht mich immer so blass. Größer als ich würde gut beim Aufpassen helfen. Vielleicht ist sie aber auch nur ein klitzekleines Ding, das sich von mir auf der Schulter rumtragen lässt. Was meinen ewig verspannten Nacken erklären würde. Brauchen Schutzengel eine Ausbildung? Ich bitte darum. Besser noch ein abgeschlossenes Hochschulstudium und ein paar Jahre Berufs- und Auslandserfahrung. Die allerdings hat sie, das weiß ich. Immerhin habe ich lange in New York gelebt und es ist mir nichts passiert, obwohl dort damals der – Achtung – Teufel los war. Mehrsprachig sowieso, Erste Hilfe Kurs, und mit diversen Superkräften ausgestattet. Simsalabim, Zauberstab und so. Klar.
Trifft die sich manchmal mit den anderen Engeln? Ich nehme es an, die müssen auch mal raus, all work no play tut niemandem gut. Das geht selbstverständlich nur, während wir schlafen. Dann kann uns nicht mehr allzuviel passieren, außer schlimmen Träumen, aber damit muss man auch mal alleine klarkommen. Schutzengel von Babys dürfen nie weg, als Baby hat man wahrscheinlich eine ganze Flotte. Erwachsenwerden würde somit bedeuten, dass sich ein Engel nach dem anderen aus dem Staub macht, bis nur noch einer übrig bleibt. Der ist dann der Depp. Ausgerechnet dann, wenn man anfängt, Auto zu fahren, Alkohol zu trinken und sich zu verlieben, ist nur noch einer da, der einem beisteht. Bisschen verantwortungslos, wenn ihr mich fragt. Es gibt Ausnahmen, habe ich mir sagen lassen, manche Menschen haben zwei Schutzengel, oder mehr. Oder mehr! Man stelle sich bitte den Alarm vor, wenn die sich dauernd die Köpfe einschlagen: „Jetzt lass sie doch mal!“ „Spinnst Du!“ „Jetzt lass Sie doch mal!“ Hinterher dann wieder großes „Ich hab’s ja gleich gesagt.“ Lampen und ähnliches Elektrozeugs hat übrigens keine Engel. Dafür gibt es Haftpflichtversicherungen.
Da sitzen sie dann, am Stammtisch. Trinken einen Wein nach dem anderen, rauchen wie die Bekloppten, und dann werden sie übermütig. Wie wir halt auch. Wer sonst sollte uns immer dieses „ein letztes kleines Weinchen“ ins benebelte Hirn flüstern, wenn wir sturzbetrunken schon den vorletzten halb verschüttet haben? Dann kriegen wir die Kurve nicht mehr, fallen mit dem Rad um und schicken geisteskranke SMS durch die Nacht. Und sowas schimpft sich Engelchen. Na, gute Nacht. Aber gut, irgendwo müssen sie sich ja mal treffen, Erfahrungsaustausch, Rumjammern, ich versteh schon. Und neue Arten der Kontaktaufnahme diskutieren, man will sich ja schließlich bemerkbar machen.
Jemand, der sich auch damit auskennt, aber nicht so gut wie die durchgeknallte New Yorkerin, hat mir folgendes erzählt: Wenn Du auf die Uhr kuckst, und die zeigt 22:22 oder sowas, dann ist das Clara. Um zu zeigen, dass sie da ist. Das will ich hoffen, dass sie da ist, dazu ist sie schließlich da. Natürlich ist es bei mir jetzt immer 22:22 oder sowas, wenn ich auf die Uhr sehe, so ticke ich nunmal. Mittlerweile reagiere ich darauf nur noch mit „Jaja, dann sag halt mal was“. Es kam aber noch nie Antwort. Gottseidank. Ich kriege ja schon einen Herzkasperl, wenn ein Buch im Regal umfällt. Manchmal hab ich so ein Pfeifen im Ohr, vielleicht ist das ja Clara, die mir was Wichtiges sagen will. Und ich zupfe immer nur genervt am Ohrläppchen und denke „Scheiße. Tinnitus.“ Oder sie schickt mir Zeichen, damit ich was zum ruminterpretieren hab. Aber da krümmt sich schon wieder die logische meiner Gehirnhälften, schreit „Was denn für Zeichen!“ und dann hab ich wieder Kopfschmerzen.
Ist es Zufall, ob der persönliche Schutzengel weiblich oder männlich ist? Die Mädels Engelinnen, die Jungs Engel? Andersrum wäre interessant, vielleicht würden wir uns dann besser verstehen. Die ganze „warum Frauen nichtmal einen Smart einparken können und Männer besser Bierflaschen mit dem Feuerzeug aufmachen“ Diskussion hätte sich damit ein für allemal erledigt. Wäre Clara ein Carl, sie würde mir sicher in die Parklücke helfen. Andererseits kann ich das aber auch alleine eins A, und mir ist auch noch keine Bierflasche untergekommen, die ich nicht aufgekriegt hätte.
Wird ihnen langweilig, weil wir gerade nicht gefährlich leben, dann überlegen sie sich andere kleine Dinge, das kennt man ja: „Dings“, denkt man, „Dings meldet sich auch nie, der Arsch.“ Dann klingelt das Telefon, Dings ist dran und sagt Hallihallo. Leider lässt sich das nicht erzwingen, Clara hat da ihren eigenen Kopf. „Mach doch mal“, sag ich, aber da wird die sowas von stur, die lässt sich nicht rumkommandieren. Eigentlich passen wir ganz gut zusammen. Den Rest des Tages geistert sie in der Wohnung rum und versteckt meine Sachen. Brille, Schlüssel, 20 Euro Scheine, wo sonst bleibt dauernd die Kohle, frag ich euch. Jetzt wird mir einiges klar. Einiges Clara, wird mir jetzt.
Ich fühle mich schon ein bisschen besser, seit ich weiß, dass sie da ist. Sehr wahrscheinlich steht sie hinter mir, meine Brille auf der Nase, liest mit und flüstert: „Du lieber Himmel, was schreibt sie denn da schon wieder?“ Deshalb ist mir vorhin auch der Text abgestürzt. Clara, Flügelchen auf der Delete Taste, jede Wette. Ich hab auch so ein Pfeifen im Ohr.
Clara also ist seit meiner Geburt bei mir, um auf mich aufzupassen. Das bekommt sie einigermaßen hin, bisher ist mir nicht viel Schlimmes passiert. Als Kind bin ich mal überfahren worden, Ende 20 kam ein Blaulicht-Blinddarm-Durchbruch dazu, letzten Winter BMW gegen Baum. Keine Ahnung, wo Clara sich rumgetrieben hat, vielleicht wollte sie sich auch nur einen hübschen Assistenzarzt anlachen. Ich habe alles überlebt, da will ich mal nicht so sein. Ob Schutzengel auch für Liebesgeschichten zuständig sind, weiß ich nicht. In dem Fall müssten wir nochmal reden.
Jetzt mach ich mir natürlich so meine Gedanken. Wie die wohl aussieht? Hoffentlich trägt sie keine weißen Wallegewänder, weiß macht mich immer so blass. Größer als ich würde gut beim Aufpassen helfen. Vielleicht ist sie aber auch nur ein klitzekleines Ding, das sich von mir auf der Schulter rumtragen lässt. Was meinen ewig verspannten Nacken erklären würde. Brauchen Schutzengel eine Ausbildung? Ich bitte darum. Besser noch ein abgeschlossenes Hochschulstudium und ein paar Jahre Berufs- und Auslandserfahrung. Die allerdings hat sie, das weiß ich. Immerhin habe ich lange in New York gelebt und es ist mir nichts passiert, obwohl dort damals der – Achtung – Teufel los war. Mehrsprachig sowieso, Erste Hilfe Kurs, und mit diversen Superkräften ausgestattet. Simsalabim, Zauberstab und so. Klar.
Trifft die sich manchmal mit den anderen Engeln? Ich nehme es an, die müssen auch mal raus, all work no play tut niemandem gut. Das geht selbstverständlich nur, während wir schlafen. Dann kann uns nicht mehr allzuviel passieren, außer schlimmen Träumen, aber damit muss man auch mal alleine klarkommen. Schutzengel von Babys dürfen nie weg, als Baby hat man wahrscheinlich eine ganze Flotte. Erwachsenwerden würde somit bedeuten, dass sich ein Engel nach dem anderen aus dem Staub macht, bis nur noch einer übrig bleibt. Der ist dann der Depp. Ausgerechnet dann, wenn man anfängt, Auto zu fahren, Alkohol zu trinken und sich zu verlieben, ist nur noch einer da, der einem beisteht. Bisschen verantwortungslos, wenn ihr mich fragt. Es gibt Ausnahmen, habe ich mir sagen lassen, manche Menschen haben zwei Schutzengel, oder mehr. Oder mehr! Man stelle sich bitte den Alarm vor, wenn die sich dauernd die Köpfe einschlagen: „Jetzt lass sie doch mal!“ „Spinnst Du!“ „Jetzt lass Sie doch mal!“ Hinterher dann wieder großes „Ich hab’s ja gleich gesagt.“ Lampen und ähnliches Elektrozeugs hat übrigens keine Engel. Dafür gibt es Haftpflichtversicherungen.
Da sitzen sie dann, am Stammtisch. Trinken einen Wein nach dem anderen, rauchen wie die Bekloppten, und dann werden sie übermütig. Wie wir halt auch. Wer sonst sollte uns immer dieses „ein letztes kleines Weinchen“ ins benebelte Hirn flüstern, wenn wir sturzbetrunken schon den vorletzten halb verschüttet haben? Dann kriegen wir die Kurve nicht mehr, fallen mit dem Rad um und schicken geisteskranke SMS durch die Nacht. Und sowas schimpft sich Engelchen. Na, gute Nacht. Aber gut, irgendwo müssen sie sich ja mal treffen, Erfahrungsaustausch, Rumjammern, ich versteh schon. Und neue Arten der Kontaktaufnahme diskutieren, man will sich ja schließlich bemerkbar machen.
Jemand, der sich auch damit auskennt, aber nicht so gut wie die durchgeknallte New Yorkerin, hat mir folgendes erzählt: Wenn Du auf die Uhr kuckst, und die zeigt 22:22 oder sowas, dann ist das Clara. Um zu zeigen, dass sie da ist. Das will ich hoffen, dass sie da ist, dazu ist sie schließlich da. Natürlich ist es bei mir jetzt immer 22:22 oder sowas, wenn ich auf die Uhr sehe, so ticke ich nunmal. Mittlerweile reagiere ich darauf nur noch mit „Jaja, dann sag halt mal was“. Es kam aber noch nie Antwort. Gottseidank. Ich kriege ja schon einen Herzkasperl, wenn ein Buch im Regal umfällt. Manchmal hab ich so ein Pfeifen im Ohr, vielleicht ist das ja Clara, die mir was Wichtiges sagen will. Und ich zupfe immer nur genervt am Ohrläppchen und denke „Scheiße. Tinnitus.“ Oder sie schickt mir Zeichen, damit ich was zum ruminterpretieren hab. Aber da krümmt sich schon wieder die logische meiner Gehirnhälften, schreit „Was denn für Zeichen!“ und dann hab ich wieder Kopfschmerzen.
Ist es Zufall, ob der persönliche Schutzengel weiblich oder männlich ist? Die Mädels Engelinnen, die Jungs Engel? Andersrum wäre interessant, vielleicht würden wir uns dann besser verstehen. Die ganze „warum Frauen nichtmal einen Smart einparken können und Männer besser Bierflaschen mit dem Feuerzeug aufmachen“ Diskussion hätte sich damit ein für allemal erledigt. Wäre Clara ein Carl, sie würde mir sicher in die Parklücke helfen. Andererseits kann ich das aber auch alleine eins A, und mir ist auch noch keine Bierflasche untergekommen, die ich nicht aufgekriegt hätte.
Wird ihnen langweilig, weil wir gerade nicht gefährlich leben, dann überlegen sie sich andere kleine Dinge, das kennt man ja: „Dings“, denkt man, „Dings meldet sich auch nie, der Arsch.“ Dann klingelt das Telefon, Dings ist dran und sagt Hallihallo. Leider lässt sich das nicht erzwingen, Clara hat da ihren eigenen Kopf. „Mach doch mal“, sag ich, aber da wird die sowas von stur, die lässt sich nicht rumkommandieren. Eigentlich passen wir ganz gut zusammen. Den Rest des Tages geistert sie in der Wohnung rum und versteckt meine Sachen. Brille, Schlüssel, 20 Euro Scheine, wo sonst bleibt dauernd die Kohle, frag ich euch. Jetzt wird mir einiges klar. Einiges Clara, wird mir jetzt.
Ich fühle mich schon ein bisschen besser, seit ich weiß, dass sie da ist. Sehr wahrscheinlich steht sie hinter mir, meine Brille auf der Nase, liest mit und flüstert: „Du lieber Himmel, was schreibt sie denn da schon wieder?“ Deshalb ist mir vorhin auch der Text abgestürzt. Clara, Flügelchen auf der Delete Taste, jede Wette. Ich hab auch so ein Pfeifen im Ohr.




chick
am 16. Mrz, 08:37