Die Fortpflanzungsfalle

von Katharina „Lyssa“ Borchert
„Ach guckemadaaaaa, issenichsüüüüüß, die Kleine. Die winzigen Füße, die kleinen Ohren und diese klitzeklitzekleinen Fingernägel. Ein echtes Wunder.“ Dann murmelt die Frau etwas Unverständliches in Babysprech und streckt die Hand in den Kinderwagen, um das arme Baby am Doppelkinn zu kraulen. Szenen wie diese spielen sich täglich tausendfach auf der Straße und in Wohnzimmern ab. Ja, diese niedlichen kleinen Minimenschen sind sicher ein großes Wunder (auch wenn ich es aus verschiedenen Gründen sinnvoller gefunden hätte, wenn man den Nachwuchs in einem Nest ausbrüten und sich dabei abwechseln könnte), aber ich halte es für das größere Wunder, daß sich Menschen überhaupt dazu entschließen, die nächsten 18 Jahre als Eltern zu haften.

Früher galt Fortpflanzung als die natürlichste Sache der Welt und sowohl das eigene Leben als auch das familiäre Umfeld waren selbstverständlich darauf eingerichtet. Man heiratete früh und wartete nicht, bis man endlich das Etikett Risikoschwangerschaft tragen durfte. Kinder wuchsen in 3-bis-4-Generationenhaushalten auf, in denen die Alten es als ihre heilige Pflicht ansahen, die Kinder zu hüten. Heute gilt es Großeltern als heilige Pflicht, sich ab Beginn der Pensionierung auf einer Weltreise zu verwirklichen und den Enkeln gelegentlich Mails mit Fotos von exotischen Orten zu schicken. Als regelmäßige Babysitter kämen sie aber ohnehin nicht in Frage, weil sie meist quer über die Republik verteilt leben oder einen Großteil des Jahres auf den Balearen verbringen.

Das eigene Leben ist heute weniger auf Kinder eingerichtet als auf eine Karriere. Entscheidet man sich dennoch für den Nachwuchs, kann man in den Augen der Umstehenden eigentlich nur alles falsch machen. Frauen, die ihre Karriere für die Kinder zurückstellen, wird gern mangelnder Ehrgeiz, wahlweise auch schlechtes Zeitmanagement und übertriebene Gluckigkeit unterstellt. Widmen sie sich aber zu schnell wieder dem Beruf und geben das Kind früh in einen der wenigen Horte mit freien Plätzen, dann sammeln alle schon mal für die spätere Therapie des armen Rabenmuttersprößlings. Vätern geht es nicht viel anders. Ihnen wird gern die fehlende Bereitschaft zum Daheimbleiben unter die Nase gerieben, werden sie aber Vollzeitwindelwechsler, bleibt der Verdacht, ein Pantoffelheld zu sein, noch hartnäckiger haften als ausgespuckter Babybrei.

Und dann erst das Erziehungsdilemma. Das Wort Erziehung ist heute kaum noch ohne den Zusatz –wissenschaften zu gebrauchen. Was früher quasi nebenbei erledigt wurde, ist heute komplizierter als ein BWL-Studium. Die Auswahl der Theorien und Ideologien ist größer als das durchschnittliche Götterangebot auf dem Esoterikmarkt und die Ratgeberbranche boomt. Auch hier kann man also fast alles falsch und kaum etwas richtig machen. Junge Eltern können sich stundenlang über die Frage der richtigen Bettzeit streiten, und man hat bei solchen Gelegenheiten schon Tassen auf wohlmeinende Ratgeber aus der Nachbarschaft fliegen sehen.

Nicht anders sieht es z.B. bei der Trockenlegung aus. Ich dachte lange, Kinder würden halt irgendwann stubenrein werden, weil sie das als Zeichen von Unabhängigkeit selbst anstreben. Mittlerweile mußte ich lernen, daß man auch um diesen Punkt einen Religionskrieg anzetteln kann. Setzt man das Kind zu früh oder gar mit den falschen Methoden auf den Topf, droht lebenslanges Bettnässertum und wieder müssen alle für den Psychofond sammeln. Der Lebensweg von Eltern ist ein Leidensweg, der mehr Fußangeln als Wegweiser hat.
Und es ist ein Weg, bei dem kinderlose Freunde allzuoft auf der Strecke bleiben. Früher bekam fast jeder irgendwann Kinder und Freundeskreise machten sich gemeinsam auf den Weg in einen neuen Lebensabschnitt. Heute beginnt der schleichende Zerfall des Freundeskreises mit den ersten Anzeichen der geglückten Empfängnis und ganz egal, was beide Seiten sich vorgenommen haben, sehr bald schon treffen Kinderlose und junge Eltern immer seltener aufeinander. Das hat viel mit übersteigertem Missionierungsdrang auf beiden Seiten zu tun. Gebärverweigerer wollen sich nicht ständig anhören müssen, daß Kinder der Höhepunkt irdischen Seins sind, und Eltern wollen sich nicht immer mit dem Freiheitsstreben der Unabhängigen konfrontiert sehen.

Also trifft man sich irgendwann nur noch bei größeren Anlässen und insgeheim empfinden beide Seiten das als betrübliche, aber recht praktikable Lösung. Die Kinderlosen müssen ihre Samstag Abende nicht mit den Bekinderten überm Fondue verbringen und sich die Beine beim Stolpern über herumliegendes Spielzeug brechen, sondern können weiterhin fröhlich die Nächte auf dem Kiez durchfeiern. Die Eltern sind froh, unter sich zu sein, weil in dieser trauten Runde niemand auch nur die Augenbraue hebt, wenn das Kind seinen Mageninhalt auf dem Sofa verteilt und der Jüngste es mal wieder nicht rechtzeitig bis zur Toilette schafft.
Oft ist der einzige Trost, der Eltern angesichts dieser Hürden bleibt, die Tatsache, daß sie kleine Wunderkinder in die Welt gesetzt haben. Das war früher nämlich weitaus schwieriger als heute. Vor 200 Jahren mußten Kinder mit acht Jahren die Wohnzimmerdecke in die sixtinische Kapelle verwandeln oder mit zwölf Sonaten und mit 14 ganze Opern komponieren, um das Prädikat Wunderkind zu erhalten. Heute genügt es meist, gewisse Verhaltensauffälligkeiten an den Tag zu legen, sich aber im Vorschulfremdsprachenunterricht nicht ganz ungeschickt anzustellen. Denn wie wir alle wissen, deutet sonderbares Verhalten keineswegs auf falsche Erziehung oder eine übellaunige Persönlichkeitsstruktur, sondern auf die Unterforderung eines extrem sensiblen, hochbegabten Kindes hin. Man sollte im Interesse der Bevölkerungsentwicklung allerdings besser nicht darauf hinweisen, daß höchstens ein bis zwei Prozent aller Kinder tatsächlich als hochbegabt gelten, während die Quote der von Eltern als hochbegabt diagnostizierten Kindern bei etwa 40 % liegt.
Es gab Zeiten zu denen man Kinder ganz nebenbei bekam. Heute muss man damit warten, bis man das Etikett "Risikoschwangerschaft" tragen darf, verliert in den ersten Jahren der lieben Kleinen den Kontakt zu sämtlichen kinderlosen Freunden und darf sein Kind als hochbegabt bezeichnen, wenn es Verhaltensauffälligkeiten zeigt.
Wahlhamburgerin mit chronischem Fernweh, die sehr zum Leidwesen ihrer Eltern der anständigen Juristerei entsagt hat, um nicht immer ganz anständige Geschichten zu schreiben. Die Liebe zum Lesen und Schreiben ging eine Allianz mit der Begeisterung fürs Internet ein, woraus das Weblog "Lyssas Lounge" als öffentliche Chronik großer und kleiner Alltagsgeschichten entstand.
mindestens haltbar 03/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 05
ISSN 1816-8159
Autor: Katharina „Lyssa“ Borchert
Titel: Die Fortpflanzungsfalle
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am 22. Mai, 19:39

Herrlich!
Vor allem die Passage mit den Hochbegabten hat mir aus dem Herz gesprochen.


am 31. Mai, 09:51

Bei den Franzosen gibt es eher die Tendenz, dass sich die Kinder nach den Eltern richten und die Eltern nicht ihr ganzes bisheriges Leben aufgeben. Wäre schön, wenn es auch hier etwas unverkrampfter ginge.

Aus Ihrem Artikel spricht für mich aber mangelndes Selbstbewusstsein der beschriebenen, fiktiven Eltern. Es kann ihnen einfach scheissegal sein, was das Umfeld denkt - sie hätten alle Möglichkeiten, genau ihr Ding zu machen.